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Christoph Blocher und die Schweizer Politik
Artikel vom 15. Dezember 1999/14. Januar 10, Cosmopolis Nr. 10
Der schweizerische Populist und Volkstribun Christoph Blocher hält
die schweizerische Öffentlichkeit und insbesondere die Eliten seit einiger
Zeit in Atem. Auf der einen Seite tritt der Milliardär als entschiedener
Vertreter der Marktwirtschaft auf und fordert die Öffnung und Modernisierung
von Wirtschaft und Verwaltung. Der schweizerische Föderalismus mit
den drei Ebenen Gemeinde, Kanton und Bund hat auf Grund der helvetischen
Kleinstaatlichkeit im Laufe der letzten 150 Jahre einiges an unnötigen
Doppelspurigkeiten hervorgebracht. Reformen zur Erhaltung der Wettbewerbsfähigkeit
sind ebenfalls für auf dem Binnenmarkt tätige Unternehmen unabdingbar.
Selbst die Exportindustrie, die auf dem Weltmarkt bestehen kann, profitiert
teilweise von Verkrustungen und staatlicher Protektion. Das Gesundheitsweisen
ist in der Schweiz wie in den meisten Ländern der Welt ein finanzielles
Sorgenkind, für das Volk wie für die Staatskasse. Die international
bedeutende Pharmaindustrie dagegen profitiert davon. Liberale Reformen
sind in der Schweiz weiterhin vonnöten, Christoph Blochers politische
Stossrichtung ist folglich teilweise richtig. Allerdings vertritt die Schweizerische
Volkspartei (SVP) auch viele Bauern. Die Agrarpolitik der Schweiz ist wie
diejenige der EU ein finanzpolitisches Ärgernis. In diesem Bereich hat
sich Herr Blocher allerdings wohlweislich noch nicht durch radikale Reformvorschläge
hervorgetan.
Auf der anderen Seite tritt der Volkstribun, der sich trotz seines Reichtums
erfolgreich als Hüter der Interessen des kleinen Mannes verkaufen
kann, für den aussen- und sicherheitspolitischen Alleingang ein. Weder
von EU noch UNO, von Blauhelmen noch EWR wollte und will Blocher etwas
wissen. Doch gerade die Debatte um die Rolle der Schweiz im Zweiten Weltkrieg
illustriert, dass die Isolation keine Lösung ist, sondern die Schweiz
erpressbar macht (wobei die Politiker vor 60 Jahren die rasche Kapitulation
Frankreichs und die Umschliessung der Schweiz durch die Achsenmächte
nicht voraussehen konnten). Sollte die rohstoffarme, ja fast rohstofflose
Schweiz jemals wirtschaftlichem oder militärischem Druck von Seiten
der EU ausgesetzt werden, könnte sie nicht widerstehen, da sie vom
Feind völlig umschlossen wäre. Logischerweise gibt es keine Alternative
zu einer politischen, wirtschaftlichen und militärischen Annäherung
an die EU. Solange keine effektive Aussen- und Sicherheitspolitik der
Europäer existiert, gibt es nicht einmal eine Alternative zu einem
Beitritt zur NATO. Die Neutralität wäre im Kriegsfall nicht durchsetzbar,
da sich um die Schweiz herum keine in feindliche Lager geteilten Mächte
mehr befinden, die ein Interesse an einer bündnislosen Schweiz haben.
Doch bisher ist diese Diskussion in der Schweiz noch tabu. Politik und
Wirtschaft (besonders letztere aus offensichtlichen und verständlichen
Gründen) drängen bisher lediglich auf die wirtschaftliche Annäherung
an die EU, der Beitritt gilt als Fernziel.
Dass die EU mit ihrer protektionistischen Agrar- und Wirtschaftspolitik,
mit ihrer aussen- und sicherheitspolitischen Zerrissenheit, um nicht zu
sagen Unfähigkeit, mit der fehlenden demokratischen Legitimation ihrer
Exekutive und dem nur ungenügend mit Macht und Rechten ausgestatteten
Parlament sowie weiteren Schwächen kein leuchtendes Vorbild für
die Eidgenossen ist, erleichtert Blocher seine Blockadehaltung.
Als Präsident der SVP des Kantons Zürich steht der Populist
nicht an der Spitze der Landespartei, deren Aushängeschild er jedoch
ist. Als Parlamentarier vertritt er die Wähler des finanzstärksten
Kantons der Schweiz, Zürich. Bei den in der Schweiz turnusgemäss
stattfindenden Bestätigungswahlen für die Exekutivmitglieder
(Bundesräte) der Landesregierung, präsentierte sich Christoph
Blocher unerwartet als Kandidat. Da die SVP bei den vor kurzem durchgeführten
Parlamentswahlen einen für die Schweiz noch nie dagewesenen erdrutschartigen
Vormarsch erzielte, bliess er zum Angriff auf die seit den 50er Jahren
bestehende "Zauberformel". In der Regierung sitzen seit über 40 Jahren
je zwei Vertreter der grossen Parteien FDP, SP und CVP. Die SVP dagegen
stellte als vierte Regierungspartei auf Grund ihres Wähleranteils
nur einen Bundesrat. Da die SVP zur relativ stärksten Partei bezüglich
Wählerstimmen aufgestiegen ist, ist Blochers Forderung eine gewisse Logik
nicht abzusprechen. In der Schweiz relativieren der Föderalismus und
der perfekte Bikameralismus diesen Erfolg. In der kleinen Parlamentskammer,
der die gleichen Rechte zukommen wie dem Nationalrat, sitzen pro Kanton
in der Regel je zwei Ständeräte, die im Majorzsystem gewählt
werden. Daher kommt es, dass FDP und SP mehr Parlamentarier und die CVP
genau gleich viele stellen wie die SVP. Das relativiert Bochers Machtanspruch.
Ein Blick auf die Geschichte der Schweiz zeigt, dass Parteien oft jahrzehntelang
um einen zusätzlichen Bundesratssitz kämpfen mussten.
Nun ist die Konkordanz, das konsensuelle Mitregieren aller wichtiger
Parteien nicht in der Verfassung festgelegt, sondern hat sich als politische
Kultur wie erwähnt erst in den 1950er Jahren etabliert, wobei es von
Zeit zu Zeit durchaus zu Spannungen gekommen ist, ohne dass jedoch das
System verändert wurde. Doch Blochers rüder Stil kontrastiert
zu stark mit dem etablierten System, sodass selbst die bürgerlichen
Parteien FDP und CVP ein Zusammengehen mit der SVP ohne die SP zur Zeit
ausschliessen, obwohl ihnen deren wirtschaftspolitische Vorstellungen näher
liegen als jene der Sozialdemokraten.
Ein weiterer Grund für die Ablehnung des SVP-Anspruchs auf einen
zweiten Bundesratssitz liegt in den soeben veröffentlichten Berichten
der Bergier- und der Volcker-Kommission zur Rolle der Schweiz im Zweiten
Weltkrieg. Da die Flüchtlingspolitik, antisemitische Tendenzen, die
Goldkäufe von Nazi-Deutschland, der Umgang der Banken mit Geldern
von Opfern des Holocausts und vieles mehr - zum Teil zu unrecht, zu pauschal
bzw. ohne Blick auf die internationale Lage - unter Beschuss geraten war
und ist (siehe den Artikel zur Geschichte
der Schweiz) und die Schweizer gerade jetzt, nach der Veröffentlichung,
auf eine Normalisierung ihrer Beziehungen zu den USA, jüdischen Organisationen
und der "Weltmeinung" hoffen, kam Blochers Angriff auf die Zauberformel
zur Unzeit. Die von ihm orchestrierte Attacke richtete sich nicht gegen
die CVP, die ja stimmenmässig zur schwächsten Regierungspartei
geworden ist, sondern gegen die Sozialdemokraten und somit gegen die Konkordanz.
Ruth Dreifuss, SP-Bundesrätin und scheidende Bundespräsidentin
(in der Schweiz ein alljährlich wechselndes Amt, das den jeweiligen
Präsidenten lediglich zu einem primus inter pares unter den Bundesräten
macht), ist jüdischen Glaubens. Ihre Abwahl hätte ein verheerendes
aussenpolitisches Zeichen gesetzt. Ein Rechtsrutsch ist zur Zeit nicht
opportun. Blocher, mit seinem Temperament und Politikstil, eignet sich
ohnehin nicht für ein Bundesratsamt.
In der Schweiz gibt es wie in Deutschland und Österreich zur Zeit keine
bedeutende rechtsradikale Partei. Das liegt in diesen Ländern u.a.
daran, dass verschiedene Volksparteien diese Wähler aufgesogen haben.
In der Schweiz kommt diese zweifelhafte Ehre der SVP zu. Schon vor vier Jahren hat die Partei zumindest in den östlichen Landesteilen mit Ausländer-Raus-Parolen
geworben. Dieses Jahr nun waren z.B. in Genf Plakate zu sehen, auf denen
ein Asylbewerber eine Schweizerfahne zerreisst. In Zürich wurden Asylbewerber
aus dem Kosovo pauschal auf Plakaten als Drogendealer diffamiert. Solange
der Blocher-Flügel der SVP sich weiter so gebärdet, wird und
darf dieser Partei zumindest kein zweiter Sitz in der Exekutive zugestanden
werden. Erfolgreiche Städte, Länder und Gesellschaften waren
zumeist weltoffen. Ausländer sind nicht nur dank ihrer jeweiligen
Landesküche eine Bereicherung, sondern auch durch ihre oft überdurchschnittliche
Dynamik. Zudem bringen sie neue Sichtweisen und Ideen mit. Konkurrenz belebt
jede Wirtschaft.
Die Bundesratswahlen vom 15. Dezember 1999 haben gezeigt, dass die SVP, abgesehen
von einer handvoll Parlamentarier, im Moment auf keine Unterstützung
von FDP und CVP rechnen kann. Blocher war dies schon vor den Wahlen klar.
Das helvetische System der Konkordanz erlaubt es einer Partei, in der Regierung
zu sitzen und gleichzeitig im Parlament sowie ausserhalb davon Opposition
zu machen. In der Vergangenheit erlag die SP mehrmals dieser Versuchung.
Die schweizerische direkte Demokratie mit Initiativ- und Referendumsrecht erleichtert
Blocher dieses Doppelspiel, das er bereits bisher gespielt hat und das
er spätestens beim bereits abzusehenden altersbedingten Rücktritt
von SVP-Bundesrat Adolf Ogi erneut verstärken wird. Die Konkordanz, die
keine heilige Kuh ist, wird dann erneut getestet werden, nach dem Prinzip
"steter Tropfen höhlt den Stein". Doch vielleicht macht eine sich
schon länger in Diskussion befindliche Reform zuvor der Zauberformel
den Garaus, durch eine Änderung der Anzahl Bundesräte. Sollte eine
Mehrheit tatsächlich eine Abkehr vom Konkordanzsystem wollen, müsste
eine weitere Anpassung der Verfassung an ein System mit Regierung und Opposition
ins Auge gefasst werden. So wäre z. B. die Einführung des deutschen
Systems des konstruktiven Misstrauensvotums denkbar.
Zum besseren Verständnis des politischen Systems der Schweiz empfehlen
wir die Lektüre von Ulrich Klöti u.a., Hg.: Handbuch der Schweizer
Politik (NZZ Verlag, Zürich, 1999, 905 S.). Das mit über 900 Seiten im wahrsten Sinne des Wortes gewichtige
Handbuch führt in 25 von Spezialisten verfassten Artikeln in die Schweizer
Politik ein. Der Band beschreibt und erklärt die für Ausländer
oft fast unverständliche politische Kultur der Konkordanz, den Föderalismus
und die direkte Demokratie. Die Autoren führen den Leser in die Sozial-
und Wirtschaftsstruktur der Eidgenossen ebenso ein wie in Justiz-, Regierungs-
und Parlamentssystem. Die verschiedenen Parteien, Organisationen und Medien
der Schweiz werden neben Kantonen und Gemeinden präsentiert. Die Entscheidungsprozesse
wie Wahlen und Volksabstimmungen und ihre schweizerischen Eigenheiten werden
vorgestellt. Den Abschluss bilden Artikel zur Aussen-, Sicherheits-, Wirtschafts-,
Finanz-, Sozial-, Bildungs- und Kulturpolitik.
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