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Nr. 10, 15. Dezember 1999/14. Januar 2000
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Ein Jahrhundert Kunst in Deutschland
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Zahlenspielereien haben es den Menschen schon immer angetan: Die Kunst des 19. Jahrhunderts oder die Musik der 70er Jahre. Als würden sich historische, wirtschaftliche oder gesellschaftliche Entwicklungen an runde Jahreszahlen halten. In der historischen Rückschau wird das politische 20. Jahrhundert vielleicht 1914, eventuell aber auch erst 1917 beginnen. Im Moment sieht es so aus, als sei es in den Jahren 1989/90 zu Ende gegangen. Wo liegen die Grenzen des 20. Jahrhunderts im Bereich der Kunst? Alles hängt von der Perspektive und von der Distanz zu den Ereignissen ab. Es war fast unvermeidlich, dass nach der von Hugo von Tschudi im Jahr 1906 zu Beginn des Jahrhunderts organisierten Rückschau auf die Jahre 1775 bis 1875, die zugegebenermassen viel zur künstlerischen Neuorientierung beigetragen hat, etwas Ähnliches organisiert werden würde. Oder kam der Impuls doch eher vom allgemeinen Milleniumswahn, der sich in Millenumsfeiern oder -CDs Ausdruck verschafft. Wenigstens wurde der Versuchung widerstanden, ein Millenium deutsche Kunst zu präsentieren, mit Karl dem Grossen oder den Ottonen beginnend. Doch da das neue Jahrtausend erst 2001 beginnt, steht uns weiterer Wahn vielleicht erst noch bevor.
 
Wie dem auch sei, die Ausstellungsmacher von Das XX. Jahrhundert. Ein Jahrhundert Kunst in Deutschland hatten sich Grosses vorgenommen, und im tatsächlich in jeder Hinsicht gewichtigen Katalog auch erreicht. Nach der typisch deutschen Kunst oder dem deutschen Wesen, das sich in der Kunst eröffnet, fragen die Organisatoren am Ende des denationalisierten Jahrhunderts bewusst nicht. Es geht ihnen um die Kunst in Deutschland, egal von wem geschaffen oder beeinflusst. Damit blenden sie allerdings Fragestellungen aus, die bis 1945 - neben anderen - aktuell waren.
 
Die Kunst der Nazizeit galt und gilt z.T. noch immer als ein Tabuthema. Die Zerstörung der Nazi-Bauten durch die Alliierten, die radikale, fast totale Ausmerzung der ungeliebten Vergangenheit war den Nazimethoden erschreckend ähnlich. Ihre Vernichtung erfolgte im Geist der auschliessenden, totalitären Nazi-Ideologie, die im eigenen Untergang gewissermassen noch einen letzten Sieg errang. Das gilt ebenfalls für die Grenzverschiebungen zwischen Russland, Polen und Deutschland, die mit der totalen Niederlage und bedingungslosen Kapitulation verbunden waren.
 
Was ist davon in der Ausstellung zu sehen? Abgründe erscheinen in der "Gewalt der Kunst". "Die Ästhetik der Macht" gehört der Kunst unter der Swastika. Arno Breker, Adolf Ziegler, die Filmbilder von Leni Riefenstahl oder Fotos von Aufmärschen dokumentieren die nationalsozialistische Seite. Fotos von der Ausstellung entarteter Kunst sowie Abbildungen von Werken verfemter Künstler stehen für die Seite der Verfolgten. Im Katalog sind lediglich dreissig Seiten für dieses Achtel des Jahrhunderts reserviert, das neben der eingangs erwähnten Ausstellung im Jahr 1906 entscheidend wirkte (bereits vor 1933 und über 1945 hinaus). Etwas mager.
 
Trotzdem bietet die Ausstellung mit über 600 Werken von 200 Künstlern allein in den drei Häusern der Nationalgalerie jedem Besucher etwas. Von der Klassischen Moderne über die Nazi- sowie die DDR-Kunst bis zu Computeranimationen und Videos ist alles vertreten, was das Säkulum zu bieten hat. Der Katalog ist zudem ein idealer Wegweiser durch die Kunst des 20. Jahrhunderts in Deutschland.
 
Das XX. Jahrhundert. Ein Jahrhundert Kunst in Deutschland: Berlin, Nicolai Verlag, 1999, 660 S., 495 farbige und 319 s/w-Abb. Ausstellungskatalog bestellen bei Amazon.de


 

 

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