|
Lone Star
(1995)
Ein Film geschrieben, gedreht und geschnitten
von John Sayles.
Sheriff Sam Deeds: Chris Cooper.
Bürgermeister Hollis Pogue: Clifton James.
Barkeeper (später Besitzer) Otis "O": Ron Canada.
Sheriff Charlie Wade: Kris Kristofferson.
Sheriff Buddy Deeds: Matthew McConaughey.
Lehrerin Pilar Cruz: Elizabeth Peña.
Restaurantbesitzerin Mercedes Cruz: Miriam Colon.
Bunny (Sam Deeds Exfrau): Frances McDormand.
Die DVD Lone Star bestellen bei Directmedia
Schweiz, Amazon.de,
Amazon.com,
Amazon.ca,
Amazon.fr.
Lone Star spielt in Texas, demjenigen amerikanischen
Bundesstaat, der
in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts während eines Jahrzehnts nach dem
Unabhängigkeitskrieg gegen den mexikanischen Diktator Santa Ana eine
unabhängige Republik bildete, mit dem Lone Star - dem einzelnen Stern
- als Erkennungszeichen in der Flagge.
Sheriff Charlie Wade (Kris Kristofferson) war in den 1950er Jahren ein korrupter und
rassistischer Sheriff in Frontera, einem amerikanisch-mexikanischen Grenzkaff im Rio
County gewesen, der u.a. einen Busfahrer, der illegal Mexikaner ins Land
brachte, kaltblütig von hinten erschoss. Eines Tages soll ihn der damalige Deputy Sheriff Buddy Deeds
(Matthew McConaughey) aus der Stadt vertrieben haben, indem er dem
unerträglich gewordenen Tun des Vorgesetzten beherzt entgegengetreten war. Der Legende nach
soll Charlie Wade mit $10,000 in County Funds verschwunden und nie mehr gesehen worden
sein.
Vierzig Jahre später werden ein Schädel, ein Skelett, ein Ring,
ein
Sheriffstern und eine Kugel in einer nahen Wüstengegend gefunden. Der Sohn des damaligen
Helden Buddy Deeds, Sam, unterdessen selbst zum Sheriff ernannt, geht der
Sache nach. Der alte Bürgermeister Hollis Pogue erzählt ihm nochmals die (offizielle) Geschichte des Veteranen des Koreakrieges und Sheriffs für knapp
dreissig Jahre, Buddy Deeds. Doch Sam hat Zweifel an dieser Version. Buddy -
der Name ist eine Anspielung auf den "Kumpel", den er anscheinend
für alle in der Gegend war - hat er
nicht als Helden, sondern als gestrengen Vater in Erinnerung, der ihm
einst eine Liebesbeziehung mit einer Chicano-Mitschülerin verboten hat.
Hollis greift beim Erzählen der Geschichte in ein Körbchen, um ihm eine Tortilla zu
entnehmen. Die Szene
führt direkt in die Vergangenheit, denn eine zweite Hand, diejenige von
Charlie Wade, entnimmt dem Körbchen von der anderen Seite her nicht nur eine Tortilla, sondern auch
Schmiergeld in Form von Dollarnoten. Anschliessend folgt die Szene, in der
sich Buddy Deeds gegen den korrupten Sheriff Wade stellt, der unter
Todesdrohungen die Bar verlässt. Daraufhin führt der Blick zurück in die
Gegenwart, in welcher der neue Sheriff Sam Deeds die Ausführungen des
Bürgermeisters mit skeptischen Blick begleitet.
In junger, aufgebrachter Mann erzählt in der Strasse
eine alternative Geschichte des Wirkens des neuen Sheriffs, indem er darauf
verweist, dass 1963 der nördliche Teil des Pescadero Sees aufgestaut wurde
und dabei eine ganze Stadt, die zurecht den Namen Perdido trug, unterging.
Mexikaner und Chicanos verloren ihre Bleibe. Die Zwangsumsiedlung wurde vom
"Lokalhelden" Buddy und seinem Department durchgesetzt. Und wer
kriegte anschliessend zu einem Bruchteil des Marktpreises Grundstücke am See?
Buddy Deeds, Sheriff des County, sowie sein damaliger Chief Deputy, Hollis
Pogue.
Ein ebenfalls wütender schwarzer Barkeeper erzählt
Sam, dass es zu Zeiten seines Vaters unmöglich gewesen sei, dass sich ein
"rassisch" gemischtes Paar - so wie nebenan zu sehen - an einen
Tisch hätte setzen können. Buddy hätte nicht - wie Charlie Wade - zu
Pistole oder Fäusten gegriffen, doch einen "Sicherheitstip" in
ähnlichem Sinne hätte er schon abgegeben. Sam kämpft Jahrzehnte später gegen den noch immer - wenn auch diskreter präsenten - Rassismus
in Frontera an. Als jemand sich ausfällig über die Mexikaner äussert, verweist
er darauf, dass
19 von 20 Menschen von Frontera Mexikaner seien, weshalb es nur logisch sei,
dass sie das Stadtbild prägten.
Regisseur, Drehbuchautor und Cutter John Sayles entwirft das detaillierte
und lebensechte Portrait der verschiedenen Kulturen (Weisse, Schwarze,
Chicanos, Mexikaner und Indianer) und Milieus, die in der Grenzstadt, die
ihren Namen Frontera zurecht trägt, aufeinander treffen. Vor vierzig Jahren
wie auch abgeschwächt in der Gegenwart, ist die Ortschaft voller Vorurteile, Gegensätze
und Kompromisse. All handelnden Personen sind komplexe Charaktere. John
Sayles hat keine vereinfachte Kunstwelt, sondern einen einfühlsamen Film mit einer Vielzahl
oft gebrochener und immer detailliert gezeichneter Figuren geschaffen.
Sam trifft seine Jugendliebe Pilar Cruz
(Elizabeth Peña) wieder, die unterdessen als Lehrerin arbeitet. Da Sam
geschieden und Pilar ihren Mann verloren hat, kommen sich die zwei wieder
zaghaft näher. Pilar Cruz' Mutter Mercedes (Miriam Colon)
hat sich ein florierendes Restaurant aufgebaut. Die ehemalige Immigrantin
geht mit ihren illegalen Arbeitskräften aus Mexiko unsanft um. Sie hat
sich integriert und weist jene zurecht, die mit ihr spanisch sprechen möchten. Sie seien schliesslich in den USA. Erst als sie unerwartet einer jungen
Frau helfen soll, die illegal durch den Grenzfluss gekommen ist, erinnert sie
sich daran, dass auch sie einst so ins Land kam. Zudem steht am Beginn ihres
Restaurants eine nie geahndete Straftat - wenn auch nicht von ihr begangen, so
doch von ihr toleriert.
Der Film offeriert eine Vielzahl solcher Figuren (wie
auch den schwarzen und korrekten Militäroffizier, der sich um eine Drogen
konsumierende und ebenfalls schwarze Rekrutin kümmert). Sam selbst lernt noch einiges mehr über die
Vergangenheit von Frontera und seiner Menschen kennen: Sein Vater hatte fünfzehn Jahre lang eine
Geliebte, was Konsequenzen bis in die Gegenwart hat, was erst der Schluss des
Films ans Tagelicht bringt. Charlie Wade starb durch eine Kugel, allerdings
nicht so, wie Sam es erwartet hatte.
Am Schluss des Films steht der von Pilar Cruz aus einem
ganz bestimmten Grund ausgesprochene Rat: Forget the Alama! Der Satz
erinnert an das Jahr 1836, in dem der mexikanische Diktator Santa Ana nach
zweiwöchiger Belagerung die zum Fort umfunktionierte Missionsstation Alamo
stürmen liess, wobei knapp 200 Aufständische zu Tode kamen. Remember the
Alamo wurde zum Wahlspruch und Mahnruf der texanischen
Unabhängigkeitsbewegung. Pilars an Sam gerichteter Satz ist ein Aufruf für
eine gemeinsame Zukunft - trotz des dunklen Schattens eines gemeinsamen
Geheimnisses.
Lone Star ist ein sensationelles Meisterwerk der
subtilen Art von John Sayles mit Schauspielern, die keine vereinfachten
Heldenfiguren darstellen - abgesehen von Kris Kristofferson, der eindrucksvoll
den abrundschlechten Charlie Wade verkörpert. Chris Cooper als illusionsloser
Sheriff Sam Deeds, der den Anstand trotz allem nicht verloren hat, sei aus der
Masse hervorragender Schauspieler hervorgehoben. Fast alle Rollen sind überzeugend
gespielt und meisterhaft inszeniert.
|

Die DVD Lone Star bestellen bei Directmedia
Schweiz, Amazon.de,
Amazon.com,
Amazon.ca,
Amazon.fr.
Buchtipp:
Jack Ryan: John Sayles, Filmmaker. A Critical Study of the Independent
Writer-Director; With a Filmography and a Bibliography. McFarland
& Company, 1998, 279 S.
Weitere Filmkritiken: deutsch
+ English.
|