Japans Kultur der Reformen
Referate des 6. Japanologentages der OAG in Tokyo.
Werner Schaumann, Hg., iudicium verlag, 1999, 276 S. Buch bestellen bei Amazon.de
Der 1999 erschienene Sammelband Japans Kultur der Reformen
vereint die Referate des 6. Japanologentages der Deutschen Gesellschaft für
Natur- und Völkerkunde Ostasiens (OAG) in Tokyo vom März 1998.
Er beweist, dass Japan durchaus reformfähig war und ist, auch wenn die
heutige LDP-Elite mit ihrer Politik diese Einschätzung zu wiederlegen scheint.
1873 gehörten zu den Gründern der OAG neben Gelehrten
und Diplomaten vor allem Kaufleute. Noch heute kommt ein guter Teil ihrer
Mitglieder aus der Wirtschaft. Der Band zur Reformkultur Japans befasst sich
nicht nur mit den gegenwärtigen Wirtschafts- und Finanzproblemen, sondern
auch mit dem politischen System, den japanischen Think Tanks, der
Sicherheitspolitik, der Unterwelt, dem Vaterbild, dem Bildungs- und
Hochschulsystem sowie Reformen im Bereich von Kunst und Ästhetik.
Bereits die erste Regierungsdevise Japans aus dem Jahr
645, in dem die noch heute gültige Jahreszählung nach chinesischer Art
eingeführt wurde, lautete taika, "Grosser Wandel". Der Band
befasst sich allerdings nicht mit Reformen, die vor die Meiji-Restauration
zurückreichen.
Peter Baron setzt sich mit der Reformierung des
Finanzsystems in den letzten Jahrzehnten auseinander. Für ihn sind
Deregulierungsmassnahmen allein kein Rezept zur Lösung der Probleme, da für
den geordneten und effizienten Ablauf von Wirtschaftsprozessen im Gegenteil
ein bestimmter Regelbestand erforderlich sei, ohne den die Wirtschaft in
chaotische Zustände verfalle. Deregulierung, falsch eingesetzt, könne
durchaus negative Folgen für den Markt haben. Die soziale Verantwortung der
japanischen Gesellschaft und Unternehmen sei höher als in den USA, weshalb
die Regeldichte auch im Bankbereich höher sei.
In keiner anderen entwickelten Volkswirtschaft
verfügten die Finanzinstitute über ähnliche Macht- und Einflusspositionen
wie ihn Japan, meint Peter Baron. Die Notwendigkeit für eine grundlegende
Neuordnung des Finanzsystems sei zwar frühzeitig erkannt worden, doch
durchgreifende Massnahmen und erst recht eine Reform seien aber ausgeblieben,
weshalb sich das System Mitte der 1990er Jahre in seinen Grundzügen
gegenüber den 1960er und 1970er Jahren unverändert präsentiert habe.
Ende 1989 erreichte der Nikkei Index seinen Höchststand
von 39,000 Punkten. Das Ende der Bubble Economy sei kein Schicksalsereignis
gewesen, sondern ein gewollte Massnahme der japanischen Notenbank, die eine
Politik des allmählich teurer werdenden Geldes initiierte. In der Folge
sanken die überteuerten Aktien und Immobilien rasch. Eine Bewegung, die erst
Ende der neunziger Jahre langsam auszulaufen scheine.
Zuerst habe ein stillschweigendes Einvernehmen von
Banken, Aufsichtsbehörde, Wirtschaftsvereinigung, Politik, etc. darin
bestanden, erst einmal abzuwarten und durchzuhalten. Viele seien damals
überzeugt gewesen, so das Problem bestmöglichst geregelt zu haben. Doch die
Banken sassen auf einem Reisenhaufen notleidend gewordener Kredite,
unternahmen aber nichts zur Offenlegung und Risikovorsorge. Erst Mitte der
1990er Jahre begann unter dem anhaltenden Druck von ausländischer Presse und
Banken die Aufarbeitung und Offenlegung durch die Aufsichtsbehörde. Das
Schadenvolumen im gesamten Bankensektor wurde auf über DM 500 Mia. angesetzt.
Erst in diesem Moment wurde auch die japanische Bevölkerung sensibilisiert.
Ein Schwund des Vertrauens in die Banken und das Bankensystem war die Folge.
Im November 1996 wurde schliesslich eine Strukturreform
des japanischen Finanzmarktes eingeleitet, die bis im Jahr 2001 die
Wiederbelebung des japanischen Wertpapiermarktes zum Ziel hatte. Die
erfolgreiche Umsetzung begann 1997 und 1998. Gemäss Peter Baron ergaben sich
daraus bis dahin kaum vorstellbare Geschäftsmöglichkeiten für ausländische
Finanzinstitute in den Bereichen Private Banking, Consumer Finance, Asset
Management, ABS und Real Estate Financing. Gerade die amerikanische Seite,
deren Kritik am lautesten war, begann rasch mit Akquisitionen. Die deutschen
Banken dagegen hielten sich noch zurück, obwohl die Gelegenheit noch nie so
günstig gewesen sei, strategische Positionen im japanischen Finanzmarkt
aufzubauen. Peter Baron betont abschliessend einschränkend, dass der Erfolg
des Programms vom anhaltenden politischen Willen zur rigorosen Durchsetzung
der Reformen abhinge.
Auf die weiteren Artikel können wir hier nicht
eingehen. Nur noch zwei kurze Hinweise: Richard A. Werner geht in seinem
Beitrag auf die Wirtschaftsreformen der 1990er Jahre ein, die auf Grund der in
Japan 1992 einsetzenden und rund sechs Jahre dauernden Rezession notwendig
wurden, der tiefsten seit der Grossen Depression der 1930er Jahre. Patrick
Reinmöller befasst sich befasst sich mit den Think Tanks in Japan. Im
Gegensatz zu den eher nicht-profitorientierten Instituten in den USA, die
länger- bis mittelfristige Forschung betreiben, sind die japanischen Think
Tanks eher profitorientiert und betreiben kurz- bis mittelfristige Forschung.
Über 80% der Forscher sind im Grossraum Tokyo tätig. Das Gewicht der
wirtschaftlich orientierten Auftragsforschung ist sehr hoch. - Buch bestellen
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