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Nr. 17, August 2000
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Der Grosse Diktator
von Charles Chaplin (1940). Chaplin und die Politik.
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Der Grosse Diktator (1940) ist der erste vollständige Tonfilm Chaplins. Die Idee dazu kam von Alexander Korda, der Chaplin vorschlug, einen Hitler-Film zu machen, der sich um eine Personenverwechslung drehen sollte, da der deutsche Diktatur den gleichen Schnurrbart wie der Tramp habe. Chaplin könne beide Personen darstellen. Zuerst hielt dieser nicht viel von der Idee, doch plötzlich wurde ihm klar, Hitler könne die Massen grosstuerisch bearbeiten und so viel versprechen wie er wolle. Als Tramp dagegen könne er mehr oder weniger still bleiben.
 
Die Vorbereitungen zu The Great Dictator dauerten fast zwei Jahre, in denen Chaplin die Reden und das Gebaren Hitlers studierte. Zu diesem Zweck liess er sich Wochenschauaufnahmen zusenden. Stundenlang studierte er sie in seinem Privattheater zu Hause oder im Projektionsraum des Studios. Chaplin studierte jede Pose und prägte sich den Gesamteindruck Hitlers ein. Er war vom Diktator gleichzeitig  fasziniert und abgestossen. Chaplin wollte den Menschen zeigen, was für eine jämmerliche Figur und was für ein grössenwahnsinniger Narr Hitler war.
 
Der Film beginnt im Jahr 1918. Im Krieg erleidet ein sanfter jüdischer Friseur (Chaplin) eine Amnesie. Der gedächtnislose Kleinbürger, der nur in Ruhe gelassen werden und ohne Kenntnis der Weltpolitik seinem bescheidenen Beruf nachgehen möchte, versteht nicht, dass sich die Welt verändert hat. Er verliebt sich in die jüdische Wäscherin Hanna (Paulette Goddard). Doch nach dem Krieg hat der gockelhafte, arrogante und grössenwahnsinnige Hynkel (Chaplin) die Macht in Tomanien übernommen und eine Diktatur errichtet, unter der vor allem die Menschen im Ghetto leiden müssen. Die Anspielung auf Adolf Hitler und seine engsten Gefährten ist offensichtlich. So steht Garbitsch (der Unrat) für Goebbels. Anstelle des Hackenkreuzes steht das Doppelkreuz, wobei Double Cross die Bedeutung von "hereinlegen" hat. Der faschistische Diktator Italiens, Benito Mussolini, wird im Film zu Benzino Napaloni (die italienische Form von Napoleon), der über das Land Bacteria regiert.
 
Die Menschenverachtung und der Grössenwahn Hitlers werden in der berühmtesten Szene des Filmes, in der Hynckel mit einer riesigen Ballon-Weltkugel spielt und tanzt, unübertrefflich symbolisiert. Der Film endet mit einer mehrminütigen Rede des Frisörs, der unterdessen, auf Grund seiner Ähnlichkeit mit Hynkel, dessen Platz bei einer Rede eingenommen hat, in der er die Menschheit zu Frieden und gegenseitigem Respekt aufruft.
 
Als sich Chaplins Analyse Hitlers, des Nationalsozialismus und des Faschismus als korrekt erwies, wurde der Film von den Behörden freigegeben. Mit The Great Dictator erreichte Chaplin seinen grössten finanziellen. Doch gleichzeitig war dies das Ende des Tramps, und Chaplins Kampf mit sich selbst und mit seiner Identität begann.
 
Siehe auch die Artikel zu Chaplins Biographie und zu seinen Filmen The Gold Rush, City Lights und Modern Times. Teile dieses Artikels beruhen auf Wolfram Tichys Chaplin-Biographie (Rowohlt TB, 1974, 157 S. Bestellen bei Amazon.de). Für weitere Filmkritiken: Film.
 
Chaplin und die Politik, das ist ein weites Feld. Bereits Anfang der zwanziger Jahre gab es Versuche, seine Filme zu boykottieren. Vor allem wurde ihm das Werk Shoulder Arms verübelt, in dem er seine pazifistischen Ansichten propagierte. Der Film war noch vor Ende des Ersten Weltkrieges in die Kinos gekommen und setzte sich satirisch mit dem Soldatenleben auseinander, weshalb er bei Soldaten besonders beliebt war.
 
Durch den Film Modern Times wurde er von Linken wie Rechten zum "Kommunisten" und "Sozialrevolutionär" gestempelt. Chaplin tat das seine dazu, um den Eindruck zu verstärken, indem er in Berlin eine Delegation arbeitsloser Filmkünstler empfing. Als er die Redaktoren Der Roten Fahne befragte, welche Richtung der Arbeiterpartei sie vertrete, erhielt er die Anwort: "Wir sind die einzig revolutionäre Arbeiterpartei in Deutschland." Darauf meinte Chaplin, es habe doch schon eine Revolution in Deutschland gegeben. Ob da nur ein Personenwechsel vor sich gegangen sei. Wenn man eine Revolution mache, dann müsse man sie ganz machen. Gemäss Wolfram Tichy legte Chaplin in diesem Interview seine politische Naivität an den Tag, da er ein Gesellschaftskonzept zu vertreten bereit gewesen sei, das zu seinem Lebensstil wie auch zu den meisten seiner Überzeugungen in krassem Widerspruch gestanden habe.
 
Bei der Premiere von Der Grosse Diktator (1940), einem knapp zweistündigen Werk, ergoss sich eine Hetzkampagne gegen Chaplin, die vor allem von der deutschfreundlichen Hearst-Presse getragen wurde. Viele Antikommunisten befürworteten insgeheim Hitlers Krieg gegen die Sowjetunion. Eine zeitlang sollte der Film in den USA gar auf die Verbotsliste wegen kriegshetzerischer Tendenz gesetzt werden. Der Grosse Diktatur war ein Plädoyer für die Demokratie und eine Verurteilung der Diktatur. Allerdings setzte sich Chaplin 1942 in einer Rede bei einer Massenveranstaltung, die vom Amerikanischen Komitee für Russlandhilfe und anderen linken Organisationen organisiert wurde, für die Errichtung einer zweiten Front der USA und GB gegen Hitler ein, was die UdSSR entlastet hätte. Dadurch geriet er erneut in die Nähe der Kommunisten. Später errichteten allerdings die Alliierten tatsächlich die zweite Front, um Hitler niederzuringen.
 
Mit der Errichtung des parlamentarischen Ausschusses für Unamerikanische Umtriebe (HUAC) im Jahr 1947 geriet Chaplin ins Schussfeld der antikommunistischen Hexenjäger. Er dürfe nicht US-Bürger werden, war eine der damals erhobenen Forderungen. Chaplin meinte dazu: "Ich bin Internationalist, kein Nationalist, und deswegen brauche ich keine Staatsbürgerschaft." 1949 verzichtete das HUAC darauf, ihn vor ein Komitee vorzuladen, nachdem Chaplin in einem Telegramm geschrieben hatte, er sei kein Kommunist und habe nie einer politischen Partei oder Organisation angehört.
 
Im Jahr 1951, als Chaplin zur Premiere von Limelight (Rampenlicht) fuhr London ging, war er in den USA gesellschaftlich völlig isoliert. Zuerst erhielt er von den amerikanischen Behörden die gewünschte Wiedereinreisegenehmigung. Doch als er sich bereits nach Europa eingeschifft hatte, wurde ihm ein Telegramm zugestellt, in dem stand, dass er bei seiner Rückkehr wie ein neuer Einwanderer zuerst nach Ellis Island zur Vernehmung müsse, wo über seine Einreise endgültig entschieden werde. Das Justizministerium stützte sich dabei auf einen Paragraphen, gemäss dem aus Gründen der "Moral, Gesundheit oder Geistesgestörtheit oder bei Befürwortung von Kommunismus oder der Verbindung mit Kommunisten oder pro-kommunistischen Organisationen" die Einreise verweigert werden konnte. Daraufhin beschloss Chaplin, in Europa zu bleiben und liess sich in der Schweiz nieder, wo er bis zu seinem Tode wohnhaft blieb.
 
Die Entscheidung Chaplins, sich mit Tschu En-lai, Chrustschow und Bulganin zu treffen und den Friedenspreis des "Weltfriedensrates" anzunehmen, zeugte nicht gerade von politischer Übersicht. Das amerikanische Aussenministerium brandmarkte ihn daraufhin. Das Resultat aller in Amerika gemachten Erfahrungen und Angriffe war der Film A King in New York, in dem ein vertriebener europäischer König nach Amerika kommt, wo er u.a. für Werbespots benutzt wird. Er freundet sich mit einem kleinen Jungen an, dessen Vater als Kommunist verhaftet worden ist. Politiker bringen den Jungen dazu, Freunde seines Vaters als Kommunisten zu denunzieren. Der König, der unangenehme Erfahrungen mit dem Ausschuss für unamerikanische Aktivitäten machen muss, beschliesst daraufhin, nach Europa zurückzukehren.
 

Menschen im Ghetto:
Ein Friseur: Charles Chaplin
Hanna, Wäscherin: Paulette Goddard
Herr Jaeckel: Maurice Moscovich
Frau Jaeckel: Emma Dunn
Herr Mann: Bernard Gorcey
Herr Agar: Paul Weigel.

Menschen im Palast:
Hynkel, Diktator von Tomanien: Charles Chaplin
Napaloni, Diktator von Bakteria: Jack Oakie
Schultz: Reginald Gardiner
Garbitsch: Henry Daniell
Hering: Billy Gilbert
Botschafter von Bakteria: Carter De Hayen.
 
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