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Die Geschichte der
Republik Taiwan
Biografie von Tschiang Kai-schek und Biographie von Lee Teng-hui
Nr. 14, 15. April/14. Mai 2000
Geschichte ist keine Einbahnstrasse, sondern u.a. eine Kombination von
Optionen, Entscheidungen und Zufall. Bereits vor dem Fall der Quing-Dynastie
fanden im Jahr 1909 beschränkte Wahlen in China statt, die 1912 und 1913
sowie nochmals 1918 ausgeweitet wurden, als ein Parlament gewählt wurde, das
bis 1923 Bestand hatte. Sun Yat-sen hatte die siegreichen Bolschewiken in
Russland angefragt, wie die Macht nach dem Fall der Quing-Dynastie zu
organisieren sei. Lenins zentralisierter Einparteienstaat mit Unterstützung
des Militärs wurde so zum Modell sowohl der Kuomintang (KMT) als auch der
Kommunisten (CCP), die zu Beginn im wesentlichen ganz einfach der Linke
Flügel der Nationalisten (KMT) waren.
1927 schliesslich
verabschiedeten KMT und CCP zusammen Gesetze, die den Einparteienstaat in
China durchsetzten. Wer sich ihnen in den Weg stellte, wurde wegen
"konterrevolutionären Verbrechen" verfolgt. Bereits damals begann
der Machtkampf zwischen KMT und CCP, der zum Bürgerkrieg führte. Beide
Parteien versuchten, die unumschränkte Herrschaft über China zu erreichen.
Die Kommunisten errichteten schlussendlich ein bis heute andauerndes
Einparteiensystem in der Volksrepublik China. Die Nationalisten ihrerseits
etablierten nach ihrem erzwungenen Rückzug infolge der Niederlage im
Bürgerkrieg auf Taiwan ein analoges Regime, das im wesentlichen bis 1987
andauerte. In den ersten Jahren war das Regime zudem der Planwirtschaft
verhaftet. Erst allmählich wurden marktwirtschaftliche Elemente eingeführt.
Die Verflechtung von Politik und Wirtschaft dauert aber teilweise bis heute
an.
Im Mai 1895 ging der chinesisch-japanische Krieg zu Ende.
Formosa erklärte sich damals unabhängig, doch innerhalb einer Woche wurde es
von den Japanern zu einer Kolonie degradiert, wobei die neuen Herren die Insel
gleichzeitig modernisierten, Eisenbahnlinien errichteten und eine moderne
Verwaltung aufbauten. Trotdem begrüssten die Taiwaner die Festlandchinesen
1945 als Befreier, doch die KMT begann sogleich, ein Einparteien-Terrorregime
zu errichten. 1947 schliesslich liessen sie Tausende von taiwanesischen
Politikern und Intellektuellen festnehmen und hinrichten. Nachdem Mao 1949 auf
dem Festland die Kontrolle übernommen hatten, zogen sich Tschiang Kai-scheks
Truppen nach Taiwan zurück. Mit den Soldaten kam über eine Million ziviler
Flüchtlinge auf die Insel. Die KMT führten das Kriegsrecht ein, das bis 1987
in Kraft blieb. Das Regime war äusserst repressiv und forderte von den
Taiwanern, Mandarin zu sprechen. Die Repräsentanten der vom Festland
gekommenen Kuomintang dominierten das Leben auf der Insel über den Tod
Tschiang Kai-Scheks im Jahr 1975 hinaus. Noch am 10. Dezember 1979 schlugen
die KMT eine Demonstration in Kaohsiung blutig nieder. Dieses Datum gilt
allerdings gleichzeitig auch als Symbol des Anfangs vom Ende des repressiven
Regime.
Eine substantielle Öffnung Taiwans erfolgte erst unter dem jetzt
abtretenden Lee Teng-hui, dem ersten auf Taiwan geborenen Präsidenten. 1923
auf die Welt gekommen, wuchs Lee auf einer Reis- und Teefarm in einem kleinen
Dorf im Norden Taiwans auf, das damals eine japanische Kolonie war. 1943 ging
er nach Japan um Agrarökonomie (agricultural economics) an der Kyoto Imperial
University zu studieren. Am Ende des Zweiten Weltkriegs diente er als Offizier
in der japanischen Armee. Lee studierte auch an der National Taiwan University,
wo er nach dem Abschluss bis 1952 lehrte. In jenem Jahr erlaubte ihm ein
Stipendium, an die Iowa State University in die USA zu gehen. Später
verdiente er sich einen Ph.D. in Agrarökonomie an der Cornell
University in New York.
1972 betrat Lee die politische Bühne als
Minister ohne Portfolio in Tschiang Kai-scheks Kabinett. Von 1978 bis 1981
bekleidete er den Posten des Bürgermeisters in der Hauptstadt
Taipei und danach, bis 1984, diente er als Gouverneur der Provinz von Taiwan.
Lee konnte sich gegen alle Beschränkungen, trotz der Diskriminierung
gegenüber auf Taiwan geborenen durchsetzen. Er stieg in der KMT auf, wo er
dem inneren Zirkel um Präsident Tschiang Tsching-kuo, Tschiang Kai-scheks
Sohn und Nachfolger, angehörte und als dessen Vizepräsident er von 1984 bis
1988 diente. Nach Tschiang Tsching-kuos Tod im Januar 1988 wurde Lee sein
Nachfolger im Präsidentenamt. Die KMT hatte allmählich ihre Führungsbasis
an Festlandchinesen verloren - sie verstarben ganz einfach - und sich deshalb
mehr und mehr den in Taiwan geborenen Kadern öffnen müssen.
Lee erweiterte rasch die zaghaften politischen Reformen, die von seinem
Vorgänger eingeführt worden waren. Bis zum Ende des Jahres 1991 hatte er
bereits alle alten Parlamentarier, die 1949 vom Festland geflohen waren und
noch immer ihre Posten besetzt hatten, in Pension geschickt. Das ist einer der
Gründe, weshalb in nationalistischen Kreisen auf Taiwan wie auf dem Festland
Lee oft als Verräter betrachtet wird, der China spalten wolle und Taiwans
Unabhängigkeit anstrebe - wobei die Insel ohnehin de facto seit 1949
unabhängig ist. Lee führte ein, dass die Bürgermeister der wichtigsten
Städte und der Gouverneur der Provinz von Taiwan direkt vom Volk gewählt und
nicht mehr von der Zentralregierung einfach ernannt werden. 1992 wurde Lee in
einem noch undemokratischen System als Präsident bestätigt. Doch 1996
organisierte er die ersten freien Präsidentschaftswahlen auf Taiwan. Peking
liess damals seine militärischen Muskeln spielen, um die Taiwaner von der Wahl
Lees sowie von einem vermeintlichen Unabhängigkeitskurs der
"abtrünnigen Insel" abzuhalten. Doch die Taiwaner liessen sich
nicht beeindrucken und bestätigten Lee erstmals demokratisch in seinem Amt.
Ende der 90er Jahre entschied sich der heute 77jährige Präsident, seinen
Sessel zu räumen, doch wollte er mit allen Mitteln verhindern, dass der
charismatische ehemalige KMT-Generalsekretär James Soong sein Nachfolger
wird. Dies führte zu einer entscheidenden Schwächung der Kuomintang bei den
diesjährigen Wahlen, da der aus der Partei verbannte Soong sich als
Unabhängiger zur Verfügung stellte und Lees Kandidat äusserst blass blieb,
was schlussendlich zum Ende der Herrschaft der KMT über Taiwan führte (siehe
auch den Artikel zu Taiwans Wahlen).
Literatur zu Taiwan:
-
Lee Teng-huis Memoiren: The Road to Democracy. Taiwan's Pursuit of Identity.
PHP Institute, Tokyo, 1999, 229 p.
-
Als Einführung ins moderne Taiwan: David Shambaugh, ed.: Contemporary
Taiwan, OUP, Clarendon Paperbacks, 1998, 329 p.
-
Auf Französisch: Jean-Pierre Cabestan: Le système politique de
Taiwan, Paris, puf, Que sais-je? 1999, 127 p.
-
Zu Chinas Präsident siehe Jiang
Zemin.
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