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Nr. 16, Juli 2000
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Art Nouveau 1890-1914
Geschichte, Kataloge und Ausstellungen zum Jugendstil
im Victoria und Albert Museum London, im Grand Palais Paris, in der Royal Academy of Art London


Louis Majorelle, Kabinett. Walnuss und Eiche. Französisch, 1900. Foto: V&A Ausstellungskatalog.

Auf die Frage, was Art Nouveau ist, haben viele Repräsentanten des Stils und Kunsthistoriker ganz unterschiedliche, ja sich widersprechende Antworten gegeben: Eine bewusst mystische und die Logik verneinende Fortführung der romantischen Tradition. Eine logische Bewegung mit einem rationalen Fundament, das fest in der Tradition der wissenschaftlichen Errungenschaften des 19. Jahrhunderts verankert ist. Ein konkreter Ausdruck der Sozialwissenschaften - oder der sich materiell und psychologisch nach innen wendenden dekadenten und geldgetriebenen Bourgeoisie. Ein Stil der sich hauptsächlich mit dem öffentlichen Leben auseinander setzte. Eine sich auf die Regierung stützende, pragmatische Strategie des Geldverdienens. Eine nonkonformistische künstlerische Revolte, die sich gegen die etablierte Ordnung richtete. Ein idealistischer Kreuzzug, der sich aus einer Vielzahl internationaler Stile zusammensetzte. Eine Bewegung von Künstlern und ihren institutionellen Sponsoren, die ein gemeinsames nationalistisches Ideal teilten. Gemäss den Ausstellungsmachern des V&A reflektieren diese oft unvereinbaren Definitionen die verschiedenen Facetten des Art Nouveau.
 
Der in London gebotene bedeutende Überblick des Victoria und Albert Museums (V&A) versammelt viele disparate Objekte des Art Nouveau aus Museen und privaten Kunstsammlungen in Europa und den USA, welche zu ihrer Zeit zu einem kohärenten Stil verschmolzen, der trotz zeitgenössischen Rivalen zum Stil der Epoche wurde.
 
Im V&A steht Art Nouveau für einen Stil der bildenden und darstellenden Künste, der in Europa und Nordamerika zwischen den 1890er Jahren und dem Ersten Weltkrieg eine mächtige Präsenz hatte. Der Stil entstand aus den intensiven Aktivitäten einer Reihe von Bewegungen, Herstellern, öffentlichen Institutionen, Verlegern und Verlagen, individuellen Künstlern und Unternehmern, die in der industriellen und urbanen Gesellschaft angesiedelt waren. Art Nouveau existierte in allen Bereichen, doch war es die dekorative Kunst, die gemäss den Ausstellungsmachern für die Erfindungen des Stils und seinen vollsten Ausdruck hauptsächlich verantwortlich war.
 
Die Schlüsselmotivation des Art Nouveau war Modernität in den Künsten als Anerkennung und Ausdruck der technisch, ökonomisch und politisch sich veränderten und sich weiter verändernden Welt. Der deutsche Intellektuelle Julius Meier-Graefe formulierte es so: Wenn die Verwendungszwecke der Kunst sich änderten, dann müsse sich die Kunst selbst verändern. Ein Aspekt war die nun postulierte Gleichwertigkeit unter den Künsten und ihre Orchestrierung zu einheitlichen Ensembles, unter dem Stichwort des Gesamtkunstwerkes (der Term wurde zuvor auf die Musik Richard Wagners des fin-de-siècle angewandt).
 
Einer der bedeutendsten Vertreter des Art Nouveau war der in Deutschland geborene französische Unternehmer Siegfried Bind, der 1895 eine Galerie und einen Laden in Paris eröffnete. Die Galerie L'Art Nouveau expandierte in der Folge und umfasste Workshops and Ateliers. Hermann Obrist in Deutschland, Charles Rennie Mackintosh in Schottland, Emile Gallé in Frankreich und Louis Comfort Tiffany in den USA sind einige andere frühe Repräsentanten des Stils, der sich in seiner zweiten Phase zwischen 1895 und 1900 auf viele europäische und nordamerikanische Städte ausbreitete. Nach einer zwei Jahrzehnte währenden Blüte kam mit dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges sein Ende.
 
Die Ausstellung im Victoria und Albert Museum und der dazugehörige Katalog befassen sich nicht nur mit der Entstehung und Bedeutung des Art Nouveau, seinem Naturkult und der Beziehung zwischen Orient und Okzident, sondern auch mit den verwendeten Materialen wie neue Textilien und Keramiken, den verschiedenen geografischen Zentren wie der Sezession in Wien und dem Jugendstil in München sowie ihren herausragenden Vertretern wie Victor Horta in Brüssel. Die Ausstellung umfasst Malerei, Skulptur, Schmuck, Möbel, Vasen und andere dekorative Objekte sowie einen Blick auf die Architektur des Art Nouveau.
 
Art Nouveau 1890-1914, V&A Museum, London, bis 30. Juli 2000. Katalog. 464 S., hg. von Paul Greenhalgh.
 
Im April endete eine andere Londoner Ausstellung, die einem ähnlichen Thema gewidmet war: 1900: Art at the crossroad in der Royal Academy of Art mit einem Katalog, hg. von Robert Rosenblum, Mary-Anne Stevens und Ann Dumas (Royal Academy of Arts editions, 448 S.).
 
Die Ausstellung konzentrierte sich auf Malerei und Skulptur. Auch das Thema war limitierter als im V&A, da keine Werke aus 1890 oder 1910 zu sehen waren. Andererseits war das Spektrum breiter, da nicht nur Art Nouveau zu sehen war. Werke aller Stile, Schulen und Nationalitäten aus dem Jahr 1900 wurden präsentiert (Europa, Russland, USA, und Australien). Die Ausstellung war thematisch gegliedert und umfasste die Historienmalerei, Akte, Porträts, die Landschaftsmalerei, etc. Innerhalb dieser Kategorien wurde verschiedene Schulen präsentiert, so die Postimpressionisten und Realisten. So unterschiedliche Maler wie Munch, Klimt, Maillol, Cézanne, Gauguin, Matisse, Liebermann, von Stuck, Hodler, Nolde sowie junge Künstler am Beginn ihrer Karriere (Kandinsky und Mondrian) waren zu sehen. Die Industriegesellschaft und die Geburt der Massenkultur waren eines der zentralen Thema der Malerei.
 
Im Pariser Grand Palais war bis am 26. Juni 2000 ebenfalls eine Ausstellung mit dem Titel 1900 zu sehen. Katalog: 1900, hg. von Philippe Thiébaut, mit Beiträgen zur Geschichte, Wissenschaft, Architektur, Skulptur und Fotografie. (Editions RMN, 400 S.).
 
Für die Weltausstellung im Jahr 1900 erbaut, war die Stein-, Glas- und Stahlarchitektur des Grand Palais der ideale Ort für die Präsentation, die sich auf Werke des Art Nouveau konzentrierte. Alle anderen künstlerischen Bewegungen des Jahres 1900 wurden ausgeblendet. Im Gegensatz zu 1900 in der Royal Academy of Art waren dafür nicht nur Malerei und Skulptur, sondern auch die angewandte Kunst, Schmuck, Illustrierte Bücher sowie die Architektur präsentiert und analysiert worden. Zu den Themen der Ausstellung gehörten "Modernität und Tradition" und "Die Einheit der Künste". Die Aussteller versuchten, im Gegensatz zum V&A, ein kohärentes Bild des Art Nouveau zu zeigen. Was nicht in ihr Definitionsschema passte, wurde weggelassen. Wichtige Zentren des Stils und ganze Nationen wurden vernachlässigt bzw. komplett ignoriert. Art Nouveau war in der Pariser Definition ein auf nationalen, re-aktualisierten und oft ländlichen Traditionen des Kunsthandwerks aufbauender Stil mit einer neuen Vision von Kunst, Architektur und Design. Eine Rückkehr zur Natur und ihren biomorphologischen Formen war das Resultat. Ein französischer Kritiker sah in der Konzeption der Pariser Ausstellung wohl zurecht den kartesianischen Geist Frankreichs verwirklicht, während dem in London der britische Pragmatismus zum Zuge kam.
 

 
 

 
 

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