www.cosmopolis.ch
Nr. 10, 15. Dezember 1999/14. Januar 2000
Aktuelle Ausgabe mit Archiv
Musik  Film  Kunst  Geschichte  Politik  Archiv

Links  Werbung  Feedback  English edition  Travel/Reisen
 
Copyright 1999  www.cosmopolis.ch  Louis Gerber  All rights reserved.

Der Weltuntergang - die Apokalypse
Die Kunst und die Visionen vom Ende der Welt
 
Keine Angst, lieber Leser, wir wollen Sie nicht über das vermeintlich bevorstehende Ende der Welt orientieren. Das neue Jahrtausend beginnt übrigens ohnehin nicht mit dem 1. Januar 2000, sondern erst ein Jahr später. Hier geht es vielmehr um den Katalog zur Ausstellung im Kunsthaus Zürich, die vor kurzem zu Ende gegangen ist.
 
Zumindest die Christen scheinen sich seit der Vertreibung aus dem Paradies (1802 von Johann Heinrich Füssli auf die Leinwand gebannt) mit dem Weltuntergang beschäftigt zu haben. Kann ein unfehlbarer Gott seine unvollkommenen Geschöpfe ewig leben lassen? Nein. Eines Tages müssen sie vor das Jüngste Gericht treten, 1569 von Michelangelo dargestellt. Gott dagegen ist der Erste und der Letzte, Alpha und Omega. Die Apokalypse schien unabwendbar (1471-1528 Albrecht Dürer). Auch die Sintflut war ein für die Künstler zu beachtendes Zeichen (so 1601 Jan Brueghel d. Ae.).
 
Knut Görich widerlegt in seinem Beitrag zum Katalog die Mär von der Angst vor der Jahrtausendwende im Jahr 999. Diese Angst wurde überhaupt erst im 16. Jahrhundert von Kardinal Caesar Baronius ermöglicht - und zwar mit seiner damals ungewöhnlichen Einteilung der Geschichte in Jahrhunderte und der Wiederentdeckung eines im Mittelalter so gut wie unbekannten Textes von Rodulfus Glaber. Die Milleniumsangst wurde quasi retroaktiv eingeführt. Natürlich realisierten gebildete Zeitgenossen den Wechsel vom Jahr 999 zum Jahr 1000, doch massen sie ihm nicht die Bedeutung zu, wie die Menschen des 16. Jahrhunderts.
 
Wenig bekannt ist, dass der Gründer des Roten Kreuzes, Henri Dunant, um 1890 symbolische chronologische Diagramme auf der Basis von Prophezeiungen aus der Heiligen Schrift schuf, die an Art Brut oder moderne Collagen-Kunst des 20. Jahrhunderts gemahnen. Eine rechnerische Auseinandersetzung mit der Heiligen Schrift oder Kunst eines Geisteskranken?
 
Während dem Zweiten Weltkrieg (1941/42) schliesslich hatte der deutsche Max Beckmann allen Grund, sich in einer Serie von Lithographien mit der Apokalypse auseinanderzusetzen. Härte, Rache, Vernichtung und Schöpfungshass waren seine Themen.
 
Auch die Wissenschaft des 20. Jahrhunderts hat sich mit dem Thema des Untergangs der Welt auseinandergesetzt bzw. die Möglichkeit vom nahen Ende erst geschaffen. Atombombe und Atomkraftwerke heissen die Stichworte. Pierre Brauchli schuf 1979 ein Plakat im Kampf gegen Atomkraftwerke, bei dem der Kühlturm zu einem Turm zu Babel umgedeutet wurde.
 
Die Studie zu den Grenzen des Wachstums des Club of Rome unter der Leitung von Dennis Meadows im Jahr 1972 zeugt von der Bewusstwerdung der Grenzen des Wachstums. Die Autoren waren sich der Unzulänglichkeiten ihrer Prognosen bewusst, die sich ja auch tatsächlich nicht bewahrheitet haben. Doch die Idee vom Leben im Gleichgewicht mit der Natur und das Entstehen von Umweltschutzorganisation und -Parteien ist nicht zuletzt das Verdienst ihrer Studie.
 
Der Astrophysiker Stephen Hawking schliesslich ist zum Schluss gekommen, das Universum habe weder Anfang noch Ende. Es wurde nicht erschaffen und ist nicht zerstörbar; es ist einfach. Das zum Trost für all diejenigen, die dem Jahr 2000 mit Angst entgegen sehen.
 
Ernst Halter, Martin Müller, Hg.: Der Weltuntergang. Mit fünf kritischen Essays und Originaltexten von Herodot, Johannes dem Tüfer bis Friedrich Dürrenmatt. 1999, 288 S., 80 Farb- und 32 Duplex-Abb.

 

 

www.cosmopolis.ch
Nr. 10, 15. Dezember 1999/14. Januar 2000
Aktuelle Ausgabe mit Archiv
Musik  Film  Kunst  Geschichte  Politik  Archiv

Links  Werbung  Feedback  English edition  Travel/Reisen
 
Copyright 1999  www.cosmopolis.ch  Louis Gerber  All rights reserved.