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Die russische Avantgarde im Kunsthaus Zürich
Der russische Weg in die Abstraktion

Artikel vom März 1999


In Zusammenarbeit vor allem mit Petersburger Museen zeigte die Hamburger Kunsthalle bis Januar Bilder der russischen Avantgarde, die nun im Kunsthaus Zürich präsentiert werden. Zum ersten Mal ist in der Schweiz diesem Thema eine Ausstellung gewidmet. Seit den 90er Jahren verstärkt sich die Auseinandersetzung mit dem russischen und sowjetischen Erbe in Kunst und Kultur. Vor allem die Schirn Kunsthalle in Frankfurt hat sich mit Kandinsky- und Larionow-Retrospektiven sowie der Ausstellung <Die Grosse Utopie. Die russische Avantgarde 1915-1932> hervorgetan. Daneben sei nur noch auf die Städtische Kunsthalle Düsseldorf mit ihrer Tatlin-Retrospektive 1993 hingewiesen, die auch ihren Teil zur Wissensverbreitung um die russische Avantgarde beigetragen hat.
 
Die Schau in der Kunsthalle zeigt die unterschiedlichen Einflüsse von Matisse und den Fauves, Kubismus, Expressionismus und Futurismus auf die russische Kunst vor allem vor 1918, die ihrerseits nicht einfach Vorbilder übernahm. Kandinsky war gar an vorderster Front in der westlichen Avantgarde tätig. Die meisten Maler entwickelten die im Westen entstandenen Malstile weiter - unter Einbeziehung russischer Einflüsse. Im Westen kamen die Anstösse zumeist nicht aus dem eigenen Kulturkreis, sondern zum Beispiel aus der afrikanischen Stammeskunst oder der Auseinandersetzung mit der Ästhetik Japans. Die russischen (und armenischen, georgischen, ukrainischen, etc.) Künstler dagegen bezogen sich zum Teil direkt auf die Ikonenmalerei, die Folklore und das Kunsthandwerk ihrer Regionen.
 
Doch was unter dem Titel <russische Avantgarde> firmiert, könnte unterschiedlicher nicht sein. Bei einem Maler wie Chagall existiert der Raum noch, bei Malewitsch verschwindet er vollständig, und Tatlin schliesslich greift in den Raum hinaus. Beginnen wir bei Chagalls Malerei, die ein Extrem der Avantgarde repräsentiert. Seine Arbeiten beziehen sich stark auf die chassidisch-jüdische Volkskunst, Tradition und Lebensweise. Auch wenn der kubistische Einfluss auf sein expressives Werk variiert, bleibt seine künstlerische Entwicklung sehr begrenzt. Auch sein Alterwerk ist seiner 1910 in Paris entwickelten Bildsprache noch immer treu.
 
Anhand von Kandinsky exemplifizert die Ausstellung in elf Bildern den Uebergang von der gegenständlichen zur abstrakten Malerei. Im Kunsthaus ist denn auch ein Oelgemälde von 1910 zu sehen, die Improvisation 11, aus dem Jahr, in dem Kandinsky als erster Maler der Moderne diesen Weg beschreitet. Auf diesen Künstler wird Cosmopolis in den nächsten Nummern ausführlich eingehen. Die Retrospektive mit Werken aus dem Centre Georges Pompidou in Tübingen, die Ausstellung von Aquarellen in London und die im Sommer bevorstehende rekonstruierte Ausstellung des Blauen Reiters in München aus dem Jahr 1911-12 werden dazu Gelegenheit bieten.
 
Malewitschs Werk, mit dem er vom Kubo-Futurismus des Karo-Bube zum Suprematismus vorstiess, ist ein eigenständiger Beitrag der russischen Avantgarde zur Entwicklung der modernen Malerei. Die Vier Quadrate, um 1915 entstanden, sind einer der stilistischen Höhepunkte in seinem Werk - und auch der Zürcher Ausstellung. Mit Schwarzes Quadrat - nicht das berühmte aus der Tretjakow-Galerie, sondern eine wahrscheinlich auf das Jahr 1923 datierbare Version - , Schwarzes Kreuz und Schwarzer Kreis stossen wir an eine Grenze der Malerei, die später zum Beispiel von Yves Klein in seinen Monochromes ab 1949 erneut getestet, variiert und erweitert werden sollte.
 
Der gegenseitige Einfluss von West auf Ost lässt sich auch am berühmten russischen Sammler Iwan Morosow darstellen - wer erinnert sich nicht an die Ausstellung im Museum Folkwang aus dem Jahr 1993, die ihm und seinem Sammlerkollegen Schtschukin gewidmet war. Gerade Morosow sammelte nicht nur westliche Kunst, nicht nur die Bilder der russischen Wanderer, sondern auch die junge Generation der Chagall, Gontscharowa und Larionow, allerdings keine Kandinsky, Malewitsch oder Tatlin. Wir sollten uns auch immer vergegenwärtigen, was für ein Schock diese Kunst für das Publikum im zaristischen Russland, das sich noch an der akademischen Malerei orientierte, gewesen sein muss.
 
Womit wir bei einem weiteren Entwicklungshöhepunkt innerhalb der Avantgarde angekommen sind: Tatlin. Zwischen seinem Matrosen aus dem Jahr 1911 und seinem Eck-Konterrelief von 1914, das frei in den Raum hinausgreift, liegen Welten, und auch eine Reise, die ihn nach Berlin und Paris führte. Warum dieser Künstler nur mit den zwei genannten Werken vertreten ist, bleibt schwer nachvollziehbar.
 
Der Stil- und Entwicklungsreichtum der Avantgarde erschliesst sich schon alleine bei der Erwähnung von Künstlern und Malstilen. Als letzte seien hier nur noch Larionow und sein  Lutschismus (oder Rayonismus wie er im Westen heisst) erwähnt. Insgesamt werden sechzehn Künstler und Künstlerinnen präsentiert, die zum Teil im Westen (und nicht nur dort) unbekannt sind. Leider ist die textliche Auseinandersetzung mit ihren Werken und Biographien etwas zu dürftig ausgefallen. Die verschiedenen Künstlervereinigungen und Institutionen werden nur kurz vorgestellt. Der grössere künstlerische wie auch der politische Rahmen geraten zu kurz. So die seit Peter dem Grossen existierende Kontroverse zwischen Slavophilen und Westlern. Die Avantgarde wird zu eng gefasst. Auf die literarische - zum Beispiel auf Majakowskij - wird nicht eingegangen. Auch auf die Architektur wird nicht hingewiesen. Westeuropäer wie Le Corbusier oder Gropius nahmen an Ausschreibungen für sowjetische Monumentalbauten teil. Die Revolutionskunst kommt zu kurz. Natürlich setzt die Ausstellung im Kunsthaus bewusst einen eigenen Akzent, indem sie sich vor allem der vorrevolutionären Zeit von 1907 bis 1918 annimmt, dem Weg in die Abstraktion. Doch viele der in Zürich ausgestellten Künstler ergriffen Partei, nicht für die bürgerlich-demokratische Februarrevolution, sondern für die in den Totalitarismus führende bolschewistische im Oktober und die darauf errichtete Sowjetunion. So gehört Tatlins monumentaler Entwurf eines Monuments für die Dritte Internationale zu seinen Hauptwerken. Es wäre einer Erwähnung wert gewesen. Rodtschenko war nicht nur ein subtiler Meister der Farbe und der Oberflächenbehandlung, sondern auch ein Vertreter der Agitations- und Propagandagrafik. Den Hinweis darauf muss der Ausstellungsbesucher allerdings im Museumsshop suchen, wo die theoretischen Schriften des Künstlers in einem Band feilgeboten werden. Verdienstvoll ist dagegen der Abdruck von verschiedenen Quellentexten im Katalog. Die Diskussionen innerhalb der russischen Avantgarde zwischen 1907 und 1925 sind darin wiedergegeben. Sie liegen erstmals auf deutsch übersetzt vor, ein Gewinn für Kunsthistoriker und -Interessierte.
 
Revolution und Kunst, Avantgarde, Monumentalstil und Führerkult gingen unheilige Allianzen ein. Das autoritäre, dann totalitäre Regime und die geometrisch-abstrakte, konstruktivistische und suprematistische Kunst, die keinen Platz für das <organische> Leben mehr hatte, waren teilweise wesensverwandt. Natürlich sind Kunst und Künstler nicht für den Gulag verantwortlich. Aber die Werke sind auch der Ausdruck der lebensfeindlichen Utopien ihrer Zeit - ähnliches gilt für das Bauhaus und seine Architektur im Westen. Der Mensch und die Natur wurden auf dem Altar der Revolution, des sozialistischen Fortschritts geopfert. Sie wurden vermeintlich höheren Zielen im neuen Sowjetrussland untergeordnet. Da blieb kein Platz für Individualität, auch nicht für den Künstler. Viele Vertreter der Avantgarde wurden früher oder später selbst Opfer des von ihnen unterstützten neuen Regimes. Sie emigrierten oder wurden dazu gezwungen, begingen Selbstmord (wie Majakowskij), fielen in Ungnade oder dem Terror zum Opfer, passten sich dem stalinistischen Regime an oder überwinterten in der inneren Emigration. Die Vielfalt der russischen Avantgarde wich Ende der 20er Jahre einer Ideologie und einer offiziellen Einheitskunst. Ein Rückschlag für die russische Kunst, die ironischerweise alles Revolutionäre ablegen musste. Das Figürlich-Entindividualisierte sowie das Monumentale absiegten. Für diese Kunst wurde am 23. Mai 1932 in der Literaturzeitung, dem Organ des Schriftstellerverbandes, erstmals der Begriff <sozialistischer Realismus> geprägt, ein Stichwort, das in Ausstellung und Katalog keinen Platz gefunden hat.
 
Kunsthaus Zürich, Zürich, bis zum 25. April. Katalog: Chagall, Kandinsky, Malewitsch und die russische Avantgarde, Verlag Gerd Hatje, Ostfildern-Ruit, 288 S., 158 Abb. (davon 105 farbig), Leinen. Bestellen bei Amazon.de
 
Wer sich für den grösseren Rahmen interessiert, in dem sich die russische Avantgarde während der Revolution bewegte, der sollte zum Werk von R. Stites greifen: Revolutionary Dreams: Utopian Vision and Experimental Life in the Russian Revolution, Oxford, 1989.




 

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