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Nr. 10, 15. Dezember 1999/14. Januar 2000
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Mutter, Herbert von Karajan und die Berliner Philharmoniker: Bruch und Mendelssohn Violinkonzert. DG, 2001. Album bestellen bei Amazon.de.
 

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Anne-Sophie Mutter und die Berliner Philharmoniker unter der Leitung von Herbert von Karajan: Die grossen Violinkonzerte. Beethoven, Brahms, Bruch, Mozart, Mendelssohn. DG, 1987. 4-CD-Box bestellen bei Amazon.de.
 

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Anne-Sophie Mutter
Biografie, CDs, Konzert: Mozart und Krzystzof Penderecki Violinkonzert Nr. 2 Metamorphosen mit André Previn und dem Crutis Symphony Orchestra
 
Anne-Sophie Mutter gehört zu den grossen Geigen-Virtuosen unserer Zeit. Die im Badischen Rheinfelden (Deutschland) geborene Violinistin, die von Aida Stucki ausgebildet wurde, Begann ihre Karriere im zarten Alten von 13 Jahren. Damals gab ihr Herbert von Karajan die Gelegenheit, als Solistin am Salzburger Pfingstkonzert von 1977 aufzutreten. Karajan nannte sie "die grösste Frühbegabung seit dem jungen Menuhin". Ihre legendäre, ein Jahr später mit den Berliner Philharmonikern unter Karajan eingespielte Aufnahme der Violinkonzerte Nr. 3 und 5 von Mozart ist noch immer bei Deutsche Grammophon erhältlich. 1979 erhielt Anne-Sophie Mutter dafür den Grand Prix International du Disque.
 
Die deutsche Künstlerin hat sich seither speziell um die Violinmusik des 20. Jahrhunderts verdient gemacht. Die Komponisten Witold Lutoslawski, Norbert Moret, Krzysztof Penderecki, Wolfgang Rihm und Sebastian Currier haben ihr Werke gewidmet. In den nächsten Jahren wird sie zudem mit Welturaufführungen von Stücken glänzen können, die der kürzlich verstorbene Paul Sacher bei Pierre Boulez und Sofia Gubaidulina in Auftrag gegeben hatte. Zusätzlich schreiben noch Henri Dutilleux und Sebastian Currier Kompositionen für Anne-Sophie Mutter.
 
Vor kurzem trat die Geigerin im schweizerischen Montreux im Rahmen einer Credit Suisse Private Banking Gala-Tournee zusammen mit dem Curtis Symphony Orchestra (Philadelphia, USA) unter der Leitung von André Previn auf. Dieses Studentenorchester geniesst grösste Wertschätzung, da rund 30 % der "Big Five"-Musiker (Künstler der fünf besten amerikanischen Symphonieorchester) am Curtis Institute of Music ausgebildet worden sind. In Montreux spielten sie zuerst Mozarts Symphonie Nr. 39, darauf folgte, zusammen mit Anne-Sophie Mutter, das schwierige Violinkonzert Nr. 3 desselben Komponisten. Mozart war ja nicht nur Pianist, sondern auch Geiger. Allerdings schrieb Mozart, nachdem er sich von seinem Vater gelöst hatte, nie mehr etwas für die Violine, was darauf schliessen lässt, dass die Wahl jenes Instrumentes mehr den Wünschen des Vaters als seinen eigenen entsprochen hatte. Die Leistung des Orchesters in Montreux ist leider kaum zu beurteilen, da das Auditorium Stravinsky nicht der ideale Ort zur Aufführung von Mozart ist. Der Konzertsaal dämpft so sehr die Töne des Orchesters, dass nur ein Eindruck blasser Musik zurückblieb, der wohl zum grössten Teil auf die Unzulänglichkeiten des Veranstaltungsortes zurückzuführen war.
 
Nach der Pause trugen Anne-Sophie Mutter und das Orchester Pendereckis Violinkonzert Nr. 2 von Krzysztof  Penderecki vor. Der 1933 in Debica, 130 km östlich von Krakau, geborene Komponist hat Geige, Klavier, Komposition und gleichzeitig Philosophie, Kunstgeschichte und Literatur in Krakau studiert, wo er seit Ende der 50er Jahre als Musikprofessor tätig ist. 1959 gewann Penderecki mit seinen ersten Kompositionen alle drei Preise des Wettbewerbs für Junge Polnische Komponisten. Seine folgenden Werke aus den Jahren 1960 bis 1966, die oft einen religiösen Hintergrund haben, brachten ihm internationale Anerkennung. Seine Stücke wurden u.a. in Deutschland und Italien aufgeführt. In den späten 60er Jahren begann Penderecki Opern zu schreiben (so The Devils of London, Paradise Lost oder Ubu Rex). Zu seinen Werken gehören ferner Symphonien und Kammermusik. Pendercki hat zudem in Essen (1966-68) sowie an der Yale University (1973-78) im amerikanischen New Haven unterrichtet.
 
Die Metamorphosen sind ein Werk, das der Mitteldeutsche Rundfunk in Auftrag gegeben hatte. Penderecki schrieb es zwischen 1992 und 1995 und widmete es Anne-Sophie Mutter, die bei der Uraufführung 1995 in Leipzig mit dem Sinfonieorchester des Mitteldeutschen Rundfunks unter der Leitung von Mariss Jansons auch den Solopart übernahm. Im Januar 1998 schliesslich nahm Anne-Sophie Mutter das Violinkonzert zusammen mit dem London Symphony Orchestra unter der Leitung des Komponisten Penderecki auf (Deutsche Grammophon 453 507-2). Diese Aufnahme gewann 1999 zurecht zwei "Grammy Awards" als "Best Instrumental Soloist Performance With Orchestra" und als "Best Classical Contemporary Composition".
 
In Montreux hatten wir erstmals die Gelegenheit, das Werk live zu hören. Viele Leute sind der Meinung, klassische Musik sei eine Kunstform der Vergangenheit, die ihren Höhepunkt vor dem Zweiten Weltkrieg erreicht habe, nach dem nichts Substantielles mehr komponiert worden sei. Obwohl einige Strömungen der klassischen Musik der letzten Jahrzehnte ohne Zukunft sind (wie auch, in einem anderen musikalischen Genre, Freejazz), beweist Penderecki, dass dies nicht pauschal für die gesamte Gattung zutrifft. Zwei Jahrzehnte nach seinem ersten Violinkonzert geschrieben, sind seine Metamorphosen weit von seinen kompositorischen Anfängen der 50er und 60er Jahre entfernt, als er "sich lustvoll in den Grenzbezirken von Klang und Geräusch" auslebte (Wolfram Schwinger). Später kehrte er den avantgardistischen Positionen und der Zwölftonmusik den Rücken zu und versuchte, an die musikalischen Idiome des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts anzuknüpfen und sie weiterzuführen.
 
Pendereckis Metamorphosen sind ein eindrückliches und überzeugendes Werk, das sich unter anderem als Auslotung der Beziehung zwischen Individuum (Violine) und Gesellschaft (Orchester) deuten lässt. Mehrere Motive werden im Eröffungsteil dargelegt, die später in verschiedenen Formen, zum Teil offen, zum Teil maskiert, wiederkehren. Die Beziehung zwischen Solist und Orchester verändert sich beständig. So wird die Violine vom Orchester belästigt und bedroht. Sie versucht zu fliehen (pizzicato), um sich dann plötzlich umzudrehen und gegen das Orchester zu wenden: Genug. Zuerst von sich selbst überrascht, fasst die Geige langsam Mut und opponiert. Obwohl das Orchester nochmals versucht, sie zu dominieren, widersteht die Violine allen Druckversuchen. Wie das Individuum, sucht sie ihren Platz in der Gesellschaft. Auch Pendereckis religiöse Motive scheinen durch, so am Ende, als sich die Geige zu den Sternen wendet und in einer transfigurierten Form der Erde entflieht. Sowohl die Interpretation Anne-Sophie Mutters als auch des Orchesters überzeugten voll und ganz. Die Metamorphosen sind ein Höhepunkt der klassischen Musik des 20. Jahrhunderts, und Anne-Sophie Mutter ist einer ihrer besten Botschafter. Die einzig negative Note kam am Schluss des Konzerts, als die Solistin auch durch den frenetischen Applaus des tobenden Publikums nicht zu einer Zugabe bewegt werden konnte. Statt dessen verhielt sie sich wie eine Diva. Wenn im vornherein klar ist, dass kein Bis folgen wird, kann man das dem Publikum gleich zu Beginn mitteilen, das dies auch verstehen und respektieren wird. Sich stattdessen viermal herausklatschen zu lassen, nur um sich zu verbeugen ... Auch Botschafter haben manchmal weniger erinnerungswürdige Momente.
 
Im Jahr 2000 wird Anne-Sophie Mutter zusammen mit Kurt Masur und den New Yorker Philharmonikern in der Carnegie Hall und der Avery Fisher Hall des Big Apples Violinmusik des 20. Jahrhunderts spielen. Im Mai wird dieses Festival der zeitgenössischen Geigenmusik in London, Stuttgart und Frankfurt am Main wiederholt werden, dann allerdings unter der Leitung von Kurt Masur, der das London Symphony Orchestra dirigieren wird. Lassen sie sich diese Gelegenheit nicht entgehen. Sollten sie verhindert sein, ist die CD mit Anne-Sophie Mutters Interpretation von Pendereckis Violinkonzert Nr. 2 zu empfehlen. Sie werden es nicht bereuen.
 
Ebenfalls empfehlenswert ist Anne-Sophie Mutters Neueinspielung von Vivaldis Vier Jahreszeiten (Deutsche Grammophon 463 259-2). Vor rund einem Jahrzehnt hatte ich die Ehre, die Solistin mit Orchester mit eben diesem populären Werk in der Victoria Hall in Genf zu hören. Seither hat sie sich noch verbessert, die Einspielung mit den Trondheim Soloists (also ohne Orchester) unter ihrer Leitung überzeugt. Siehe dazu auch das Interview mit Anne-Sophie Mutter im der CD beigelegten Büchlein, in dem zudem die vier italienischen Sonette abgedruckt sind (I, E, D, F), die der 1725 in Amsterdam erschienen Erstausgabe der Vier Jahreszeiten gewissermassen als Programm vorangestellt waren.
 

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