|
Johann Sebastian
Bach - Biografie
Leben und Werk basierend
auf der Biographie von Malcolm Boyd: Johann Sebastian Bach. DVA, 2000 (1983), 375 S.
Bestellen bei Amazon.de.
Musik von Bach bei Amazon.de
Malcolm Boyds bei DVA wiederaufgelegte
Biographie aus dem Jahr 1983 widmet sich abwechselnd Leben und Werk von Johann
Sebastian Bach. Der Autor geht ausführlich auf die Musikerdynastie der Bachs
ein, die in jener Zeit nichts Ungewöhnliches war, wie sein Verweis auf die
Scarlattis in Italien, die Couperins in Frankreich und die Purcells in England,
um nur die herausragendsten zu nennen, beweist.
Gemäss Boyd brauchte der 1685 in Eisenach
geborene Bach "ein Fenster, das ihm den Blick auf neue Horizonte freigab,
und einen Katalysator, der ihm bei der Ausbildung seines Reifestils behilflich
sein konnte. Weimar wurde ihm das Fenster; Vivaldi und der Stil des modernen
italienischen Konzerts waren der Katalysator."
Auf Weimar (1708-17) folgte Köthen (1717-1723)
als weitere Station in Bachs Karriere. Die hundert Kilometer nördlich von
Weimar gelegene Stadt war seit 1603 die Residenz des Fürsten von Anhalt-Köthen.
Fürst Lepold war ein guter Violonist, Gambist und Cellist,
der zudem "einen guten Bass" sang. Doch nach seiner Heirat im Dezember
1721 zeigte sich rasch, dass die neue Fürstin "die Begeisterung ihres
Mannes für Musik nicht teilte und überhaupt allen künstlerischen Dingen eher
gleichgültig gegenüberstand: sie war eine 'amusa', wie Bach es später seinem
Freund Georg Erdmann gegenüber ausdrückte." Ein halbes Jahr nach der
Heirat starb Fürst Leopold und den Kantor Bach zog es bald weiter nach Leipzig,
wo er die nächsten 26 Jahre bis zu seinem Tod tätig sein sollte. Nur
Dresden war in Sachsen noch bedeutender als die Universitäts- und Handelsstadt
Leipzig. Die 1409 gegründete Leipziger Universität gehörte zu den
bedeutendsten und fortschrittlichsten in Deutschland. Die Vorrangstellung
Leipzigs als Verlags- und Buchhandelsstadt war unbestritten.
Die zeitgenössischen Quellen sagen nichts über
Bachs Einstellung zu religiösen Fragen oder philosophischen Kontroversen seiner
Zeit. Der Charakter des Komponisten tritt dagegen in seinen Auseinandersetzungen
mit seinen Arbeitgebern sowie seinen Choristen hervor: Entschlossenheit, die
"sich leicht zum Eigensinn verhärtete, wenn er ein Ziel nicht errreichte."
Boyd teilt Bachs Entwicklung in drei stilistische
Perioden ein: die Lehrjahre bis 1713, die Meisterjahre bis 1739/40 sowie die
Vollendung bis zu seinem Tod im Jahr 1750. Bis 1713 schrieb Bach vor allem
Orgel- und Klavierwerke sowie "ein paar Kantanten". In der zweiten
Stilperiode in Weimar kam er mit der modernsten italienischen Musik, besonders
mit dem Concerto, in Berührung: "klare Melodik und prägnante Rhythmik,
dazu ein neues Bewusstsein für tonartliche Abläufe und ihre Hintergründe,
besonders für die Bedeutung der Kadenzen. Bach vermischte dies mit der
Nüchternheit des lutherischen Chorals, mit reichem Mittelstimmensatz und er
mehr im Norden beheimateten Vorliebe für strenge Kontrapunktik. Das Ergebnis
war ein unmissverständlich individueller Stil, der in jeder musikalischen
Gattung zum Klingen gebracht werden konnte [...]." Im Spätwerk
schliesslich scheint wie bei Beethovens letzten Werken die Musik "die
Bewusstseinssphäre des Menschen" zu übersteigen.
Bei der Gegenüberstellung der beiden "Grossmeister
des Spätbarocks" kommt Boyd zum Schluss, dass die Musik der zwei nur wenig
Gemeinsames hatte: "Händel glänzte in Gattungen, die man in Bachs
Gesamtwerk nicht findet (Oper, Oratorium und Konzerte in der Form Corellis);
Bach dagegen schrieb seine grössten Werke in den Gattungen, die Händel nicht
pflegte (Kirchenkantate, Passionsoratorium, Messe und Konzerte in der Form
Vivaldis). Weltliche Musik bildete in ähnlicher Weise einen Mittelpunkt für
Händels Schaffen wie für Bach die geistliche." Händels Musik war
"in grossen Dimensionen ausgeführt, vokal gedacht, melodiereich und im
Innersten italienisch; Bachs Musik dagegen zeigt bis in Detail handwerkliche
Sorgfalt, ist instrumental gedacht, an Kontrapunkt orientiert und
unmissverständlich deutsch." Zudem ist Bachs Musik von grösserer
technischer Schwierigkeit - schwieriger als die "irgendeines anderen
Komponisten im 18. Jahrhundert".
Die gedankliche und technische Dichte von Bachs
Werk verhinderte allerdings auch die Weiterverbreitung seiner Musik zu seinen
Lebzeiten. Zu jenen, die ihn schätzten, gehörten Mozart und Beethoven, und
"als Beethoven 1827 starb, hatte Bach im deutschen Bewusstsein als
unsterblicher Musiker neben Händel, Haydn und Mozart seinen festen Platz
eingenommen [...]."
Boyds Biographie beleuchtet neben Bachs Leben vor
allem sein Werk: die frühen Kompositionen, die Orgelwerke (Choräle,
Präludien, Fugen, weitere Orgelwerke), die Werke für Orchester,
Kammerbesetzung und Klavier, die Leipziger Kirchenmusik (Kantaten, Motetten,
"Magnificat", Passionen), die Oratorien und Messen, die
Cembalokonzerte und "Clavier-Übungen" sowie die Kanons und
Kontrapunkte. Vor allem in dieser Hinsicht bietet Boyds Arbeit eine ideale
Ergänzung zu Wolffs Bach, wobei auch die rein biographischen Kapitel lesenswert
bleiben.
Siehe auch den Artikel zur Bach-Biographie von Christoph
Wolff. Weitere Artikel zu Klassik: Musik.
|
|