Unter der Führung des eher blassen ehemaligen Inspektors der Finanzen,
José María Aznar, drückte die Regierung die in Europa
höchste Arbeitslosigkeit von gut 20% beim Amtsantritt 1996 auf heute
rund 15%. Das Land trat der Eurozone bei, die Maastricht-Kriterien einhaltend.
Aznar hat die Steuern gesenkt, vor allem den Mittelstand entlastet, das
strenge Arbeitsrecht gelockert und die Märkte geöffnet. Die Inflation
ist unter Kontrolle. Das Wachstum liegt mit rund 4% über dem europäischen
Durchschnitt. Für einmal hat nicht ein charismatischer Führer
wie Aznars Vorgänger als Regierungschef, Felipe González, sondern
ein solider Handwerker dank seinem Leistungsausweis gewonnen.
Die PSOE Regerung unter Felipe González hatte zwar historische
Weichenstellungen vollbracht, so die endgültige Eingliederung Spaniens
in Europa und die Überwindung der Ablehnung der NATO durch die Arbeiterpartei.
NATO-Generalsekretär wurde schliesslich gar González' langjähriger
Weggefährte Solana! Doch auch der PP steht für Europa und NATO.
Auf wirtschaftlicher Ebene hatten die sozialistischen Ideen des PSOE jedoch
versagt und dem Land eine riesige Anzahl von Arbeitslosen beschert. Eine
Neuorientierung war 1996 nötig geworden, nicht zuletzt auch wegen
einer Reihe von Skandalen, die das Vertrauen der Bevölkerung in die
Arbeiterpartei erschüttert hatte.
Nach vierjähriger Regierungsarbeit kann Aznar nicht nur die erwähnten
ökonomischen Erfolge vorweisen, sondern er hat auch die Vorbehalte
von Teilen der Bevölkerung gegen allfällige Franco-Nostalgiker
im PP weitgehend beseitigt. Wie der konservative Aznar und der PP mit ihrer
absoluten Mehrheit umgehen werden, bleibt allerdings abzuwarten. Im regional
stark gespaltenen Spanien mit Katalanen und Basken ist weiterhin Dialogfähigkeit
gefragt.
Das Wahlresultat kann mit Fug und Recht als eine kleine Revolution in
der spanischen Politlandschaft bezeichnet werden. Nicht nur wegen der PP-Mehrheit,
sondern auch, weil die Linke zurechtgestutzt wurde. Der PSOE und die kommunistische
Izquierda Unida (IU) verfügen nun zusammen über weniger Mandate
als der PP. Die zwei Parteien hatten sich über ein Wahlbündnis
verbunden, das nun beiden das Genick gebrochen hat. PSOE-Chef Almunia ist
wegen seiner verfehlten Strategie denn auch sogleich zurückgetreten.
Er hatte nicht begriffen, dass Wahlen im heutigen Spanien in der Mitte
gewonnen werden, da die Zweiteilung des Landes in Links und Rechts weitgehend
überwunden scheint. Gleichzeitig bietet der PSOE auf wirtschaftlicher
Ebene keine Alternative an. Die 35-Stunden-Woche als Massnahme gegen die
Arbeitslosigkeit überzeugt nicht. Der Vorwurf von Unregelmässigkeiten
bei den Privatisierungen durch die bürgerliche Regierung mag nicht
völlig aus der Luft gegriffen sein, doch waren sie kaum systematischer
Natur. Und wer an die skandalträchtige Regierung-González zurückdenkt,
kann sich kaum vorstellen, dass der PSOE besser agiert hätte.
Als weiteres hervorragendes Element des
"elektoralen Erdbebens" vom
12. März ist hevorzuheben, dass Aznar nun nicht mehr auf die Unterstützung
durch nationalistische Regionalparteien angewiesen ist. Auf die Hilfe des
baskischen PNV wolle er verzichten, hatte der Regierungschef schon vor
den Wahlen angekündigt, da der PNV mit den Extremisten von Herri Batasuna
(HB) und damit mit der dahinterstehenden Terrororganisation ETA kollaboriert
habe. Die ETA-Leute haben bis heute nicht begriffen, dass das Franco-Regime
1975 zu Ende gegangen ist und es in der Demokratie keinen Platz für
Terror zur Durchsetzung politischer Ziele gibt. Die ETA strebt nach der
vollen Unabhängigkeit des Baskenlandes. Aznar kann nur autonome Strukturen
anbieten, die schon heute existieren und nicht viel weiter ausbaubar sind.
Die Terrorakte werden deshalb weitergehen. Im Gegensatz zu Katalonien,
wo die wirtschaftliche Elite die bürgerliche CiU untertützt,
die sich für mehr Autonomie einsetzt und in ferner Zukunft auf die
Unabhängigkeit hofft, steht die Elite im Baskenland, wo die grossen
traditionellen spanischen Banken ansässig sind, nicht hinter den Seperatisten
von HB. Die Kräfte, die nach Unabhängigkeit streben, sind deshalb
nicht kontrollierbar.
Das Wahlresultat trifft vor allem auch Jordi Pujol mit seiner
CiU. Der
Katalane hatte sich an seine Rolle als spanischer Königsmacher schon
so gewöhnt, dass er in seinem Übermut (oder aus Gründen
der Transparenz?) schon im Vorfeld der Wahlen in zwölf Punkten
den Tarif für die Zusammenarbeit der CiU mit dem PP bekanntgegeben
hatte. Nachdem sich am Wahlabend die absolute Mehrheit für den PP
klar abzeichnete, ergossen sich sofort hämische Sprechgesänge
der PP-Anhänger über den kleingewachsenen Katalanen, die ungute
Befürchtungen hochkommen lassen, wobei Aznar nicht vollständig
mit seinem Fussvolk identifiziert werden darf. Doch könnte Pujol nun
die Quittung für seine von vielen Spaniern als "erpresserisch" empfundene
Haltung erhalten - viele beneiden ohnehin die Katalanen um ihren durch
harte Arbeit erworbenen Wohlstand. Erstaunlicherweise bildet die CiU eine
Ausnahme unter den Regionalparteien, da sie von 1,151 Millionen Wählern
auf 0,964 Millionen zurückfiel, während dem die meisten Regionalparteien
Stimmen dazugewannen oder stabil blieben. Sollte Aznar aus seiner Position
der Stärke heraus katalanische Forderungen ignorieren oder Sensibilitäten
verletzten, könnte der katalanische Nationalismus wieder virulenter
werden. Die Mehrheit für den PP ist kein absolutes Plus, sondern birgt
auch Gefahren für die Stabilität Spaniens.
Biografie/Biographie von José María Aznar
Der spanische Regierungschef José María Aznar
wurde 1953 in Madrid geboren. Er ist verheiratet und hat drei Söhne.
Nach dem Rechtsstudium an der Universidad Complutense de Madrid wurde er
Inspector de Finanzas del Estado. 1979 wurde er zum Generalsekretär
der Alianza Popular de Logroño gewählt (1979). Von 1982 bis
1987 war er Generalsekretär der Landespartei Alianza Popular. 1989
wurde er Präsidentschaftskandidat des Partido Popular, danach Präsident
des PP. 1996 schliesslich gelang ihm der Sprung an die Regierung, dank
dem kleinen Vorsprung, den der PP gegenüber dem damals regierenden
PSOE in den Wahlen errang, sowie der Unterstützung durch Regionalparteien.
Weiterführende Links zu Spaniens Regierung, Politik, Parteien und Zeitungen: Links.
|
|