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Nr.15, 15. Mai/14. Juni 2000
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The Blair Witch Project
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Nun ist auch die deutschsprachige DVD von The Blair Witch Project zu haben. Fünf Studenten des Filmprogramms der Universität von Central Florida haben The Blair Witch Project in nur acht Tagen mit einem Budget von $35,000 gedreht. Der fiktive Dokumentarfilm basiert auf Rohmaterial, 35mm-Film, das von drei Studenten gefunden wurde, die in den Wäldern nach der legendären Blair-Hexe gesucht hatten und nie wieder gesehen wurden. Der Film erregte durch cleveres Marketing schon vor seiner Veröffentlichung viel Aufmerksamkeit. Im Internet wurde die Story als wahre Geschichte präsentiert und mit einer Reihe von dokumentarischen Hinweisen versehen. Am Sundance Filmfestival wurde The Blair Witch Project im Januar 1999 erstmals gezeigt. Daraufhin wurde er zuerst in nur rund zwölf Kinos in den USA gezeigt. Doch der Film kam beim Publikum so gut an, dass er bald überall zu sehen war und zu dem Kultfilm des Jahres 1999 wurde. Bis jetzt hat er schon über $100 Millionen eingespielt, was ihm die beste Input-Ouput-Ratio in der Filmgeschichte bescherte und so manchen Filmboss ins Schwitzen brachte, der mit Dutzenden von Millionen Dollar Einsatz auch keinen grösseren Umsatz erzielt. Dank dem Drehbuch, der Regie und dem Schnitt von Daniel Myrick und Eduardo Sanchez verwandelt der Film seine Schwächen, kein Geld, keine teure Filmausrüstung und keine Spezialeffekte, in Stärken: schlechter Ton, verwackelte und unscharfe Bilder erhöhen die Glaubwürdigkeit von The Blair Witch Project als (fiktiver) Dokumentarfilm.
 
Die Idee zu einem Horror-Film, der sich um die Mythologie der Blair-Hexe dreht, kam den jungen Filmemachern im Jahr 1993 durch Dokumentarfilme der späten 70er Jahre wie The Legend of Body Creek, die sich um seltsame Phänomene drehten, sowie durch psychologische Thriller wie The Shining. Sie wollten panische Angst, Ausweglosigkeit, Chaos und Unvorhersehbarkeit zeigen und erzeugen. Einer der Produzenten, Gregg Hale, hatte einst ein spezielles Überlebens-Trainingsprogramm bei den Special Forces der US-Armee mitgemacht und brachte diese Erfahrung mit ans Set. Die Schauspieler sollten über ihre Grenzen hinweg getrieben werden. Jeden Tag erhielten sie kleinere Essensrationen im Wald, was die Realitätsnähe des Films verstärkte. Dank dem GPS-Orientierungssystem konnten sie jederzeit im Wald genau geortet werden und deshalb über weite strecken auf sich alleine gestellt arbeiten bzw. dorthin dirigiert werden, wo sie die Regisseure hinhaben wollten, wobei die Schauspieler nur vage Erklärungen erhielten und selbst nie wussten, was sie erwartete und wie die Geschichte weitergehen würde.
 
Leider haben die Filmemacher es verpasst, die Legende der Blair-Hexe in den Film einzubauen. Auf der DVD kann sie (wie auf Website auch) in einem speziellen Feature erforscht werden. Die Ortschaft Blair, Maryland, wurde 1734 gegründet. 20 Familien lebten dort im Februar 1785, als mehrere Kinder behaupteten, Elly Kedward habe sie in ihr Haus gelockt, um ihnen Blut abzusaugen. Daraufhin wurde die Frau der Hexerei beschuldigt und im harten Winter aus dem Dorf verbannt. Man nimmt an, dass sie im Wald den Tod gefunden hat.
 
Im November 1786 verschwunden die Erwachsenen und Kinder, die Elly angeklagt hatten, auf mysteriöse Weise aus dem Dorf. Die Bewohner glaubten an einen Fluch und schworen, nie mehr den Namen von Elly auszusprechen. Im November 1809 wurde das Buch The Blair Witch Cult veröffentlicht. 1824 wurde an der Stelle des ehemaligen Blair die noch heute existierende Stadt Burkittsville gegründet. Im August 1825 verschwand der zehnjährige Eileen. Elf Zeugen schworen, ihn an einer bleichen Hand (einer Frau) gesehen zu haben. Im März 1886 verschwindet der achtjährige Robin. Nach einigen Tagen kehrt er zurück, doch die Suchtrupps, die nach ihm ausgesandt wurden, werden tot gefunden, an Beinen und Armen aneinandergefesselt und völlig ausgeweidet.
 
Zwischen November 1940 und Mai 1941 verschwinden sieben Kinder im Gebiet von Burkittsville. Am 25. Mai 1941 taucht der Einsiedler Rustin Parr auf und sagt, er sei endlich fertig. In seiner Hütte werden alle Kinder gefunden - ausgeweidet. Er habe es für den Geist einer alten Frau getan, bekennt Parr, der kurz darauf gehängt wird.
 
Am 20. Oktober 1994 treffen drei Collegestudenten in Burkittsville, Maryland, ein, um für eine Semesterarbeit die Bewohner der Ortschaft zur Blair Witch Legend zu befragen und einen Dokumentarfilm darüber zu drehen. Eine alte, verwirrte Frau behauptet, die Hexe, halb Mensch, halb Tier, gesehen zu haben. Zwei Fischer weisen den drei Filmemachern am 21. Oktober den Weg zum Coffin Rock, wo einst die ausgeweideten Körper des Suchtrupps gefunden wurden, die nach Robin suchen gingen. Die drei Filmer brechen daraufhin zum Coffin Rock auf und wurden nie mehr gesehen.
 
Am 25. Oktober 1994 wird das Auto von Josh, einem der drei Studenten, gefunden. Am Tag darauf setzt ein grossangelegte Suche ein, die am 5. November abgebrochen wird, ohne dass auch nur die Ausrüstung gefunden wurde. Die Mutter von Heather, der Studentin, die das Dreierteam anführte, beginnt eine Privatsuche. Am 19. Juni 1995 wird der Fall als unaufgeklärt abgeschlossen. Am 16. Oktober 1995 finden Studenten der Anthropologie-Abteilung der Universität von Maryland einen Seesack mit DAT-Bändern, Videokassetten, eine Hi-8-Videokamera, Heathers Tagebuch sowie eine weitere Kamera, vergraben unter einer 100 Jahre alten Hütte. Die elf Rollen Schwarz-Weiss-Film und die zehn Rollen Hi-8-Videotapes stammen von Heathers Crew.
 
Am 15. Dezember 1995 werden Teile des Filmmaterials den Hinterbliebenen der drei Opfer gezeigt, doch sind die Ausschnitte nicht sehr aufschlussreich. Am 19. Februar 1996 kriegen sie zusätzliche Teile gezeigt, die sich jedoch für gefälscht halten. Heathers Mutter geht daraufhin an die Öffentlichkeit. Am 1. März 1996 wird der voll für abgeschlossen erklärt. Das gesamte Filmmaterial soll am 16. Oktober an die Familien gehen. An jenem Tag fordern die Angehörigen die Hexan-Filmgesellschaft (die effektive Produktionsfirma von The Blair Witch Project) auf, die Tapes zu untersuchen und Sache zu rekonstuieren.
 
Der eigentliche Film mit den Schauspielern Heather Donahue, Michael Williams und Joshua Leonard zeigt Heather, die Projektleiterin, Mike, den Tontechniker und Josh, den Kameramann, wie sie zur Expedition nach Blair aufbrechen. Verwackelte Bilder aus einer Schwarz-Weiss- und einer Farbkamera, von Heather und Josh, zeigen alles, was die drei in jenen Tagen aufgenommen haben. Ohne Spezialeffekte, sich nur auf Kredibilität der Schauspieler abstützend, ist The Blair Witch Project ein eindrücklicher Film ohne untermalende Musik, bei dem der Horror lediglich von der Vorstellung im Kopf des Zusehers herrührt.
 
Heather führt die Gruppe in die Irre. In der Nacht hören sie seltsame Geräusche. Als sie am Morgen vor ihr Zelt treten, finden sie drei Steinhaufen. Müde und hungrig, haben die Drei nur noch einen Wunsch, abzuhauen. Doch verlieren sie noch die Karte - einer der Jungs gesteht, sie in den Fluss geworfen zu haben, da sie doch keine Hilfe gewesen sei. Heather rastet aus. - Der Film handelt auch vom Geschlechterkampf zwischen den zwei Jungs und dem Mädchen. - Die Jungs ihrerseits beschuldigen Heather, sie in die ihre geführt zu haben. Danach streiten sie sich um den Kompass. Später finden sie "Vodoo-Shit", wie einer der Jungs die Kreuze und Männchen aus Ästen nennt, die sie antreffen. Die Sache spitzt sich zu. Nach einer weiteren Nacht sind Dinge durchwühlt und schleimiges Zeugs ist am Boden zu sehen. Gleichzeitig hört Heather nicht auf, alles mit ihrer Kopfkamera aufzunehmen - erneuter Streit ist die Folge. Nach fünfzehn Stunden des Marsches durch den Wald stellen sie fest, dass sie im Kreis gegangen sind. Panik und Verzweiflung greifen um sich ...
 
Dies ist ein innovativer Film mit kleinen Mitteln, der natürlich nicht mit grossen Hollywood-Produktionen verglichen werden kann, auch was die Leistung der Schauspieler angeht. Trotz des eher enttäuschenden Schlusses ist The Blair Witch Project ein sehenswerter Film. Der grösste Horror ist die Angst vor dem Unbekannten, das haben die jungen Filmemacher erkannt. Alleine und bei Nacht zu geniessen!

 
 

 
 
 
 

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