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Johann Sebastian
Bach
Biografie Basierend auf dem Werk von Christoph Wolff
Am 28. Juli 1750 verstarb Johann Sebastian
Bach, nachdem er 26 Jahre lang für die Stadt Leipzig tätig
gewesen war. Das Bachjahr ist noch jung und hat doch bereits mindestens zwei Höhepunkte
geliefert: Mischa Maiskys Einspielung von Bachs sechs Suiten für Violoncello
Solo (siehe unten rechts) sowie die bisher
kompletteste Bach-Biographie - aus der Feder von
Christoph Wolff -, von der in diesem Artikel die Rede sein wird. Daneben bleibt
die 1983
erschienene Darstellung von Malcolm
Boyd dank ihrer Werkanalyse interessant.
Christoph Wolff ist bescheiden und betont, dass
die Bachforschung keine abgeschlossene Angelegenheit sei, sondern jederzeit neue
Quellen auftauchen könnten, was auch während der Niederschrift seiner Arbeit
der Fall war. Bezüglich Bachs Werk meint der Autor gar, dass nur 15 bis 20%
seiner Musik überlebt habe. Allein aus seiner Weimarer Zeit seien mehr als 200
Kompositionen wohl für immer verloren gegangen, und von seinen Leipziger
Kantanten seien rund 40% nie gefunden worden. Wolff konzentriert seine
Darstellung allerdings auf das Leben Bachs, wobei er betont, das es einen
eklatanten Mangel an Informationen von entscheidender Bedeutung aufweise. Es
wäre möglich, ausgedehnte Kapitel dem zu widmen, was bezüglich Bachs Leben
unbekannt oder fragwürdig sei. Trotzdem ist es Wolff gelungen, das Wesentliche
von Bachs Lebensgeschichte und von seiner Persönlichkeit auf gut 620 Seiten
darzustellen.
Der 1940 geborene Christoph Wolff ist seit 1976
Ordinarius für Musikwissenschaft an der Harvard Universität in Cambridge,
Massachusetts. Er lehrte u.a. von 1963 bis 1969 an der Universität Erlangen und
bekleidete auch eine Gastprofessur in Basel. Seit 1990 ist er Honorarprofessor
der Universität Freiburg i.Br. Er gehört dem Herausgeberkollegium der Neuen
Bach-Ausgabe an und ist Mitherausgeber des Bach-Jahrbuches, um nur auf einige
Stationen und Tätigkeiten aus seinem reichen wissenschaftlichen Leben zu
verweisen. Zu seinen Veröffentlichungen bezüglich Bach gehören: Bach:
Essays on His Life and Music (Cambridge 1991, 3/1996), Die Bach Familie
(Stuttgart 1994) sowie, als Herausgeber, Die Welt der Bach Kantaten in
drei Bänden (Stuttgart 1996-99).
Wolff verzichtet auf die detaillierte Besprechung
einzelner Werke von Bach (hierfür sei, wie bereits erwähnt, auf das Werk von
Malcolm Boyd verwiesen). Zusammen mit der Entwicklung von Bachs Stil und Technik
soll die Werkanalyse Gegenstand einer eigenen Studie werden, die Wolff als
Ergänzung zum vorliegenden biographischen Porträt später vorzulegen
beabsichtigt.
Bach stammte aus einer weitverzweigten Musikerfamilie, die seit
mehreren Generationen, und auch über Johann Sebastian Bach hinaus, mit der
Musik verbunden war und blieb. Gestützt auf die wenigen
verfügbaren Quellen kommt Wolff zum Schluss, das Bachs Frühwerk bereits vor
1705 auf eine junge Meisterschaft des Komponisten und Musikers schliessen
lässt. Das bedeutet eine Akzentverschiebung und Neubewertung von Bachs
Frühwerk, ohne dass sich Wolff dabei auf neue Forschungsergebnisse oder
Entdeckungen abstützt.
Der Untertitel der amerikanischen Ausgabe von
Wolffs Biographie lautet The Learned Musician, der gelehrte Musiker.
Damit ist gleich gesagt, worin Bach sich von seinen Verwandten unterschied und
worin sein Selbstverständnis bestand, das gleichzeitig einer objektiven
Charakterisierung gleichkommt: Die wissenschaftliche Atmosphäre des Forschens
und Lehrens, verbunden mit Entdecker- und Erfindergeist, macht Bachs
musikalische Philosophie aus. Er sah sich nicht als Musikant, sondern als
Musikgelehrten, der Werke musikalischer Wissenschaft erstellte.
Bach pflegte zudem aussergewöhnlich enge
Verbindungen zur Leipziger Universität und hatte Kontakte zu Professoren in den
verschiedensten wissenschaftlichen Gebieten. Die Frau eines
Philosophieprofessors war die Patin eines seiner Söhne, ein Professor für Alte
Kirchengeschichte taufte drei seiner Kinder, ein Logik- und Physikprofessor
steuerte das Libretto zu einer Kantante bei und ein Rechtsprofessor
kommissionierte bei ihm eine Kantate. Bach selbst behandelte in seiner Musik die
Beziehung zwischen Logik und Glauben, Wissenschaft und Gott. Gleichzeitig war er
ein Kind des 17. Jahrhunderts, das zwar über den musikalischen Handwerker
hinausging, aber doch noch kein autonomer Komponist war, wie es erst das 19.
Jahrhundert hervorbrachte. Bach war von Arbeitgebern, Fürsten und
Repräsentanten von Städten abhängig, was immer wieder zu Konflikten führte
und sogar zu einer Gefängnisstrafe führte.
Wolff stimmt mit dem Musiker und Musikkritiker
des 18. Jahrhunderts, Daniel Schubart, überein, der meinte, was Newton für die
Philosophie war, das war Bach für die Musik, die er zur Wissenschaft erhob und
systematisch erforschte. Die Instrumente waren sein Labor. Obwohl Bach
nie über Weimar, Leipzig und die anderen regionalen Wirkungsstätten hinauskam,
im Gegensatz zu seinen Zeitgenossen Händel und Telemann, zeugen seine Werke
weit mehr von der Begegnung mit der musikalischen Welt seiner Zeit, da sie auf
der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit der Musik beruhen. Wenn Bach eine
Revolution ausgelöst habe, dann beruhe sie auf seiner Kompositionslehre, in der
er die bisher getrennt behandelten Prinzipien von Generalbass, Harmonik und
Kontrapunkt zusammenführte, meint Wolff, der als wichtigste
"Lehrstücke" für dieses Verfahren das Wohltemperierte Klavier
sowie "die Sammlung von mehr als 370 vierstimmigen Chorälen [anführt],
die die Perspektiven der harmonischen Tonalität aufdeckten."
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Christoph Wolff: Johann Sebastian Bach: The Learned Musician. W W
Norton & Co, Hardcover, 2000, 544 S. 14.2.2202: Englische Ausgabe 2001
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Am 21.8.2004
hierherverschoben aus Cosmo11, 2000:
Mischa Maisky: Johann Sebastian Bach, Sechs Suiten
für Violoncello Solo. Deutsche Grammophon 2894633142. Die Aufnahmen
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Zum Vergleich: Seine Aufnahmen aus dem Jahr 1994 bestellen bei Amazon.de.
Der Cellist Mischa Maisky gehört zu den grossen seines Fachs. Seine
Neueinspielung der sechs Solosuiten von Johann Sebastian Bach, begleitet
von einer Tournee, begann 1999 rechtzeitig als Vorgeschmack auf das nun
anstehende Bach-Gedenkjahr. Der Höhepunkt wird der 28. Juli 2000,
der 250. Todestag des Komponisten, bilden (Cosmopolis wird auf neue Literatur
und CDs zu Bach eingehen). Für die Popularität der sechs Solosuiten
im 20. Jahrundert ist vor allem der Katalane Pablo Casals verantwortlich,
der 1890 in einem Musikantiquariat in Barcelona ein Exemplar der Grützmacher-Ausgabe
aufgespürt hatte. Bachs Präludien lassen den Interpreten grosse
gestalterische Freiheit, die Casals im Sinne seines Romantizismus zu nutzen
wusste. Mischa Maiskys erhielt 1959 von seinem älteren Bruder Valery,
ein Bachforscher und -interpret, ein Exemplar der 1957 erschienenen Musgyz-Ausgabe
von Alexander Stogorsky geschenkt. Mischa Maiskys Lehrer Mstislaw Rostropowitsch
und Gregor Piatigorsky (Stogorskys Bruder) führten ihn später
in die Geheimnisse von Bachs Cello-Suiten ein. Schliesslich stiess er auf
Casals legendäre Einspielung aus den 30er Jahren, die er zuerst für
"verrückt" hielt, doch heute sei ihm klargeworden, dass ihn Casal
nachhaltig beeinflusst habe. Zu seiner Neueinspielung meint Maisky, er
habe vor einigen Jahren in Zürich in einem HiFi-Fachgeschäft
ein Paar Boxen ausprobiert. Dabei habe der Verkäufer eine CD eingelegt,
auf der u.a. das Bourrée aus der Cellosuite in C-dur zu hören
war. Zuerst dachte er, man wolle sich mit dieser "Persiflage" über
ihn lustig machen, doch dann habe er mit Schrecken feststellen müssen,
dass es seine Aufnahme aus dem Jahr 1985 war! Deshalb sei er glücklich
über den Vorschlag von Deutsche Grammophon gewesen, die Suiten für
das Bachjahr 2000 neu einzuspielen. Dabei betont der Cellist, dass für
ihn jedes Jahr ein Bachjahr sei. Das Resultat von Maiskys Einspielung in
einer Abtei in Flandern ist jedermann zu empfehlen (diese Rezension stützt
sich auf Tully Potter).
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