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Antoni Tàpies
Biografie, Biographie, Ausstellung, Retrospektive im Haus der Kunst in München
 
Literatur, Bücher:


- Andreas Franzke: Antoni Tàpies, Prestel, 1992. Engl. Ausgabe bestellen bei Amazon.de.


- Barbara Catoir: Gespräche mit Antoni Tàpies, Prestel, 1996. Bestellen bei Amazon.de.

 
Die in Zusammenarbeit mit dem Museo Nacional Centro de Arte Reina Sofia in Madrid organisierte Tàpies-Retrospektive ist die umfassendste Ausstellung, die es je über den katalanischen Künstler gegeben hat. Die 90 Werke aus öffentlichen und privaten Sammlungen der ganzen Welt bieten einen Überblick über das Schaffen des Künstlers von der Mitte der vierziger Jahre - seinen ersten Selbstbildnissen und Collagen - bis zu seinen Arbeiten aus den letzten Jahren wie dem Erdbild (1999) und dem Complement (1999), das sich auf dem Katalogcover wiederfindet.
 
Zentral im Schaffen von Antoni Tàpies ist der Umgang mit Textur und Materie. Doch verweigert er sich der formalen Analyse der ästhetischen Möglichkeiten der Materie. Er konzentriert sich vielmehr auf die Suche nach ihren magischen Eigenschaften und ihrem Verwandlungspotential. Sein Werk ist u.a. von Raimundus Lullus, dem mittelalterlichen Universalgelehrten, beeinflusst, was sich in der vom Künstler spielerisch in sein Werk übernommene Kombinatorik manifestiert. In Lullus sieht Tàpies neben dem Mystiker auch den Philosophen, Dichter und Wissenschafter. Nicht nur dessen Buchstaben erscheinen als dem Laien unverständliche Zeichen im Werk von Tàpies, sondern auch seine Name "Llull" taucht in Werken und Titeln auf. Die Zeichen sind jedoch oft nicht deutbar und scheinen nur aus ästhetischen Gründen ins Werk übernommen worden zu sein. Zu seinen charakteristischen Kalligraphien und Schriftzeichen zählen vor allem Kreuze sowie die Initialen "A" und "T". Die Arbeiten von Tàpies verweisen auf das Selbstverständnis des Künstlers als Schamane und "Alchemist", der die Natur der Materialien erkennen, Substanzen verändern und dem Leben Sinn verleihen kann. Viele seiner Werke erinnern an mittelalterliche Votivtafeln, die heilende Effekte haben sollen, wenn man sie nur auf verschiedene Teile des Körpers auflegt.
 
Der Agnostiker und Skeptiker Tapiès fand über den Surrealismus 1954 zu seiner persönlichen Ausdrucksweise. Für sich lehnt er den Begriff der abstrakten Malerei ab, da er keine Beschränkung für seine Kunst akzeptiert. Das bedeutet jedoch keine Rückkehr zur figurativen Malerei. Die Absenz der Primärfarben in seiner Malerei begründet er mit der von ihm empfundenen Übersättigung mit Farben durch Umgebung und Werbung. Er habe eine regelrechte Allergie dagegen entwickelt. Zudem drückten die Farben, die er gefunden habe und in seinem Werk verwende, am besten die Mystik aus und gingen tiefer.
 
Seine Arbeiten sind voller alltäglicher Elemente, darunter auch Abfall. Insofern steht er jener Künstlergeneration näher, die gegen den Abstrakten Expressionismus revoltierte. Seine ästhetischen Forderungen sind eindeutig mit existentialistischen Strömungen verwandt. Dazu gehört sein Prinzip der Wiederholung, sein ständiges Fragen. Die banalen, alltäglichen Elemente in seiner Kunst wie ein Bett, eine Schachtel oder wie in der nebenstehenden Abbildung ein Schreibtisch mit Stroh sind Ausdruck der von Tàpies geschätzten Lehren des Zen-Buddhismus, in denen die Erlösung mit dem Wesenskreislauf verschmilzt. Die Kunst hat für Tapiès rituellen Charakter und muss das Bewusstsein verändern; deshalb die stete Rezitation einer Reihe von Symbolen, Bildern und Objekten in seinen Werken.
 
Tàpies setzt sich in seinen Arbeiten auch mit der Unmöglichkeit auseinander und hat wiederholt darauf hingewiesen, dass alle Kunst eine Art Spiel sei, eine Falle, die der Betrachter anerkennen und annehmen müsse, damit sie wirke. Auch deshalb versieht er oft Objekte auf der Leinwand mit Kreuzen oder anderen Linienzeichen, wodurch er ihre "Wahrhaftigkeit", ihren Objektcharakter aufhebt. Gemäss den Ausstellungsmachern liegt in diesem Element der Ambiguität und des Unmöglichen, das die Malerei von Antoni Tàpies beherrscht, das zentrale Thema, um das die Retrospektive aufgebaut wurde.
 
Katalog: Antoni Tàpies - Die Retrospektive. Haus der Kunst in München in Zusammenarbeit mit dem Museo Nacional Centro de Arte Reina Sofia in Madrid. Aldeasa-Verlag, Madrid. Mit Beiträgen von Peter Bürger, Alexander G. Düttman, Antoni Tàpies, John C. Welchman und einem Vorwort von Manuel J. Borja-Villel. 324 S.
 

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