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Jackson Pollock
Biografie, die Retrospektive aus dem MoMA nun in
der Tate Gallery London
Artikel vom März 1999
Die grosse Pollock-Retrospektive, die bis anfangs Februar
im Museum of Modern Art in New York begeisterte, ist nun in der Londoner
Tate Gallery zu bewundern. Pollock ist der amerikanische abstrakte
Expressionist. Mit seiner beim mexikanischen Maler Siqueiros in New York
in den 30er Jahren erlernten Technik des Drippings, die er ab 1943 in seiner
Malerei anwandte und weiter entwickelte, hat er eine eigenständige
Malsprache entwickelt, die der amerikanischen Nachkriegskunst neue Wege
aufgezeigte, auf denen andere nach ihm leichter in unerforschte Kunstwelten
vorstossen konnten. Die Neue Welt verlor ihren Komplex gegenüber Europa.
Amerikanische Sammler und Museen rissen sich nun auch um die einheimischen
Künstler.
Sein Frühwerk ist nicht eigenständig. Die Einflüsse reichen
von seinen älteren Brüdern bis zu Picasso. 1930 gab Jackson die
High School in Kalifornien auf und ging nach New York. Dort übernahm
er in der Art Students League die Rolle von Bruder Charles als Lieblingsschüler
von Thomas Hart Benton, den er als Ersatzvater akzeptierte. Sein leiblicher
verstarb 1933. Doch das bei Benton geübte kopieren der alten Meister
wie Rubens oder Tintoretto lag Pollock überhaupt nicht. Charles hatte
Jackson die mexikanischen Muralisten Rivera und Orozco ans Herz gelegt.
Orozco wurde für sein Frühwerk ein wichtiger Einfluss. Der mexikanische
Einfluss auf die amerikanische Malerei dauerte rund eine Dekade,
vom Börsenkrach bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkriegs. Auch für
Pollock übernahm danach 1939-40 der Kunstkritiker John Graham die
Rolle der Vaterfigur. Jackson wurde unter anderem mit dem Werk Picassos
konfrontiert, das sich wie ein Schatten über ihn legte. Er stiess
nun allerdings von politisch-ideologischen Motiven - er bewegte sich in
kommunistischen Künstlerkreisen - zur symbolhaften Malerei vor. 1941
brachte Graham ihn in der von ihm in der McMillen Gallery organisierten
Ausstellung unter, zusammen mit amerikanischen Künstlern wie Robert
Motherwell und Lee Krasner, seiner späteren Frau. Sie übte auf
den notorischen Trinker, der in psychotherapeutischer Behandlung war, einen
stabilisierenden Einfluss aus. Die Amerikaner wurden bei McMillen bewusst
europäischen Künstlern wie Bonnard, Braque, Matisse und Picasso
gegenüber gestellt. 1942 wurde Pollocks The Flame im Metropolitan
Museum in New York gezeigt. Er machte die Bekanntschaft der Sammlerin und
Mentorin Peggy Guggenheim, die ihn in ihren Frühlingssalon 1943 aufnahm.
In ihrer Galerie Art of This Century zeigte sie Pollocks Stenographic
Figure, das jetzt auch in London zu sehen ist, und das damals in der
Kritik mehrmals Erwähnung fand. Pollocks Stil begann sich zu verändern,
auch unter dem Einfluss der Miró-Ausstellung im MoMA.
Pollocks Bruder Sande hatte schon 1930 mit dem mexikanischen Muralisten
David Alfaro Siqueiros kurz in Los Angeles gearbeitet. Im April 1936 nahmen
er und Jackson in New York an dem von Siquiros geleiteten Experimental
Workshop. Laboratory of Modern Techniques in Art teil. Hier kam Pollock
erstmals mit Spritzpistolen, manuellen und mechanischen Tröpfel- und
Giesstechniken in Berührung, mit denen Siqueiros - oft am Boden arbeitend
- experimentierte. Industriefarben wie zum Beispiel Nitrozelluloselacke
wurden eingesetzt. Pollock wandte erstmals <das Prinzip des kontrollierten
Zufalls> an. Eben an diese Techniken und Materialen knüpfte er 1943
wieder an, wobei er sie neu einsetzte, auf die politische Symbolik verzichtete.
Warum dazwischen sieben Jahre lagen und wer oder was den Anstoss zur Rückbesinnung
auf Siqueiros Techniken und Materialien - nicht Inhalte - gab, ist unklar.
Vielleicht wird die Publikation zum Pollock-Symposium, das im Januar im
MoMA stattfand, etwas zur Aufklärung beitragen.
Im Herbst 1943 organisierte Peggy Guggenheim eine Einzelausstellung
mit Pollock, bei der Picassos Einfluss noch stark spürbar war. Doch
mit den Schlüsselbildern Composition with Pouring II und Water
Birds waren Gemälde in einer neuen Technik ausgestellt, die vom
Einfluss Mirós zeugen. Bereits 1995 in der Kunsthalle Düsseldorf
wurde das erste Gemäde bei der Ausstellung Pollock-Siqueiros gezeigt.
In London sind nun beide Bilder zusammen mit zwei Drucken in schwarzer
Tinte auf blauem Papier, ebenfalls in der neuen Technik und aus dem Jahr
1943, zu sehen. Der Verbleib der Composition with Pouring I aus der
selben Zeit, die im Catalogue Raisonné von Francis V. O'Connor
und Eugene V. Thaw Aufnahme fand, ist unbekannt. Bei den zwei ausgestellten
Gemälden goss und tröpfelte Pollock mehrere Farben auf noch traditionell
aufgetragene Flächenpartien. Diese verschwanden in den folgenden Jahren,
die Drippings wurden geboren - wobei die Technik bereits vorher von Künstlern
wie André Masson oder Max Ernst angewandt wurde.
Peggy Guggenheim verschaffte Pollock den finanziellen Durchbruch. Pollock
und Lee Krasner heirateten und zogen 1945 nach Long Island. 1947 folgte
die letzte Einzelausstellung bei Peggy Guggenheim, die im Frühling
nach Europa zog und danach Pollock nie mehr sah, von Venedig aus allerdings
Ausstellungen seines Werkes im Ausland organisierte. Dieser stiess von
der symbolhaften Kunst, die selbst noch 1943 in seinen Werken in der neuen
Technik präsent waren, 1945 zur expresseiven Abstraktion vor. Der
Umzug aufs Land in jenem Jahr dürfte ihm neue Perspektiven in der
Malerei eröffnet haben. Im Januar 1948 stellte er erstmals seine Drippings
öffentlich aus. Mit dem Wechsel zu Betty Parsons Galerie stiegen seine
Preise kräftig an. Parsons heimste mit ihren bahnbrechenden Solo-Ausstellungen
zu Pollock den Kredit ein, um den sich Guggenheim auf Grund ihrer <Aufbauarbeit>
betrogen sah. Der Künstler half übrigens seinen älteren
Brüdern nicht beim bestreiten des Unterhalts ihrer Mutter. Die Geschwister
erkannten, dass nur der Jüngste in die Kunstgeschichte eingehen würde
und mussten später mit ansehen, wie Pollock Vermögen und Bilder
alleine in die Obhut von Lee Krasner gab.
Im Febuar 1944 erschien in Arts and Architecture das erste illustrierte
Interview mit Pollock und im Mai erwarb das MoMA The She-Wolf, nachdem
im April in Harper's Bazaar der einflussreiche Artikel von James
Johnson Sweeney Five American Painters mit einer Farbabbildung eben
dieses Gemäldes erschienen war. Das Medienzeitalter hatte bereits
begonnen. Der Macho wurde ironischerweise durch Photos in Modezeitschriften
mit Damen, die vor seinen dekorativen Bildern posierten, dem grossen Publikum
zum Begriff. So wurde im April 1948 mit Reflection of the Big Dipper
(1947) erstmals ein Drip-Painting von ihm in Farbe abgebildet - und zwar
in Vogue! Auch das Magazin Life trug im August 1949 das seine
zur Popularität des Künstlers bei mit seinem suggestiven Artikel
Is
he the greatest living painter in the United States? Die Photographien
von Hans Namuth und nicht zuletzt seine berühmten Filmaufnahmen des
Künstlers bei der Arbeit, die den Mythos des vermeintlichen Action-Painting-Vorläufers
begründeten, spielten eine wesentliche Rolle bei der Rezeption Pollocks.
Pepe Karmel widmet denn auch dem Photographen und Filmer einen grösseren
Artikel im Katalog. Namuths filmisch festgehaltener Pollock in action
ist
natürlich auch in der Ausstellung zu sehen.
So rasant sein Aufstieg gewesen war, so rasch stagnierte er. Bis 1947
war er auf der Suche nach einem eigenen Stil und nach sich selbst. Danach
drückte er sich einige Jahre lang in seiner Sprache aus - teilweise
unter dem Einfluss von Alfonso Ossorio, was die Oberflächenbehandlung
seiner Bilder angeht. Doch bereits anfangs der 50er Jahre <verlor er
sich wieder> (Jacques Michel). 1950 begann er wieder zu trinken. Im Frühling
des folgenden Jahres limiterte er sich auf schwarz-weisse Lackfarben. 1953
malte Pollock grossformatige Bilder, in denen er teilweise zum Pinselauftrag
und zur Spachtelarbeit mit dem Palettmesser zurückkehrte. Seine letzten
Meisterwerke wie Blue Poles entstanden. Sein internationales Ansehen
war auf dem Höhepunkt, doch erstmals hatte er keine Einzelausstellung
mehr. 1954 malte er fast nichts. Im folgenden Jahr musste er die Psychotherapie
wieder aufnehmen. Er beendete 1955 sein letztes Oelgemälde, Search.
Doch es blieb ihm keine Zeit mehr, Neues zu finden. Alkoholismus und Depressionen
zerstörten ihn langsam. Seine Beziehung zu Krasner litt. 1956 raste
er in angetrunkenem Zustand in einen Baum und wurde so - wie James Dean,
der ein Jahr zuvor mit seinem Porsche ebenfalls tödlich verunfallt
war - zum Mythos. Die Preise für seine Werke explodierten. Die Legende
vom Naturburschen, dem jungen wilden aus Wyoming, ein Image, das er selber
pflegte, wurde schon vor Jahren in Frage gestellt. Auch andere Mythen,
die sich um Pollock rankten, wurde schon vor Jahren ein Ende bereitet,
so 1973 von Hilton Kramer in The Jackson Pollock Myth I in: The
Age of Avant-Garde.
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Tate Gallery, London, bis zum 6. Juni 1999. Katalog:
Kirk Varnedoe, Pepe Karmel, Jackson Pollock, The Museum of Modern
Art, New York, 1998, 336 S., 425 Abb. (227 in Farbe, 198 Schwarz-Weiss),
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Zum Verhältnis von Pollock zu Siqueiros: Katalog zur Ausstellung Siqueiros
- Pollock. Pollock - Siqueiros, Kunsthalle Düsseldorf, 30. September
bis 3. Dezember 1995, 2 Bände, Dumont, 1995.
Die Pulitzer-Preis gekrönte Biographie: Steven Naifeh, Gregory White
Smith: Jackson Pollock: An American Saga, Clarkson N. Potter, New
York, 1989.
Siehe für den grösseren Kontext, die Wirkung von Pollock auf
die amerikanische Kunst: Carter Ratcliff, The fate of gesture. Jackson
Pollock and Postwar American Art, New York, Farrar, Straus & Giroux,
1996, 352 S. Ratcliff stellt Pollock etwas grosszügig als Vater der Minimal
Art und vieler anderer Künstler dar. Uns erscheint er dagegen
"lediglich" als Maler, der die Akzeptanz für die amerikanische Nachkriegskunst
erhöht, ja erst (mit) ermöglicht hat. Sein Buch erlaubt neue
Einblicke in die US-Kunstwelt und bildet so eine Ergänzung zur erwähnten
Biographie.
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