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Nr. 11, 15. Januar/14. Februar 2000
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Dizzy Gillespie - Biografie

Die Biographie von Alyn Shipton: Groovin' High. The Life Of Dizzy Gillespie. OUP, 1999, 422 p. Bestellen bei Amazon.co.uk oder Amazon.com. Get sheet music by Dizzy Gillespie. CDs von Dizzy Gillespie bestellen bei citydisc Schweiz
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A
lyn Shipton präsentiert Jazz Programme bei BCC, ist Jazz Kritiker für die Times in London und Autor von Biographien über Fats Waller und Bud Powell. In seinem neuesten Werk zu Dizzy Gillespie (Groovin' High. The Life Of Dizzy Gillespie), schürft er tief, zerstört einige Mythen - Gillespie hatte eine "Tendenz bei der Wahrheit zu sparen, wenn sie ihm gegenüber weniger positiv war - und enthüllt das dunkle Geheimnis einer illegitimen Tochter. Die Jazz Sängerin Jeanie Bryson (*1958) ist die Frucht einer Affäre Dizzys mit der weissen Songschreiberin Connie Bryson. Gillespie unterstützte sein einziges Kind zwar finanziell, aber weigerte sich sogar auf seinem Sterbebett im Jahr 1993, sie öffentlich anzuerkennen. Shipton geht hier und da auf Dizzys Liebes- und Sexleben ein.
 
Der Rezensent hat Dizzy Gillespie nur gegen Ende seines Lebens in den späten 80er Jahren in der Genfer Victoria Hall sowie am Montreux Jazz Festival gesehen, wo er - höflich ausgedrückt - keinen tiefen Eindruck hinterliess. Shiptons Biographie bildete deshalb (zusammen Dizzys CDs) die Gelegenheit, den Musiker auf der Höhe seines Schaffens kennenzulernen.
 
Er wurde 1917 in der Kleinstadt Cheraw in South Carolina als John Birks Gillespie geboren. Er wuchs in bescheidenen Verhältnissen auf. Sein Vater war ein Maurer, der am Samstag in einer örtlichen Band Piano spielte. Er starb, als Dizzy erst zehn Jahre alt und noch nicht an Musik interessiert war. Der junge Gillespie erhielt seine "musikalische Erziehung" von Nachbarkindern und in der Schule, besonders, nachdem dort eine Auswahl gespendeter Musikinstrumente eintraf. Nach dem Piano wechselte er rasch zur Trompete, erhielt aber nie formellen Musikunterricht. Dizzy lernte sich selbst durch Ausprobieren und mit Hilfe seiner Freunde. Er spielte auch in der Schulband. Später zog er mit seiner Familie nach Laurinburg (ebenfalls im Süden der USA), wo der Jazz noch traditionell und nicht von den Entwicklungen in Chicago und New York beeinflusst war.
 
Während der Depression verliess Gillespie frühzeitig die Junior High School um seine Familie zu unterstützen und arbeitete - wie so viele Scharze im Süden - kurzzeitig auf den Baumwollfeldern (in WPA Projekten). 1935 ging er nach Philadelphia zu seiner Mutter, die schon zuvor dahingezogen war. Dort erhielt er einen Platz in der Frankie Fairfax Band, die ihm, innerhalb weniger Tage nach seiner Ankunft, seinen Uebernamen verlieh. Der Schlagzeuger, Norman Dibble, fragte: "Wo ist Dizzy [schwindlig]?" Der Name passte und so behielt er ihn den Rest seines Lebens. Dizzy blieb bis Frühling 1937 bei der Band. 1936 stiessen die Trompeter Charlie Shavers und Carl "Bama" Warwick zu ihr. Nun hatte Gillespie zum ersten Mal in seinem Leben die Chance, mit Trompetern (seines Alters) technische Fragen zu diskutieren sowie zu experimentieren. Dizzy lernte, Louis Armstrong zu imitieren und (noch) nicht Roy Eldridge, wie er oft behauptete. Gillespie erzählte viele Geschichten über sein Leben und seine musikalische Erziehung, die nicht wahr sein können. So fand Shipton heraus, dass es für Dizzy in Cheraw nicht möglich gewesen war, am Radio Eldridge spielen zu hören, da dieser in jenen Jahren gar nicht gesendet wurde. Gemäss Shipton wurde Gillespie in jungen Jahren von Louis Armstrong (sowie  Swingstar Charlie Shavers und Henry "Red" Allen) beeinflusst, was er wohl verneinte, weil er um Satchs manifeste Abneigung gegen den Bebop, mit dem Dizzy berühmt wurde, wusste.
 
Im Mai 1937 nahm Gillespie seine erste Platte auf. Dann ging er nach New York, in der Absicht, sich Shavers und Warwick anzuschliessen, die dort bereits im Mills Blue Rhythm Orchestra, geführt von Lucky Milinder, spielten. Doch aus dem Job wurde nichts. Stattdessen gelang es ihm, von Zeit zu Zeit mit berühmten Bands wie den Savoy Sultans und Chick Webb's Orchestra (wo er Mario Bauza traf, der ihn später in die afro-kubanische Musik einführte) zu spielen. Immer noch 1937 war er Teil von Teddy Hill's Band auf deren Europa-Tournee. Beim Proben auf dem Schiff unterwegs zum Alten Kontinent wurde allerdings klar, dass Dizzy, nur mit seiner Erfahrung bei Frankie Fairfax, nicht in der Lage war, mit der Kontrolle zu spielen, die für die Leute von Teddy Hill üblich war. Gillespie wurde denn auch für eine Schallplattenaufnahme in Paris nicht berücksichtigt. Seine Popularität in der Band litt auch unter seinem Geldausleihsystem, bei dem er älteren Kollegen gegen saftige Zinsen aus finanziellen Engpässen heraushalf. Ein Bandmitglied meinte: Die Abneigung war real und anhaltend.
 
Im Januar 1938 erhielt Dizzy erneut die Erlaubnis, in New York zu arbeiten. Dort traf er erneut eine Tänzerin, die er erstmals 1937 auf einer Kurzvisite mit Edgar Hayes nach Washington gesehen hatte: Gussie Lorraine Willis. Sie wurde seine Freundin und half ihm über die finanzielle Krise hinweg, bis seine Aufnahme in New York als Musiker akzeptiert wurde. Einige Jahre später wurde sie seine Frau.
 
Im Sommer 1939 schliesslich wurde Dizzy in Cab Calloways Orchester aufgenommen, die kommerziell erfolgreichste Band in jener Zeit. Die zwei Jahre, die Dizzy mit Calloway verbrachte (August 1939 bis September 1941), brachten ihm den Durchbruch als Solotrumpeter. Gleichzeitig fand Gillespie die Zeit, After-Hours mit anderen Musikern zu spielen. Jazzhistoriker datieren seine zum Bebop führenden Experimente ihm berühmten Minton's auf das Jahr 1940. Sich auf die Spieldaten der Band von Calloway stützend, kommt Shipton allerdings zum Schluss, dass die After-Hours Sessions 1939 stattfanden - und zwar nicht im Minton's mit seiner Reputation als Geburtsstätte des Bebop, sondern in Clark Monroes Uptown House. Uebrigens habe Dizzy auch dort das als Jungautor geschriebene Bebop-Solo Kerouac im Mai 1941 aufgenommen.
 
Zusammen mit Charlie Parker (sax), Bud Powell (p) und Kenny Clarke (dr) war Gillespie Teil jener Jazzrevolution, die als  Bebop bekannt wurde. Dizzy hat bereits 1937 erstmals mit Kenny Clarke zusammengearbeitet. Der Schlagzeuger war für seinen unorthodoxen "klook-a-mop" Stil bekannt, ein Name, der kurze Zeit benutzt wurde, um zu beschreiben, was danach Bebop wurde. Der Stil blieb bis 1959 Avantgarde - bis Miles Davis [29.4.2002: wohl eher nur bis 1948, als Miles Davis das Nonett gründete, das als "Birth of the Cool" in die Geschichte einging und den Cool Jazz erfand], John Coltrane und Ornette Coleman den Free Jazz erfanden. Der Bebop bedeutete nicht nur auf musikalischer Ebene eine Revolution, sondern auch, weil Jazz nun keine Tanzmusik war. Er wurde nun eine Sache des Hörens - das ist wohl einer der Hauptgründe, weshalb Jazz aus dem Mainstream fiel. In Shiptons Augen wird die Rolle von Dizzy bei der Schaffung des Bebop noch immer unterschätzt. Charlie Parker und seine Kollegen vom Jay McShann Ochester erhielten noch immer den grössten Teil des Kredits dafür zugesprochen. Doch es sei Gillespie gewesen, der "die wesentlichen Ideen der Beboppers in einem intellektuellen Rahmen organisierte [,der es dem Bebop erlaubte,] sich über die engen Grenzen des Kreises der After-Hours-Enthusiasten hinaus zu entwickeln".
 
Shipton erklärt in den folgenden Kapiteln im Detail die Schaffung, Essenz und Evolution des Bebop. Er präsentiert die Schlüsselfiguren wie Charlie Parker und ihre Beziehung zu Dizzy. Er hält auch fest, dass der Bebop in seiner reinen Form nur einige Jahre dauerte. Dizzy selbst habe "die meisten rhythmischen und harmonischen Aspekte des Bebop, die für nichtinitierte Hörer am schwersten zu verstehen oder schätzen" gewesen seien, enfernt. Es war die Light-Version des Bebop, die Gillespie populär machte. Daneben entwickelte er mit dem erwähnten Mario Bauza den Afro-Cuban Jazz und produzierte später mit dem Komponisten und Pianisten Lalo Schifrin einige gewichtige Werke für die Konzerthalle. Dizzy war auch Teil der nicht immer geschmackvollen Bossanova-Welle (englische Texte eignen sich kaum für eine Musik, die für brasilianisches Portugiesisch geschrieben wurde).
 
Sonst scheint sich nichts wirklich Wichtiges in Dizzys musikalischer Karriere nach den 50er Jahren ereignet zu haben. Deshalb ist die zweite Hälfte von Shiptons Buch weniger faszinierend. Groovin' High ist ein wertvoller Beitrag zur Geschichte des Jazz und zum Leben eines seiner wichtigsten Botschafter, mit Fussnoten, Bibliographie und Index. Shipton geht auf Dizzys Plattenaufnahmen und Kompositionen ein und porträtiert alle wichtigen Figuren, die der Protagonist traf: Teddy Hill, Cab Calloway, Charlie Parker, Kenny Clarke, Mario Bauza, Thelonious Monk, Lalo Schifrin und viele andere.

 

 

 

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