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Geschichte - neue Bücher
Das Buch Sternstunde der Diplomatie ist jetzt gerade wieder hochaktuell, da die
schwarze Co-Autorin Condoleezza Rice zum Beraterstab von George
W. Bush jr. gehört und, worauf die Umfrageergebnisse zur Zeit
hindeuten, demnächst die amerikanische Aussenpolitik als
Sicherheitsberaterin des zukünftigen Präsidenten mitprägen könnte. Der
in jeder Hinsicht gewichtige Band handelt von der deutschen Einheit sowie
dem Ende der Spaltung Europas. Der analytisch brillante Blick von Rice und
Philip Zelikow (Professor für Politikwissenschaften in Harvard) hinter
die diplomatischen Kulissen jener Jahre kommt nicht von ungefähr, denn
sie gehörten damals zum Mitarbeiterstab des Nationalen Sicherheitsrates
der USA. Zelikow war als Berufsdiplomat ins Weisse Haus gekommen, Rice
liess sich von ihrer Professor in Stanford für die Aufgabe beurlauben.
Gestützt auf den unbeschränkten Zugang zu Tausenden von (zumindest beim
Schreiben ihres Buches) geheimen Akten des Aussenministeriums und des
Weissen Hauses, aber auch auf (ost)deutsche und russische Archive sowie
Gespräche mit europäischen Zeitzeugen, untersuchten die zwei Autoren die
Umwälzung. Warum verhielt sich Bush in den entscheidenden
Monaten 1989 zurückhaltend? Die Autoren meinen, wegen der Position des State Departments, das mit dem
US-Sicherheitsrat Differenzen gehabt habe. Kohl sei damals der Politiker
gewesen, der die Gunst der Stunde am besten erkannt und genutzt habe. Bush sei ihm jedoch
relativ rasch unterstützend zu Hilfe gekommen. Völlig konträr dazu habe
Margaret Thatcher dem amerikanischen Präsidenten gegenüber darauf
bestanden, Gorbatschows Wunsch nach der Respektierung der Grenzen des
Warschauer Paktes zu entsprechen. Auch François Mitterrand kommt nicht
gut weg - er befürchtete einen Weltkrieg durch Kohls Handeln. Als der
Sowjetführer begann, dem Westen entgegenzukommen, bezüglich der
deutschen Einheit und vor allem der Zugehörigkeit Gesamtdeutschlands zur
NATO, hätten sich die russischen Berater von ihrem eigenen Führer,
Gorbatschow, fühlbar distanziert. Zu den gut einem Dutzend Gründen, die
gemäss Zelikow und Rice zum Fall der Mauer und dem Ende von Sowjetreich
und Ostblock führten, gehören die Meinungsverschiedenheiten zwischen DDR
und UdSSR bezüglich dem Reformkurs, die ungarische Grenzöffnung, der
Entscheid der SED gegen eine gewaltsame "chinesische" Lösung,
die Entschlusskraft Kohls, die Rückendeckung durch die USA, Gorbatschows
Verzicht auf eine Invasion Litauens und sein Entgegenkommen dem Westen
gegenüber. Im Gegensatz zu Zelikow glaubt Rice, aus den Ereignissen
Lehren für die zukünftige Staatskunst ziehen zu können - vielleicht
können wir sie schon im Januar 2001 bei der Umsetzung sehen. -
Philip Zelikow, Condoleezza Rice: Sternstunde der Diplomatie. Die deutsche
Einheit und das Ende der Spaltung Europas. Taschenbuch, Ullstein
TB-Vlg., 1999 (1995), 632 S. Bestellen
bei Amazon.de
Zusammen mit seinem
Sicherheitsberater, Brent Scowcroft, verfasste der
frühere amerikanische Präsiden George Bush 1998 seine
Sicht der US-Aussenpolitik in Zeiten des Umbruchs. Das
Buch konzentriert sich auf die wichtigsten
aussenpolitischen Felder seiner Amtszeit, die
chinesische Repression am Tiananmen-Platz, die deutsche
Wiedervereinigung, der Zusammenbruch des Ostblocks und
der UdSSR sowie der Golfkrieg. Ein Jahrzehnt nach dem
Fall der Mauer können die Deutschen hier nachlesen,
weshalb sie ihr neues Zusammenleben nicht unwesentlich
dem wichtigsten Verbündeten zu verdanken haben. Die
USA waren die Macht des Westens, die Deutschlands Recht
auf Selbstbestimmung nicht nur in Worten unterstützte,
als es als völlig illusorische Leerformel galt,
sondern in den entscheidenden Stunden auch Taten folgen
liess. Gleichzeitig übten die USA Zurückhaltung und
keine Politiker reisten nach Berlin, um sich am
Mauerrand in Pose zu werfen, wie es demokratische
Kongressführer vorschlugen - Tiananmen galt Bush als
Warnung, dass Gewaltanwendung nicht ausgeschlossen war.
Doch gleichzeitig muss dem Präsidenten vorgeworfen
werden, China gegenüber zu zahm bezüglich der
Menschenrechte gewesen zu sein. Ein Versäumnis, das
bis heute nachwirkt. Bezüglich der Golfkrise war Bushs
Entscheidung zum Eingreifen völlig richtig. Diktatoren kann man
millionenfach Protestbriefe und Petitionen schreiben
bzw. UNO- und andere Resolutionen vor die Nase reiben,
sie verstehen nur die Sprache des Stärkeren - das gilt
auch für Milosevics Serbien, wo das Eingreifen in die
Amtszeit Clintons fiel. Beiden Aktionen haftet jedoch
der Makel an, darauf verzichtet zu haben, die
Diktatoren zu verjagen, weshalb sie noch immer
regieren. Das sendet verhängnisvolle Signale
an Potentaten in aller Welt. Wenn Bush und Scowcroft
betonen, bei einem Marsch auf Bagdad wäre die
internationale Front gegen Saddam Hussein zerbröckelt,
so überzeugt das nicht. Die USA handelten de facto
ohnehin im Alleingang. Die Verbündenten waren mehr
Garnitur als realer Faktor und der UNO-Generalsekretär
fühlte sich übergangen. Die Autoren räumen immerhin
ein, sie hätten nach der militärischen Niederlage mit
dem Sturz Husseins gerechnet - ein Fehlkalkül.
Erstaunlich ist, wie blass Bushs internationale
Gesprächspartner bleiben, denn schliesslich setzte er
wie Kohl viel auf direkte, persönliche Beziehungen
zwischen den Führern der Welt. Das Buch besticht
dennoch durch die klare Analyse und eine erstaunliche
Ehrlichkeit, auch wenn wir nicht allen Entscheidungen
zustimmen können. -
George Bush, Brent Scowcroft: Eine neue Welt. Amerikanische Außenpolitk in
Zeiten des Umbruchs.
Gebundene Ausgabe, Ullstein,
Berlin, 1999, 391 S.
Der 1967 geborene Michael
Ploetz setzte sich von 1993 bis 1998 am
Kriegsforschungsinstitut des Londoner King's College
u.a. mit der Strategie der Sowjetunion im sogenannten
Zweiten Kalten Krieg von 1979 bis 1985 auseinander.
Seit 1999 ist er Mitarbeiter des Forschungsverbunds
SED-Staat in Berlin. In Wie die Sowjetunion den
Kalten Krieg verlor legt Ploetz die Erkenntnisse
vor, die er aus dem Studium der Archive der ehemaligen
DDR gewonnen hat. Obwohl die sowjetischen Quellen den
Historikern nach wie vor (weitgehend) verschlossen
sind, erlauben die fast vollständigen Akten der SED,
aus dem innersten Führungskreis der DDR, dennoch die
Rekonstruktion der Vorgänge und Entscheidungen im
Ostblock. Anfang der 1980er Jahre setzte der Kreml im
Kampf gegen Ronald Reagans konservative Revolution und
im Rüstungswettlauf mit dem Westen auf die
westdeutsche Friedensbewegung und die Sozialdemokraten.
Doch die auch im Osten entstehende Friedensbewegung
emanzipierte sich von der SED-Führung. Ploetz
untersucht die internen Planungen des Kreml, die
Militärstrategie, Kriegspropaganda und -ziele. Er
analysiert das Denken, die Ideologie der
Entscheidungsträger Andropow, Ustinow, Ogarkow sowie
des KGB. Ploetz studiert auch die Kontakte des Ostens
zur bundesdeutschen politischen Szene, zu den Grünen
und zur SPD. Der Niedergang der
UdSSR-DDR-Wirtschaftsbeziehungen sowie der
Generationenwechsel im Kreml und dessen Auswirkungen
auf die Beziehung zur SED-Elite, die in stereotypen
marxistischen und leninistischen Denkmustern gefangen
war, bilden einen weiteren Schwerpunkt. In seiner
38seiten Bilanz kommt er zum Schluss, der Zweite Kalte
Krieg habe die Wende herbeigeleitet, wobei ausgerechnet
der Atomwaffe entscheidende Bedeutung bei der
"Erlösung" zugekommen sei. -
Michael Ploetz: Wie die Sowjetunion den Kalten Krieg verlor.
Von der Nachrüstung zum Mauerfall.
Gebundene Ausgabe,
Propyläen, Berlin, 2000, 456 S. Bestellen
bei Amazon.de
Die Analyse
Im Schatten der
Mauer
des 1938 geborenen Heinrich
Potthoff deckt die Deutschlandpolitik
der Jahre 1961 bis 1990 ab. Der als freier historisch-wissenschaftlicher
Publizist in Königswinter bei Köln lebende Autor ist u.a. als
Stellvertretender Vorsitzender der Historischen Kommission der SPD
bekannt, womit über seine politische Orientierung kein Zweifel besteht.
Er setzt sich mit der vorhandenen Literatur jedoch durchaus kritisch
auseinander und betrieb dazu auch eigenes Quellenstudium, wobei er die
Dokumente des Westens mit jenen des Ostens verglich. Als Verfasser von
Arbeiten zur Deutschlandpolitik der 1980er Jahre (1995) und Bonn und Ost-Berlin 1969-1982 (1997), gehört er zu den intimen Kennern des
bearbeiteten weiten Feldes, das von der Zäsur des Mauerbaus über die
angefeindete Ostpolitik Willy Brandts zur verhärteten amerikanischen
Haltung Ende der 1970er Jahre im Zweiten Kalten Krieg (nachdem sie zuvor
auf Entspannung gedrängt hatten), bei gleichzeitiger Beibehaltung der
ostpolitischen Marschrichtung durch die Regierung Kohl Anfang der 1980er
Jahre, bis zu Mauerfall und Wiedervereinigung führt. Potthoff
widerspricht Arnulf Barings Ansicht, die Grosse Koalition sei unfähig
gewesen, die deutschlandpolitische Stagnation zu überwinden. Erst die
veränderte Haltung des Kremls habe es dann der nachfolgenden
sozialliberalen Koalition erlaubt, mit dem Osten ins Gespräch zu kommen.
Egon Bahrs Konzept der Ostpolitik sei ausgereift gewesen und das drängen
auf den Abschluss der Verhandlungen über den Grundlagenvertrag im Jahr
1972, noch vor den Bundestagswahlen, sei eine richtige Entscheidung
gewesen, da Moskau an einem Wahlsieg der SPD interessiert und deshalb
konzessionsbereit gewesen sei. Brandts Politik sei auf konkrete
Verbesserungen für die Menschen im Osten und gegen die Abschottung der
DDR vom Westen ausgerichtet gewesen. Potthof weitet sein ostpolitisches
Lob auch auf Helmut Schmidt aus. Zu Herbert Wehner meint er, dieser sei in
dieser Hinsicht loyal und keineswegs ein verkappter Kommunist, wie von
Bahr behauptet, gewesen. Gestützt auf östliche Quellen legt Potthoff
dar, dass Helmut Kohl dem Ostblock weit mehr als in westlichen Quellen
ersichtlich entgegengekommen sei, womit er sich von Karl-Rudolf Kortes
Darstellung absetzt. Kohl habe die erfolgreiche Politik der kleinen
Schritte weitergeführt. Auch der von Strauss eingefädelte
Milliardenkredit bedeutete Kontinuität. Doch wie die Rolle von Brandt und
Bahr während der gesamten Jahre, in denen die SPD an der Macht gewesen
sei, so habe sich bezüglich der Regierungszeit der CDU der Blickwinkel zu
stark auf Kohls Verdienste verengt - auch das eine Kritik an Korte.
Potthoff verweist auch auf Peinliches innerhalb der SPD. So wagte sich
Egon Bahr noch 1988 mit dem Vorschlag für separate Friedensverträge mit
beiden deutschen Staaten hervor, damit die DDR ihre Identität gewinnen
könne, "in dem erstmals die Regierung von der Bevölkerung
akzeptiert wird". Im November 1989 trat Bahr für den Vorrang von
Stabilität, Sicherheitsarchitektur und europäischer Friedensordnung vor
der Einheit ein. Lafontaine meinte gar, gegen die
"Deutschtümelei" zu Felde ziehen zu müssen und forderte,
DDR-Bürger nicht mehr als Deutsche im Sinne des Grundgesetzes
anzuerkennen, um so die Übersiedelung zu stoppen. Zum heutigen Kanzler
Schröder meint Potthoff lediglich, er habe zögerlich reagiert. An der
Wiedervereinigungspolitik des "ewigen Kanzlers" bemängelt er
dessen Steuerlüge im Wahlkampf 1990. Doch auch Potthoff zollt Kohl
Anerkennung, die er allerdings dadurch relativiert, dass er die Rolle der
Menschen in der DDR hervorhebt. Die Dissidenten und friedlichen
Demonstranten hätten mit der Parole "Wir sind das Volk" für
die entscheidende Bewegung in der deutschen Frage gesorgt.
Heinrich Potthoff: Im Schatten der Mauer. Deutschlandpolitik 1961
bis 1990.
Gebundene Ausgabe, Propyläen, Berlin, 1999, 448 S. Bestellen
bei Amazon.de
Der 1959 in Unna geborene Hubertus
Knabe ist seit 1992 wissenschaftlicher Mitarbeiter des
Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen. Von ihm
stammen Veröffentlichungen zu den
Oppositionsbewegungen in der DDR und in Osteuropa
allgemein. Die Westarbeit des Ministeriums für
Staatssicherheit hat er im Auftrag des Deutschen
Bundestags untersucht. Da die Hauptverwaltung
Aufklärung (HVA), die für die Westspionage
zuständige Abteilung, ihre Archive und Dokumente 1990
in einer grossangelegten Aktion weitestgehend
vernichtete, ist die Quellenbasis für Historiker
schmal. Trotzdem gelingt es Knabe, die Tätigkeit des
Ministeriums für Staatssicherheit in Westdeutschland
darzustellen. Die Stasi wirkte nicht nur in
Ostdeutschland, wo sie übrigens über das Ende der DDR
hinausdachte und mit Ibrahim Böhme den Gründer der
Ost-SPD stellte und den Runden Tisch durchsetzt hatte,
als naive Linke noch immer den Aufbau einer gerechten
sozialistischen Gesellschaft diskutierten, sondern mehr
als 20,000 Westdeutsche lieferten regelmässig
Informationen aus dem Umfeld der Regierung, aus
Parteien, Verbänden, Unternehmen, Kirchen, Medien,
Universitäten, Gewerkschaften, Geheimdiensten und der
Bundeswehr. Auf Grund dieser umfassenden Spionage
erscheint der Titel Die unterwanderte Republik
als berechtigt. Die Stasi war beim Amtsverzicht des
Bundespräsidenten Lübke, beim Scheitern des
Misstrauensvotums gegen Bundeskanzler Brandt, bei der
Studentenrevolte von 1968 und bis zu den
Anti-Raketen-Protesten der 1980er Jahre dabei.
Finanzhilfen für die Friedensbewegung und andere
Organisationen (über 200 Institutionen wollte das MfS
1985 unterwandern), für Propagandamedien im Westen und
für Kampagnen zur Diskreditierung missliebiger
Personen gehörten ebenfalls dazu. Knabe widerlegt das
- nicht zuletzt von Markus Wolf gepflegte - Märchen
von der HVA als einer vom Stasi-Unterdrückungsapparat
unabhängiger Organisation. Vom Autor stammt übrigens
auch West-Arbeit des MfS - das Zusammenspiel von
"Aufklärung" und "Abwehr" zum
gleichen Thema (erschienen beim Verlag Ch. Links,
Berlin, 1999, 600 S.).
Hubertus Knabe: Die unterwanderte Republik. Stasi im
Westen. Gebundene Ausgabe,
Propyläen, Berlin, 1999, 590 S. Bestellen
bei Amazon.de Tipp: unter http://www.wiedervereinigung.de
ist eine Literaturdatenbank zur Deutschen Wiedervereinigung mit zur Zeit über
23,000 Nachweisen einzusehen.
Mark Mazower, 1958 in
London geboren, ist Professor für Geschichte am
Birkbeck College der University of London. In seinem
Buch Der dunkle Kontinent stellt er Europas
Selbstverständnis als überlegene Zivilisation und
Model für den Rest der Welt in Frage. Die Geschichte
des 20. Jahrhundert scheint ihm dazu allen Grund zu
geben. Leider unterlässt er es, den Alten Kontinent
aus der Sicht Asiens, Afrikas und des amerikanischen
Doppelkontinents darzustellen. Das Werk handelt von
Ereignissen und Kämpfen innerhalb Europas und nicht
von seinem Platz in der Welt. Für Mazower knüpften Faschismus und
Nationalsozialismus an die autoritäre Ideologie und
die antidemokratische Tradition Europas an. Der Erfolg
der Demokratie nach dem Zweiten Weltkrieg gründete in
seinen Augen vor allem auf dem wirtschaftlichen Erfolg
und weniger der republikanischen Überzeugung der
Europäer. Zur Zukunft des Kontinents meint Mazower,
Europa (mit Ausnahme Deutschlands) tue zu wenig, um
Russland zu helfen. Dazu wäre anzumerken, dass die
russische Führung zuerst die Bedingungen schaffen
müsste (Rechtsstaat und Rechtssicherheit sowie eine
Marktwirtschaft mit kompetenten Unternehmern und
Managern, um nur zwei Elemente zu nennen), damit
massive Wirtschaftshilfe sinnvoll eingesetzt und auf
fruchtbaren Boden fallen könnte. Zustimmen können wir
der mit Worten eines belgischen Diplomaten
umschriebenen Ist-Zustandsbeschreibung, dass Europa
"ein ökonomischer Riese, ein politischer Zwerg
und ein militärischer Wurm" sei. Am Ende des Jahrhunderts hat der
Kontinent seine zentrale Stellung in der Welt
verspielt. Es bleibt zu
hoffen, dass Mazower mit seinem Pessimismus unrecht
hat, wenn er befürchtet, dass es auch in Zukunft so
bleiben wird.
Mark Mazower: Der dunkle Kontinent. Europa im 20.
Jahrhundert.
Gebundene Ausgabe, 2000, 639 S., Alexander Fest
Vlg., Berlin. Bestellen
bei Amazon.de
Der 1955 geborene Norbert
Frei lehrt seit 1997 Neuere und Neuste Geschichte an
der Ruhr-Universität Bochum. Mit seinen
Veröffentlichungen zum Nationalsozialismus, darunter Der
Führerstaat (1987), hat er sich einen Namen
gemacht. In Vergangenheitspolitik setzt er sich
mit der "ersten Vergangenheitsbewältigung"
nach dem Zweiten Weltkrieg auseinander - bereits 1949
wurde der "Schlussstrich" gefordert, was bis
heute Konsequenzen habe. Im ersten Hauptteil untersucht
Frei die vergangenheitspolitische Gesetzgebung. Bereits
1950 versuchten sich alle Parteien als
Entnazifizierungsgegner zu profilieren. Bis Mitte der
ersten BRD-Wahlperiode waren fast alle westdeutschen
Bürger entlastet worden ("131er"-Gesetz aus
dem Jahr 1951). 1954, mit dem zweiten, vom Bundestag
verabschiedeten Straffreiheitsgesetz, war die
politische Säuberung quasi abgeschlossen. Im zweiten
Hauptteil geht Frei auf "das politisch-symbolisch
Problem Kernproblem der Kriegsverbrecher" ein.
Schon 1946/47 setzten erste Bemühungen um die
Begnadigung von zum Tode verurteilten Kriegs- und
NS-Verbrecher ein, wobei sich die Kirchen hervortaten.
Für Frei handelte es sich dabei nur um unter dem
Mäntelchen christlich motivierter Gegnerschaft gegen
die Todesstrafe schlecht verhüllte nationale
Ressentiments gegenüber einer angeblichen
Siegerjustiz. Im dritten Hauptteil analysiert Frei
"die vergangenheitspolitische Grenzziehung und
Normsetzung". Den mit der weitgehenden Amnestie
wurde eine gewisse Abgrenzung nötig. "Die Justiz,
oft erst von der Politik auf Trab gebracht, schritt nur
ein, wenn eine unmittelbare Rechtfertigung der
NS-Verbrechen, insbesondere der Mord an Juden, in Rede
stand oder die Berechtigung des Widerstandes gegen
Hitler lautstark in Zweifel gezogen wurde."
Exemplarisch verweist Frei u.a. auf den NS-Kreis um
Werner Naumann, den die Engländer Anfang 1953
verhafteten, da der ehemalige Staatssekretär im
Propagandaministerium die Unterwanderung der
nordrhein-westfälischen FDP schon weit vorangetrieben
hatte, was die Briten (und nicht die Deutschen)
stoppten. Mitte der 1950er Jahre war die
"Säuberung" abgeschlossen, weshalb denn auch
bereits zu Ende des Jahrzehnts das Wort von der
"unbewältigten Vergangenheit" kursierte. In
seinem Fazit verweist Frei auf den breiten Konsens, die
Pauschalität der Massnahmen und die temporeiche
Stringenz, mit der die Vergangenheitspolitik zu Anfang
der BRD durchgesetzt wurden. Adenauer, dem die
Kriegsverbrecher kaum am Herz gelegen hätten, der sich
aber durch FDP und DP massiv unter Druck gesetzt
fühlte, sei kein Preis zur Westintegration zu hoch
gewesen, weshalb er selbst zynische Kompromisse einging. Adenauer sei der Schlag der Briten gegen
Naumann 1953 jedoch nicht ungelegen gekommen, da damit klar
war, dass es keine Chance für den Traum vieler gab,
rechts von der CDU eine grosse Rechtspartei aufzubauen.
Den Wahltriumph in jenem Jahr wertete Adenauer deshalb
ganz besonders als Sieg über den traditionellen
Nationalismus. Realismus, Pragmatismus und Zynismus
spielte bei allen Parteien eine Rolle, denn ihnen war
klar, so Frei, "dass sie sich ihre Stimmen bei einem Volk
holen mussten, das gut zehn Jahre zuvor Hitler auch in
freier und geheimer Wahl mit überwältigender Mehrheit
gewählt hätte." Ein Faktum, das natürlich wie
ein Geheimnis behandelt werden musste. Mitte der 1950er
Jahre habe der Konsens darin bestanden, die Schandtaten des
Dritten Reiches allein Hitler und einer kleinen Clique
von Hauptkriegsverbrechern zuzuschreiben, führt Frei
aus.
"Die" Deutschen wurden zu verführten
Opfern.
Norbert Frei: Vergangenheitspolitik. Die Anfänge der
Bundesrepublik und die NS- Vergangenheit. Taschenbuch,
dtv, München, 1999, 460 S. Bestellen
bei Amazon.de
Timothy Garton Ash, Zeitgeschichtler am St. Antony's
College in Oxford, verweist zu Recht auf den
Ideengeschichtler Reinhart Koselleck, der festgestellt
hat, dass von Thukydides bis weit ins 18. Jahrhundert
hinein der Augenzeuge oder besser noch der an den
Ereignissen unmittelbar beteiligte sich besonders als
Geschichtsschreiber qualifizierte. Zeitgeschichte galt
als die beste Art der Geschichtsschreibung. Erst seit
Leopold von Ranke sind die Historiker der Überzeugung,
Distanz zu en Ereignissen sei wichtig. Das verleitet
Ash zur Spitzen Bemerkung: "eine Person, die
überhaupt nicht dabei war, soll besser Bescheid
wissen, als eine, die dabei war." Für ihn ist es
deshalb von Vorteil, "wenn bereits der Augenzeuge
daran interessiert ist, Antworten auf die Fragen des
Historikers zu Ursachen und Folgen, Strukturen und
Prozessen, Individuum und Masse zu finden." Mit
Alexis de Tocqueville und seinem Bericht zur
französischen Revolution von 1848 hat Ash einen
hervorragenden Zeugen seiner Zeit als Beispiel auf
seiner Seite. Timothy Garton Ash selbst war im November
1989 bei mancher dramatischen Debatte zwischen den
Führern der "samtenen Revolution" im Prager
Laterna-Magica-Theater anwesend und machte sich als
einziger Zeitzeuge Notizen davon. Vieles an jüngster
Geschichte sei verloren gegangen. Doch gleichzeitig
erkennt Ash bedeutende Einwände an. Regierungen und
Persönlichkeiten versuchten oft, aufschlussreiche
Fakten geheimzuhalten, und der Zeitzeuge kenne die
Folgen des aktuellen Geschehens nicht. Ash verweist auf
seinen Artikel im Januar 1989, in dem er Spekulationen
zurückwies, die Mauer könne bald fallen. All das
ändert natürlich nichts daran, dass der Zeitzeuge
essentiell ist und die vorgebrachten Schwächen
gleichzeitig Stärken sind, den sie dokumentieren das,
was die Menschen noch nicht wissen können (z.B. dass
die Mauer bald fallen würde). Zusammen mit einigen
wenigen Qualitätszeitungen, die allerdings Beobachter
ausserhalb der Entscheidungsorgane sind, helfen uns
Zeugen der Zeit, das Weltgeschehen aus der erlebten
Perspektive zu erfahren. Sie liefern uns eine Vielzahl
von Informationen, die sonst unwiederbringlich verloren
wären. Ashs Sammelband Zeit der Freiheit
umfasst Artikel, die er zwischen 1989 und 1999
geschrieben hat. Kontakte zu früheren Dissidenten und
heutigen Politikern (darunter Präsident Havel), die er
aus Prag und Warschau, Budapest und Zagreb, Bosnien und
dem Kosovo kennt, machen sein Buch zu einem Gewinn,
wenn auch hin und wieder eine weitere Schwäche dieser
Art von Geschichtsschreibung ins Auge fällt: Die
persönliche Nähe untersagt es manchmal, Dinge direkt
beim Namen zu nennen. Vereinzelt äussert er Kritik
nur verklausuliert, andeutungsweise,
abschwächend, nicht mit aller Härte. Das passiert
allerdings auch Historikern, die auf Regierungen,
Politiker, Parteien, Kirchen, Wirtschaftsverbände,
Gewerkschaften, etc. Rücksicht nehmen.
Timothy Garton Ash: Zeit der Freiheit. Aus den Zentren von
Mitteleuropa.
Gebundene Ausgabe, Hanser, München,
1999, 499 S. Bestellen
bei Amazon.de
Die 1967 geborene Astrid Luise
Mannes ist Historikerin und als Wissenschaftliche
Mitarbeiterein im Deutschen Bundestag tätig. Ihre
Brüning-Biographie, mit einem Vorwort von
Bundesminister a.D. Stoltenberg, versucht vergeblich,
einen der letzten Reichskanzler vor Hitler zu
rehabilitieren. Der 1885 in Münster geborene und 1970
im US-Bundesstaat Vermont verstorbene Reichskanzler vom
30. März 1930 bis am 30. Mai 1932 gehört zu den
tragischen Figuren der deutschen Geschichte. Positiv
hervorzuheben ist ihr Bemühen, die erste umfassende
Biographie des Mannes zu schreiben, über den in der
Regel nur Analysen seiner Kanzlerschaft zu finden sind.
Der nüchterne, sachliche, korrekte und skandalfreie
Brüning bleibt schwer fassbar. Der einzelgängerische
Politiker war pflichtbewusst und scheiterte. War
Brüning das letzte Bollwerk vor den Nazis, der die
Demokratie zu retten versuchte, oder war er ein
(ungewollter) Wegbereiter Hitlers? Sein politisches
Ziel sei es gewesen, das Zentrum in eine
interkonfessionelle Staatspartei umzuwandeln. Ein Ziel,
das er verfehlte. Als Reichskanzler liess er keinen
Zweifel daran, dass er den Reichstag aufzulösen und
mit Notverordnungsartikel 48 der Reichsverfassung zu
regieren bereit war, was er denn auch tat. Zuoberst auf
seiner Prioritätenliste stand das Ende der
Reparationszahlungen, wozu er einen rigorosen Sparkurs
fuhr, der die Krise noch verschlimmerte und dennoch
sein Ziel nicht erreichte, wobei er allerdings nur die
damaligen ökonomischen Kenntnisse umsetzte. Bei Astrid
Luise Mannes ist zu wenig über Brünings Verhältnis
zur Demokratie, zur Monarchie und zu seinem
Gesellschaftsbild zu erfahren. Seine Beziehung zur SPD
untersucht sie nur in einem sehr beschränkten
Zeitraum, nicht jedoch für die Jahre der Kanzlerschaft.
Das entscheidende Verhältnis zu Reichspräsident
Hindenburg beschreibt sie eher, als dass sie es
analysiert. Natürlich versuchte Brüning, die Nazis
einzudämmen. Er verbot sogar SS und SA am 13. April
1932, kurz bevor ihm der Reichspräsident sein
Vertrauen entzog. Trotzdem, Brüning unternahm keine
Versuche, die grosse Koalition mit der SPD
wiederzubeleben. Er regierte ohne das Parlament. Dies
sei lediglich eine von ihm eingeschlagene notwendige
Übergangslösung gewesen, die er nicht aus
autoritären Neigungen eingeschlagen habe, meint
Mannes. Zudem habe die Mehrheit des Reichstages von
seinem Recht, die Aufhebung der Notverordnungen zu
verlangen, keinen Gebrauch gemacht. Hitlers
Ermächtigungsgesetz hat sich Brüning, entgegen der
Zentrumsmehrheit um Kaas, zuerst entgegengestellt. Er
habe erst zugestimmt, als durch seine Ablehnung nichts mehr
habe gewonnen werden können, lediglich die
persönliche Verhaftung und die Parteiauflösung
hätten bei einem Nein gedroht. Im Exil schwieg Brüning zu den
Vorgängen in Deutschland, weil er dem Land nicht
schaden wollte und durch seine Kontakte aus der
Kanzlerzeit mehr zu erreichen hoffte. Doch er sagte
auch die Etappen der nationalsozialistischen
Machterweiterung voraus und versuchte die britische
Regierung von ihrer Appeasement-Politik abzubringen.
1938 schätzte er gemäss Mannes sogar den Zeitpunkt des
Kriegsausbruches richtig ein. Die Beurteilung Brünings
wird durch die Kontroverse um die Echtheit seiner
Erinnerungen sowie dem Verschwinden von Teilen seines
Nachlasses erschwert. Die Arbeit von Mannes ist leider zu oberflächlich, die Rehabilitation des
Reichskanzlers überzeugt nicht. In der Bibliographie
fehlt Hans Mommens herausragende Darstellung der
Weimarer Republik. Darin hätte Astrid Luise Mannes
eine sprachliche und analytische Vorgabe ersten Ranges
gefunden, auch wenn sie dem "linken"
Historiker wohl nicht immer hätte folgen können. -
Astrid Luise Mannes: Heinrich Brüning. Leben, Wirken,
Schicksal.
Gebundene Ausgabe, Olzog, München, 1999, 304 S. Bestellen
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