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Nr. 16, Juli 2000
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Lone Star (1995)
Ein Film geschrieben, gedreht und geschnitten von John Sayles
.
Sheriff Sam Deeds: Chris Cooper.
Bürgermeister Hollis Pogue: Clifton James.
Barkeeper (später Besitzer) Otis "O": Ron Canada.
Sheriff Charlie Wade: Kris Kristofferson.
Sheriff Buddy Deeds: Matthew McConaughey.
Lehrerin Pilar Cruz: Elizabeth Peña.
Restaurantbesitzerin Mercedes Cruz: Miriam Colon.
Bunny (Sam Deeds Exfrau): Frances McDormand.
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Lone Star spielt in Texas, demjenigen amerikanischen Bundesstaat, der in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts während eines Jahrzehnts nach dem Unabhängigkeitskrieg gegen den mexikanischen Diktator Santa Ana eine unabhängige Republik bildete, mit dem Lone Star - dem einzelnen Stern - als Erkennungszeichen in der Flagge.
 
Sheriff Charlie Wade (Kris Kristofferson) war in den 1950er Jahren ein korrupter und rassistischer Sheriff in Frontera, einem amerikanisch-mexikanischen Grenzkaff im Rio County gewesen, der u.a. einen Busfahrer, der illegal Mexikaner ins Land brachte, kaltblütig von hinten erschoss. Eines Tages soll ihn der damalige Deputy Sheriff Buddy Deeds (Matthew McConaughey) aus der Stadt vertrieben haben, indem er dem unerträglich gewordenen Tun des Vorgesetzten beherzt entgegengetreten war. Der Legende nach soll Charlie Wade mit $10,000 in County Funds verschwunden und nie mehr gesehen worden sein.
 
Vierzig Jahre später werden ein Schädel, ein Skelett, ein Ring, ein Sheriffstern und eine Kugel in einer nahen Wüstengegend gefunden. Der Sohn des damaligen Helden Buddy Deeds, Sam, unterdessen selbst zum Sheriff ernannt, geht der Sache nach. Der alte Bürgermeister Hollis Pogue erzählt ihm nochmals die (offizielle) Geschichte des Veteranen des Koreakrieges und Sheriffs für knapp dreissig Jahre, Buddy Deeds. Doch Sam hat Zweifel an dieser Version. Buddy - der Name ist eine Anspielung auf den "Kumpel", den er anscheinend für alle in der Gegend war - hat er nicht als Helden, sondern als gestrengen Vater in Erinnerung, der ihm einst eine Liebesbeziehung mit einer Chicano-Mitschülerin verboten hat.
 
Hollis greift beim Erzählen der Geschichte in ein Körbchen, um ihm eine Tortilla zu entnehmen. Die Szene führt direkt in die Vergangenheit, denn eine zweite Hand, diejenige von Charlie Wade, entnimmt dem Körbchen von der anderen Seite her nicht nur eine Tortilla, sondern auch Schmiergeld in Form von Dollarnoten. Anschliessend folgt die Szene, in der sich Buddy Deeds gegen den korrupten Sheriff Wade stellt, der unter Todesdrohungen die Bar verlässt. Daraufhin führt der Blick zurück in die Gegenwart, in welcher der neue Sheriff Sam Deeds die Ausführungen des Bürgermeisters mit skeptischen Blick begleitet.
 
In junger, aufgebrachter Mann erzählt in der Strasse eine alternative Geschichte des Wirkens des neuen Sheriffs, indem er darauf verweist, dass 1963 der nördliche Teil des Pescadero Sees aufgestaut wurde und dabei eine ganze Stadt, die zurecht den Namen Perdido trug, unterging. Mexikaner und Chicanos verloren ihre Bleibe. Die Zwangsumsiedlung wurde vom "Lokalhelden" Buddy und seinem Department durchgesetzt. Und wer kriegte anschliessend zu einem Bruchteil des Marktpreises Grundstücke am See? Buddy Deeds, Sheriff des County, sowie sein damaliger Chief Deputy, Hollis Pogue.
 
Ein ebenfalls wütender schwarzer Barkeeper erzählt Sam, dass es zu Zeiten seines Vaters unmöglich gewesen sei, dass sich ein "rassisch" gemischtes Paar - so wie nebenan zu sehen - an einen Tisch hätte setzen können. Buddy hätte nicht - wie Charlie Wade - zu Pistole oder Fäusten gegriffen, doch einen "Sicherheitstip" in ähnlichem Sinne hätte er schon abgegeben. Sam kämpft Jahrzehnte später gegen den noch immer - wenn auch diskreter präsenten - Rassismus in Frontera an. Als jemand sich ausfällig über die Mexikaner äussert, verweist er darauf, dass 19 von 20 Menschen von Frontera Mexikaner seien, weshalb es nur logisch sei, dass sie das Stadtbild prägten.
 
Regisseur, Drehbuchautor und Cutter John Sayles entwirft das detaillierte und lebensechte Portrait der verschiedenen Kulturen (Weisse, Schwarze, Chicanos, Mexikaner und Indianer) und Milieus, die in der Grenzstadt, die ihren Namen Frontera zurecht trägt, aufeinander treffen. Vor vierzig Jahren wie auch abgeschwächt in der Gegenwart, ist die Ortschaft voller Vorurteile, Gegensätze und Kompromisse.  All handelnden Personen sind komplexe Charaktere. John Sayles hat keine vereinfachte Kunstwelt, sondern einen einfühlsamen Film mit einer Vielzahl oft gebrochener und immer detailliert gezeichneter Figuren geschaffen.
 
Sam trifft seine Jugendliebe Pilar Cruz (Elizabeth Peña) wieder, die unterdessen als Lehrerin arbeitet. Da Sam geschieden und Pilar ihren Mann verloren hat, kommen sich die zwei wieder zaghaft näher. Pilar Cruz' Mutter Mercedes (Miriam Colon) hat sich ein florierendes Restaurant aufgebaut. Die ehemalige Immigrantin geht mit ihren illegalen Arbeitskräften aus Mexiko unsanft um. Sie hat sich integriert und weist jene zurecht, die mit ihr spanisch sprechen möchten. Sie seien schliesslich in den USA. Erst als sie unerwartet einer jungen Frau helfen soll, die illegal durch den Grenzfluss gekommen ist, erinnert sie sich daran, dass auch sie einst so ins Land kam. Zudem steht am Beginn ihres Restaurants eine nie geahndete Straftat - wenn auch nicht von ihr begangen, so doch von ihr toleriert.
 
Der Film offeriert eine Vielzahl solcher Figuren (wie auch den schwarzen und korrekten Militäroffizier, der sich um eine Drogen konsumierende und ebenfalls schwarze Rekrutin kümmert). Sam selbst lernt noch einiges mehr über die Vergangenheit von Frontera und seiner Menschen kennen: Sein Vater hatte fünfzehn Jahre lang eine Geliebte, was Konsequenzen bis in die Gegenwart hat, was erst der Schluss des Films ans Tagelicht bringt. Charlie Wade starb durch eine Kugel, allerdings nicht so, wie Sam es erwartet hatte.
 
Am Schluss des Films steht der von Pilar Cruz aus einem ganz bestimmten Grund ausgesprochene Rat: Forget the Alama! Der Satz erinnert an das Jahr 1836, in dem der mexikanische Diktator Santa Ana nach zweiwöchiger Belagerung die zum Fort umfunktionierte Missionsstation Alamo stürmen liess, wobei knapp 200 Aufständische zu Tode kamen. Remember the Alamo wurde zum Wahlspruch und Mahnruf der texanischen Unabhängigkeitsbewegung. Pilars an Sam gerichteter Satz ist ein Aufruf für eine gemeinsame Zukunft - trotz des dunklen Schattens eines gemeinsamen Geheimnisses.
 
Lone Star ist ein sensationelles Meisterwerk der subtilen Art von John Sayles mit Schauspielern, die keine vereinfachten Heldenfiguren darstellen - abgesehen von Kris Kristofferson, der eindrucksvoll den abrundschlechten Charlie Wade verkörpert. Chris Cooper als illusionsloser Sheriff Sam Deeds, der den Anstand trotz allem nicht verloren hat, sei aus der Masse hervorragender Schauspieler hervorgehoben. Fast alle Rollen sind überzeugend gespielt und meisterhaft inszeniert.

 


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Buchtipp: Jack Ryan: John Sayles, Filmmaker. A Critical Study of the Independent Writer-Director; With a Filmography and a Bibliography. McFarland & Company, 1998, 279 S.
 
Weitere Filmkritiken: deutsch + English.
 

 

 

 

 

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