Copyright 2000 www.cosmopolis.ch Louis Gerber All rights
reserved.
Art Nouveau 1890-1914
Geschichte, Kataloge und Ausstellungen zum Jugendstil
im Victoria und Albert
Museum London, im Grand Palais Paris, in der Royal Academy of Art London
Louis Majorelle, Kabinett. Walnuss
und Eiche. Französisch, 1900. Foto: V&A Ausstellungskatalog.
Auf die Frage, was Art Nouveau ist, haben
viele Repräsentanten des Stils und Kunsthistoriker ganz unterschiedliche,
ja sich widersprechende Antworten gegeben: Eine bewusst mystische und die
Logik verneinende Fortführung der romantischen Tradition. Eine logische
Bewegung mit einem rationalen Fundament, das fest in der Tradition der
wissenschaftlichen Errungenschaften des 19. Jahrhunderts verankert ist.
Ein konkreter Ausdruck der Sozialwissenschaften - oder der sich materiell
und psychologisch nach innen wendenden dekadenten und geldgetriebenen
Bourgeoisie. Ein Stil der sich hauptsächlich mit dem öffentlichen Leben
auseinander setzte. Eine sich auf die Regierung stützende, pragmatische
Strategie des Geldverdienens. Eine nonkonformistische künstlerische
Revolte, die sich gegen die etablierte Ordnung richtete. Ein
idealistischer Kreuzzug, der sich aus einer Vielzahl internationaler Stile
zusammensetzte. Eine Bewegung von Künstlern und ihren institutionellen
Sponsoren, die ein gemeinsames nationalistisches Ideal teilten. Gemäss
den Ausstellungsmachern des V&A reflektieren diese oft unvereinbaren
Definitionen die verschiedenen Facetten des Art Nouveau.
Der in London gebotene bedeutende
Überblick des Victoria und Albert Museums (V&A) versammelt viele
disparate Objekte des Art Nouveau aus Museen und privaten Kunstsammlungen
in Europa und den USA, welche zu ihrer Zeit zu einem kohärenten Stil
verschmolzen, der trotz zeitgenössischen Rivalen zum Stil der Epoche
wurde.
Im V&A steht Art Nouveau für einen
Stil der bildenden und darstellenden Künste, der in Europa und
Nordamerika zwischen den 1890er Jahren und dem Ersten Weltkrieg eine
mächtige Präsenz hatte. Der Stil entstand aus den intensiven
Aktivitäten einer Reihe von Bewegungen, Herstellern, öffentlichen
Institutionen, Verlegern und Verlagen, individuellen Künstlern und
Unternehmern, die in der industriellen und urbanen Gesellschaft
angesiedelt waren. Art Nouveau existierte in allen Bereichen, doch war es
die dekorative Kunst, die gemäss den Ausstellungsmachern für die
Erfindungen des Stils und seinen vollsten Ausdruck hauptsächlich
verantwortlich war.
Die Schlüsselmotivation des Art Nouveau
war Modernität in den Künsten als Anerkennung und Ausdruck der
technisch, ökonomisch und politisch sich veränderten und sich weiter
verändernden Welt. Der deutsche Intellektuelle Julius Meier-Graefe
formulierte es so: Wenn die Verwendungszwecke der Kunst sich änderten,
dann müsse sich die Kunst selbst verändern. Ein Aspekt war die nun
postulierte Gleichwertigkeit unter den Künsten und ihre Orchestrierung zu
einheitlichen Ensembles, unter dem Stichwort des Gesamtkunstwerkes (der
Term wurde zuvor auf die Musik Richard Wagners des fin-de-siècle
angewandt).
Einer der bedeutendsten Vertreter des Art
Nouveau war der in Deutschland geborene französische Unternehmer
Siegfried Bind, der 1895 eine Galerie und einen Laden in Paris eröffnete.
Die Galerie L'Art Nouveau expandierte in der Folge und umfasste Workshops and
Ateliers. Hermann Obrist in Deutschland, Charles Rennie Mackintosh in Schottland, Emile Gallé in
Frankreich und Louis Comfort Tiffany in den USA sind einige andere frühe
Repräsentanten des Stils, der sich in seiner zweiten Phase zwischen 1895
und 1900 auf viele europäische und nordamerikanische Städte ausbreitete.
Nach einer zwei Jahrzehnte währenden Blüte kam mit dem Ausbruch des
Ersten Weltkrieges sein Ende.
Die Ausstellung im Victoria und Albert
Museum und der dazugehörige Katalog befassen sich nicht nur mit der
Entstehung und Bedeutung des Art Nouveau, seinem Naturkult und der
Beziehung zwischen Orient und Okzident, sondern auch mit den verwendeten
Materialen wie neue Textilien und Keramiken, den verschiedenen
geografischen Zentren wie der Sezession in Wien und dem Jugendstil in München
sowie ihren herausragenden Vertretern wie Victor Horta in Brüssel. Die
Ausstellung umfasst Malerei, Skulptur, Schmuck, Möbel, Vasen und andere
dekorative Objekte sowie einen Blick auf die Architektur des Art Nouveau.
Art Nouveau 1890-1914, V&A
Museum, London, bis 30. Juli 2000. Katalog. 464 S., hg. von Paul
Greenhalgh.
Im April endete eine andere Londoner
Ausstellung, die einem ähnlichen Thema gewidmet war: 1900: Art at the crossroad
in der Royal
Academy of Art mit einem Katalog, hg. von Robert Rosenblum, Mary-Anne
Stevens und Ann Dumas (Royal Academy of Arts editions, 448 S.).
Die Ausstellung konzentrierte sich auf Malerei und Skulptur. Auch das
Thema war limitierter als im V&A, da keine Werke aus 1890 oder 1910 zu
sehen waren. Andererseits war das Spektrum breiter, da nicht nur Art
Nouveau zu sehen war. Werke aller Stile, Schulen und Nationalitäten aus
dem Jahr 1900 wurden präsentiert (Europa, Russland, USA, und Australien).
Die Ausstellung war thematisch gegliedert und umfasste die
Historienmalerei, Akte, Porträts, die Landschaftsmalerei, etc. Innerhalb
dieser Kategorien wurde verschiedene Schulen präsentiert, so die
Postimpressionisten und Realisten. So unterschiedliche Maler wie Munch,
Klimt, Maillol,
Cézanne,
Gauguin, Matisse, Liebermann, von Stuck, Hodler, Nolde sowie junge
Künstler am Beginn ihrer Karriere (Kandinsky und Mondrian) waren zu sehen.
Die Industriegesellschaft und die Geburt der Massenkultur waren eines der
zentralen Thema der Malerei.
Im Pariser Grand Palais war bis am 26. Juni 2000 ebenfalls eine
Ausstellung mit dem Titel 1900 zu sehen. Katalog: 1900,
hg. von Philippe Thiébaut, mit Beiträgen zur Geschichte, Wissenschaft,
Architektur, Skulptur und Fotografie. (Editions RMN,
400 S.).
Für die Weltausstellung im Jahr 1900 erbaut, war die Stein-, Glas- und
Stahlarchitektur des Grand Palais der ideale Ort für die Präsentation,
die sich auf Werke des Art Nouveau konzentrierte. Alle anderen
künstlerischen Bewegungen des Jahres 1900 wurden ausgeblendet. Im
Gegensatz zu 1900 in der Royal
Academy of Art waren dafür nicht nur Malerei und Skulptur, sondern auch
die angewandte Kunst, Schmuck, Illustrierte Bücher sowie die Architektur
präsentiert und analysiert worden. Zu den Themen der Ausstellung
gehörten "Modernität und Tradition" und "Die Einheit der
Künste". Die Aussteller versuchten, im Gegensatz zum V&A, ein
kohärentes Bild des Art Nouveau zu zeigen. Was nicht in ihr
Definitionsschema passte, wurde weggelassen. Wichtige Zentren des Stils
und ganze Nationen wurden vernachlässigt bzw. komplett ignoriert. Art
Nouveau war in der Pariser Definition ein auf nationalen,
re-aktualisierten und oft ländlichen Traditionen des Kunsthandwerks
aufbauender Stil mit einer neuen Vision von Kunst, Architektur und Design.
Eine Rückkehr zur Natur und ihren biomorphologischen Formen war das
Resultat. Ein französischer Kritiker sah in der Konzeption der Pariser
Ausstellung wohl zurecht den kartesianischen Geist Frankreichs
verwirklicht, während dem in London der britische Pragmatismus zum Zuge
kam.