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Nr. 16, Juli 2000
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Carmen
Entstehungsgeschichte und Konzertkritik
Die Oper von Georges Bizet in einer traditionellen Ponnelle-Fassung am Opernhaus Zürich mit Agnes Baltsa, Gösta Windbergh und Elena Mosuc


Die Entstehungsgeschichte von Carmen


Am 22. Mai 1872 bestellte die Pariser Opéra-Comique bei Georges Bizet (1838-1875), der eigentlich Alexandre César Léopold hiess, eine dreiaktige Oper, zu der die berühmten Librettisten Jacques Offenbachs, Henri Meilhac und Ludovic Halévy, das Buch liefern sollten. Da Bizet bei seinen vorangegangenen Opern Les Pêcheurs des Perles, La jolie Fille de Perth und Djamileh vor allem am Libretto gescheitert war, griff er sofort nach der einmaligen Gelegenheit. Er prüfte mehrere Sujet-Vorschläge des Operndirektors Adolph de Leuven, ehe er sich für die Novelle Carmen von Prosper Mérimée entschied.
 
In den Sommermonaten des Jahres 1872 schrieb Bizet die Schauspielmusik zu Alphonse Daudets L'Arlésienne, die stilistisch eine wichtige Vorstufe zu Carmen darstellt, an der er gleichzeitig zu arbeiten begann. Doch dann musste er fünfzig Proben zu Gounods Roméo et Juliette abhalten, denn mit Korrepetieren und Korrekturlesen bestritt er seinen und seiner Familie Lebensunterhalt. Erst Ende Januar 1873 fand er erneut Zeit für seine Oper. Da der Librettist Halévy der Vetter seiner Frau war, konnte Bizet es sich zum ersten Mal leisten, seine eigenen Vorstellungen von einem Opernbuch verwirklichen lassen und steuerte selbst wichtige Textpartien bei.
 
Zu Beginn des Herbstes 1873 wurde Bizets Arbeit an Carmen erneut unterbrochen, diesmal, weil der berühmte Bariton Faure ihm einen Opernauftrag der Grand'Opéra vermittelt hatte. Bizet wählte den Stoff des spanischen Nationalhelden El Cid und komponierte rasch das Libretto von Louis Gallet mit dem Titel Don Rodrigue, das er bereits Ende Oktober vorspielen konnte. Doch am 28. jenes Monats brannte die alte Oper vollständig ab. Das neue (heutige), damals seit Jahren im Bau befindliche Gebäude war noch nicht fertiggestellt, weshalb alle Aufführungspläne entfielen. Bizets Arbeit war umsonst gewesen. Danach musste er wieder Gounod bei der Einstudierung einer Schauspielmusik vertreten und konnte erst 1874 die Arbeit an Carmen wieder aufnehmen.
 
Nun allerdings widmete er sich der Oper Tag und Nacht, den die Uraufführung war für den Herbst 1874 vorgesehen. Am ersten Mai sollte er die Komposition, Anfang August die Partitur abliefern. Ende Mai hatte er allerdings erst den ersten Akt fertig. Da der Probenbeginn auf Oktober verschoben wurde, gewann Bizet nochmals Zeit. In den zwei Sommermonaten stellte er die teilweise schon bestehenden weiteren Akte fertig.
 
Die Sängerin Galli-Marié wurde für die Rolle der Carmen vorgesehen. Auf ihren Wunsch hin soll Bizet das Entrée dreizehnmal unkomponiert haben. In dieser Form wohl eine Legende, doch dürfte der Komponist tatsächlich mehrfach Veränderungen vorgenommen haben, um den ersten Auftritt der Protagonistin - die Vertonung eines kubanischen Tanzlieds, einer Habanera - effektvoller zu gestalten.
 
Als Vorbild für die Figur der Carmen diente Bizet Céleste Venard, der er im Alter von 27 Jahren begegnet war. Als uneheliches Kind einer Wäscherin geboren, machte sie Karriere als registrierte Bordellinsassin, Tänzerin, Hippodromreiterin. Sie war die Geliebte, Gattin und später Witwe des Herrn von Chabrillan. Céleste Venard tat sich als Schriftstellerin, Librettistin und Nachfolgerin Offenbachs als Direktorin der Bouffes Parisiens hervor. Zur Zeit der Bekanntschaft mit Bizet war sie nur noch aus Liebhaberei in einem café chantant als Chansonette tätig. Obwohl zumindest in Pariser Künstlerkreisen als durchaus reputierlich angesehen, musste sie dem rigoros sittliche Gründsätze vertretenden Bizet als Wesen aus einer fremden Welt erschienen sein.
 
Die heissblütige 41jährige Céleste entzog sich weitgehend moralischer Wertung. Vor allem aber verfügte sie - auch gemäss ihrer Autobiographie - über die Fähigkeit, unbändig zu lieben und zu hassen. Launenhaftigkeit und hochmütiger Stolz waren ihr nicht fremd. Am Neinsagen habe sie oft grösseres Vergnügen gehabt als am Jasagen. Jene Männer habe sie am reichsten beschenkt, die ihr am wenigsten aberverlangt hätten. In diesem Charakter wird das Vorbild für Carmens paradoxe Habanera-Verse gesehen: Et c'est l'autre que je préfère,/il n'a rien dit, mais il me plaît... und Si tu ne m'aimes pas, je t'aime...
 
Carmen wurde vor allem auf Grund der "Anstössigkeit" des Stoffes und ihrer Überlange - die damaligen drei Wechsel des Bühnenbildes verursachten insgesamt Pausen von eineinhalb Stunden - zu einem Misserfolg. Auf die Uraufführung vom 3. März 1875 folgten zwar bis im Februar 1976 weitere rund vier Dutzend Abende mit Carmen, doch danach wurde die Oper abgesetzt. Tschaikowsky, der einer der ersten Aufführungen beigewohnt hatte, war hellsichtig und prophezeite in einem Brief an Frau von Meck, das im wahrsten Sinne meisterliche Werk werde in zehn Jahren der Welt populärste Oper sein. Und tatsächlich, der Erfolg im Ausland zwang den neuen Leiter der Opéra-Comique, sie wieder herauszubringen. Georges Bizet war jedoch schon längst verstorben - am 3. Juni 1875. Carmen ist sein Hauptwerk.
 
Carmen in einer Ponnelle-Inszenierung am Opernhaus Zürich, 25. Juni 2000
 
Vor allem in Deutschland sind seit einigen Jahren avantgardistische Opernaufführungen mit kargen- spartanisch-modernen Bühnenbildern und extravagant freier Auslegung des jeweiligen Stoffes in Mode. Den Gegenpol zu dieser Bewegung der Kühlheit stellte der vor über einem Jahrzehnt verstorbene Jean-Pierre Ponnelle dar. Barocke Inszenierungen mit entsprechenden Bühnenbildern und einer psychologischen Führung der Sänger, die den Intentionen der Librettisten und Opernkomponisten möglichst nahe kommen sollten, waren sein Credo. Gerade bei Bizets Carmen, die sich auf einen psychologisch fein ausgearbeiteten Stoff, basierend auf Mérimées Carmen, stützt, ist Ponnelles Auffassung nach wie vor aktuell. In modernen Fassungen des Werkes sind die Motivationen der handelnden Personen oft nicht mehr verständlich.
 
Bereits am 24. April 1982 hatte die Ponnelle-Inszenierung am Opernhaus Zürich Première, mit Agnes Baltsa in der Hauptrolle, die sie damals zum ersten Mal in ihrer Karriere übernahm. Knapp zwanzig Jahre später schlüpfte die gefeierte Mezzosopranistin in der Limmat-Stadt erneut in die Rolle der Carmen. Die Jahrzehnte sind nicht spurlos an ihr vorüber gegangen. Ihre Gesichtszüge sind nicht mehr die der jugendlichen Zigeunerin. Wenn sie jugendlichen Elan imitierend über die Bühne sprang, so wirkte das aus der Nähe fast peinlich - aber nur fast. Ihr Auftrittslied L'Amour est un rebelle war zwar nicht unwiderstehlich und einiges an ihrem Auftritt wirkte etwas zu routiniert, doch gleichzeitig sind ihr Charisma und ihr Temperament ungebrochen. Die 1944 geborene Künstlerin überzeugte vor allem dank ihrer hervorragenden schauspielerischen Qualitäten, von denen sich so mancher Leinwandstar gerne etwas abschneiden würde. Unverständlich dagegen ist, weshalb sie in all den Jahren nicht gelernt hat, den Text in einem verständlichen Französisch darzubringen. Auf der Zürcher Bühne, auf der alle möglichen Akzente zu hören waren, blieb sie in dieser Hinsicht glücklicherweise die Ausnahme.
 
Den Gegenpunkt zu Agnes Baltsa bildete Elena Mosuc. Nicht in erster Linie wegen ihrer jugendlichen Frische, sondern weil die rumänische Sopranistin, die unlängst ihr 10jähriges Bühnenjubiläum feierte, stimmlich voll und ganz überzeugte, ja die gesanglichen Höhepunkte des Abends bot. Es fehlt ihr allerdings noch etwas an Routine. Auch schauspielerisch kann sich Elena Mosuc sicherlich noch verbessern, aber ob sie je die Ausstrahlung von Agnes Baltsa erreichen wird, ist ungewiss.
 
Für José Cura, der wegen eines Muskelrisses, den er sich bei einer Othello-Aufführung an der Bayerischen Staatsoper München zugezogenen hatte, verhindert war, sprang kurzfristig Gösta Windbergh ein. Einige Zuschauerinnen waren über den Ausfall des jungen argentinischen Sängers sichtlich enttäuscht, doch der routinierte Windbergh spielte seinen Part sicher und passte zudem optisch besser zu Agnes Baltsa.
 
Der Abend war ein voller Erfolg. Das Publikum war nicht nur über die gesanglichen und schauspielerischen Qualitäten der Künstler auf der Bühne begeistert und mit den Musikern im Orchestergraben unter der Leitung von Jacques Delcôte mehr als zufrieden, sondern schätzte nicht zuletzt die traditionelle Inszenierung. Trotzdem stellt sich die Frage, wie die Radikalität der 1875 uraufgeführten Oper heute transportiert werden kann. Carmen gelangte kurz nach dem verlorenen Deutsch-Französischen Krieg, dem Aufstand der Commune, Kriegsgerichtsurteilungen und Erschiessungen auf die Bühne. Das desillusionierte bürgerliche Publikum der Pariser Opéra-Comique wurde damals durch die Darstellung auf der Bühne von asozialen Elementen, Banditen, "ordinären" Fabrikarbeiterinnen, Fahnenflüchtigen und dem tragischen Ende mit Totschlag ebenso geschockt wie von der Darstellungen einer unabhängigen und unbeugsamen Frau, die ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen will, jedoch an der damaligen Wirklichkeit scheitert.
 
In der in Zürich gezeigten Inszenierung - bei der wohl nicht alles direkt dem seligen Ponnelle anzukreiden ist - verkam das Stück weitgehend zu einer Art Operette, einem lustigen, bunten und volkstümlichen Treiben auf der Bühne, zu dem das tragische Ende nicht so recht passen wollte. Die soziale und moralische Radikalität und Dramatik, die bei der Uraufführung das Pariser Publikum schockierte und zuerst zu einem Misserfolg geführt hatte, ist in der heute folkloristisch wirkenden konventionellen Aufführung von Ponnelle nicht mehr vermittelbar. In England wurde deshalb vor einigen Jahren der Stoff in die Zeit des Faschismus verlegt. Nur so oder ähnlich dürfte Carmen, die 1875 in Paris endgültig mit der Tradition von der Vorherrschaft komischer Sujets brach und dem italienischen Verismus den Weg bereitete, eine Zukunft haben. Sonst verkommt die im Jahr 1832 spielende Oper zu einem Schwank oder Kostümfest mit tragischem Ende.

 
Am 19. August 2001 hinzugefügt:
Biografie der Sopranistin Elena Mosuc CDs mit Elena Mosuc bei Amazon.de
Elena Mosuc, Sopran, stammt aus Iasi/Moldavien und studierte zunächst an der dortigen Hochschule für Kunst und Gesang, danach am Konservatorium George Enescu. 1990 debütierte sie an der Oper von Iasi, wo sie als Königin der Nacht, Lucia und Gilda zu sehen und hören war. Kurz darauf gewann sie den ersten Preis beim Internationalen ARD-Musikwettbewerb in München (1990). Im folgenden Jahr gewann sie den ersten Preis beim Wettbewerb in Monte Carlo. Seit der Saison 1991/92 gehört Elena Mosuc dem Ensemble des Opernhauses Zürich an. Dort trat sie in unzähligen Rollen unter anderen unter Nikolaus Harnoncourt, Nello Santi, Franz Welser-Möst, Placido Domingo und Vladimir Fedoseyev auf. Zu ihren Partnern zählten bisher u.a. L. Popp, M. Freni, A. Kraus, R. Raimondi und R. Alagna. Als Konzertsängerin tritt sie regelmässig in der ganzen Welt auf, so unter Sir Colin Davis, David Zinman, Michael Gielen, Eliahu Inbal und Cristian Mandeal. Im November 1993 wurde Elena Mosuc mit dem europäischen Förderpreis für Musik ausgezeichnet. 1994 folgte ihre erste CD. 1998 war sie an den Mozart-Festspielen in Wien als Konstanze zu erleben. In Februar/März 1999 trat sie als Donna Anna unter Leopold Hager an der Opéra Comique in Paris auf. Die Staatsoper München, Shanghai, München, Helsinki (in La Traviata), Wien und Rom (Zauberflöte) waren weitere Stationen ihres Schaffens. In der oben besprochenen Carmen mit Agnes Baltsa sorgte Elena Mosuc für die gesanglichen Höhepunkte.
 

Bizet: Carmen, 1983. 3 CDs mit Agnes Baltsa, José Carreras, José van Dam und den Berliner Philharmonikern unter der Leitung von Herbert von Karajan. CD bestellen bei Amazon.de.
 

Bizet: Carmen, 1984. CD mit Agnes Baltsa, José Carreras, José van Dam und den Berliner Philharmonikern unter der Leitung von Herbert von Karajan. CD bestellen bei Amazon.de.
 

25.8.2003: Eine neue Carmen-Einspielung mit Angela Gheorghiu als Carmen sowie Roberto Alagna, Thmas Hampson, Inva Mula u.a. Orchestre Nationale du Capitole de Toulouse unter der Leitung von Michel Plasson. EMI, 2003, 3 CDs. Bestellen bei Amazon.com, Amazon.de,
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Elena Mosuc: Au jardin de mon coeur. Mit dem Ungarischen Staatsorchester unter der Leitung von Jan Schultsz aufgenommen. Arte Nova/BMG, 2000. Bestellen bei Amazon.de oder Directmedia Schweiz.
 

Elena Mosuc: Mozart Portrait. Mit dem Iasi "Moldova" Philharmonic Orchestra unter der Leitung von Camil Marinescu eingespielt. Arte Nova/BMG, 2000. Bestellen bei Amazon.de oder Directmedia Schweiz.
  

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