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Maurizio Pollini
Biografie, Biographie, CDs, Albums, Konzert
 
Artikel vom 15. Februar/14. März 2000


Der 1942 in Mailand geborene Maurizio Pollini studierte bei Carlo Lonati Klavier und Komposition sowie am Mailänder Konservatorium das Dirigieren. Bereits im Alter von 15 Jahren, als er Chopins Etüden in Mailand spielte, nahm die Presse Notiz von ihm. 1960 gewann er den prestigeträchtigen 1. Preis des Warschauer Chopin-Wettbewerbs. Daraufhin folgten weitere Jahre des Studiums, nun bei Arturo Benedetti-Michelangeli. Seit Mitte der 60er Jahre gibt Maurizio Pollini Klavierrezitale, spielt Kammermusik (z.B. Brahms) und arbeitet mit den grossen Orchestern dieser Welt zusammen. 1968 erfolgte sein erster Auftritt in den USA, 1974 in Japan. Zudem setzt sich Maurizio Pollini für die zeitgenössische klassische Musik. 1999 führt er am Salzburger Festival von ihm in Auftrag gegebene Werke von Manzoni, Donatoni, Guarnieri und Berio auf. Hin und wieder betätigt er sich auch als Dirigent, so am Rossini Festival in Pesaro.
 
Vor einiger Zeit hatte Maurizio Pollini Probleme mit einer Sehnenentzündung, die ihn zur Annullierung einiger Konzerte zwang (so in der Schweiz, wovon auch wir betroffen waren). Doch nun scheinen die gesundheitlichen Probleme überwunden. Davon zeugen auch zwei neue CDs bei der Deutschen Grammophon (1999), für die Pollini seit 1971 exklusiv aufnimmt.
 
Im April diesen Jahres entstand im Herkules-Saal in München Maurizio Pollinis neue Chopin-CD. Dem in der Regel auch bei Konzerten fehlerlos spielenden Pianisten wird oft blosse technische Brillanz attestiert, seine interpretatorischen Fähigkeiten seien dagegen limitiert. Da bei Frédéric Chopin erstmals in der Musikgeschichte die Virtuosität ganz im Dienst des poetischen Ausdrucks steht, ist diese CD - wie auch schon frühere Chopin-Einspielungen Pollinis - immer auch ein möglicher Gegenbeweis des Pianisten gegenüber seinen Kritikern. Chopins Balladen bezeichnen "eine kontinuierliche, lyrisch-narrative Entwicklung, die sich auf rein musikalischer Ebene vollzieht und formale Lösungen ermöglicht, die aus einer dramatischen Logik resultieren und sich nicht auf traditionelle Formen reduzieren lassen. Zwar gibt es jeweils zwei Themengruppen, die durchgeführt und verarbeitet werden; aus dieser thematischen Arbeit entstehet jedoch nichts, was sich als Sonatenform ansprechen liesse, und ganz bewusst wird die gängige Form der Reprise vermieden, die mit dem ersten Thema einsetzt und in die Grundtonart zurückführt" (Paolo Petazzi). Maurizio Pollini geht souverän mit Chopins dramatischer Darstellung verschiedener Gefühlszustände um. Sein Klavierspiel lässt sich nicht als reine technische Fertigkeit abtun, dafür sind Chopins Balladen, die Fantaisie op. 49 und die Prélude op. 45 zu komplex. In den Balladen erweist sich Chopin erstmals als Meister der grossen Form (Paolo Petazzi). Pollini wird diesem Anspruch auch im Ausdruck gerecht.
 
Gleichzeitig erscheint bei Deutsche Grammophon auch eine CD Maurizio Pollinis mit den Préludes I sowie L'Isle joyeuse von Debussy (bereits im Juni 1998 im Herkulessaal in München aufgenommen). Es gibt nur wenige hervorragende Pianisten für impressionistische Musik. Zu ihnen gehörte Maurizio Pollinis zeitweiliger Lehrer Arturo Benedetti-Michelangeli. Die Préludes von Debussy huldigen in ihren Titeln und und ihrer Anzahl jenen von Frédéric Chopin, der in der Romantik das Präludium zu einer autonomen Gattung erhoben hatte. Debussys Titel sind vage gehalten, erlauben Doppeldeutigkeiten (Voiles bedeutet Schleier oder Segel) und unterstreichen den flüchtigen Charakter sowie die Leichtigkeit der sich auf Assoziationen limitierenden impressionistischen Musik. Des pas sur la neige sind eine raffinierte Anspielung auf den barocken Begriff: Präludium zu ... etwas anderem (Laurent Barthel). Der Schüler Maurizio Pollini mag seinem Lehrer Arturo Benedetti-Michelangeli in den Préludes nicht das Wasser reichen können, doch mit der ebenfalls auf der CD eingespielten L'Isle joyeuse, mit der Debussy wohl auf Jersey anspielt, die Liebesinsel des Komponisten und seiner späteren zweiten Frau, Emma Bardac, muss sich der Pianist Pollini nicht verstecken. Debussys aufwendigstes Klavierwerk von "furchterregender technischer Schwierigkeit" (Laurent Barthel) kommt Pollinis technischen Fähigkeiten entgegen. Ein jubelndes Feuerwerk!

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Eingefügt am 17.2.2000

Maurizio Pollini. Konzert in der Tonhalle Zürich, 16. Februar 2000. Debussy: Douze Etudes pour piano. Boulez: Sonate Nr. 2. Konzertkritik.
 
Bereits dreimal in meinem Leben wollte ich Maurizio Pollini live erleben. Alle drei Mal wurde das Konzert aus gesundheitlichen Gründen abgesagt. Am 16. Februar nun schien alles zu klappen. Doch dann hatte die Lokomotive meines Zuges einen Defekt. Umsteigen wurde nötig. In Zürich angekommen, wurde ein Sprint durchs abendliche Schneetreiben nötig. Doch in der Tonhalle angekommen, hatte Pollini bereits mit dem Spiel begonnen. Das Premier Livre von Debussys Zwölf Etüden für Klavier hatte er bereits zur Hälfte hinter sich. Die zweite Hälfte durfte ich hinter einer verschlossenen Tür anhören. Nach dem Premier Livre folgte anhaltender Applaus - für mich die Chance, in den Konzertsaal zu schlüpfen.
 
Debussys Zwölf Etuden für Klavier aus dem Jahr 1915 markieren einen Umbruch im Werk des französischen Komponisten. Nach Monaten der Krise, des musikalischen Schweigens, das mit dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges einsetzte, fand er zu alter Schaffenskraft zurück. In der Auseinandersetzung mit Chopins Klavieretüden vollzog er eine stilistische Wende. Die Abstraktion und die damit verbundenen Geheimnisse standen nun im Mittelpunkt seiner Kompositionen. Die Klangfarbe und Klangfülle des Klavierspiels beschäftigten ihn. Anspielungen und Unausgesprochenes anstelle von suggestiver Musik standen im Mittelpunkt. Das spiegelt sich auch in den Titeln der Etuden wieder: Für Terzen, Für chromatische Stufen und Für Akkorde. Ihre formale Originalität überrascht noch heute. Trotz Titeln wie Für die acht Finger, "eine Art Perpetuum mobile von gleichbleibend verhaltener Dynamik" (Paolo Petazzi), sind es keine blossen Fingerübungen. Maurizio Pollini gab überzeugend die differenzierten dynamischen Schattierungen wieder und lotete Klangräume und -farben, Kontraste und technische Schwierigkeiten subtil und souverän aus. Obwohl die Etüden keine impressionistischen Klangbilder mehr sind, entwickeln sie - bei Pollini zumindest - durchaus poetischen Charme.
 
Debussys Etuden waren erst von Pierre Boulez richtig wiederentdeckt und gewürdigt worden. Pollinis Programm mit der Verbindung von Debussy und Boulez macht deshalb Sinn. Die Sonate Nr. 2 des zeitgenössischen französischen Komponisten und Dirigenten, der unter anderem an der Spitze des Cleveland Orchesters und und der New Yorker Philharmoniker stand sowie das französische, der Avantgarde gewidmete IRCAM leitete, stammt aus dem Jahr 1948. Der damals erst 23jährige Boulez vollzog damit nach eigenen Worten "den totalen und bewussten Bruch mit der Gesamtheit der klassischen Dodephonik", es sei "der entscheidende Schritt zu einer integralen seriellen Welt" gewesen. Tonhöhe und -dauer behandelte er seriell, währenddem Klangfarbe und Tonstärke noch immer eine gewisse Freiheit genossen.
 
Die scheinbare Zerrissenheit der nach dem Zweiten Weltkrieg entstandenen Musik löst sich bei aufmerksamen Hinhören in einem mehrdimensionalen Klangraum auf. Nicht nur der Hörer wird gefordert, sondern auch der Pianist, der sich bei der Ausführung der Notation nur annähern kann. Von Unspielbarkeit wie im Falle von Beethovens Hammerklaviersonate ist oft die Rede. Gerade aber jene Klaviersonate ist der Beweis dafür, dass spätere Generationen sehr wohl durchaus in der Lage sind, zuerst für unüberwindbar gehaltenen Schwierigkeiten zu bewältigen. Maurizio Pollinis Interpretation zeigte, dass die Annäherung an den Notentext von Boulez bereits mehr oder weniger vollzogen ist (siehe auch Pollinis Einspielung aus dem Jahr 1976, die 1978 veröffentlicht wurde und 1979 den Grand Prix International du Disque gewann, Deutsche Grammophon ISBN 28944 74312). Bei Boulez' Sonate Nr. 2 fehlen dem Zuhörer zwar im ersten Moment die Assoziationen, die geistigen Bilder. Bei Pollinis Konzert stellten sie sich jedoch beim aufmerksamen Hinhören sehr wohl ein. Kontraste, Steigerungen, Ruhe, kontrolliertes Spiel, die Sonate enthält alles. Ein interessantes Detail: Pollinis Lent viel gut eine Minute, sein Vif rund 45 Sekunden kürzer aus als bei seiner historischen Aufnahme aus dem Jahr 1976. Das Nichteinhalten der genauen metrischen Vorgaben störte nicht.
 
Wie öfters bei Konzerten bildeten auch bei Pollini die Zugaben einen, wenn nicht den Höhepunkt des Abends. Erneut wandte er sich Debussy zu, zuerst mit Des pas sur la neige (Préludes), danach mit der Cathédrale engloutie. Zuerst liess er sich allerdings vier Mal rausklatschen, wobei die Begeisterung des Publikums - und der Wunsch nach einem Encore - stets zunahm. Eine neue, dritte Klangwelt tat sich auf. Das sich repetierende Motiv von Des pas sur la neige interpretierte Pollini in seiner ganzen Fragilität, sensibel, teilweise fragend. Die Cathédrale engloutie erfüllte er mit steigender und fallender Wärme. Allein die zwei sensationellen Zugaben lohnten den Weg in die Tonhalle.


Maurizio Pollini. Photo © Philippe Gontier / Deutsche Grammophon, DG.
 


Maurizio Pollini. Photo © Philippe Gontier / Deutsche Grammophon, DG.
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Maurizio Pollini. Photo © Philippe Gontier / Deutsche Grammophon, DG.