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Nr. 15, 15. Mai/14. Juni 2000
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The Osterman Weekend 1983
Filmkritik und Biografie von Regisseur Sam Peckinpah. John Tanner: Rutger Hauer. Lawrence Fassett: John Hurt. Bernard Osterman: Craig T. Nelson. Richard Tremayne: Dennis Hopper. Maxwell Danforth: Burt Lancaster. Joseph Cardone: Chris Sarandon. Stennings: Sandy McPeak. Ali Tanner: Meg Foster. Virginia Tremayne: Helen Shaver. Betty Cardone: Cassie Yates. DVD bestellen bei Directmedia Schweiz oder
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Biografie: Sam Peckinpah war einer der radikalsten Regisseure des amerikanischen Kinos. 1925 in Fresno, Kalifornien, geboren, ging Peckinpah auf die Marine-Schule. Im Zweiten Weltkrieg schloss er sich der amerikanischen Armee als Marineinfanterist an. Zu seinem "Leidwesen" griff sein Regiment nie aktiv in den Krieg ein. 1947 heiratete er seine erste Frau und begann an der Universität von Südkalifornien Theater zu studieren. Er nahm einige kleine Jobs an, so bei der Liberace Show (!). Danach arbeitete er als Regisseur fürs Theater und fürs Fernsehen. Peckinpah schrieb fürs Fernsehen Gunsmoke, The Rifleman und The Westerner. Mitte der 50er Jahre wurde er Assistent von Regisseur Don Siegel. 1960 hatte er seine eigene Fernsehserie The Westerner, die allerdings nur 13 Wochen dauerte. Danach unternahm er einige erfolglose Versuche, ein Teil des Mainstream-Kinos zu werden. Doch er blieb ein Aussenseiter und "böser Bube" unter Amerikas Regisseuren. Peckinpah war für Alkohol- und Drogenkonsum berüchtigt. Auf dem Set verhielt er sich oft seltsam und schuf sich viele Feinde. In den letzten Jahren seines Lebens lebte er vor allem in einem Wohnmobil.
 
Peckinpahs erster Film war The Deadly Companions im Jahr 1961. Ride The High Country folgte 1962, mit den Altstars Randolph Scott und Joel McCrea in ihrem letzten Western. Weitere Filme Peckinpahs (dies ist keine vollständige Liste) waren 1969 The Wild Bunch, eine "Zeitlupen-Western-Komödie". Dieser Film gab ihm entscheidenden Auftrieb. 1971 folgte Straw Dogs mit Dustin Hoffman. Der Film brachte ihm den Vorwurf ein, übermässig Gewalt einzusetzen - eines seiner Markenzeichen. 1972 folgte der Roadmovie The Getaway mit Steve McQueen und Ali McGraw. Viele kennen den Film nur als Remake mit Alex Baldwin und Kim Basinger. Pat Garrett and Billy The Kid drehte Peckinpah 1973 mit den Folkmusicstars Bob Dylan und Kris Kristofferson in den Hauptrollen. 1976 drehte er den Antikriegsfilm Steiner - Cross of Iron, der sich mit dem Gehorsam im Krieg auseinandersetzte. Sein letzter Film war The Osterman Weekend (1983). Peckinpah starb im Jahr 1984.
 
Peckinpah betrachtete das Filmemachen als seinen Krieg gegen Hollywood, die Studios, die Produzenten und die Crew. In Pat Garrett and Billy The Kid verschliess er sechs Cutter - das Schneiden dauerte bei ihm im übrigen monatelang. Peckinpahs unverwechselbarer Stil beinhaltet den häufigen Gebrauch von Zeitlupen, Zeitverzögerungen, Standbilder und viele kurze Schnitte. Die Gewaltszenen in seinen Filmen sind oft in Zeitlupe und zeigen die Szene auf verschiedenen Perspektiven. Doch seine Filmcharaktere gebrauchen nicht grundlos Gewalt, sondern sie befinden sich oft an Schlüsselstellen in ihrem Leben, in denen sie die Perspektive verlieren und einem Gewaltrausch verfallen.
 
The Osterman Weekend ist ein Film über Verschwörungen, menschliche Beziehungen, Gewalt und Moral. Der Film beginnt mit einer Szene, in der Lawrence Fassett (John Hurt) nach Liebesszene mit seiner Frau eine Dusche nimmt. Eine versteckte Kamera filmt die Szene und zeigt, dass zwei Männer reinkommen und seiner Frau etwas mit Gewalt in die Nase spritzen, während dem Fassett sich duscht. Als er zum Bett zurückkommt, ist seine Frau schon tot.
 
Erst danach realisiert der Zuschauer, dass der CIA-Chef Maxwell Danforth (Burt Lancaster) und sein Mitarbeiter Stennings (Sandy McPeak) die Szene, die Jahre zuvor stattfand, auf Video betrachten. Der KGB tötete damals Fassetts Frau - aus bestimmten Gründen mit der stillschweigenden Komplizenschaft der CIA. Gemäss Danforth hat Fassett nie von der Mitwisserschaft der CIA erfahren, obwohl er wie verrückt nach den Mördern suchte. Doch seine Suche führte ihn scheinbar auf die Spur ein Spionagerings, Omega genannt.
 
Danforth und Stennings sind davon beeindruckt. Fassett schlägt vor, einen der drei beschuldigten Spione, die scheinbar für den KGB arbeiten, umzudrehen. Die drei sind Freunde von John Tanner (Rutger Hauer), einem Fernsehmoderator, der in seiner Sendung korrupten Politikern und anderen Skandalen nachspürt. Er ist zudem einer der schärfsten Kritiker des CIA-Chefs Danforth, der präsidentielle Ambitionen hegt. Die vier Freunde, die zusammen in Berkeley studiert haben, treffen sich einmal pro Jahr mit ihren Frauen zum sogenannten Osterman-Weekend, benannt nach Bernard Osterman (Craig T. Nelson), einem der vier, bei dem das Treffen zum ersten Mal stattfand.
 
Dieses Jahr findet das Treffen bei Tanner statt. Fassett, Stennings und Danforth können Tanner nach anfänglichen Schwierigkeiten mit Hilfe von Videoaufnahmen und nach einer versuchten Entführung von Tanners Frau und Sohn davon überzeugen, dass seine drei Freunde Spione sind. Tanners Haus wird daraufhin vollkommen verkabelt und mit Überwachungskameras ausgestattet.
 
Als die drei Freunde bei Tanner eintreffen, wissen sie bereits, dass sie überwacht werden - doch sie haben keine Kenntnis von den Kameras im Haus. Die Situation ist gespannt. Alle beobachten sich argwöhnisch. Nichts ist, wie es scheint. Danforth, Fassett, Tanner, die Freunde und ihre Frauen, niemand weiss richtig, was los ist. Ein psychologischer Krieg beginnt in den alle involviert werden. Die Spannung steigt ins Unerträgliche, insbesondere weil Fassett dafür sorgt, dass am Fernsehen seltsame Zeichen wie "Omega" erscheinen. Die Dinge geraten ausser Kontrolle und Gewalt bricht aus.
 
Auf der psychologischen Ebene und von der Idee her ist The Osterman Weekend grossartig. Die Schauspieler, insbesondere John Hurt, aber auch Rutger Hauer, Burt Lancaster und die anderen bieten reife Leistungen. Mit dem Fortdauer der Handlung lernt der Zuschauer, dass einiges nicht so ist, wie es zu sein scheint. Weniger überzeugend ist allerdings die Gewalt, die den zweiten Teil des Filmes dominiert, obwohl sie begründet wird. Die Dinge geraten ausser Kontrolle - auch was die Arbeit des Regisseurs anbetrifft. Der psychologische Thriller verwandelt sich in eine Gewaltorgie. Trotzdem ist The Osterman Weekend einer von Peckinpahs besten Filmen, auch wenn das moralisierende Ende zu "amerikanisch" ist und zu aufgesetzt wirkt.
 

 

 

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