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Mexikos Präsidentschaftswahlen 2000
Nach 71 Jahren muss der PRI nach den fairsten Wahlen in der Geschichte des Landes die Macht abgeben
Die einfache Mehrheit im 1. Wahlgang genügt, Endergebnis:
Fox 43%, Labastida 35%, Cárdenas 16%.

Artikel vom 5. Juli 2000
 

Vicente Fox

 
Vicente Fox wurde 1942 in Mexiko-Stadt als zweiter von neun  Brüdern geboren. Er wuchs in León, Guanajuato, auf. Zum Studium der Wirtschaftswissenschaften (administración de empresas) an der von Jesuiten geführten Universidad Iberoamericana ging er in die Hauptstadt zurück. Danach folgten weitere ökonomische Studien an der amerikanischen Harvard University, die er ebenfalls erfolgreich abschloss. Bei Coca Cola stieg er bis zum Posten des Präsidenten für Mexiko und Lateinamerika auf - als jüngstes Kader in einer so hohen Position der Gesellschaft. Dem Partido Acción Nacional (PAN) schloss er sich Ende der 1980er Jahre an. Für den PAN wurde Fox 1988 ins Landesparlament und 1995 zum Gouverneur des Teilstaates Guanajuato gewählt. Am 2. Juli 2000 gelang nun dem 58jährigen und zwei Meter grossen Fox, der eine Vorliebe für ungeschminkte Darstellung und markige Sprüche hat, was ihm das Prädikat Rechtspopulist eintrug, der Sprung an die Spitze des mexikanischen Staates.
 
Die Wahlen
 
Der seit 1929 regierende Partido Revolucionario Institucional (PRI) muss nach 71 Jahren das höchste Staatsamt abgeben. Der Sieg von Vicente Fox vom rechtsbürgerlichen Partido Acción Nacional (PAN) kommt in seiner Deutlichkeit überraschend. Bis zuletzt sagten alle Umfragen ein Kopf an Kopf Rennen voraus. Der PRI machte mit dem "Argument" gegen Fox Stimmung, bei dessen Wahl würden die Wahlfahrts- und Landwirtschaftsprogramme gekürzt werden. Tatsächlich bestand bei rund 80% der befragten Wähler der Wunsch nach Stabilität im Vordergrund. Bei dieser Konstellation waren Warnungen vor radikalen Veränderungen, Experimenten und drohendem Chaos bei einer Abwahl des PRI-Kandidaten eine gefährliche Waffe im Wahlkampf.
 
Das zweite Hindernis für Fox war der dritte Kandidat, Cuauhtémoc Cárdenas. Der unermüdliche Kämpfer für die Demokratie und Führer der Linksopposition weigerte sich, seine Kandidatur zurückzuziehen. Die Abwahl des PRI sollte nicht auf Kosten linker Ideen erfolgen. Sein Partido de la Revolución Democrática gebärt sich nationalistisch und verschliesst sich noch immer dem Freihandel. Cárdenas rannte erstmals 1988 für die Präsidentschaft. Damals hatte er den PRI als ein reformistischer Rebell verlassen. 1994 wurde er Dritter bei den Wahlen ums mächtigste Amt im Staat. 1997 schliesslich triumphierte er erstmals als Sieger - bei den Bürgermeisterwahlen in Mexiko Stadt. Doch der Sohn von Lázaro Cárdenas, dem Präsidenten von 1934-40, hat nicht gemerkt, dass sich die Welt auch in Mexiko seit den 1980er Jahren gewandelt hat und sozialistische Rezepte nicht mehr hoch im Kurs stehen. Ironischerweise warf gerade Cárdenas Fox vor, nicht wirklich vom PRI verschieden zu sein.
 
Francisco Labastida, der Kandidat des PRI, ist ein altgedienter, blasser Apparatschick, der seine Karriere der Partei verdankt und sich deshalb nicht dafür eignete, glaubwürdig als Reformkraft aufzutreten. Nach 71 Jahren haben die mexikanischen Wähler die Angst überwunden und sich in den freiesten Wahlen in der Geschichte des Landes für das verlassen des PRIson (Gefängnis) entschieden, wie Fox die vom PRI etablierte Ordnung bezeichnet. Ein anderes, treffendes Bild von Fox ist dasjenige von den Dinosauriern (eine Bezeichnung für die alten und reformunwilligen starken Männer des PRI), die Angst vor einem Klimawechsel hätten (da ihr Aussterben danach unvermeidlich ist). Allerdings setzte bereits 1988, unter Präsident Salinas de Gortari, die Erosion des Systems, in dem PRI, Staat und Wirtschaft eng verknüpft waren, ein, obwohl sich der PRI damals nur dank Wahlbetrug gegen Cardénas nochmals durchsetzen konnte. 1989 regierte im Gliedstaat Baja California erstmals ein Gouverneur, der nicht dem PRI, sondern dem PAN angehörte. Der Zapatisten-Aufstand in Chiapas erodierte die Autorität des PRI weiter. Das Anfang 1994 mit den USA in Kraft getretene Freihandelsabkommen NAFTA hat ebenfalls zum Wandel beigetragen. 1997 verlor der PRI die absolute Mehrheit in der Abgeordnetenkammer, jetzt (2000) auch im Senat. Der im Dezember - so lange dauert es unverständlicherweise bis zur Einsetzung des neuen Staatschefs - abtretende Präsident Zedillo erwies sich als Reformer, der den Dinosauriern seines PRI erfolgreich die Stirne wies und die wirtschaftliche Öffnung Mexikos vorantrieb. Auch die unabhängige Wahlkommission arbeitete ohne Fehl und Tadel. Trotzdem beginnt erst mit Fox eine neue Ära. Mit dem más de lo mismo, dem Immergleichen der Partei der "institutionalisierten Revolution", ist es endgültig vorbei. Ob der Wechsel von der Linken zum konservativ-katholischen PAN neben dem politischen, wirtschaftlichen und sozialen Wandel auch kulturkämpferische Züge annehmen wird, bleibt abzuwarten. Fox erwartet auf jeden Fall viel Arbeit: Korruption, Kriminalität (vor allem der nach wie vor blühende Drogenhandel) sowie, trotz einer zur Zeit mit 8% Wachstum boomenden Wirtschaft (bei einem allerdings schwachen Peso und einer Inflation von rund 9%), Rückständigkeit und Armut (40 Millionen Mexikaner sind arm und leben mit zwei US-Dollar pro Tag). Da nach diesen Wahlen keine Partei mehr über die absolute Mehrheit im Parlament (weder im Senat noch im Abgeordnetenhaus) verfügen wird, ist in Zukunft in Mexiko Kooperation über die Parteigrenzen hinweg zur Lösung der anstehenden Probleme angesagt, was nur mit einer veränderten politischen Kultur möglich sein wird.
 

 
 

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