Artikel vom 5. Juli 2000
Yoshiro Mori wurde Anfang Juli vom Unterhaus mit 284 von 479 und im Oberhaus
mit 133 von 242 abgegebenen Stimmen als
Japans Premierminister bestätigt, nachdem die LDP zusammen mit ihren Partnern
in den Parlamentswahlen vom 25. Juni eine absolute Mehrheit erzielt hatte.
Doch
der klare Sieg der Regierung täuscht über Japans Malaise hinweg. Nicht nur
geht die Stagnations- und Schuldenkrise (öffentliche Schuld:
645 trillion yen) weiter, werden die wirtschaftlichen Probleme nicht an
der Wurzel gepackt und nur immer neue Stimulierungspakete geschnürt, die vor
allem der Klientel der seit 1955 mit der Ausnahme von zwei Jahren
ununterbrochen regierenden LDP zugute kommen, sondern das Kabinett erhält
kaum noch zweistellige Zustimmungsraten zu ihrer Politik von der Bevölkerung.
Japans Problem ist die fehlende Alternative. Die wichtigste Oppositionspartei,
die Demokratische Partei (DPJ), legte zwar kräftig von 95 auf 127 Mandate zu,
doch ist ihre Fraktion damit noch immer lediglich wenig mehr als halb so gross
wie diejenige der LDP. Selbst im Falle einer unwahrscheinlichen Allianz mit
den Sozialisten und Kommunisten (mit der die DPJ gemäss ihrem Parteichef
Yukio Hatoyama auf keinen Fall zusammengehen will) könnte sie die LDP nicht
von der Macht verdrängen. Die DPJ ist zudem in frühere Sozialdemokraten und
ehemalige LDP-Mitglieder gespalten. Die Liberalen von Ichiro Ozawa, die vor
den Wahlen aus der Koalition ausstiegen, sind eher erneut potentielle
Verbündete der Regierung als der DPJ.
Vor den
Wahlen hatten fast 50% der Japaner keine Präferenz für eine bestimmte Partei
ausgedrückt. Sollte sich also jemals eine glaubwürdige Opposition formieren
können, wäre es allerdings bald um die unangefochtene Führungsposition der
LDP geschehen. Mori brachte es zudem in der kurzen Zeit an der Spitze der
Regierung vor den Wahlen fertig, einige peinliche Äusserungen von sich zu
geben. So meinte er auf einer Wahlkampftour in der Niigata Präfektur, die
unentschiedenen Wähler sollten am Wahltag besser zu Hause bleiben und
schlafen. Ein andermal äusserte er sich über die göttliche Natur des
japanischen Volkes. Dass Mori nur rund 10% Unterstützung in der Bevölkerung
geniesst, kommt nicht von ungefähr. Allerdings gibt es auch auf personeller
Ebene keine überzeugende Alternative zur LDP. Hatoyama von der DPJ ist ohne
Charisma, Takako Doi von der SDP zu schulmeisterlich und der fähige Ichiro
Ozawa von den Liberalen zu sehr ein Produkt der LDP, aus der er vor allem
wegen persönlichen Ambitionen ausschied, die er mit Hilfe der neuen Partei zu
verwirklichen hofft.
Doch
die japanischen Wähler sind am politischen und wirtschaftlichen Malaise
selber schuld. Die 26jährige Tochter des verstorbenen Ministerpräsidenten
Obuchi, Yoshiro, die eingestandenermassen keine Ahnung von Politik hat,
während ihrer Kampagne eher wie eine Wahlkampfhelferin denn eine Kandidatin
wirkte und keine einzige politische Rede hielt, wurde problemlos ins Unterhaus
gewählt. Von den 500 Sitzen im alten Parlament waren 140 solche
"vererbte" Mandate. Bereits Vater Obuchi kam so 1958 beim Tod seines
Vaters in die Politik, übrigens ebenfalls mit 26 Jahren.
Doch
nicht nur Loyalität, sondern auch handfeste Drohungen lassen viele Wähler
sich für die etablierten Politiker einsetzen. Gerade in ländlichen Gegenden
wird Baufirmen, Zwischenhändlern, Farmern und dem Rest der Klientel der LDP klargemacht, dass
bei der Nichtwahl der Parteikandidaten keine Staatsaufträge mehr zu erwarten
seien. Jeder Parlamentarier sorgt für seinen Wahlkreis. Dafür erwartet er im
Gegenzug bei der Wahl die Unterstützung durch seine Klientel. Der
im Juni verstorbene frühere Ministerpräsident Noboru Takeshita war in den
1980er Jahren der Spitzenreiter bei der Zuteilung von staatlichen Subventionen
an seine Präfektur. Viele LDP-Politiker eifern ihm darin noch heute nach.
Solange
die Regierungskoalition aus LDP, New Komeito und der Neuen Konservativen
Partei (NCP) 271 Mandate im 480 Sitze umfassenden Unterhaus innehat und alle
Parlamentskomitees dominiert, dürfte sich am politischen Missmanagement in
Japan nichts ändern, insbesondere, weil das Kabinett des früheren LDP-Generalsekretärs Mori
auf wichtigen Posten wie Finanz- und Aussenministerium sowie der staatlichen
(wirtschaftlichen) Planungsagentur unverändert bleibt und das
Durchschnittsalter der Kabinettsmitglieder bei 66 Jahren liegt. Wie
lange sich der Ministerpräsident, der nicht aus der stärksten Faktion
innerhalb der LDP stammt, an der Macht halten kann, ist dagegen eine andere
Frage.
Siehe auch unsere Artikel zu Japans
Kultur der Reformen sowie zum politischen
Realismus in Japan. Für japanische Medien-, Parteien- und
Regierungslinks: Links.
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