Politischer Realismus in Japan
Eine Analyse von Makiko Hamaguchi-Klenner. Buch
Verlag Peter Lang, Frankfurt a.M., 2000, 376 S.
Die in Tokyo geborene Makiko Hamaguchi-Klenner war sechs
Jahre in Berkeley, USA, studierte an der Tokyo University of Foreign Studies
und promovierte an der Ruhr-Universität Bochum, wo sie auch im Fach Politik
Ostasiens habilitierte. Die Autorin untersucht in Politischer Realismus in
Japan mit Hilfe empirischer Analysen ausgewählte aussenpolitische
Aktionsfelder (Sicherheit, Wirtschaft, Kultur, Gesellschaft,
Entwicklungshilfe, Umwelt und Energie). Sie versucht, die politischen
Grundeinstellungen von Japans politischen Akteuren zu ermitteln und, darauf
gestützt, eine zukunftsbezogene Analyse japanischer Optionen für das
internationale Engagement des Landes vorzunehmen.
Im Gegensatz zu vielen traditionellen Analysen versteht
Hamaguchi-Klenner nicht "den Staat" allein als aussenpolitischen
Akteur. Die Parteien (nicht nur die LDP), die Bürokratie, die Wirtschaft, die
Wissenschaft, Gewerkschaften, Frauen, NGOs, religiöse Gruppierungen und die
Jugendlichen sowie die Wechselwirkungen zwischen ihnen wurden in die
Untersuchung, die auf der Grundlage ausgewählter Stellungnahmen und
Interviews beruht, einbezogen, wobei "die Bürokratie", "die
Wirtschaft", etc. natürlich nicht als monolithische Akteure betrachtet
werden.
Nach der Abklärung theoretischer Fragen sowie des
Spektrums der Untersuchung wendet sich die Autorin den Beziehungen zwischen
den USA und Japan zu, die sich in den letzten Jahrzehnten gewandelt haben. Von
Partnern in Asien sind sie teilweise zu Konkurrenten geworden. Während der
Zeit der amerikanischen Besetzung Japans und auch danach noch, so 1961 bei der
Zustimmung zu der von der amerikanischen Regierung gewünschten Beschränkung
der Textilexporte in die USA, 1972 bei der "Selbstbeschränkung" der
Stahl- und fünf Jahre später der Fernsehgeräte-Exporte in die USA,
akzeptierte Japan die "Wünsche" der früheren Besatzungsmacht.
Mindestpreise für Werkzeugmaschinen und Quoten für Autoexporte gehören
ebenfalls in dieses Bild.
In Fragen des Reismarktes, der Währung, aber auch bei
Automobilexporten kam es zu Friktionen. Mitte der 1980er Jahre nahmen die
Spannungen zwischen den beiden Ländern zu. Die Erdölkrise hatte in der
japanischen Wirtschaft eine umfassende Rationalisierungswelle ausgelöst. Das
führte zu einer Erstarkung der japanischen Wirtschaftskraft und führte 1985
zu einem noch nie dagewesenen Aussenhandelsüberschuss Japans in der Höhe von
3,6% des BSP. Die USA dagegen verzeichneten ein Handelsdefizit von $46,2 Mia.
Bereits 1972 hatte Nixon das damalige Defizit von $2 Mia. im Handel mit Japan
als inakzeptabel bezeichnet. Die USA drohten deshalb mit der Anwendung des
Artikels 301 des Handelsgesetzes, der weitreichende Handelsbeschränkungen
zulässt, wenn nachgewiesen wird, dass die amerikanische Industrie auf Grund
unfairer Praktiken eines Handelspartners geschädigt wurde.
Als Japan 1987 zum grössten Kreditgeber der Welt wurde
und die Wirtschaftskraft im Verhältnis zu den USA immer stärker zunahm,
intensivierten die USA ihre Einflussnahme auf Japans binnenwirtschaftliche
Entscheidungen. Japan wollte quantitative Zielvorgaben der USA nicht
akzeptieren. Die Friktionen weiteten sich auf andere als die wirtschaftlichen
bilateralen Beziehungen aus. Japan wurde zwar 1989 unter dem Druck der USA zum
grössten Entwicklungshilfegeber der Welt, doch das gegenseitige Misstrauen
konnte trotz einer vertieften sicherheitspolitischen Kooperation nicht
abgebaut werden. "Japan bashing" wurde zu einem Stichwort des Jahres
1990.
Makiko Hamaguchi-Klenner erinnert daran, dass es bereits
in den 1970er Jahren zu den drei "Nixon shocks" kam. Dazu gehörten
die ohne die vorherige Verständigung mit Japan erfolgte Annäherung der USA
mit China im Jahr 1974 sowie der "Sojabohnen-Schock", als die USA
die amerikanischen Sojabohnen-Exporte nach Japan administrativ einschränkten.
Der dritte Faktor war die Abwertung des Dollars und die Abschaffung des
Goldstandards durch die Amerikaner, wodurch Japans exportorientierte
Wirtschaft schlagartig mit ganz neuen Rahmenbedingungen konfrontiert wurde.
"Japan" begann sich daraufhin auf seine eigene Kultur zu besinnen
und sich als "einzigartig" zu betrachten. Der Wirtschaftskampf wurde
in den 1980er Jahren zu einem Kulturkonflikt.
Neben der bilateralen Beziehungen zwischen den USA und
Japan befasst sich Makiko Hamaguchi-Klenner mit dem "akademischen
Kreis" als für die geistig-politische Konzeptbildung massgeblichen
Akteur, der LDP und der aus ihr hevorgehenden Parteien, der Bürokratie, den
Interessenvertretern der Wirtschaft, etc. Zum Schluss folgt die Analyse der
verschiedenen aussenpolitischen Aktionsfelder.
Hier nur noch eine kleine Bemerkung: Gemäss der Autorin
basierten die Grundlinien der bisherigen japanischen Aussenpolitik weitgehend
auf der "realistischen Schule". Die Entscheidungen richteten sich
weitestgehend an den Zielen eines hohen Wirtschaftswachstums und einem
möglichst grossen Aussenhandel aus. Auch einige "Idealisten"
teilten diese Sicht der Dinge, da gemäss ihrer Ansicht dies Japans
bestmöglicher Beitrag zum Frieden war. Heute möchten Japans Realisten ihre
Haltung revidieren und z.B. auch sicherheitspolitisch aktiver werden, während
dem sich die Idealisten noch stärker auf die Wirtschaft konzentrieren
möchten.
Makiko Hamaguchi-Klenners Studie ist klar strukturiert,
aber leider etwas trocken geschrieben. Trotzdem bildet ihre Arbeit eine
lesenswerte Einführung in Japans Aussenpolitik, interessant besonders für
Studenten.
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