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Kandinsky und Russland
Zur Ausstellung in der Fondation Gianadda, Martigny, Schweiz
 
Nr. 13, 15. März/14. April 2000
 
Paul Cézanne war zwar auf der Suche nach dem perfekten Bild (bei den Stilleben war die Suche auch oft von Erfolg gekrönt), doch war es Wassily Kandinsky, der nach jahrelangen Studien bezüglich Komposition, Formen und Farbgebung über die Abstraktion in den 1910er und 1920er Jahren zu einer grossen Anzahl "perfekter" Kunstwerke fand, die in dieser Form bis heute unerreicht sind. Unter dem Eindruck seines Wirkens am Bauhaus entwickelte sich Kandinsky leider in den 1920er Jahren unvorteilhaft weiter und fand zu geometrischen, konstruktivistischen Formen, die mit den erwähnten "organischen" und perfekten Bildern nicht mehr zu vergleichen sind. Die Ausstellung in der Fondation Gianadda in Martigny konzentriert sich auf Kandinsky und Russland. wodurch die Auseinandersetzung mit seinen späteren Arbeiten wegfällt.
 
Nach dem Kunsthaus Zürich, das sich bereits vor rund einem Jahr Chagall, Kandinsky, Malewitsch und der russischen Avantgarde gewidmet hat, ist nun die Reihe an Martigny, die Beziehung von Kandinsky zur russischen Kunst weiter auszuleuchten. Im Gegensatz zur Ausstellung im Kunsthaus stehen allerdings nicht Werke aus St. Petersburger Museen im Zentrum, sondern zumeist solche aus der Moskauer Tretjakow-Galerie (der gesamte Bestand des Museums an Öl- und Papierarbeiten von Kandinsky ist zu sehen).
 
Die Fondation Pierre Gianadda besitzt seit Jahren enge Beziehungen zu dieser Moskauer Institution. Im Jahr 1991 stellte sie die von Marc Chagall gestalteten Dekors aus dem jüdischen Theater in Moskau aus, nachdem sie zuvor deren Restauration finanziert hatte. 1997 schliesslich wurde in Martigny eine Auswahl herausragender Ikonen aus dem der Tretjakow-Galerie gezeigt.
 
Den über 50 Arbeiten von Kandinsky, die seine Entwicklung von den späten 1890er Jahren bis zu seinem Abschied von Russland im Jahr 1921 dokumentieren, werden knapp 90 Werke von russischen Zeitgenossen entgegengesetzt, die sich vom Symbolismus von Victor Borissov-Moussatov über den Expressionismus eines Alexeï von Jawlensky bis zum berühmten schwarzen Quadrat von Kasimir Malewitsch spannen (nicht in der ersten Version von 1915, sondern in einer Wiederholung aus dem Jahr 1929 zu sehen).
 
Den Höhepunkt der Ausstellung bilden weder der erwähnte Malewitsch noch die ebenso weltbekannten Ölgemälde Komposition VI und VII aus dem Jahr 1913 von Kandinsky, sondern dessen sensible Papierarbeiten (Aquarelle, Tuschzeichnungen) und Zinkgravuren. Weitere Highlights sind Kandinskys Gemälde Moskau: Roter Platz (1916), ein Stilleben von Alexandre Kouprine sowie drei Aquarelle von Aristarkh Lentoulov.
 
Auch die zwei Arbeiten von Varvara Stepanova Corps Masculin und Corps Féminin (1920) sind hervorragend und weisen weit über ihre Entstehungszeit hinaus. Die Künstlerin gehörte übrigens 1920 zusammen mit Rodtschenko nicht nur zu Kandinskys engsten Mitarbeitern am Moskauer Kulturinstitut, sondern hatte wiederum zusammen mit Rodtschenko auch entscheidenden Anteil an Kandinskys Ausscheiden aus jener Institution und seiner Rückkehr nach Deutschland (diesmal ans Bauhaus). Der Konflikt entstand unter dem Einfluss von Malewitschs Suprematismus. Der Künstler war gerade dabei, den Konstruktivismus zu entwickeln. Trotzdem, Ladowski, Popova, Korolew und Rodtschenko waren durch Kandinskys Schule gegangen und von seinen Methoden der formellen Analyse geprägt worden.
 
Kandinskys Schrift Inhalt und Form, eine Art Vorwort zu Über das Geistige in der Kunst, erschien 1910 in Odessa (Natalia Adaskina). Über das Geistige in der Kunst verfasste er 1910 auf russisch. Es wurde 1912 in St. Petersburg und in Moskau gelesen und diskutiert und 1914 (also nach der deutschen Version) auf russisch veröffentlicht. In Russland wird auf das Werk ironischerweise zumeist in einer Rückübersetzung aus dem Deutschen aus dem Jahr 1967 verwiesen (Jean-Claude Marcadé).
 
Dass die Werke der Tretjakow-Galerie den Stalinismus überlebt haben, ist nicht selbstverständlich. 1936 erschien in der Prawda ein Artikel zur Galerie, in dem der Sozialistische Realismus als einzig mögliche Kunstströmung bezeichnet wurde. Der Kampf gegen den "Formalismus" begann. Die Werke der Avantgarde verschwanden aus den Museen. Die Konservatoren der Galerie Tretjakow beschlossen, diese Werke in den Archiven zu verstecken und sie aus den offiziellen Inventaren zu streichen, wodurch es ihnen gelang, die Sammlung der Nachwelt zu erhalten.
 
Die Ausstellung Kandinsky et la Russie in Martigny (Schweiz) dauert noch bis zum 12. Juni. Der Katalog mit Beiträgen vor allem russischer Wissenschaftler der Tretjakow-Galerie zum Werk Kandinskys, seiner Rezeption in und seiner Beziehung zu Russland und zu russischen Künstlern enthält auch eine Chronologie aller Ausstellungen Kandinskys in Russland mit den dazugehörigen zeitgenössischen Kommentaren in russischen Zeitungen. In Moskau wurde Kandinskys Werk vor allem in seinen früheren Jahren kritisch gesehen, währenddem ihm in Odessa, wo er aufgewachsen war, die Kritiker eindeutig wohlwollender gegenüber standen.
 
Zu Kandinsky siehe auch folgende Artikel: Ausstellung in Tübingen, Ausstellung in London.

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