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Nr. 10, 15. Dezember 1999/14. Januar 2000
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Geschichte der Schweiz
Zweiter Weltkrieg. Die Berichte der Volcker- sowie der Bergier-Kommission
 

Nach Jahren des Studiums hat anfangs Dezember die Volcker-Kommission (Independent Committee of Eminent Persons) ihre Suche nach nachrichtenlosen Konten von Opfern des Holocaust auf Schweizer Banken abgeschlossen. In der Schweiz wurde der Bericht mit Erleichterung begrüsst. Nach drei Jahren der unermüdlichen Suche durch Hundertschaften von Buchprüfern wurde einstimmig festgehalten, dass die Schweizer Banken nicht systematisch kompromittierende Akten zerstört und Holocaust Opfer diskriminiert haben. Neben vereinzelten Betrugsfällen und individuell verschuldeten Unredlichkeiten kritisiert der Schlussbericht vor allem die mangelnde Sensibilität und fehlende Hilfestellung der Banken im Umgang mit Nachkommen von Holocaust-Opfern, die auf der Suche nach Vermögenswerten ihrer ermordeten Familienmitglieder waren (und z.T. noch immer sind). Allerdings waren die amerikanischen Holzhammermethoden, die mit der schweizerischen politischen Kultur der Konkordanz heftig kollidierten, nicht dazu angetan, Vertrauen in die Absichten der Enqueteure zu schaffen.
 
Die ausländischen Medien haben den Bericht natürlich zumeist nur oberflächlich abgehandelt und vor allem die Kritikpunkte hervorgehoben. Dass es sich bei den 25,000 "neu" gefundenen Konten zumeist um geschlossene handelt, dass die Suchkriterien verändert und deshalb "Neues" gefunden wurde und dass die mangelnde Sorgfalt nicht nur jüdische Kunden betraf, entging vielen Kommentatoren. Die Schweiz wird im Ausland oft vereinfachend mit ihren Banken (sowie Schokolade und Uhren) gleichgesetzt. Dass die Schweizer selbst in den letzten Jahren nicht nur Freude an der Bankbranche hatten, davon zeugt eine vor einigen Jahren gemachte Umfrage, bei der die Wirtschaftselite fast unisono der Meinung war, die Banken hätten zuviel Macht in der Schweiz. Im Boom der 80er Jahre waren nicht nur einige Golden Boys bei einigen Bankinstituten übermütig geworden. Viele Vertreter anderer Branchen fühlten sich von den Bankern arrogant behandelt. Mancher Schweizer wird deshalb mit einer gewissen Häme die internationale Kritik und die Pressionen (vor allem aus den USA) auf die Bankbranche betrachtet haben.
 
Die Bergier-Kommission hat ebenfalls einen umfangreichen Bericht vorgelegt, und zwar zur Flüchtlingspolitik der Schweiz im Zweiten Weltkrieg. Auch darin findet sich - zumindest für Historiker - nicht viel fundamental Neues. Dass die Schliessung der Grenzen für Juden, die auf Grund der damaligen Kriterien nicht in die Kategorie politische Flüchtlinge fielen und deshalb nicht als Asylbewerber in Frage kamen, ein moralischer Fehler war, ist längst bekannt. Natürlich wird in den internationalen Medien nun die Zahl von rund 25,000 Personen herumgeboten, die gemäss Schätzungen der Bergier-Kommission auf Grund der Zurückweisung den Tod gefunden haben sollen. Der jüdische Anwalt und Nazi-Jäger Klarsfeld hat übrigens dieser Tage diese Zahl in Zweifel gezogen. Seinen Recherchen gemäss handelte es sich "lediglich" um 5,000 Zurückgewiesene, da sich viele wieder und wieder um den Grenzübergang bemüht hatten. Eine genaue Zahl wird ohnehin nie etabliert werden können. So oder so ist und bleibt die damalige Haltung beschämend für die Schweiz. Aus einer Psychose heraus, die auf Ängsten der Bedrohung durch die Achsenmächte und auf befürchteten Nahrungsengpässen bei einer Überflutung durch Flüchtlinge beruhte, wurde die von einem breiten Konsens getragene Politik restriktive Politik in jenem Moment verschärft, als der Massenmord in der von Deutschland dominierten Welt erst richtig ihren Lauf nahm. Bereits während dem Krieg gab es allerdings Stimmen wie die des liberalen Parlamentariers und Chefredaktors der Basler Nachrichten, Oeri, die klar sagten, dass das Boot noch nicht voll sei. Gleichzeitig gilt es hervorzuheben, dass die Schweizer Juden (in der Regel) nicht diskriminiert wurden, und die Schweiz als "Insel der Glückseligen" galt. Allerdings mussten die Schweizer Juden alleine finanziell für alle Flüchtlinge jüdischen Glaubens aufkommen. Eine grosse Bürde, die ihre Bereitschaft zur Aufnahme weiterer Glaubensgenossen verständlicherweise empfindlich minderte.
 
Die restriktive Flüchtlingspolitik wäre wohl auch gegenüber einem Ansturm von "blonden Ariern" durchgesetzt worden, doch besass sie auch eine klar antisemitische Komponente, obwohl die Juden nie mehr als 0,5 % der schweizerischen Bevölkerung ausmachten. Die Schweiz war zwar weitgehend immun gegenüber Nazi-Deutschland. Die rechtsradikalen "Fronten" besassen nur einige wenige Prozent an Anhängern. Es ist jedoch eine Illusion zu glauben, die Schweiz sei gegenüber allen schlechten Zeitströmungen immun gewesen. Bei aller Kritik bleibt allerdings festzuhalten, was für eine internationale Stimmung gegenüber Flüchtlingen vorherrschte. An der Konferenz von Evian, die 1938 die Regelung eben dieses Problems zum Ziel hatte, wurde rasch klar, dass in jener Periode der noch nicht überwundenen Weltwirtschaftskrise, die mit dem Börsenkrach an der Wallstreet 1929 begonnen hatte, kein Staat bereit war, Flüchtlinge in grosser Zahl aufzunehmen. Die Politik der Alliierten ist ebenfalls kein Ruhmesblatt. So weigerten sich die Amerikaner, jüdische Flüchtlinge aufzunehmen. Die Konsulate wurden entsprechend instruiert. Gemäss dem amerikanischen Historiker David S. Wyman reagierte Roosevelt selbst erst unter dem Druck des Finanzministeriums sowie dem von Minister Henry Morgenthau verfassten "Bericht über die fügsame Einwilligung dieser Regierung in die Ermordung der Juden", und dies auch nur, weil die Aufdeckung der skandalösen Politik in einer bevorstehenden Senatsdebatte bevorstand. Was die Amerikaner danach, am Ende des Krieges, noch zur Rettung der Juden unternahmen, war "zu wenig, zu spät" (die USA verhielten sich übrigens auch nach Kriegsende noch restriktiv bezüglich der Aufnahme jüdischer displaced persons). Kein Staat hat sich in den Kriegsjahren mit Ruhm bekleckert. Dazu gehört auch das Faktum, dass Mächte wie England ihr Imperium auf Rassismus aufgebaut hatten. Gerade einer der Retter der freien Welt (das ist nicht nur zynisch gemeint), Churchill, war ein widerlicher Rassist, der die Inder als minderwertig betrachtete. Hitlers Politik war in gewisser Weise durchaus Ausdruck seiner Zeit, wenn auch ins Extrem gesteigert.
 
Die Übervölkerungsdebatte datierte in der Schweiz, damals ein Auswanderungsland, aus den zwanziger Jahren. In den 70er Jahren gab es erneut "Überfremdungsinitiativen". Im Zusammenhang mit der Aufnahme von Flüchtlingen aus dem Kosovo in den letzten Jahren kochten, mit Unterstützung der Schweizerischen Volkspartei und ihrem wichtigsten Repräsentanten, Christoph Blocher, erneut fremdenfeindliche Gefühle empor. Gleichzeitig aber ist die Schweiz das westliche Land, das pro Kopf am meisten Flüchtlinge aus der Region Ex-Jugoslawien aufgenommen hat.
 
Die Debatten um die Rolle der Schweiz im Zweiten Weltkrieg wurden leider nicht dazu genutzt, um unerforschte Bereiche der Geschichte aufzuarbeiten. Gerade die Gold- und die Flüchtlingsfrage gehörten bereits vor der einsetzenden ausländischen Kritik zu den bestuntersuchten Bereichen der Geschichte des Zweiten Weltkriegs. Statt dessen fehlen bis heute Studien zu den Schweizer Eliten, eine Geschichte der Freisinnigen Partei, die in jenen Jahren die Schweiz politisch dominierte, oder eine Darstellung der wichtigsten Unternehmen und ihrer Entwicklung. Die Geschichte des Zweiten Weltkriegs wird zumindest die Historiker noch lange beschäftigen. Ohnehin schreibt jede Generation "ihre" Geschichte. Neue Perspektiven erlauben beständig neue Einsichten, Umdeutungen und Umwertungen. Selbst auf dem Niveau der facts and figures erhöht sich der Wissensstand beständig.
 
Zur Geschichte der Schweiz (bezüglich der Berichte der Volcker- und Bergier-Kommission siehe unsere Links-Seite): Hans Ulrich Jost: Politik und Wirtschaft im Krieg. Die Schweiz 1938-1948. Chronos Verlag, Zürich, 1998, 286 S. Die neuere schweizerische Geschichtsschreibung ist stark von "linken" Historikern beeinflusst, denen das Verdienst zukommt, immer wieder den Finger auf Wunde Punkte der Geschichte zu legen, die von bürgerlichen Historikern manchmal beschönigt wurden bzw. deren Erforschung von politischen Entscheidungsträgern in der Nachkriegszeit teilweise behindert wurde. Für Jost steht während dem Krieg nicht mehr die Neutralitätsfrage im Zentrum, die für Bundesrat und General allerdings die Leitidee war, sondern die praktischen Leistungen (also die Wirtschaft), die gemäss ihm allein massgebend für die Haltung der Achsenmächte und der Alliierten gegenüber der Schweiz waren (da ist was dran). Josts Studie, die versucht, den heutigen Wissensstand zusammenzufassen, weist allerdings erhebliche Mängel auf. Der Militärpilot und Offizier Jost billigt der Schweizer Armee keine wesentliche Rolle zu. Vom Konzept der Dissuassion scheint er nie etwas gehört zu haben. Zudem wäre die Schweiz auf Grund ihrer Milizarmee im Fall einer Niederlage mit einer Grosszahl von potentiellen Guerillakämpfern ausgerüstet gewesen, deren Kontrolle im bergigen Gelände wohl unmöglich gewesen wäre. Josts Sicht der Bürgerlichen ist, auch wenn er es so nicht sagt, von der Idee das Klassenkampfes geprägt: Die Bourgeoisie als Klasse. Jost konzentriert sich zudem zu stark auf den rechten Flügels des Bürgertums, der dem nicht informierten Leser als repräsentativ für die Bürgerlichen erscheinen muss. Auch der extremen Rechten räumt er viel Raum ein. Die Linke wird dagegen nur stiefmütterlich behandelt. Die Gewerkschaften und vor allem die extreme Linke werden gar kaum erwähnt. Davon, dass sich die Linke erst wenige Jahre vor Kriegsbeginn zur Landesverteidigung bekannte und dem Klassenkampf (z.T. halbherzig) abschwor, ist bei ihm nichts zu lesen. Von der wiederkehrenden Begeisterung von Teilen der Linken für Väterchen Stalin gegen Kriegsende berichtet Jost nicht. Das Buch ist oft tendenziös, selektiv, verschweigt wichtige Fakten und hebt andere über Gebühr hervor. Den internationalen Kontext vernachlässigt er. Die Aussenbeziehungen bleiben zu stark auf Deutschland fixiert. Die politischen Alternativen untersucht er nicht, wenn er z.B. die Politik des Bundesrates kritisiert. Immerhin hat Jost als einer der wenigen Schweizer Historiker den Versuch unternommen, eine Gesamtdarstellung der Kriegszeit zu schreiben. Sein Buch ist übrigens auch sprachlich schwer verdaulich (dank der Übersetzung von Henri Debel ist die französische Version flüssiger, lesbarer).

 

 

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