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Nr. 13, 15. März/14. April 2000
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Ian McKellen. Foto Copyright: Greg
Gorman.

Richard III 1995
Der Film basierend auf dem Stück von William Shakespeare. Regisseur: Richard Loncraine. Richard III: Ian McKellen. Queen Elizabeth: Annette Bening. King Edward: John Wood. Buckingham: Jim Broadbent. Rivers: Robert Downey Jr. Clarence: Nigel Hawthorne. Hastings: Jim Carter. Lady Anne: Kristin Scott Thomas. Duchess of York: Maggie Smith. Prince Edward: Christopher Bowen. Ratcliffe: Bill Paterson. DVD bestellen bei Amazon.de.
 

Richard III
 
Richard Loncraine und Ian McKellen haben Shakespeares Richard III fürs Kino adaptiert. Charaktere und Handlung wurden in ein imaginäres, faschistische Europa und England der 1930er Jahre transferiert. Die Swing-Musik und der Art Deco-Style des Filmsets gehören klar in jene Periode. Der Film spielt in einem vom Bürgerkrieg zerrissenen England. Der König wird von der rebellischen York-Familie bedrängt, die darum kämpft, ihren ältesten Sohn, Edward, auf den Thron zu bringen. Edwards Armee marschiert unter der Führung seines jüngsten Bruders Richard (Ian McKellen), Duke of Gloucester, auf das gegnerische Hauptquartier zu.
 
Der Film beginnt mit einem Telex, aus dem der König erfährt, dass Richard im Anmarsch ist. Mit grossem Getöse durchbricht daraufhin ein Panzer die Wand zum Raum, in dem er sich befindet. Soldaten stürmen herein. König Henry (Edward Jewesbury) sowie der Thronanwärter der regierenden Familie werden getötet. Die nächste Szene steht in Kontrast dazu: friedliches Palastleben der York-Familie, die ihren Sieg feiert. Die Idylle hält allderdings nicht lange an. Der ambitiöse Richard, von Geburt an missgestaltet, will selsbt regieren. Deshalb muss eine Reihe von Menschen seiner eigenen Familie sterben. Der Film zeigt in einem einzigen Blutrausch das rücksichtslose Vorgehen von Richard. Gegen Ende des Dramas kämpft Richard III um sein eigenes Leben und flüstert beinahe, auf einem Jeep stehend, die berühmte Zeile: "Ein Pferd, ein Pferd, ein Königreich für ein Pferd." Als er stirbt, setzt fröhliche Swing-Musik ein (I'm Sitting On Top of the World).
 
Ian McKellen (Richard III) schaut direkt in die Kamera, während dem er seine Intrigen dem Publikum darlegt, das dadurch zu seinem Vertrauten gemacht und ins Drama hineingezogen wird. McKellen betont, dass der Lügner Richard dem Publikum immer die Wahrheit sagt, aber nur ihm. Das soll das Publikum entwaffnen, das allein in seine Pläne eingeweiht ist und so zum Komplizen wird. Mc Kellen ist grandios in seiner vielleicht bisher besten Rolle als Richard. Neben ihm überzeugen auch Schauspieler wie Jim Broadbent als Buckingham, Jim Carter als Prime Minister Lord Hastings, Nigel Hawthorne als Clarene und Maggie Smith als die Duchess of York, Richards Mutter.
 
Wie immer, gilt es zwischen dem Stück des Autors, hier Shakespeare, und der Adaptation für den Film zu unterscheiden, der ein eigenständiges Kunstwerk ist und nicht immer und in jedem Detail mit dem ihm unterliegenden Original verglichen werden sollte. Trotzdem, was im Film stört, ist das Faktum, dass die Dialoge stark gekürzt wurden. Der Film rast von einem Mord zum nächsten, wobei Shakespeares Sinn für die Entwicklung des Dramas hier und dort verloren geht. Natürlich sind die meisten Morde perfekt inszeniert, so derjenige von Rivers, (Robert Downey, Jr.), der völlig unerwartet inmitten einer Sexszene zu Tode kommt.
 
Annette Bening als Queen Elizabeth und Robert Downey, Jr. als ihr Bruder, Rivers, werden klar und bewusst als Amerikaner porträtiert. McKellen erklärt, dass er Queen Elizabeth und ihren Bruder aus mehreren Gründen als Amerikaner gespielt haben wollte. Im Originaldram seien sie ebenfalls Fremde bezüglich der sozialen Schicht, welcher der König und Richard entstammten. Im Kontext der 30er Jahre habe er, McKellen, deshalb bewusst Amerikaner mit ihren klar anderen Stimmen und unterschiedlichem Auftreten gewählt, denen gegenüber die Briten Vorbehalte haben würden. Zu viele amerikanische Schauspieler versuchten, den englischen Akzent nachzuahmen, wenn sie Shakespeare spielten. Das habe er vermeiden wollen, auch weil Shakespeare selbst wohl einen Akzent gehabt habe, der näher dem nordamerikanischen als dem modernen englischen Akzent gewesen sei. Trotz dieser Erklärungen bleibt Annette Bening in ihrer Rolle als Queen Elizabeth wenig überzeugend. Sie scheint nicht fähig gewesen zu sein, Shakespeares Worte wie die englischen Schauspieler auf natürliche Weise vorzubringen. Bei ihr wirken die Zeilen seltsam gekünstelt.
 
Ian McKellen hatte zuvor Richard III auf einer Welttournee mit dem Royal National Theatre gespielt. Er wollte einen Shakespeare-Film machen, der einem möglichst grossen Publikum zugängig sei, was mit diesem Film wohl auch gelungen sei. McKellen hat recht, stellenweise wirkt Richard III wie ein Actionfilm, eine Art John Woo-Film, mit grossartigen Dialogen beigefügt. Trotz der erwähnten Schwächen und Freiheiten, die sich der Film gegenüber dem Original erlaubt, ist Richard III ein grossartiges und teilweise schockierendes Drama. "Cinema at its best", mit Farben, Kostümen, Dekors, Musik, Handlung und Schauspielern intelligent zu einem Gesamtkunstwerk zusammengefügt.

 
Biographie von Ian McKellen
 
Ian Murray McKellen wurde 1939 in Burnley, einer nordenglischen Stadt geboren, in der sein Vater, Denis Murray, als Ingenieur tätig war. Ians frühe Faszination für das Theater wurde von seinen Eltern unterstützt, die ihn ins Manchester Opera House zu einer Aufführung von Peter Pan mitnahmen, als er gerademal drei Jahre alt war. In allen Schulen, die er besuchte, spielte Ian Theater. Am wichtigsten für seine Entwicklung war Frank Greeene, der senior English master an der Bolton School. Im Hopefield Miniature Theatre mit seinem winzigen Zuschauerraum trat Ian regelmässig auf. Dort hatte er seinen ersten von wenigen Auftritten als Frau, als er ein Bolton Mühlen-Mädchen spielte, dass sich seinen Weg in einen Schönheitswettbewerb erschwindelt (The Beauty Contest von Leonard Roe). Seinen ersten Auftritt in einem Schauspiel von William Shakespeare hatte Ian mit dreizehn Jahren in der Briefszene aus Twelfth Night.
 
Jeden Sommer ging Ian McKellen ins Sommerlager nach Stratford-upon-Avon, wo er am Abend Laurence Olivier und Vivien Leigh, Charles Laughton und John Gielgud in Shakespeares Schauspielen sah. Ian gewann den Wettbewerb, um am St. Catherine's College zu lesen. Diese Ehre wurde ihm zwei Jahre später wieder weggenommen. Bis dahin hatte er in 21 undergraduate Produktionen mitgespielt. Er wurde nun bereits von der nationalen Presse wahrgenommen. Als er 1961 als Bachelor of Arts graduierte, entschied er sich für die Laufbahn als Schauspieler ("I  wasn't fit for anything else!"). Ohne Schauspielunterricht genommen zu haben, trat er erstmals als Roper in A Man for All Seasons auf, in einer Produktion des Belgrade Theatre.
 
Neben seiner Karriere als Theaterschauspieler ist Ian McKellan seit 1966 in mehr als 20 Filmen aufgetreten. Er ist schwul, Vegetarier und ein Anhänger von  New Labour.


I
an McKellen. Foto Copyright: McKellen.


Biografie von William Shakespeare
Park Honan, Emeritus Professor an der School of English der Universität von Leeds, hat eine weitherum hochgelobte Biographie von William Shakespeare geschrieben (Shakespeare: A Life. OUP, 1999). Seine Arbeit richtet sich an das grosse Publikum und basiert auf den heute erhältlichen Fakten zum Leben von Shakespeare, wobei er neues und relevantes Material beigefügt hat. Honan trennt in seiner Arbeit erfolgreich Fakten von Mythen und Fehlern. Seine Biographie wirft ein neues Licht auf die Jugend von Shakespeare. Honan profititerte auch von jüngsten Recherchen, die sich vor allem auf lokale Belege und Dokumente abstützen. Wo er keine Zeugnisse zum Leben von Shakespeare fand, versuchte er nicht, sich vorzustellen, wie es hätte gewesen sein können, sondern beschrieb andere Kinder, Männer und Familien seiner Zeit mit einem ähnlichen sozialen Hintergrund, wodurch einige Ereignisse in seinem Leben, über die viel gerätselt wurde, plötzlich plausibel werden. Bezüglich dem Tod von Shakespeare kommt Honan zum Schluss, dass er die Folge eines  typhoiden Fiebers war. Die Biographie ist detailreich und mit literarischem Flair geschrieben. Trotdem bleibt Shakespeare: A Life leicht lesbar. - Park Honan: Shakespeare: A Life. Hardcover, OUP, 1999, 479 p. Biografie bestellen bei Amazon.de.


Richard III (1995) by Richard Loncraine. Starring Ian McKellen, Annette Bening, et al. DVD bestellen bei Amazon.de.
 
Shakespeare - sämtliche Werke. Phaidon Verlag, Essen. Diese "Heidelberger Ausgabe" beruht auf der Übersetzung durch die deutschen Romantiker Schlegel und Tieck. Bestellen bei Amazon.de.
 

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