Daniel Barenboim
Pianist und Dirigent: Biografie, Biographie, Albums, CDs,
Konzert
Artikel vom Februar 2000
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Biografie
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Der 1942 in Buenos Aires geborene Pianist und Dirigent Daniel Barenboim
ist der Sohn eines jüdischen Emigranten aus Russland. Mit fünf
Jahren begann ihn seine Mutter im Klavierspiel zu unterrichten. Danach
übernahm der Vater die Ausbildung, sein einziger Pianolehrer. Bereits
im Alter von sieben Jahren trat das "Wunderkind" erstmals in seiner Geburtsstadt
auf. Seine Familie zog 1952 nach Israel. In jenem Jahr erfolgten erste
Solokonzerte in Wien und Rom.1954 begann er bei Igor Markevich in Salzburg
mit der Ausbildung zum Dirigenten. In jenem Sommer spielte Daniel Barenboim
für Wilhelm Furtwängler, der daraufhin einen Brief schrieb, der
ihm viele Türen öffnete: der elfjährige Barenboim sei ein
Phänomen. 1955 studierte er Harmonie und Komposition bei Nadia Boulanger
in Paris.
1954 nahm er seine ersten Platten auf. Bald folgten Einspielungen der
Solokonzerte von Mozart, Beethoven und Brahms, der Klaviersonaten von Mozart,
Beethoven (so in den 60er Jahren die fünf Klavierkonzerte von Beethoven
unter der Leitung von Otto Klemperer) und Bartok (mit Pierre Boulez).
Zwischen 1965 und 1975 arbeitete Daniel Barenboim eng mit dem English
Chamber Orchestra zusammen, sowohl als Dirigent wie auch als Pianist. In
Auftritten rund um den Globus schuf er sich seinen hervorragenden Ruf.
1967 schliesslich begann seine eigentliche Laufbahn als Dirigent mit dem
New Philharmonia Orchestra in London. Gastauftritte mit den Berliner Philharmonikern
oder den grossen amerikanischen Orchestern folgten. Von 1975 bis 1989 war
er musikalischer Direktor des Orchestre de Paris, wobei er sich vor allem
für die zeitgenössische Musik einsetzte (Lutoslawski, Berio, Boulez, Henze,
Dutilleux, Takemitsu). 1991 übernahm er die gleiche
Aufgabe beim Chicago Symphony Orchestra als Nachfolger von Sir Georg Solti.
Gleichzeitig widmete sich Daniel Barenboim der Kammermusik, so in Zusammenarbeit
mit seiner 1987 an multipler Sklerose verstorbenen Frau Jacqueline Du Pré,
mit Dietrich Fischer-Dieskau, Itzhak Perlman oder Pinchas Zukerman.
Barenboim arbeitet eng mit der Deutschen Staatsoper Berlin
zusammen, seit 1992 als ihr Generalmusikdirektor. 1973 hatte er am Edinburgh
International Festival sein Debut als Operndirigent mit Mozarts Don Giovanni.
1981 dirigierte er erstmals in Bayreuth, wo er seither regelmässig
Gast ist. Er dirigierte dort Tristan und Isolde, Den Ring der Nibelungen,
Parsifal und Die Meistersinger.
Daniel Barenboims Repertoire reicht von der klassischen und romantischen
über die zeitgenössische Musik bis zu Jazz (Tribute to Ellington
mit Diane Reeves, Don Byron, u.a.), Tango (Tangos Among Friends
mit Rodolfo Mederos und Héctor Console) oder brasilianischer Musik,
wobei seine Crossover-Experimente nicht immer überzeugen. Zu seinen
Partnern gehörten auch die Gospelsängerin Jevetta Steele und
der Bluessänger David "Honeyboy" Edwards.
Als Jude und Israeli widmet sich Daniel Barenboim der Völkerverständigung.
Er pflegt enge Beziehungen zu deutschen Orchestern, den Berliner Philharmonikern,
der Staatskapelle Berlin und dem Bayreuther Festival Orchester. Anfangs
1990 lernte er den in Palästina geborenen Schriftsteller und Professor
an der Columbia University Edward Saïd in der Lobby eines Londoner
Hotels kennen. Schnell merkten sie, dass sie ähnliche Visionen bezüglich
der zukünftigen Zusammenarbeit von Israeli und Palästinensern
haben. Seither fördern sie den Dialog für eine friedliche Koexistenz
und im Februar 1999 gab Daniel Barenboim sein erstes Konzer auf der West
Bank, ein Klavierrezital an der palästinensischen Birzeit Universität.
22.3.2003: Siehe auch die umfassende englische
Biografie zu Daniel Barenboim.
Konzert in der Tonhalle Zürich, 10.2.2000
Barenboims Programm umfasste Mozarts Sonate in C-Dur, KV 330, Beethovens
Sonate in f-moll, op. 57, "Appassionata", sowie sechs Bilder aus dem Iberia-Zyklus
von Isaac Albéniz. Gleich vorneweg, die zweite Hälfte des Programms,
Albéniz, war die klar schwächere, was wohl weniger an Barenboim
als am Komponisten lag. Das er ein hervorragender Mozart-Interpret ist,
hat Barenboim schon mehrfach in seiner Karriere bewiesen. Siehe dazu auch
seine 1999 bei Teldec (3984-21483-2) erschienene Einspielung der Klavierkonzerte
Nr. 5, 6 & 8, aufgenommen mit den Berliner Philharmonikern, die unter
seiner Leitung standen.
Die im Konzert vorgetragene Pariser Sonate in C-Dur KV 330 von Mozart
überzeugte in der Wiedergabe der heiteren, idyllischen und verspielten
Stimmungen. Auch der durch seine einfache Liedform dazu im Kontrast stehende
intime Mittelsatz gefiel. Den mozartschen Wohlklang vermittelt Barenboim,
der keine technischen Probleme kennt, mühelos. Den Höhepunkt
des Abends - hat das zurückhaltende Zürcher Publikum dies nicht
gemerkt oder reagiert es immer so verhalten? - bildete Beethovens Appassionata.
Der Gegensatz zu Mozarts leichter Musik könnte grösser nicht
sein. Keine Heiterkeit, nichts Bezauberndes, keine Romanze, nichts Gefälliges,
sondern romantische Dunkelheit, leidenschaftliche Erregung, Stürme
und Vulkanausbrüche bietet Beethovens Werk. Barenboim interpretierte
die Musik in ihrer Aufgewühltheit und in ihren ruhigeren Stellen mit
souveräner Klarheit, in all ihren Spannungen. Ruhig, schwer, dramatisch
und leidenschaftlich, der Pianist beherrscht alle Register und zeigte durchaus
Temperament. Barenboim liess sich zu einigen Freiheiten hinreissen, die
seiner Interpretation aber keinen Abbruch taten. Die nach der Pause vorgetragenen
Bilder aus Albéniz' Iberia-Suite gehören wiederum einer völlig
anders gearteten Klangwelt an, romantisch, träumerisch, farbenfroh,
mit humorvollen Stellen. Die Musik ist leider weder Fleisch noch Fisch,
noch kein Impressionismus wie bei Debussy und ohne die Energie der verschiedenen
Stilrichtungen der spanischen Volksmusik, auf die sich der Zyklus immer
wieder abstützt. Bei Barenboim griffen die Bilder nur stellenweise.
Versöhnend wirkten seine Zugaben. Mozarts Welt hat Barenboim verinnerlicht.
Das Andante aus der C-Dur Sonate KV 545 bezauberte. Das Konzert bewies,
Daniel Barenboim gehört zu den grossen Mozart- und Beethoven-Interpreten
unser Zeit.
Am 10. August 2005 aus
Cosmopolis Nr. 16 hierher verschoben:
Daniel Barenboim -
50 years of performance
Rimsky-Korsakov und Bruckner CDs
Daniel Barenboim gehört zu den herausragenden Pianisten und
Dirigenten unserer Zeit. 1950, im alten von sieben Jahren, gab er sein
erstes offizielles, öffentliches Konzert in Buenos Aires. Teldec ist
dieses 50jährige Jubiläum "of performance" die Herausgabe
einer Serie von fünfzehn Doppel-CDs wert. Auf zwei dieser wiederveröffentlichten
Aufnahmen sei hier eingegangen.
Aus dem Jahr 1993 stammen die Aufnahmen von Rimsky-Korsakows Scheherazade
sowie von Zar Saltan, mit dem Chicago Symphony Orchestra
aufgenommen. Scheherazade wird von manchen böswilligen
Zeitgenossen als kitschige Kindermusik abgetan, was dem Stück bei der
Gunst des Publikums zurecht nichts anhaben kann. Barenboims Einspielung
des wunderschönen symphonischen Märchens, von nicht miteinander
verbundenen Episoden und Bildern aus Tausendundeiner Nacht
inspiriert, überzeugt. Weniger gefällt dagegen der Zar Saltan,
weniger weil das Chicago Symphony Orchestra die volkstümlichen Elemente
der russischen Musik vielleicht nicht immer richtig nachempfinden kann,
sondern weil die Komposition einfach schwächer ist, insbesondere im
direkten Vergleich mit der emotionsreichen Scheherazade, die durch
das Erzählen von Geschichten den Sultan davon abhalten muss, sie wie
seine anderen Frauen nach der ersten Liebesnacht zu töten.
Die zweite CD in diesem Doppelpack ist Tschaikowskys Symphonie Nr. 6,
einem seiner Meisterwerke, sowie der Ouvertüre 1812 Op. 49, seiner berühmtesten
Komposition, gewidmet. 1996 und 1998 aufgenommen, überzeugen beide
Aufnahmen. Im Adagio der "Pathétique" beeindrucken die
leidenschaftlichen Stellen ebenso wie das Hauptthema, das der Komponist
"zart, sehr sanglich und elastisch" gespielt haben wollte. Und
im Allegro con grazia bezaubert der berühmte Walzer im 5/4-Takt. Die für
die Weltausstellung 1881 als Eröffnungsstück geschriebene Ouvertüre
wurde sofort zum Hit. Barenboims Einspielung der Schlacht zwischen den
Nationalhymnen, in der sich die Marseillaise zuletzt der russischen Musik
ergeben muss, ist empfehlenswert wie die gesamte Doppel-CD - und dies
nicht nur von der Auswahl der Stücke her.
1993 und 1999 nahm Daniel Barenboim mit den Berliner Symphonikern
Bruckners Symphonien Nr. 4 und 7 auf. Erst 1862, mit 38 Jahren, schrieb
der jahrelang auf Kirchenmusik spezialisierte Komponist seine erste
bedeutende Instrumentalmusik. Die Begegnung mit der Musik Richard Wagners
- dem in Linz ein Jahr später zum ersten Mal aufgeführten Tannhäuser
- bewog Bruckner dazu, sich der Symphonie zuzuwenden, in der er die
Idealform für seinen musikalischen Ausdruck erkannte. Trotz seiner bis
dahin fast absoluten Unerfahrenheit in der Komposition für Orchester,
wurde er zu einem Meister dieser Form. Bruckner übertrug Wagners
Musiksprache auf die Instrumentalmusik. Beethovens Neunte Symphonie war
ihm ein Modell für eine grossräumige Anlage. Barenboims Einspielung der
Vierten Symphonie Bruckners dauert den auch über 68, die der Siebten über
70 Minuten. Die Berliner Symphoniker mit ihrem einzigartigen,
perfekt-reinen Ton sind der ideale Klangkörper für die Ausführung
dieser zwei Werke. Die Wiedergabe des grossen Gefühls unter Barenboim ist
meisterlich wie die Werke selbst. Die Siebte Symphonie schrieb Bruckner übrigens
im Angedenken an den wenige Monate vor der Veröffentlichung verstorbenen
Wagner, der ihn bei seinem letzten Zusammentreffen vor seinem Tode als den
einzigen Komponisten bezeichnete, der Beethoven gleichkomme. Die
Wagner-Tuben kommen darin erstmals in der symphonischen Musik zum Einsatz.
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