Hermann Scherer - Biografie - Expressionist und Gründungsmitglied
der Künstlergruppe Rot-Blau
Der 1893 in Rümmingen im badischen Markgräferland geborene
Deutsche Hermann Scherer gehörte der Gruppe der dritten Generation
der Schweizer Expressionisten an, die sich unter dem Eindruck der Kirchner-Ausstellung
von 1923 in der Kunsthalle Basel in der Silvesternacht 1924/23 zur Künstlergruppe
Rot-Blau
zusammenschloss. Zu den Gründungsmitgliedern gehörten - neben
Hermann Scherer - Albert Müller und Paul Camenisch. Später stiess
noch Werner Neuhaus zu ihnen. Die vier Künstler standen dem Frühexpressionismus
näher als der zweiten Expressionistengeneration (siehe den Artikel zu Eduard
Gubler). Gemäss Doris Fässler ging es der Gruppe Rot-Blau
um eine verstärkte "Stilisierung bei gleichzeitiger Steigerung des
Ausdrucks und der Freiheit der Farbe".
Mit 14 Jahren beginnt Hermann Scherer eine Lehre beim Lörracher
Steinmetz Schwab. Danach arbeitet er 1910/11 in Basel beim auf Bau- und
Brunnenplastiken für öffentliche Gebäude und Anlagen spezialisierten
Bildhauer Carl Gutknecht (1878-1970). In der Folge reist er nach Köln
und Koblenz. Zurück in Basel führt er Steinskulpturen für
den Bildhauer Otto Roos (1887-1945) aus. Gleichzeitig entstehen seine ersten
eigenständigen Arbeiten. Er knüpft Kontakte zu Basler Bildhauern,
Malern und Glasmalern seiner Generation wie Albert Müller (1897-1926),
Otto Staiger, Louis Weber und Rudolf Müller. 1918/19 ist Hermann Scherer
als Assistent für den Bildhauer Carl Burckhardt tätig. Bei einer
Ausstellung junger Künstler in der Kunsthalle Basel ist er mit elf
Plastiken und neun Zeichnungen am stärksten vertreten. Im selben Jahr
bezieht Hermann Scherer einen Atelierraum in einem Basler Gewerbebau, dem
er bis zu seinem Tod treu bleiben wird. Das Atelier wird zu einer Begegnungsstätte
seines Freundeskreises, zu dem der Sammler Ernst Saxer, der Publizist und
Theologe Fritz Lieb, der Kunstkritiker und Kunstvereins-Bibliothekar Georg
Schmidt, der kommunistische Publizist Fritz Sulzbacher sowie mehrere Architekten
gehören.
Nach der Trennung von Carl Burckhardt distanziert sich Hermann Scherer
von dessen klassizistischer und idealistischer plastischen Auffassung.
Sein radikale Neuorientierung lässt ihn eine Grosszahl seiner Frühwerke
zerstören. Auf eine Deutschlandreise folgt 1922 die Beteiligung an
einer Ausstellung in der Kunsthalle Basel. Bei der Weihnachtsausstellung
wird erstmals eines seiner Werke durch den Basler Kunstverein für
eine öffentliche Sammlung erworben. Der Besuch der Munch-Ausstellung
im Kunsthaus Zürich vom Sommer des gleichen Jahres bestärkt ihn
in seinem Entschluss, mit der Malerei zu beginnen. Im darauffolgenden Sommer
lernt Hermann Scherer Ernst Ludwig Kirchner kennen, dem er bei der Einrichtung
seiner Ausstellung in der Kunsthalle Basel behilflich ist. Ende Juli reist
Scherer auf Einladung Kirchners für drei Wochen nach Frauenkirch bei
Davos. Der Arbeitsaufenthalt erweist sich für beide Künstler
als fruchtbar und führt zu einer intensiven Freundschaft, die allerdings
bereits im Frühjahr 1925 zerbricht.
Weihnachten 1923 sowie die Zeit von März bis September 1924 verbringt
Hermann Scherer in Frauenkirch, wo zahlreiche Gemälde, Zeichnungen,
Holzschnitte und vor allem Holzskulpturen entstehen. Er schnitzt auch die
beiden Verandapfosten von Kirchners Wildbodenhaus. An der wichtigen Ausstellung
Neuerer Deutscher Kunst in Stuttgart ist Scherer mit drei Holzskulpturen
vertreten. Im Juni hilft er seinem Mentor Kirchner beim Einrichten seiner
Ausstellung im Kunstverein Winterthur. Die Feiertage Ende Jahr verbringt
Hermann Scherer zusammen mit der Familie von Albert Müller in dessen
Haus in Obino. In der Silvesternacht 1924/25 kommt es zur Eingangs erwähnten
Gründung der Künstlergruppe Rot-Blau. Scherer, Müller,
Paul Camenisch (1893-1970) sowie der kurz darauf hinzustossende Werner
Neuhaus erwarten sich durch ihren Zusammenschluss den Einbruch in die Phalanx
der die Basler Kunstszene beherrschenden "dunkeltonigen" Maler. Die am
Existenzminimum lebenden jungen Künstler erhoffen sich bessere Berücksichtigung
bei Ausstellungen in der Kunsthalle Basel sowie bei der Vergabe staatlicher
Aufträge.
Bei seinem Besuch im Frühjahr 1925 in Frauenkirch zur Vorbereitung
der ersten Ausstellung der Gruppe Rot-Blau im April in der Kunsthalle
Basel kommt es zum Bruch mit Ernst Ludwig Kirchner. Dieser bezichtigt Scherer
der sklavischen Nachahmung seiner eigenen Skulpturen und verzichtet im
letzten Moment auf seine Teilnahme an der Ausstellung [gemäss Martin
Schwander blieb Scherer allerdings Munch und seiner Darstellung von Seelenzuständen
enger verbunden, als es die Kirchner entlehnten malerischen Mittel vermuten
lassen (so in Der Kranke, 1926)]. Kurz vor der Eröffnung der
Basler Ausstellung weist der Veranstalter fünf Skulpturen von Hermann
Scherer und eine von Albert Müller aus "sittlich moralischen Gründen"
zurück. Die Künstler drohen mit dem Rückzug aller Werke.
Als Kompromiss können die Mitglieder des Kunstvereins die beanstandeten
Skulpturen im Magazin der Kunsthalle besichtigen. Die Ausstellung stösst
in der Schweiz wie im Ausland auf grosse Beachtung. Ernst Gosebruch vom
Folkwang-Museum in Essen und der Kunsthändler Manfred Schames aus
Frankfurt a. M. zeigen sich sehr interessiert. Doch noch während der
Ausstellung kommt es zu einem weiteren Eklat. Albert Müller, darin
von Kirchner unterstützt, gibt den Austritt aus der Gruppe Rot-Blau
bekann. Die zehnjährige Freundschaft zwischen den beiden zerbricht,
weil sich Müller von Scherer, der in der Kunsthalle am stärksten
vertreten ist, benachteiligt fühlt.
Im Sommer 1925 arbeiten Scherer, Camenisch und Neuhaus in Castel San
Pietro im Mendrisiotto zusammen und bilden eine eigentliche Arbeitsgemeinschaft.
Auch in der ersten Jahreshälfte 1926 hält sich Hermann Scherer
die meiste Zeit bei Paul Camenisch in Castel San Pietro auf. Im März
stellt sich die Gruppe Rot-Blau im Kunsthaus Zürich vor. Erneut
werden (drei) Holzfiguren als anstössig zurückgewiesen. Auf Einladung
Kirchners ist Scherer - zusammen mit Paul Camenisch, Albert Müller
und Philipp Bauknecht - mit seiner Holzskulptur Mutter und Kind
an der "Internationalen Kunstausstellung" in Dresden präsent. In
der Folge führt Scherer Camenisch bei Kirchner in Frauenkirch ein.
Nach dem Sommeraufenthalt bei Camenisch in Castel San Pietro mehren
sich Anzeichen einer ernsthaften Erkrankung Scherers, der am 1. Oktober
1926 ins Spital eingeliefert wird. Mitte Dezember stirbt Albert Müller
in Obino im Alter von 29 Jahren an Typhus. Am 13. Mai 1927 erliegt Scherer
34jährig im Basler Spital den Folgen einer Streptokokken-Infektion.
Bereits im Febuar 1927 war in Werk der grundlegende Aufsatz von
Georg Schmidt "Rot-Blau" erschienen. Ein Jahr später zeigt die Kunsthalle
Basel eine grosse Gedächtnisausstellung mit über 200 Exponaten.
Der Katalog enthält einen Beitrag von Ernst Ludwig Kirchner.
Die obigen biographischen Angaben haben wir dem folgenden Werk entnommen,
das insbesondere auf Scherers Skulpturen und Malerei näher eingeht: Beat Stutzer (Hg.): Hermann Scherer. Skulpturen, Gemälde, Holzschnitte.
Mit Beiträgen von Martin Schwander und Beat Stutzer. Bündner Kunstmuseum Chur, Zürich, Verlag Scheidegger &
Spiess, 1999,
127 S. |
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