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Nr. 10, 15. Dezember 1999/14. Januar 2000
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Hermann Scherer - Biografie - Expressionist und Gründungsmitglied der Künstlergruppe Rot-Blau
 
Der 1893 in Rümmingen im badischen Markgräferland geborene Deutsche Hermann Scherer gehörte der Gruppe der dritten Generation der Schweizer Expressionisten an, die sich unter dem Eindruck der Kirchner-Ausstellung von 1923 in der Kunsthalle Basel in der Silvesternacht 1924/23 zur Künstlergruppe Rot-Blau zusammenschloss. Zu den Gründungsmitgliedern gehörten - neben Hermann Scherer - Albert Müller und Paul Camenisch. Später stiess noch Werner Neuhaus zu ihnen. Die vier Künstler standen dem Frühexpressionismus näher als der zweiten Expressionistengeneration (siehe den Artikel zu Eduard Gubler). Gemäss Doris Fässler ging es der Gruppe Rot-Blau um eine verstärkte "Stilisierung bei gleichzeitiger Steigerung des Ausdrucks und der Freiheit der Farbe".
 
Mit 14 Jahren beginnt Hermann Scherer eine Lehre beim Lörracher Steinmetz Schwab. Danach arbeitet er 1910/11 in Basel beim auf Bau- und Brunnenplastiken für öffentliche Gebäude und Anlagen spezialisierten Bildhauer Carl Gutknecht (1878-1970). In der Folge reist er nach Köln und Koblenz. Zurück in Basel führt er Steinskulpturen für den Bildhauer Otto Roos (1887-1945) aus. Gleichzeitig entstehen seine ersten eigenständigen Arbeiten. Er knüpft Kontakte zu Basler Bildhauern, Malern und Glasmalern seiner Generation wie Albert Müller (1897-1926), Otto Staiger, Louis Weber und Rudolf Müller. 1918/19 ist Hermann Scherer als Assistent für den Bildhauer Carl Burckhardt tätig. Bei einer Ausstellung junger Künstler in der Kunsthalle Basel ist er mit elf Plastiken und neun Zeichnungen am stärksten vertreten. Im selben Jahr bezieht Hermann Scherer einen Atelierraum in einem Basler Gewerbebau, dem er bis zu seinem Tod treu bleiben wird. Das Atelier wird zu einer Begegnungsstätte seines Freundeskreises, zu dem der Sammler Ernst Saxer, der Publizist und Theologe Fritz Lieb, der Kunstkritiker und Kunstvereins-Bibliothekar Georg Schmidt, der kommunistische Publizist Fritz Sulzbacher sowie mehrere Architekten gehören.
 
Nach der Trennung von Carl Burckhardt distanziert sich Hermann Scherer von dessen klassizistischer und idealistischer plastischen Auffassung. Sein radikale Neuorientierung lässt ihn eine Grosszahl seiner Frühwerke zerstören. Auf eine Deutschlandreise folgt 1922 die Beteiligung an einer Ausstellung in der Kunsthalle Basel. Bei der Weihnachtsausstellung wird erstmals eines seiner Werke durch den Basler Kunstverein für eine öffentliche Sammlung erworben. Der Besuch der Munch-Ausstellung im Kunsthaus Zürich vom Sommer des gleichen Jahres bestärkt ihn in seinem Entschluss, mit der Malerei zu beginnen. Im darauffolgenden Sommer lernt Hermann Scherer Ernst Ludwig Kirchner kennen, dem er bei der Einrichtung seiner Ausstellung in der Kunsthalle Basel behilflich ist. Ende Juli reist Scherer auf Einladung Kirchners für drei Wochen nach Frauenkirch bei Davos. Der Arbeitsaufenthalt erweist sich für beide Künstler als fruchtbar und führt zu einer intensiven Freundschaft, die allerdings bereits im Frühjahr 1925 zerbricht.
 
Weihnachten 1923 sowie die Zeit von März bis September 1924 verbringt Hermann Scherer in Frauenkirch, wo zahlreiche Gemälde, Zeichnungen, Holzschnitte und vor allem Holzskulpturen entstehen. Er schnitzt auch die beiden Verandapfosten von Kirchners Wildbodenhaus. An der wichtigen Ausstellung Neuerer Deutscher Kunst in Stuttgart ist Scherer mit drei Holzskulpturen vertreten. Im Juni hilft er seinem Mentor Kirchner beim Einrichten seiner Ausstellung im Kunstverein Winterthur. Die Feiertage Ende Jahr verbringt Hermann Scherer zusammen mit der Familie von Albert Müller in dessen Haus in Obino. In der Silvesternacht 1924/25 kommt es zur Eingangs erwähnten Gründung der Künstlergruppe Rot-Blau. Scherer, Müller, Paul Camenisch (1893-1970) sowie der kurz darauf hinzustossende Werner Neuhaus erwarten sich durch ihren Zusammenschluss den Einbruch in die Phalanx der die Basler Kunstszene beherrschenden "dunkeltonigen" Maler. Die am Existenzminimum lebenden jungen Künstler erhoffen sich bessere Berücksichtigung bei Ausstellungen in der Kunsthalle Basel sowie bei der Vergabe staatlicher Aufträge.
 
Bei seinem Besuch im Frühjahr 1925 in Frauenkirch zur Vorbereitung der ersten Ausstellung der Gruppe Rot-Blau im April in der Kunsthalle Basel kommt es zum Bruch mit Ernst Ludwig Kirchner. Dieser bezichtigt Scherer der sklavischen Nachahmung seiner eigenen Skulpturen und verzichtet im letzten Moment auf seine Teilnahme an der Ausstellung [gemäss Martin Schwander blieb Scherer allerdings Munch und seiner Darstellung von Seelenzuständen enger verbunden, als es die Kirchner entlehnten malerischen Mittel vermuten lassen (so in Der Kranke, 1926)]. Kurz vor der Eröffnung der Basler Ausstellung weist der Veranstalter fünf Skulpturen von Hermann Scherer und eine von Albert Müller aus "sittlich moralischen Gründen" zurück. Die Künstler drohen mit dem Rückzug aller Werke. Als Kompromiss können die Mitglieder des Kunstvereins die beanstandeten Skulpturen im Magazin der Kunsthalle besichtigen. Die Ausstellung stösst in der Schweiz wie im Ausland auf grosse Beachtung. Ernst Gosebruch vom Folkwang-Museum in Essen und der Kunsthändler Manfred Schames aus Frankfurt a. M. zeigen sich sehr interessiert. Doch noch während der Ausstellung kommt es zu einem weiteren Eklat. Albert Müller, darin von Kirchner unterstützt, gibt den Austritt aus der Gruppe Rot-Blau bekann. Die zehnjährige Freundschaft zwischen den beiden zerbricht, weil sich Müller von Scherer, der in der Kunsthalle am stärksten vertreten ist, benachteiligt fühlt.
 
Im Sommer 1925 arbeiten Scherer, Camenisch und Neuhaus in Castel San Pietro im Mendrisiotto zusammen und bilden eine eigentliche Arbeitsgemeinschaft. Auch in der ersten Jahreshälfte 1926 hält sich Hermann Scherer die meiste Zeit bei Paul Camenisch in Castel San Pietro auf. Im März stellt sich die Gruppe Rot-Blau im Kunsthaus Zürich vor. Erneut werden (drei) Holzfiguren als anstössig zurückgewiesen. Auf Einladung Kirchners ist Scherer - zusammen mit Paul Camenisch, Albert Müller und Philipp Bauknecht - mit seiner Holzskulptur Mutter und Kind an der "Internationalen Kunstausstellung" in Dresden präsent. In der Folge führt Scherer Camenisch bei Kirchner in Frauenkirch ein.
 
Nach dem Sommeraufenthalt bei Camenisch in Castel San Pietro mehren sich Anzeichen einer ernsthaften Erkrankung Scherers, der am 1. Oktober 1926 ins Spital eingeliefert wird. Mitte Dezember stirbt Albert Müller in Obino im Alter von 29 Jahren an Typhus. Am 13. Mai 1927 erliegt Scherer 34jährig im Basler Spital den Folgen einer Streptokokken-Infektion. Bereits im Febuar 1927 war in Werk der grundlegende Aufsatz von Georg Schmidt "Rot-Blau" erschienen. Ein Jahr später zeigt die Kunsthalle Basel eine grosse Gedächtnisausstellung mit über 200 Exponaten. Der Katalog enthält einen Beitrag von Ernst Ludwig Kirchner.
 
Die obigen biographischen Angaben haben wir dem folgenden Werk entnommen, das insbesondere auf Scherers Skulpturen und Malerei näher eingeht: Beat Stutzer (Hg.): Hermann Scherer. Skulpturen, Gemälde, Holzschnitte. Mit Beiträgen von Martin Schwander und Beat Stutzer. Bündner Kunstmuseum Chur, Zürich, Verlag Scheidegger & Spiess, 1999, 127 S.


 

 

 

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