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Tango
Die Geschichte von Musik und Tanz
Die Einführung von Arne
Birkenstock und Helena Rüegg - von Carlos Gardel bis Astor Piazzolla. Buch bestellen
bei Amazon.de.
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Von Arne Birkenstock, Akkordeonist, freier Autor und Realisator, vor
allem für die Kulturredaktionen des WDR, sowie Helena Rüegg,
freie Rundfunkautorin und Musikerin, die 1998 ihre Ausbildung als Bandoneonistin
am Rotterdamer Konservatorium abgeschlossen hat, stammt eine lesenwerte
Einführung in die Geschichte und Kunst des Tango (Tango, dtv
premium, 1999, 333 S.). Das Buch kommt inklusive einer CD, die
21 Titel von Carlos Gardel über Astor Piazzolla bis Osvaldo Pugliese
enthält! Der Band enthält Dutzende von nützlichen (Internet-)
Adressen
zum Thema Tango, von denen wir einige am Ende unseres Artikels ausgewählt
haben.
Die Geschichte des La-Plata-Tangos, der von Argentinien wie Uruguay
als Nationalerbe beansprucht wird, beginnt in den 80er Jahren des letzten
Jahrhunderts. Zwischen 1880 und 1930 wanderten rund sechs Millionen Europäer
an den Río de la Plata aus. In den armen Stadtrand-Quartieren von
Buenos Aires (Arrabal), in denen viele von ihnen ein neues zuhause
fanden, entstand die neue Musik, die keine politischen oder sozialen Themen
behandelte, sondern die Frustrationen und die Hoffnungslosigkeit der Menschen
ausdrückte. "Für den Tango existiert kein Volk als abstrakte
Einheit oder als Ideal, der Tango kennt nur den Menschen aus Fleisch und
Blut" (José Gobello). Zwischen Mythologie und bitterer Realität
bewegen sich die drei Archetypen des Tango und des Arrabal: die aus Europa
verschleppte Prostituierte und Bardame, die Milonguita, der Gaucho
ohne Pferd und Macho kreolischer oder europäischer Herkunft, der Compadrito,
sowie der verlachte (italienische) Einwanderer, der Cocoliche, eine
Verballhornung der italienischen Verben cocollare (verhätscheln,
verwöhnen) und cocolarsi (sich amüsieren).
Die Wurzeln des Wortes Tango, des Tanzes sowie der Musik sind nach wie
vor umstritten. Gemäss Vicente Rossi hat sich der Tanz aus dem afrikanischen
Candombe
entwickelt. Auch der um 1850 im spanischen Cadiz entstandene
Tango Andaluz,
der zu den klassischen Flamencoformen gehört, ist Teil der Wurzel
und wurde um 1880 im Arrabal gespielt, zusammen mit
Milonga, Habanera,
Walzer und Mazurka. Das Bandoneón stammt übrigens aus Deutschland,
wo die wechseltönige Handharmonika um 1845 entwickelt wurde und sich
als Bandonion bald grösster Beliebtheit erfreute. Der erste bekannte
Bandoneonlehrer war Sebastián Ramos Mejía, genannt "El Pardo",
der viele Musiker der Guardia Vieja, der alten Garde von Tangomusikern
unterrichtete. Er gehört zu jenen, die den Tango dank dem neuen Instrument
veränderten und ihm so um die Jahrhundertwende zum Durchbruch verhalfen.
Die sich ab 1890 dem Tango widmenden Musiker, die Gurdia Vieja,
eroberte damals die Strasse mit Musikkapellen, die auf Volksfesten und
Jahrmärkten auch Walzer, Polkas oder Mazurkas spielten. 1911 entstand
dank dem Unternehmer José Tagini die erste Tango-Schallplatte. Vicente
Greco landete damit gleich einen Klassenschlager, der die Musikwelt revolutionierte.
Als zweiter Star folgte Juan Maglio Pacho. Es herrschte ein reger Austausch
zwischen Musikern dies- und jensseits des Río de la Plata, zwischen
Buenos Aires und Montevideo. Die reinen Tango-Orchester verdrängten
die gemischten Tanzmusikgruppen. Die Interpreten wurden immer professioneller.
Zu den wichtigsten Erneuerern gehörte der Pianist Roberto Firpo. Die
technischen Unzulänglichkeiten und fehlende musikalische Persönlichkeit
der Guardia Vieja wurden von ihm früh überwunden. Harmonie,
Rhythmus und Tempo passte Firpo den Tänzern an.
Der Tango hatte unterdessen Paris erreicht und erobert. Ab 1912 überschwemmte
die französische Presse ihre Leser mit Artikeln zu Musik und Tanz.
Ein Parfüm, ein Getränk, der Zug nach Deauville, dem Badeort
der Schickeria, ja sogar Damenunterwäsche mit dem Namen Tango gab
es. In Buenos Aires verlagerte sich die Tango-Szene vom Arrabal, wo nun
die Mittelschicht wohnte, ins Zentrum, wohin Bordelle, Cabarets und Nachtclubs
umgezogen waren. Der Tango wurde nun mit Glimmer und Luxus assoziiert,
hatte das Arme-Leute-Image verloren.
Ab 1917 drängte die Guardia Nueva, die Neue Garde, hervor,
mit neuen Komponisten und Interpreten, die Gesang und Dichtung im Tango
zur Geltung brachten. Carlos Gardel, der 1935 im kolumbianischen Medellín
bei einem Flugzeugabsturz ums Leben kam, wurde bereits zu Lebzeiten zum
Idol und Mythos; eine Stellung, die er bis heute unangefochten einnimmt.
Die Guardia Nueva bestand ausschliesslich aus professionellen Musikern,
die technisch und künstlerisch auf einem höheren Niveau standen.
Eduardo Arolas erneuerte zudem das Bandoneonspiel grundlegend.
Während der Krise der dreissiger Jahre hielten kritische Töne
wie die von Enrique Santos Discépolo Einzug in die Tangomusik. Obwohl
die wirtschaftlichen und politischen Schwierigkeiten gegen Ende jenes Jahrzehnts
nicht überwunden waren, folgten die sogenannten Goldenen Zeiten mit
der Blüte des Salontangos. In jenen Jahren begann Astor
Piazzolla
(1921-92) seine Karriere als professioneller Bandoneonist. Im Orchester
von Aníbal Troilo spielte er die traditionelle Variante des Tango.
Als er 1940 für Arthur Rubinstein, der auf Tournee in Buenos Aires
gastierte, ein Klavierkonzert komponierte, erkannte dieser sein Talent
und riet ihm, bei Alberto Ginastera Kompositionsunterricht zu nehmen, was
er auch tat. Piazolla hörte bei Ginastera Bartok und Stravinsky. 1944
verliess er Troilos Orchester, weshalb ihm die Tango-Szene Undankbarkeit
und Verrat vorwarf. Doch der 25jährige ging unbeirrt seinen Weg, gründete
seine eigene Gruppe und baute Kontrapunkt, Fugen, neue Harmonien, kurzum
alles, was er bei Ginastera gelernt hatte, in die Tangomusik ein. Doch
erst in den 80er Jahren sollte er die Akkzeptanz erreichen, nach der er
sich immer gesehnt hatte. Wir hatten das Glück, ihn auf seiner letzten
Tournee in der Genfer Victoria Hall zu sehen, ehe er in Paris einen Gehirnschlag
erlitt, von dem er sich nicht mehr erholte. Er verstarb 1992 in Buenos
Aires.
In Argentinien verlor der Tango in den 60er Jahren an Bedeutung. Erst
in den letzten Jahren setzte seine Renaissance ein, zu der u.a. die Joven
Guarida del Tango gehört. Die 20jährigen Musiker konnten
sich 1997/98 an Musikfestivals der Stadt Buenos Aires in Szene setzen.
Die meisten argentinischen Tango-Musiker sind heute unter 30 oder über
50 Jahre alt. Dazwischen klafft ein Lücke. Tanz und Musik befinden
sich zur Zeit auf einem fast weltweiten Höhenflug (von Argentinien
bis Finnland), von dem auch das hier besprochene Buch (mit weiterführender
Literatur) zeugt. Buch bestellen bei Amazon.de.
Eine grosse Auswahl an Tango-CDs bietet die
Danza y Moviemento GmbH in Hamburg. Vom bekanntesten Komponisten und Interpreten
der Geschichte des Tangos, Carlos Gardel, ist zum Beispiel die CD Tomo
y obligo (Vol. 14 aus der Serie mit seinem Gesamtwerk) erhältlich.
Sie enthält 18 historische Aufnahmen aus den Jahren 1924 bis 1931,
darunter das Titelstück Tomo y obligo von Gardel/Romero, 1931
in Buenos Aires aufgenommen, das auch im Film Luces de Buenos Aires
verwendet wurde.
Am 20. April 2000 hat uns Peter
Rupf folgenden Kommentar zu diesem Artikel zugesandt:
Das Werk von Arne Birkenstock und Helena Ruegg hat alle
Zutaten, um ein Klassiker der Literatur zum Tango zu werden. "Tango"
erzahlt die Entstehungsgeschichte dieses Tanz- und Musikstiles flussig, gar
spannend, sulgt aber nicht in der bereits abgegriffenen, und deshalb so
einfach verstandlichen Naktemadchenbeine- und Bordellromantik. Auch
bleibt der proletarische Klassenkampf bei der Beschreibung des sozialen und
wirschaftlichen Umfeldes des Argentiniens des auslaufenden 19. und beginnenden
20. Jahrhunderts artig vor der Tur. "Tango" ist vielmehr der
wohlgemerkt: gelungene Versuch, Hintergrundwissen, Anekdoten und liebevoll
erarbeitete Ubersetzungen von Klassikern der Tangolyrik denjenigen
weiterzugeben, die einfach Vergnugen daran finden, die Tanzflache zu betreten
und sich den Takten des Tango "avec corps et ame" hinzugeben.
Arne Birkenstock und Helena Ruegg bleiben erfrischend sachlich. Wie sie selbst
sagen: "...Andere bauen sich eine regelrechte Philosophie um den Tanz
herum, entdecken ihren verborgenen Eros, therapieren sich selbst und ihren
Partner gleich mit oder erleben "La Cumparsita" als meditatives
Happening. Wieder andere tanzen ihn einfach gerne: den Tango..."
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