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Nr. 10, 15. Dezember 1999/14. Januar 2000
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Prince (The Artist/Symbol): Rave un2 the Joy fantastic (1999, Arista/BMG 07822-14624-2) Bestellen bei Amazon.de
 
Prince (auch Symbol oder The Artist genannt) hat in den letzten Jahren eher durch seine Namensänderungen als durch neue musikalische Impulse von sich reden gemacht. Sein neues Album, Rave Un2 The Joy Fantastic, markiert eine gewisse Neuorientierung: Nicht nur, weil er mit Artista (BMG) einen neuen Medienpartner gefunden hat, von dem er sich die gesuchte künstlerische Freiheit erwartet, sondern auch, weil Prince musikalisch an die künstlerisch erfolgreichen 80er Jahre anzuknüpfen scheint. Mit Gaststars wie Sheryl Crow (Baby Knows) und dem früheren James Brown Saxophonisten Maceo Parker (Strange But True), der seinen hard-edged groove beisteuert, ist Prince seit längerem wieder ein hervorragendes Album gelungen, das zumeist süsse, romantische oder traurige Balladen enthält, so Tangerine, Man'O'War, I Love You But I Dont't Trust You Anymore oder Silly Game. In The Greatest Romance Ever Sold rezykliert Prince zwar teilweise eine alte Melodie, in der Regel aber gelingt es ihm erfolgreich, seinen Sound der 80er Jahren fortzuentwickeln. Wie immer bewegt sich Prince - der ein Dutzend Instrumente spielt - zwischen Plastik und grosser Kunst. Sein Mix aus Funk, Soul und Pop ist und bleibt unnachahmlich. Auf Rave Un2 The Joy Fantastic fügt er seinem Sound gar ein wenig Reggae-Aroma bei (The Sun, The Moon & Stars). Seit seinem Debut im Jahr 1978 (For You) hat der Sohn des Jazz-Pianisten John Nelson bewiesen, dass er ein cutting edge artist, ein Avantgarde-Künstler ist. 

 
CD-Kritiken
 
Enrique Iglesias: Enrique (1999 Interscope/Universal 490 566 2)
 
Wie sein berühmter Vater, Julio Iglesias, besitzt auch Enrique alles, um ein Superstar zu werden (eigentlich ist er es ja bereits, mit über 15 Millionen verkauften CDs weltweit): Stimme, Charme und nicht zuletzt gutes Aussehen, das ihm bei seinen vielen weiblichen Fans zugute kommt. Doch ist er den gleichen Versuchungen und Gefahren wie sein Vater ausgesetzt. Lateinamerikanische und iberische Musik klingt mit englischen Texten meistens erbärmlich. Davon zeugen zum Beispiel die unseligen Bossa Nova Platten von Ella Fitzgerald, der niemand fehlendes musikalisches Talent vorwerfen kann. Auf Enrique Iglesias' neuer CD Enrique ist Rhythm Divine so ein Fall. Die spanische Version Ritmo Total ist der englischen weit überlegen. Gilt es um jeden Preis, den engischen Markt zu gewinnen? Solch ein Song klingt am erbärmlichsten, wenn er zweisprachig ist, weil sofort klar wird, wie gut das Lied hätte werden können, wäre es nur in der Originalsprache gesungen. Zum Glück gehört Rhythm Divine zu den Ausnahmen auf Enrique. Be with you sowie vor allem das von Bruce Sprngsteen stammende Sad Eyes sind für englische Lyrics geschriebene Songs. Sad Eyes dürfte der Zeit widerstehen und zu einem Klassiker werden. Daneben befinden sich auf Enrique wunderbare, herzzerreissende Latino-Balladen wie Mas Es Amar. Natürlich, dabei handelt es sich um die spanische Version von Sad Eyes. Es gibt eben Ausnahmen, Lieder, die selbst übersetzt noch hervorragend klingen.
Bob Marley: Songs of Freedom (1999, Island 514 432-2) Bestellen bei Amazon.de
 
Der Jamaicaner Bob Marley (1945-1981) gehört nicht nur wegen seinem frühen Tod zu den Legenden der populären Musik des 20. Jahrhunderts. Bereits mit 17 Jahren erschien seine erste Single, Judge Not, beim Beverley's Label. Den lokalen Musikproduzenten Leslie Kong überzeugte er so sehr, dass er ihm die Chance zu Studioaufnahmen gab, bei denen ihm Jimmy Cliff half. Terror sowie One Cup of Coffee gehören dazu. Die Titel wurden allerdings nicht am Radio gespielt und zogen wenig Aufmerksamkeit auf sich. Doch sie bestärkten Bob Marley in seiner Entscheidung, Sänger zu werden. Der Erfolg kam rasch. Bereits mit seiner ersten Band, The Wailing Waiters, zusammen mit Peter Tosh und Bunny Wailer, gelang ihm der Durchbruch. Ihre erste Single Simmer Down, Ende 1963 aufgenommen, war bereits im Januar 1964 die Nummer 1 in Jamaica und blieb es für zwei Monate. Der Song forderte die Gangs im Ghetto auf, Ruhe zu bewahren. Die soziale und politische Komponente war in Bob Marleys Musik von Anfang an präsent. Die bei Island Records soeben erschiene 4-CD-Box mit 78 Titeln umfasst die gesamte Karriere des Jamaicaners, von den Anfängen mit Judge Not bis zu seinen letzten Monaten mit Could You Be Loved oder Rastaman Live Up (beide 1980). Darüber hinaus ist der Box ein über 90seitiges Büchlein beigelegt, das kompetent über Leben und Werk von Bob Marley informiert. Diese hervorragende Zusammenstellung gehört in jede Plattensammlung. 
George Michael: Songs from The Last Century (1999, Virgin 8 48740 2)
 
George Michael war vielen nur noch durch peinliche Auftritte neben Bühne und Studio in Erinnerung. Dass er ein exzellenter Künstler ist, beweist er mit seiner neuen CD Songs From The Last Century. Vor allem die Musik, die eine sensationelle Jazz-Club-Ambiance verbreitet, hat es uns angetan. Bei den ersten zwei Songs, Brother can you spare a dime und Roxanne will seine Stimme allerdings nicht so recht zur jazzigen Musik passen. Erst in der Ballade You've changed, bei der uns allerdings der instrumentale Teil weniger gefällt, bilden Musik und Gesang eine Einheit. My baby just cares for you bleibt auf ewig mit der Stimme von Nina Simone verbunden, ein Handicap, das George Michael mit seiner enttäuschend billigen Version nicht vergessen machen kann. Die Ballade The first time ever I saw your face ist ebenfalls kitschig. Erst der Titel Miss Sarajevo, von Hewson, Evans, Clayton, Mullen und Eno geschrieben, begeistert restlos. Das jazzige Secret Love ist hörenswert. Die letzten zwei Kompositionen, das zuckersüsse Liebeslied Wild is the Wind sowie die klassisch elegante Ballade Where or When sind hingegen wieder so genial, dass das Glas zum Schluss eindeutig halb voll (und nicht halb leer) ist.
 
Die Ärzte: Wir wollen nur Deine Seele (1999, Universal 547 970-2)
 
Die Live-Doppel-CD der Aerzte mit 47 Titeln ist für Fans der Gruppe sicherlich unentbehrlich. Für alle andern dagegen ist die Qualität des Sounds ein Aergernis. Der künstlerische Wert der CD ist beschränkt. Abgesehen von einigen intelligenten Texten wie Rebell und dem provokant "unkorrekten" Männer sind Schweine überzeugen die Deutschen nicht. Wer die Texte kennt, bei mindestens einem Konzert dabei war und die Lieder mitgrölen kann, mag in Wir wollen nur Deine Seele einen gewissen Lustgewinn sehen, der Rest dagegen sagt sich "boff". Die vier Merchandising-Seiten in der Mitte des Booklets sagen mehr als viele Worte.
 
Atahualpa Yupanqui: Don Ata (1992, Tropical Music CD 68 956)
 
Der in Argentinien geborene Atahualpa Yupanqui (1908-92), mit bürgerlichem Namen Héctor Bohento Chavero, spielte Gitarre, verdingte sich als Journalist, nahm 1933 in einem Provinzstädtchen an einem radikalen Aufstand teil und wurde von der Polizei gesucht. Unter dem Eindruck der Militärregierung wurde er in den vierziger Jahren zum Kommunisten. Vorübergehend kam er ins Gefängnis, wurde allerdings nach eigener Aussage nicht gefoltert. Wieder in Freiheit, griff er erneut zur Gitarre. Bei einem Konzert riet ihm der "arabisch-argentinische" Schriftsteller Emin Arslan, nach Europa zu gehen, wo in Paris das richtige Ambiente für seine Musik liege. Tatsächlich begann auf dem Alten Kontinent seine Karriere. Nach der Heirat mit einer Französin trat er 1952 aus der KP aus. Viele intellektuelle Südamerikaner hingen (und hängen) auf Grund der Misstände in ihren Ländern linksextremen Ideen nach. Unter dem Eindruck der europäischen Wirklichkeit lösten (und lösen) sich dann allerdings einige Emigranten von allzu weltfremden Ideen. Nach dem Sturz Pérons kehrte Atahualpa Yupanqui nach Argentinien zurück, um 1965 erneut nach Paris zu gehen. 1992 verstarb er im französichen Nîmes.
 
In Buenos Aires entstanden zwischen 1980 und 1985 die 18 Titel der CD Don Ata. Die Lieder sind nicht politischen Inhalts, sondern handeln vom Wanderleben des Gitarrenspielers, seinen Stimmungen und Eindrücken von Land und Leuten. Sein Name Atahualpa Yupanqui ist insofern irreführend, als er nichts mit den Inka zu tun hat. Der Name bezeichnet ohnehin eine Herrscherkaste, die sich vor dem Einfall der Spanier mehrere regionale Völker unterworfen hatte. Wer sich für die Kolonisatoren und das Ende des letzten Inka, Atahualpa interessiert, kann unter anderem zu The Men of Cajamarca greifen. Der Gitarrenspieler, Sänger und Dichter Atahualpa Yupanqui benutzt das Idiom der spanischen Eroberer und singt nicht etwa in Aymara oder Quetschua, dass ohnehin in Argentinien nicht verbreitet ist. Der einzige Bezug zu seinem Künstlernamen ist das kreolische Blut in seinen Adern. Zu seinem Repertoire gehören Bagualas und Vidalas ebenso wie Malambos, Milongas oder Zambas. Das Gitarrenspiel auf Don Ata wird allerdings ausschliesslich von seinem "Sprechgesang von fast arabischer Monotonie" (Paul Badde) begleitet.

 

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