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Nr. 17, August 2000
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Geschichte - neue Bücher
 

Das Buch Sternstunde der Diplomatie ist jetzt gerade wieder hochaktuell, da die schwarze Co-Autorin Condoleezza Rice zum Beraterstab von George W. Bush jr. gehört und, worauf die Umfrageergebnisse zur Zeit hindeuten, demnächst die amerikanische Aussenpolitik als Sicherheitsberaterin des zukünftigen Präsidenten mitprägen könnte. Der in jeder Hinsicht gewichtige Band handelt von der deutschen Einheit sowie dem Ende der Spaltung Europas. Der analytisch brillante Blick von Rice und Philip Zelikow (Professor für Politikwissenschaften in Harvard) hinter die diplomatischen Kulissen jener Jahre kommt nicht von ungefähr, denn sie gehörten damals zum Mitarbeiterstab des Nationalen Sicherheitsrates der USA. Zelikow war als Berufsdiplomat ins Weisse Haus gekommen, Rice liess sich von ihrer Professor in Stanford für die Aufgabe beurlauben. Gestützt auf den unbeschränkten Zugang zu Tausenden von (zumindest beim Schreiben ihres Buches) geheimen Akten des Aussenministeriums und des Weissen Hauses, aber auch auf (ost)deutsche und russische Archive sowie Gespräche mit europäischen Zeitzeugen, untersuchten die zwei Autoren die Umwälzung. Warum verhielt sich Bush in den entscheidenden Monaten 1989 zurückhaltend? Die Autoren meinen, wegen der Position des State Departments, das mit dem US-Sicherheitsrat Differenzen gehabt habe. Kohl sei damals der Politiker gewesen, der die Gunst der Stunde am besten erkannt und genutzt habe. Bush sei ihm jedoch relativ rasch unterstützend zu Hilfe gekommen. Völlig konträr dazu habe Margaret Thatcher dem amerikanischen Präsidenten gegenüber darauf bestanden, Gorbatschows Wunsch nach der Respektierung der Grenzen des Warschauer Paktes zu entsprechen. Auch François Mitterrand kommt nicht gut weg - er befürchtete einen Weltkrieg durch Kohls Handeln. Als der Sowjetführer begann, dem Westen entgegenzukommen, bezüglich der deutschen Einheit und vor allem der Zugehörigkeit Gesamtdeutschlands zur NATO, hätten sich die russischen Berater von ihrem eigenen Führer, Gorbatschow, fühlbar distanziert. Zu den gut einem Dutzend Gründen, die gemäss Zelikow und Rice zum Fall der Mauer und dem Ende von Sowjetreich und Ostblock führten, gehören die Meinungsverschiedenheiten zwischen DDR und UdSSR bezüglich dem Reformkurs, die ungarische Grenzöffnung, der Entscheid der SED gegen eine gewaltsame "chinesische" Lösung, die Entschlusskraft Kohls, die Rückendeckung durch die USA, Gorbatschows Verzicht auf eine Invasion Litauens und sein Entgegenkommen dem Westen gegenüber. Im Gegensatz zu Zelikow glaubt Rice, aus den Ereignissen Lehren für die zukünftige Staatskunst ziehen zu können - vielleicht können wir sie schon im Januar 2001 bei der Umsetzung sehen. - Philip Zelikow, Condoleezza Rice: Sternstunde der Diplomatie. Die deutsche Einheit und das Ende der Spaltung Europas. Taschenbuch, Ullstein TB-Vlg., 1999 (1995), 632 S. Bestellen bei Amazon.de
Zusammen mit seinem Sicherheitsberater, Brent Scowcroft, verfasste der frühere amerikanische Präsiden George Bush 1998 seine Sicht der US-Aussenpolitik in Zeiten des Umbruchs. Das Buch konzentriert sich auf die wichtigsten aussenpolitischen Felder seiner Amtszeit, die chinesische Repression am Tiananmen-Platz, die deutsche Wiedervereinigung, der Zusammenbruch des Ostblocks und der UdSSR sowie der Golfkrieg. Ein Jahrzehnt nach dem Fall der Mauer können die Deutschen hier nachlesen, weshalb sie ihr neues Zusammenleben nicht unwesentlich dem wichtigsten Verbündeten zu verdanken haben. Die USA waren die Macht des Westens, die Deutschlands Recht auf Selbstbestimmung nicht nur in Worten unterstützte, als es als völlig illusorische Leerformel galt, sondern in den entscheidenden Stunden auch Taten folgen liess. Gleichzeitig übten die USA Zurückhaltung und keine Politiker reisten nach Berlin, um sich am Mauerrand in Pose zu werfen, wie es demokratische Kongressführer vorschlugen - Tiananmen galt Bush als Warnung, dass Gewaltanwendung nicht ausgeschlossen war. Doch gleichzeitig muss dem Präsidenten vorgeworfen werden, China gegenüber zu zahm bezüglich der Menschenrechte gewesen zu sein. Ein Versäumnis, das bis heute nachwirkt. Bezüglich der Golfkrise war Bushs Entscheidung zum Eingreifen völlig richtig. Diktatoren kann man millionenfach Protestbriefe und Petitionen schreiben bzw. UNO- und andere Resolutionen vor die Nase reiben, sie verstehen nur die Sprache des Stärkeren - das gilt auch für Milosevics Serbien, wo das Eingreifen in die Amtszeit Clintons fiel. Beiden Aktionen haftet jedoch der Makel an, darauf verzichtet zu haben, die Diktatoren zu verjagen, weshalb sie noch immer regieren. Das sendet verhängnisvolle Signale an Potentaten in aller Welt. Wenn Bush und Scowcroft betonen, bei einem Marsch auf Bagdad wäre die internationale Front gegen Saddam Hussein zerbröckelt, so überzeugt das nicht. Die USA handelten de facto ohnehin im Alleingang. Die Verbündenten waren mehr Garnitur als realer Faktor und der UNO-Generalsekretär fühlte sich übergangen. Die Autoren räumen immerhin ein, sie hätten nach der militärischen Niederlage mit dem Sturz Husseins gerechnet - ein Fehlkalkül. Erstaunlich ist, wie blass Bushs internationale Gesprächspartner bleiben, denn schliesslich setzte er wie Kohl viel auf direkte, persönliche Beziehungen zwischen den Führern der Welt. Das Buch besticht dennoch durch die klare Analyse und eine erstaunliche Ehrlichkeit, auch wenn wir nicht allen Entscheidungen zustimmen können. - George Bush, Brent Scowcroft: Eine neue Welt. Amerikanische Außenpolitk in Zeiten des Umbruchs. Gebundene Ausgabe, Ullstein, Berlin, 1999, 391 S.
Der 1967 geborene Michael Ploetz setzte sich von 1993 bis 1998 am Kriegsforschungsinstitut des Londoner King's College u.a. mit der Strategie der Sowjetunion im sogenannten Zweiten Kalten Krieg von 1979 bis 1985 auseinander. Seit 1999 ist er Mitarbeiter des Forschungsverbunds SED-Staat in Berlin. In Wie die Sowjetunion den Kalten Krieg verlor legt Ploetz die Erkenntnisse vor, die er aus dem Studium der Archive der ehemaligen DDR gewonnen hat. Obwohl die sowjetischen Quellen den Historikern nach wie vor (weitgehend) verschlossen sind, erlauben die fast vollständigen Akten der SED, aus dem innersten Führungskreis der DDR, dennoch die Rekonstruktion der Vorgänge und Entscheidungen im Ostblock. Anfang der 1980er Jahre setzte der Kreml im Kampf gegen Ronald Reagans konservative Revolution und im Rüstungswettlauf mit dem Westen auf die westdeutsche Friedensbewegung und die Sozialdemokraten. Doch die auch im Osten entstehende Friedensbewegung emanzipierte sich von der SED-Führung. Ploetz untersucht die internen Planungen des Kreml, die Militärstrategie, Kriegspropaganda und -ziele. Er analysiert das Denken, die Ideologie der Entscheidungsträger Andropow, Ustinow, Ogarkow sowie des KGB. Ploetz studiert auch die Kontakte des Ostens zur bundesdeutschen politischen Szene, zu den Grünen und zur SPD. Der Niedergang der UdSSR-DDR-Wirtschaftsbeziehungen sowie der Generationenwechsel im Kreml und dessen Auswirkungen auf die Beziehung zur SED-Elite, die in stereotypen marxistischen und leninistischen Denkmustern gefangen war, bilden einen weiteren Schwerpunkt. In seiner 38seiten Bilanz kommt er zum Schluss, der Zweite Kalte Krieg habe die Wende herbeigeleitet, wobei ausgerechnet der Atomwaffe entscheidende Bedeutung bei der "Erlösung" zugekommen sei. - Michael Ploetz: Wie die Sowjetunion den Kalten Krieg verlor. Von der Nachrüstung zum Mauerfall. Gebundene Ausgabe, Propyläen, Berlin, 2000, 456 S. Bestellen bei Amazon.de
Die Analyse Im Schatten der Mauer des 1938 geborenen Heinrich Potthoff deckt die Deutschlandpolitik der Jahre 1961 bis 1990 ab. Der als freier historisch-wissenschaftlicher Publizist in Königswinter bei Köln lebende Autor ist u.a. als Stellvertretender Vorsitzender der Historischen Kommission der SPD bekannt, womit über seine politische Orientierung kein Zweifel besteht. Er setzt sich mit der vorhandenen Literatur jedoch durchaus kritisch auseinander und betrieb dazu auch eigenes Quellenstudium, wobei er die Dokumente des Westens mit jenen des Ostens verglich. Als Verfasser von Arbeiten zur Deutschlandpolitik der 1980er Jahre (1995) und Bonn und Ost-Berlin 1969-1982 (1997), gehört er zu den intimen Kennern des bearbeiteten weiten Feldes, das von der Zäsur des Mauerbaus über die angefeindete Ostpolitik Willy Brandts zur verhärteten amerikanischen Haltung Ende der 1970er Jahre im Zweiten Kalten Krieg (nachdem sie zuvor auf Entspannung gedrängt hatten), bei gleichzeitiger Beibehaltung der ostpolitischen Marschrichtung durch die Regierung Kohl Anfang der 1980er Jahre, bis zu Mauerfall und Wiedervereinigung führt. Potthoff widerspricht Arnulf Barings Ansicht, die Grosse Koalition sei unfähig gewesen, die deutschlandpolitische Stagnation zu überwinden. Erst die veränderte Haltung des Kremls habe es dann der nachfolgenden sozialliberalen Koalition erlaubt, mit dem Osten ins Gespräch zu kommen. Egon Bahrs Konzept der Ostpolitik sei ausgereift gewesen und das drängen auf den Abschluss der Verhandlungen über den Grundlagenvertrag im Jahr 1972, noch vor den Bundestagswahlen, sei eine richtige Entscheidung gewesen, da Moskau an einem Wahlsieg der SPD interessiert und deshalb konzessionsbereit gewesen sei. Brandts Politik sei auf konkrete Verbesserungen für die Menschen im Osten und gegen die Abschottung der DDR vom Westen ausgerichtet gewesen. Potthof weitet sein ostpolitisches Lob auch auf Helmut Schmidt aus. Zu Herbert Wehner meint er, dieser sei in dieser Hinsicht loyal und keineswegs ein verkappter Kommunist, wie von Bahr behauptet, gewesen. Gestützt auf östliche Quellen legt Potthoff dar, dass Helmut Kohl dem Ostblock weit mehr als in westlichen Quellen ersichtlich entgegengekommen sei, womit er sich von Karl-Rudolf Kortes Darstellung absetzt. Kohl habe die erfolgreiche Politik der kleinen Schritte weitergeführt. Auch der von Strauss eingefädelte Milliardenkredit bedeutete Kontinuität. Doch wie die Rolle von Brandt und Bahr während der gesamten Jahre, in denen die SPD an der Macht gewesen sei, so habe sich bezüglich der Regierungszeit der CDU der Blickwinkel zu stark auf Kohls Verdienste verengt - auch das eine Kritik an Korte. Potthoff verweist auch auf Peinliches innerhalb der SPD. So wagte sich Egon Bahr noch 1988 mit dem Vorschlag für separate Friedensverträge mit beiden deutschen Staaten hervor, damit die DDR ihre Identität gewinnen könne, "in dem erstmals die Regierung von der Bevölkerung akzeptiert wird". Im November 1989 trat Bahr für den Vorrang von Stabilität, Sicherheitsarchitektur und europäischer Friedensordnung vor der Einheit ein. Lafontaine meinte gar, gegen die "Deutschtümelei" zu Felde ziehen zu müssen und forderte, DDR-Bürger nicht mehr als Deutsche im Sinne des Grundgesetzes anzuerkennen, um so die Übersiedelung zu stoppen. Zum heutigen Kanzler Schröder meint Potthoff lediglich, er habe zögerlich reagiert. An der Wiedervereinigungspolitik des "ewigen Kanzlers" bemängelt er dessen Steuerlüge im Wahlkampf 1990. Doch auch Potthoff zollt Kohl Anerkennung, die er allerdings dadurch relativiert, dass er die Rolle der Menschen in der DDR hervorhebt. Die Dissidenten und friedlichen Demonstranten hätten mit der Parole "Wir sind das Volk" für die entscheidende Bewegung in der deutschen Frage gesorgt.
Heinrich Potthoff: Im Schatten der Mauer. Deutschlandpolitik 1961 bis 1990. Gebundene Ausgabe, Propyläen, Berlin, 1999, 448 S. Bestellen bei Amazon.de
  
Der 1959 in Unna geborene Hubertus Knabe ist seit 1992 wissenschaftlicher Mitarbeiter des Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen. Von ihm stammen Veröffentlichungen zu den Oppositionsbewegungen in der DDR und in Osteuropa allgemein. Die Westarbeit des Ministeriums für Staatssicherheit hat er im Auftrag des Deutschen Bundestags untersucht. Da die Hauptverwaltung Aufklärung (HVA), die für die Westspionage zuständige Abteilung, ihre Archive und Dokumente 1990 in einer grossangelegten Aktion weitestgehend vernichtete, ist die Quellenbasis für Historiker schmal. Trotzdem gelingt es Knabe, die Tätigkeit des Ministeriums für Staatssicherheit in Westdeutschland darzustellen. Die Stasi wirkte nicht nur in Ostdeutschland, wo sie übrigens über das Ende der DDR hinausdachte und mit Ibrahim Böhme den Gründer der Ost-SPD stellte und den Runden Tisch durchsetzt hatte, als naive Linke noch immer den Aufbau einer gerechten sozialistischen Gesellschaft diskutierten, sondern mehr als 20,000 Westdeutsche lieferten regelmässig Informationen aus dem Umfeld der Regierung, aus Parteien, Verbänden, Unternehmen, Kirchen, Medien, Universitäten, Gewerkschaften, Geheimdiensten und der Bundeswehr. Auf Grund dieser umfassenden Spionage erscheint der Titel Die unterwanderte Republik als berechtigt. Die Stasi war beim Amtsverzicht des Bundespräsidenten Lübke, beim Scheitern des Misstrauensvotums gegen Bundeskanzler Brandt, bei der Studentenrevolte von 1968 und bis zu den Anti-Raketen-Protesten der 1980er Jahre dabei. Finanzhilfen für die Friedensbewegung und andere Organisationen (über 200 Institutionen wollte das MfS 1985 unterwandern), für Propagandamedien im Westen und für Kampagnen zur Diskreditierung missliebiger Personen gehörten ebenfalls dazu. Knabe widerlegt das - nicht zuletzt von Markus Wolf gepflegte - Märchen von der HVA als einer vom Stasi-Unterdrückungsapparat unabhängiger Organisation. Vom Autor stammt übrigens auch West-Arbeit des MfS - das Zusammenspiel von "Aufklärung" und "Abwehr" zum gleichen Thema (erschienen beim Verlag Ch. Links, Berlin, 1999, 600 S.). 
Hubertus Knabe: Die unterwanderte Republik. Stasi im Westen. Gebundene Ausgabe, Propyläen, Berlin, 1999, 590 S. Bestellen bei Amazon.de Tipp: unter http://www.wiedervereinigung.de ist eine Literaturdatenbank zur Deutschen Wiedervereinigung mit zur Zeit über 23,000 Nachweisen einzusehen. 
Mark Mazower, 1958 in London geboren, ist Professor für Geschichte am Birkbeck College der University of London. In seinem Buch Der dunkle Kontinent stellt er Europas Selbstverständnis als überlegene Zivilisation und Model für den Rest der Welt in Frage. Die Geschichte des 20. Jahrhundert scheint ihm dazu allen Grund zu geben. Leider unterlässt er es, den Alten Kontinent aus der Sicht Asiens, Afrikas und des amerikanischen Doppelkontinents darzustellen. Das Werk handelt von Ereignissen und Kämpfen innerhalb Europas und nicht von seinem Platz in der Welt. Für Mazower knüpften Faschismus und Nationalsozialismus an die autoritäre Ideologie und die antidemokratische Tradition Europas an. Der Erfolg der Demokratie nach dem Zweiten Weltkrieg gründete in seinen Augen vor allem auf dem wirtschaftlichen Erfolg und weniger der republikanischen Überzeugung der Europäer. Zur Zukunft des Kontinents meint Mazower, Europa (mit Ausnahme Deutschlands) tue zu wenig, um Russland zu helfen. Dazu wäre anzumerken, dass die russische Führung zuerst die Bedingungen schaffen müsste (Rechtsstaat und Rechtssicherheit sowie eine Marktwirtschaft mit kompetenten Unternehmern und Managern, um nur zwei Elemente zu nennen), damit massive Wirtschaftshilfe sinnvoll eingesetzt und auf fruchtbaren Boden fallen könnte. Zustimmen können wir der mit Worten eines belgischen Diplomaten umschriebenen Ist-Zustandsbeschreibung, dass Europa "ein ökonomischer Riese, ein politischer Zwerg und ein militärischer Wurm" sei. Am Ende des Jahrhunderts hat der Kontinent seine zentrale Stellung in der Welt verspielt. Es bleibt zu hoffen, dass Mazower mit seinem Pessimismus unrecht hat, wenn er befürchtet, dass es auch in Zukunft so bleiben wird.   
Mark Mazower: Der dunkle Kontinent. Europa im 20. Jahrhundert. Gebundene Ausgabe, 2000, 639 S., Alexander Fest Vlg., Berlin. Bestellen bei Amazon.de
Der 1955 geborene Norbert Frei lehrt seit 1997 Neuere und Neuste Geschichte an der Ruhr-Universität Bochum. Mit seinen Veröffentlichungen zum Nationalsozialismus, darunter Der Führerstaat (1987), hat er sich einen Namen gemacht. In Vergangenheitspolitik setzt er sich mit der "ersten Vergangenheitsbewältigung" nach dem Zweiten Weltkrieg auseinander - bereits 1949 wurde der "Schlussstrich" gefordert, was bis heute Konsequenzen habe. Im ersten Hauptteil untersucht Frei die vergangenheitspolitische Gesetzgebung. Bereits 1950 versuchten sich alle Parteien als Entnazifizierungsgegner zu profilieren. Bis Mitte der ersten BRD-Wahlperiode waren fast alle westdeutschen Bürger entlastet worden ("131er"-Gesetz aus dem Jahr 1951). 1954, mit dem zweiten, vom Bundestag verabschiedeten Straffreiheitsgesetz, war die politische Säuberung quasi abgeschlossen. Im zweiten Hauptteil geht Frei auf "das politisch-symbolisch Problem Kernproblem der Kriegsverbrecher" ein. Schon 1946/47 setzten erste Bemühungen um die Begnadigung von zum Tode verurteilten Kriegs- und NS-Verbrecher ein, wobei sich die Kirchen hervortaten. Für Frei handelte es sich dabei nur um unter dem Mäntelchen christlich motivierter Gegnerschaft gegen die Todesstrafe schlecht verhüllte nationale Ressentiments gegenüber einer angeblichen Siegerjustiz. Im dritten Hauptteil analysiert Frei "die vergangenheitspolitische Grenzziehung und Normsetzung". Den mit der weitgehenden Amnestie wurde eine gewisse Abgrenzung nötig. "Die Justiz, oft erst von der Politik auf Trab gebracht, schritt nur ein, wenn eine unmittelbare Rechtfertigung der NS-Verbrechen, insbesondere der Mord an Juden, in Rede stand oder die Berechtigung des Widerstandes gegen Hitler lautstark in Zweifel gezogen wurde." Exemplarisch verweist Frei u.a. auf den NS-Kreis um Werner Naumann, den die Engländer Anfang 1953 verhafteten, da der ehemalige Staatssekretär im Propagandaministerium die Unterwanderung der nordrhein-westfälischen FDP schon weit vorangetrieben hatte, was die Briten (und nicht die Deutschen) stoppten. Mitte der 1950er Jahre war die "Säuberung" abgeschlossen, weshalb denn auch bereits zu Ende des Jahrzehnts das Wort von der "unbewältigten Vergangenheit" kursierte. In seinem Fazit verweist Frei auf den breiten Konsens, die Pauschalität der Massnahmen und die temporeiche Stringenz, mit der die Vergangenheitspolitik zu Anfang der BRD durchgesetzt wurden. Adenauer, dem die Kriegsverbrecher kaum am Herz gelegen hätten, der sich aber durch FDP und DP massiv unter Druck gesetzt fühlte, sei kein Preis zur Westintegration zu hoch gewesen, weshalb er selbst zynische Kompromisse einging. Adenauer sei der Schlag der Briten gegen Naumann 1953 jedoch nicht ungelegen gekommen, da damit klar war, dass es keine Chance für den Traum vieler gab, rechts von der CDU eine grosse Rechtspartei aufzubauen. Den Wahltriumph in jenem Jahr wertete Adenauer deshalb ganz besonders als Sieg über den traditionellen Nationalismus. Realismus, Pragmatismus und Zynismus spielte bei allen Parteien eine Rolle, denn ihnen war klar, so Frei, "dass sie sich ihre Stimmen bei einem Volk holen mussten, das gut zehn Jahre zuvor Hitler auch in freier und geheimer Wahl mit überwältigender Mehrheit gewählt hätte." Ein Faktum, das natürlich wie ein Geheimnis behandelt werden musste. Mitte der 1950er Jahre habe der Konsens darin bestanden, die Schandtaten des Dritten Reiches allein Hitler und einer kleinen Clique von Hauptkriegsverbrechern zuzuschreiben, führt Frei aus. "Die" Deutschen wurden zu verführten Opfern.    
Norbert Frei: Vergangenheitspolitik. Die Anfänge der Bundesrepublik und die NS- Vergangenheit. Taschenbuch, dtv, München, 1999, 460 S. Bestellen bei Amazon.de
Timothy Garton Ash, Zeitgeschichtler am St. Antony's College in Oxford, verweist zu Recht auf den Ideengeschichtler Reinhart Koselleck, der festgestellt hat, dass von Thukydides bis weit ins 18. Jahrhundert hinein der Augenzeuge oder besser noch der an den Ereignissen unmittelbar beteiligte sich besonders als Geschichtsschreiber qualifizierte. Zeitgeschichte galt als die beste Art der Geschichtsschreibung. Erst seit Leopold von Ranke sind die Historiker der Überzeugung, Distanz zu en Ereignissen sei wichtig. Das verleitet Ash zur Spitzen Bemerkung: "eine Person, die überhaupt nicht dabei war, soll besser Bescheid wissen, als eine, die dabei war." Für ihn ist es deshalb von Vorteil, "wenn bereits der Augenzeuge daran interessiert ist, Antworten auf die Fragen des Historikers zu Ursachen und Folgen, Strukturen und Prozessen, Individuum und Masse zu finden." Mit Alexis de Tocqueville und seinem Bericht zur französischen Revolution von 1848 hat Ash einen hervorragenden Zeugen seiner Zeit als Beispiel auf seiner Seite. Timothy Garton Ash selbst war im November 1989 bei mancher dramatischen Debatte zwischen den Führern der "samtenen Revolution" im Prager Laterna-Magica-Theater anwesend und machte sich als einziger Zeitzeuge Notizen davon. Vieles an jüngster Geschichte sei verloren gegangen. Doch gleichzeitig erkennt Ash bedeutende Einwände an. Regierungen und Persönlichkeiten versuchten oft, aufschlussreiche Fakten geheimzuhalten, und der Zeitzeuge kenne die Folgen des aktuellen Geschehens nicht. Ash verweist auf seinen Artikel im Januar 1989, in dem er Spekulationen zurückwies, die Mauer könne bald fallen. All das ändert natürlich nichts daran, dass der Zeitzeuge essentiell ist und die vorgebrachten Schwächen gleichzeitig Stärken sind, den sie dokumentieren das, was die Menschen noch nicht wissen können (z.B. dass die Mauer bald fallen würde). Zusammen mit einigen wenigen Qualitätszeitungen, die allerdings Beobachter ausserhalb der Entscheidungsorgane sind, helfen uns Zeugen der Zeit, das Weltgeschehen aus der erlebten Perspektive zu erfahren. Sie liefern uns eine Vielzahl von Informationen, die sonst unwiederbringlich verloren wären. Ashs Sammelband Zeit der Freiheit umfasst Artikel, die er zwischen 1989 und 1999 geschrieben hat. Kontakte zu früheren Dissidenten und heutigen Politikern (darunter Präsident Havel), die er aus Prag und Warschau, Budapest und Zagreb, Bosnien und dem Kosovo kennt, machen sein Buch zu einem Gewinn, wenn auch hin und wieder eine weitere Schwäche dieser Art von Geschichtsschreibung ins Auge fällt: Die persönliche Nähe untersagt es manchmal, Dinge direkt beim Namen zu nennen. Vereinzelt äussert er Kritik nur verklausuliert, andeutungsweise, abschwächend, nicht mit aller Härte. Das passiert allerdings auch Historikern, die auf Regierungen, Politiker, Parteien, Kirchen, Wirtschaftsverbände, Gewerkschaften, etc. Rücksicht nehmen.       
Timothy Garton Ash: Zeit der Freiheit. Aus den Zentren von Mitteleuropa. Gebundene Ausgabe, Hanser, München, 1999, 499 S. Bestellen bei Amazon.de
Die 1967 geborene Astrid Luise Mannes ist Historikerin und als Wissenschaftliche Mitarbeiterein im Deutschen Bundestag tätig. Ihre Brüning-Biographie, mit einem Vorwort von Bundesminister a.D. Stoltenberg, versucht vergeblich, einen der letzten Reichskanzler vor Hitler zu rehabilitieren. Der 1885 in Münster geborene und 1970 im US-Bundesstaat Vermont verstorbene Reichskanzler vom 30. März 1930 bis am 30. Mai 1932 gehört zu den tragischen Figuren der deutschen Geschichte. Positiv hervorzuheben ist ihr Bemühen, die erste umfassende Biographie des Mannes zu schreiben, über den in der Regel nur Analysen seiner Kanzlerschaft zu finden sind. Der nüchterne, sachliche, korrekte und skandalfreie Brüning bleibt schwer fassbar. Der einzelgängerische Politiker war pflichtbewusst und scheiterte. War Brüning das letzte Bollwerk vor den Nazis, der die Demokratie zu retten versuchte, oder war er ein (ungewollter) Wegbereiter Hitlers? Sein politisches Ziel sei es gewesen, das Zentrum in eine interkonfessionelle Staatspartei umzuwandeln. Ein Ziel, das er verfehlte. Als Reichskanzler liess er keinen Zweifel daran, dass er den Reichstag aufzulösen und mit Notverordnungsartikel 48 der Reichsverfassung zu regieren bereit war, was er denn auch tat. Zuoberst auf seiner Prioritätenliste stand das Ende der Reparationszahlungen, wozu er einen rigorosen Sparkurs fuhr, der die Krise noch verschlimmerte und dennoch sein Ziel nicht erreichte, wobei er allerdings nur die damaligen ökonomischen Kenntnisse umsetzte. Bei Astrid Luise Mannes ist zu wenig über Brünings Verhältnis zur Demokratie, zur Monarchie und zu seinem Gesellschaftsbild zu erfahren. Seine Beziehung zur SPD untersucht sie nur in einem sehr beschränkten Zeitraum, nicht jedoch für die Jahre der Kanzlerschaft. Das entscheidende Verhältnis zu Reichspräsident Hindenburg beschreibt sie eher, als dass sie es analysiert. Natürlich versuchte Brüning, die Nazis einzudämmen. Er verbot sogar SS und SA am 13. April 1932, kurz bevor ihm der Reichspräsident sein Vertrauen entzog. Trotzdem, Brüning unternahm keine Versuche, die grosse Koalition mit der SPD wiederzubeleben. Er regierte ohne das Parlament. Dies sei lediglich eine von ihm eingeschlagene notwendige Übergangslösung gewesen, die er nicht aus autoritären Neigungen eingeschlagen habe, meint Mannes. Zudem habe die Mehrheit des Reichstages von seinem Recht, die Aufhebung der Notverordnungen zu verlangen, keinen Gebrauch gemacht. Hitlers Ermächtigungsgesetz hat sich Brüning, entgegen der Zentrumsmehrheit um Kaas, zuerst entgegengestellt. Er habe erst zugestimmt, als durch seine Ablehnung nichts mehr habe gewonnen werden können, lediglich die persönliche Verhaftung und die Parteiauflösung hätten bei einem Nein gedroht. Im Exil schwieg Brüning zu den Vorgängen in Deutschland, weil er dem Land nicht schaden wollte und durch seine Kontakte aus der Kanzlerzeit mehr zu erreichen hoffte. Doch er sagte auch die Etappen der nationalsozialistischen Machterweiterung voraus und versuchte die britische Regierung von ihrer Appeasement-Politik abzubringen. 1938 schätzte er gemäss Mannes sogar den Zeitpunkt des Kriegsausbruches richtig ein. Die Beurteilung Brünings wird durch die Kontroverse um die Echtheit seiner Erinnerungen sowie dem Verschwinden von Teilen seines Nachlasses erschwert. Die Arbeit von Mannes ist leider zu oberflächlich, die Rehabilitation des Reichskanzlers überzeugt nicht. In der Bibliographie fehlt Hans Mommens herausragende Darstellung der Weimarer Republik. Darin hätte Astrid Luise Mannes eine sprachliche und analytische Vorgabe ersten Ranges gefunden, auch wenn sie dem "linken" Historiker wohl nicht immer hätte folgen können. - Astrid Luise Mannes: Heinrich Brüning. Leben, Wirken, Schicksal. Gebundene Ausgabe, Olzog, München, 1999, 304 S. Bestellen bei Amazon.de

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