Carmen
Entstehungsgeschichte und Konzertkritik
Die Oper von Georges Bizet in einer traditionellen Ponnelle-Fassung am
Opernhaus Zürich mit Agnes Baltsa, Gösta Windbergh und Elena Mosuc
Die Entstehungsgeschichte von Carmen
Am 22. Mai 1872 bestellte die Pariser Opéra-Comique bei Georges Bizet
(1838-1875), der eigentlich Alexandre César Léopold hiess, eine dreiaktige
Oper, zu der die berühmten Librettisten Jacques Offenbachs, Henri Meilhac und
Ludovic Halévy, das Buch liefern sollten. Da Bizet bei seinen vorangegangenen
Opern Les Pêcheurs des Perles, La jolie Fille de Perth und Djamileh
vor allem am Libretto gescheitert war, griff er sofort nach der einmaligen
Gelegenheit. Er prüfte mehrere Sujet-Vorschläge des Operndirektors Adolph de
Leuven, ehe er sich für die Novelle Carmen von Prosper Mérimée
entschied.
In den Sommermonaten des Jahres 1872 schrieb Bizet die
Schauspielmusik zu Alphonse Daudets L'Arlésienne, die stilistisch eine
wichtige Vorstufe zu Carmen darstellt, an der er gleichzeitig zu
arbeiten begann. Doch dann musste er fünfzig Proben zu Gounods Roméo et
Juliette abhalten, denn mit Korrepetieren und Korrekturlesen bestritt er
seinen und seiner Familie Lebensunterhalt. Erst Ende Januar 1873 fand er
erneut Zeit für seine Oper. Da der Librettist Halévy der Vetter seiner Frau
war, konnte Bizet es sich zum ersten Mal leisten, seine eigenen Vorstellungen
von einem Opernbuch verwirklichen lassen und steuerte selbst wichtige
Textpartien bei.
Zu Beginn des Herbstes 1873 wurde Bizets Arbeit an
Carmen erneut unterbrochen, diesmal, weil der berühmte Bariton Faure
ihm einen Opernauftrag der Grand'Opéra vermittelt hatte. Bizet wählte den
Stoff des spanischen Nationalhelden El Cid und komponierte rasch das
Libretto von Louis Gallet mit dem Titel Don Rodrigue, das er bereits
Ende Oktober vorspielen konnte. Doch am 28. jenes Monats brannte die alte Oper
vollständig ab. Das neue (heutige), damals seit Jahren im Bau befindliche
Gebäude war noch nicht fertiggestellt, weshalb alle Aufführungspläne
entfielen. Bizets Arbeit war umsonst gewesen. Danach musste er wieder Gounod
bei der Einstudierung einer Schauspielmusik vertreten und konnte erst 1874 die
Arbeit an Carmen wieder aufnehmen.
Nun allerdings widmete er sich der Oper Tag und Nacht,
den die Uraufführung war für den Herbst 1874 vorgesehen. Am ersten Mai
sollte er die Komposition, Anfang August die Partitur abliefern. Ende Mai
hatte er allerdings erst den ersten Akt fertig. Da der Probenbeginn auf
Oktober verschoben wurde, gewann Bizet nochmals Zeit. In den zwei
Sommermonaten stellte er die teilweise schon bestehenden weiteren Akte
fertig.
Die Sängerin Galli-Marié wurde für die Rolle der
Carmen vorgesehen. Auf ihren Wunsch hin soll Bizet das Entrée dreizehnmal
unkomponiert haben. In dieser Form wohl eine Legende, doch dürfte der
Komponist tatsächlich mehrfach Veränderungen vorgenommen haben, um den
ersten Auftritt der Protagonistin - die Vertonung eines kubanischen Tanzlieds,
einer Habanera - effektvoller zu gestalten.
Als Vorbild für die Figur der Carmen diente
Bizet Céleste Venard, der er im Alter von 27 Jahren begegnet war. Als uneheliches Kind einer Wäscherin geboren, machte sie Karriere
als registrierte Bordellinsassin, Tänzerin, Hippodromreiterin. Sie war die Geliebte,
Gattin und später Witwe des Herrn von Chabrillan. Céleste Venard tat sich
als Schriftstellerin,
Librettistin und Nachfolgerin Offenbachs als Direktorin der Bouffes Parisiens
hervor.
Zur Zeit der Bekanntschaft mit Bizet war sie nur noch aus Liebhaberei in einem
café chantant als Chansonette tätig. Obwohl zumindest in Pariser
Künstlerkreisen als durchaus reputierlich angesehen, musste sie dem rigoros
sittliche Gründsätze vertretenden Bizet als Wesen aus
einer fremden Welt erschienen sein.
Die heissblütige 41jährige Céleste entzog sich
weitgehend moralischer Wertung. Vor allem aber verfügte sie - auch gemäss
ihrer Autobiographie - über die Fähigkeit, unbändig zu lieben und zu
hassen. Launenhaftigkeit und hochmütiger Stolz waren ihr nicht fremd. Am
Neinsagen habe sie oft grösseres Vergnügen gehabt als am Jasagen. Jene
Männer habe sie am reichsten beschenkt, die ihr am wenigsten aberverlangt
hätten. In diesem Charakter wird das Vorbild für Carmens paradoxe
Habanera-Verse gesehen: Et c'est l'autre que je préfère,/il n'a rien dit, mais il
me plaît... und Si tu ne m'aimes pas, je t'aime...
Carmen wurde vor allem auf Grund der "Anstössigkeit"
des Stoffes und ihrer Überlange - die damaligen drei Wechsel des
Bühnenbildes verursachten insgesamt Pausen von eineinhalb Stunden - zu einem
Misserfolg. Auf die Uraufführung vom 3. März 1875 folgten zwar bis im
Februar 1976 weitere rund vier Dutzend Abende mit Carmen, doch danach
wurde die Oper abgesetzt. Tschaikowsky, der einer der ersten Aufführungen
beigewohnt hatte, war hellsichtig und prophezeite in einem Brief an Frau von
Meck, das im wahrsten Sinne meisterliche Werk werde in zehn Jahren der Welt
populärste Oper sein. Und tatsächlich, der Erfolg im Ausland zwang den neuen
Leiter der Opéra-Comique, sie wieder herauszubringen. Georges Bizet war
jedoch schon längst verstorben - am 3. Juni 1875. Carmen ist sein
Hauptwerk.
Carmen in einer Ponnelle-Inszenierung am
Opernhaus Zürich, 25. Juni 2000
Vor allem in Deutschland sind seit einigen Jahren
avantgardistische Opernaufführungen mit kargen- spartanisch-modernen Bühnenbildern und extravagant
freier Auslegung des jeweiligen Stoffes in Mode. Den Gegenpol zu dieser
Bewegung der Kühlheit stellte der vor über einem Jahrzehnt verstorbene Jean-Pierre
Ponnelle dar. Barocke Inszenierungen mit entsprechenden Bühnenbildern und
einer psychologischen Führung der Sänger, die den Intentionen der
Librettisten und Opernkomponisten möglichst nahe kommen sollten, waren sein
Credo. Gerade bei Bizets Carmen, die sich auf einen psychologisch fein
ausgearbeiteten Stoff, basierend auf Mérimées Carmen, stützt, ist Ponnelles
Auffassung nach wie vor aktuell. In modernen Fassungen des Werkes sind die
Motivationen der handelnden Personen oft nicht mehr verständlich.
Bereits am 24. April 1982 hatte die
Ponnelle-Inszenierung am Opernhaus Zürich Première, mit Agnes Baltsa in der
Hauptrolle, die sie damals zum ersten Mal in ihrer Karriere übernahm. Knapp
zwanzig Jahre später schlüpfte die gefeierte Mezzosopranistin in der
Limmat-Stadt erneut in die Rolle der Carmen. Die Jahrzehnte sind nicht spurlos
an ihr vorüber gegangen. Ihre Gesichtszüge sind nicht mehr die der
jugendlichen Zigeunerin. Wenn sie jugendlichen Elan imitierend über die
Bühne sprang, so wirkte das aus der Nähe fast peinlich - aber nur fast. Ihr
Auftrittslied L'Amour est un rebelle war zwar nicht unwiderstehlich und
einiges an ihrem Auftritt wirkte etwas zu routiniert, doch gleichzeitig sind
ihr Charisma und ihr Temperament ungebrochen. Die 1944 geborene Künstlerin überzeugte vor allem dank ihrer hervorragenden schauspielerischen
Qualitäten, von denen sich so mancher Leinwandstar gerne etwas abschneiden
würde. Unverständlich dagegen ist, weshalb sie in all den Jahren nicht
gelernt hat, den Text in einem verständlichen Französisch darzubringen. Auf
der Zürcher Bühne, auf der alle möglichen Akzente zu hören waren, blieb
sie in dieser Hinsicht glücklicherweise die Ausnahme.
Den Gegenpunkt zu Agnes Baltsa bildete Elena Mosuc.
Nicht in erster Linie wegen ihrer jugendlichen Frische, sondern weil die
rumänische Sopranistin, die unlängst ihr 10jähriges Bühnenjubiläum
feierte, stimmlich voll und ganz überzeugte, ja die gesanglichen Höhepunkte
des Abends bot. Es fehlt ihr allerdings noch etwas an Routine. Auch schauspielerisch kann sich Elena Mosuc sicherlich noch verbessern, aber ob sie
je die Ausstrahlung von Agnes Baltsa erreichen wird, ist ungewiss.
Für José Cura, der wegen eines Muskelrisses, den er
sich bei einer Othello-Aufführung an der Bayerischen Staatsoper
München zugezogenen hatte, verhindert war, sprang kurzfristig Gösta Windbergh ein. Einige Zuschauerinnen waren über den
Ausfall des jungen argentinischen Sängers sichtlich enttäuscht, doch der
routinierte Windbergh spielte seinen Part sicher und passte zudem optisch besser zu Agnes
Baltsa.
Der Abend war ein voller Erfolg. Das Publikum war nicht
nur über die gesanglichen und schauspielerischen Qualitäten der Künstler
auf der Bühne begeistert und mit den Musikern im Orchestergraben unter der
Leitung von Jacques Delcôte mehr als zufrieden, sondern schätzte nicht
zuletzt die traditionelle Inszenierung. Trotzdem stellt sich die Frage, wie
die Radikalität der 1875 uraufgeführten Oper heute transportiert werden
kann. Carmen gelangte kurz nach dem verlorenen Deutsch-Französischen
Krieg, dem Aufstand der Commune, Kriegsgerichtsurteilungen und Erschiessungen
auf die Bühne. Das desillusionierte bürgerliche Publikum der Pariser
Opéra-Comique wurde damals durch die Darstellung auf der Bühne von asozialen
Elementen, Banditen, "ordinären" Fabrikarbeiterinnen,
Fahnenflüchtigen und dem tragischen Ende mit Totschlag ebenso geschockt wie
von der Darstellungen einer unabhängigen und unbeugsamen Frau, die ihr
Schicksal selbst in die Hand nehmen will, jedoch an der damaligen Wirklichkeit
scheitert.
In der in Zürich gezeigten Inszenierung - bei der wohl
nicht alles direkt dem seligen Ponnelle anzukreiden ist - verkam das Stück
weitgehend zu einer Art Operette, einem lustigen, bunten und volkstümlichen
Treiben auf der Bühne, zu dem das tragische Ende nicht so recht passen
wollte. Die soziale und moralische Radikalität und Dramatik, die bei der
Uraufführung das Pariser Publikum schockierte und zuerst zu einem Misserfolg
geführt hatte, ist in der heute folkloristisch wirkenden konventionellen
Aufführung von Ponnelle nicht mehr vermittelbar. In England wurde deshalb vor
einigen Jahren der Stoff in die Zeit des Faschismus verlegt. Nur so oder
ähnlich dürfte Carmen, die 1875 in Paris endgültig mit der Tradition
von der Vorherrschaft komischer Sujets brach und dem italienischen Verismus
den Weg bereitete, eine Zukunft haben. Sonst verkommt die im Jahr 1832
spielende Oper zu einem Schwank oder Kostümfest mit tragischem Ende.
Am 19. August 2001 hinzugefügt:
Biografie der Sopranistin Elena Mosuc CDs mit Elena Mosuc bei Amazon.de
Elena Mosuc, Sopran, stammt aus Iasi/Moldavien und studierte zunächst
an der dortigen Hochschule für Kunst und Gesang, danach am Konservatorium
George Enescu. 1990 debütierte sie an der Oper von Iasi, wo sie als Königin
der Nacht, Lucia und Gilda zu sehen und hören war. Kurz darauf gewann sie den
ersten Preis beim Internationalen ARD-Musikwettbewerb in München (1990). Im
folgenden Jahr gewann sie den ersten Preis beim Wettbewerb in Monte Carlo.
Seit der Saison 1991/92 gehört Elena Mosuc dem Ensemble des Opernhauses
Zürich an. Dort trat sie in unzähligen Rollen unter anderen unter Nikolaus
Harnoncourt, Nello Santi, Franz Welser-Möst, Placido Domingo und Vladimir
Fedoseyev auf. Zu ihren Partnern zählten bisher u.a. L. Popp, M. Freni, A.
Kraus, R. Raimondi und R. Alagna. Als Konzertsängerin tritt sie regelmässig
in der ganzen Welt auf, so unter Sir Colin Davis, David Zinman, Michael
Gielen, Eliahu Inbal und Cristian Mandeal. Im November 1993 wurde Elena Mosuc
mit dem europäischen Förderpreis für Musik ausgezeichnet. 1994 folgte ihre
erste CD. 1998 war sie an den Mozart-Festspielen in Wien als Konstanze zu
erleben. In Februar/März 1999 trat sie als Donna Anna unter Leopold Hager an
der Opéra Comique in Paris auf. Die Staatsoper München, Shanghai, München,
Helsinki (in La Traviata), Wien und Rom (Zauberflöte) waren
weitere Stationen ihres Schaffens. In der oben besprochenen Carmen mit
Agnes Baltsa sorgte Elena Mosuc für die gesanglichen Höhepunkte.
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Alagna, Thmas Hampson, Inva Mula u.a. Orchestre Nationale du Capitole de
Toulouse unter der Leitung von Michel Plasson. EMI, 2003, 3 CDs. Bestellen bei
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Elena Mosuc: Au jardin de mon coeur. Mit dem Ungarischen
Staatsorchester unter der Leitung von Jan Schultsz aufgenommen. Arte Nova/BMG,
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Elena Mosuc: Mozart Portrait. Mit dem Iasi "Moldova"
Philharmonic Orchestra unter der Leitung von Camil Marinescu eingespielt. Arte
Nova/BMG, 2000. Bestellen bei Amazon.de
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