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Alberto Giacometti &
seine Familie
Biografie, Biographie,
Ausstellungen
Artikel vom August 2000
Die Familie Giacometti. Das Tal, die Welt
in
der Städtischen Kunsthalle Mannheim und
Alberto Giacometti: Stampa - Paris im Bündner Kunstmuseum Chur. Beide Ausstellungen bis 17. September 2000.
Neu im August 2009:
Der
Artikel zur Ausstellung in der Fondation Beyeler: Giacometti, Hatje Cantz,
2009, 224 p., 194 Photos. English edition:
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Katalog: Alberto Giacometti. Stampa - Paris. Bündner Kunstmuseum Chur, Scheidegger &
Spiess,
2000, 256 S. Bestellen bei Amazon.de.
Katalog: Die Familie Giacometti: Das Tal, die Welt, erhältlich in der Städtischen Kunsthalle
Mannheim, Edizioni Gabriele Mazzotta, Mailand, 2000, 285 S.

Ernst Scheidegger: Spuren einer Freundschaft - Alberto Giacometti.
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James Lord: Alberto Giacometti. Scheidegger und Spiess. Neuausgabe
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Das Bergell ist eine Schweizer
Bergregion,
zwischen den Pässen Maloja und Castasegna gelegen. Geographisch ist es
nach Süden ausgerichtet, wegen dem reformierten Glauben jedoch nach
Norden orientiert. Da das Tal nur den wenigsten ein Auskommen ermöglichte, zogen viele als Söldner und Zuckerbäcker in die Welt,
woher manche wieder zurückkamen - daher der Untertitel der Ausstellung in
Mannheim: Das Tal, die Welt. Es war das Geschlecht der Salis, die
während Jahrhunderten als Offiziere in fremden Heeren ihre Dienste
leisteten und diplomatische Beziehungen zum Ausland unterhielten, das das
Tal im 16. Jahrhunderten zur Welt öffnete.
Die Giacomettis stammten ursprünglich aus einer bescheidenen
mittelitalienischen Familie. Doch bereits der Vater von Giovanni
Giacometti (1868-1933) heiratete in eine vermögende Bergeller Familie.
Der Sohn tat es ihm gleich und ehelichte Annetta Stampa, die aus einer der
reichsten Familien des Tals stammte. Das Dorf trägt nicht ohne Grund
ihren Familiennamen. Neben den Stampa waren die Castelmur, die Prevost und
die Salis die tonangebenden Familien im Bergell. Zu den schillerndsten
Persönlichkeiten des Tales gehörte Rodolphe Salis (1851-1897) aus
Vicosoprano, dessen Grossvater und Vater als Zuckerbäcker in Frankreich
tätig waren. Rodolphe zog es nach Paris, wo er 1881 das Théâtre du Chat
Noir eröffnete und damit zum Schöpfer des intellektuellen Kabaretts
wurde.
Die Künstlerfamilie Giacometti, das sind
der erwähnte Giovanni (1868-1933), Augusto (1877-1947), Alberto
(1901-1966), Diego (1902-1985) und Bruno (1907). Giovannis Vater war
zuerst als Zuckerbäcker tätig und wanderte nach Warschau aus. In Bergamo
leitete er später ein Kaffeehaus und kehrte danach als vermögender Mann
nach Stampa zurück, wo er ein mächtiges Patrizierhaus kaufte, das ihm
gleichzeitig als Gasthof, Wirtshaus, Gemischtwarenhandlung und Bäckerei
diente. Giovanni konnte deshalb bei seiner künstlerischen Laufbahn auf
finanzielle Unterstützung aus dem Elternhaus rechnen. Als der berühmte
Maler Giovanni Segantini nach Maloja
zog, freute dies Giovanni Giacometti, denn so konnte er seinem Vorbild,
dem Landschaftsmaler der Bergwelt, nahe sein. Segantini unterstützte und
förderte ihn.
Die Häuser der Familien von Augusto und
Giovanni standen nur wenige Meter nebeneinander, doch der Cousin zweiten
Grades des Panoramamalers Giovanni, Augusto, stammte aus armem Elternhaus und
musste sich deshalb sein Künstlerdasein erkämpfen. Zu Hause arbeitete er im
Verborgenen, denn der Vater duldete diese unnütze, nur für Reiche bestimmte
Tätigkeit nicht. Sein Onkel Zaccharia dagegen zeigte mehr Verständnis.
Augusto litt zudem unter der Trennung seiner Eltern und wurde mit zwölf
Jahren zu seiner Tante Marietta Torriani nach Zürich geschickt, das ihm,
trotz einem nochmaligen Schulbesuch in Stampa, zur Heimat wurde. Als Künstler
wechselte er zwischen abstrakten Studien und bildlichen Gemälden, Zeichnungen
und Dekorationen hin und her. Augusto wurde zum Städter und grossen
Koloristen. Auf seinem Grabstein steht denn auch: "Meister der
Farbe". Doch mit den andern Giacomettis hatte er nie den Kontakt gepflegt.
Alberto, der Sohn von Giovanni und Annetta Stampa, verbrachte dagegen eine glückliche
Kindheit. Sein Vater feierte bei
seiner Geburt bereits Erfolge als neoimpressionistischer Maler. 1913 schuf
Alberto sein erstes Ölgemälde, 1914 seine ersten Skulpturen aus Plastilin,
das sein Vater für ihn gekauft hatte. Bei einer Reise nach Venedig im Jahr
1921 stirbt ein holländischer Mitreisender, mit dem er sich angefreundet
hatte, nach kurzem Unwohlsein vor seinen Augen. Der bestürzte 20jährige
Alberto wird fortan auf Grund dieses Erlebnisses ein bescheidenes Leben
führen. Er etabliert sich 1922 in Paris, wo er beim Rodin-Schüler Antoine
Bourdelle Kurse bis 1927 besucht, unterbrochen durch Reisen ins Bergell. Pierre
Matisse, der Sohn des berühmten Malers und spätere Kunsthändler wird
sein Freund. Rasch versteift sich Alberto auf die Auseinandersetzung mit einem
menschlichen Schädel, den er als Überbleibsel der Existenz studiert und an
dem er die Lebenszeichen sucht, die dem Schädel einst durch Atem und Blick
Energie und Spannung verliehen hatten.
1925 kommt Diego zu seinem Bruder nach Paris
und wird für immer sein Assistent. Zwei Jahre später beziehen sie
zusammen ihr endgültiges Atelier. Bei der engen Zusammenarbeit entstehen
nicht nur die surrealistischen Kompositionen Albertos, sondern auch viele
Möbelstücke, denen Diego als Designer und Raumgestalter in der Folge
vermehrt seine Karriere widmen wird.
Alberto beginnt ab 1946 zu seinem Stil zu finden. Nachdem er in Paris in
einer Menschenmenge eine neue visuelle Erfahrung von Raumtiefe macht,
werden seine Skulpturen immer länger und reduzierter. Die Anerkennung
folgt u.a. mit der 1948 von Pierre Matisse in New York organisierten
Einzelausstellung. Gemäss Pietro Bellasi kommt bei Albertos reifer Kunst
ein prä-formales Vorstellungsregister der Materie zum Ausdruck, das durch
die Bergwelt, insbesondere den Granit, geprägt ist.
Der Architekt Bruno, der jüngste der Giacomettis, der sich nicht als
Künstler sieht und nie das Rampenlicht gesucht hat, baute in den 1950er
Jahren den Schweizer Pavillon für die Biennale von Venedig, der sich
durch eine klare Liniengebung und helle Räume auszeichnet. Wie Diego, so
richtete auch Bruno sein Leben ausserhalb des Bergells ein, was vor allem
beruflich bedingt zu sein scheint. Bruno lebt in Zollikon, Kanton Zürich.
Die Ausstellung in der Städtischen
Kunsthalle Mannheim kann die Karrieren der fünf Giacomettis nicht vollständig
dokumentieren, dazu fehlen natürlich zu viele wichtige Werke. Doch die
präsentierten Arbeiten, von denen aussergewöhnlich viele aus Privatbesitz
stammen, erlauben doch einen Über- und Einblick. Das Hauptaugenmerk liegt mit
über 50 ausgestellten Werken auf Alberto, dem beeindruckendsten Plastiker des
20. Jahrhunderts. Der Katalog bietet eine nützliche und kompetente Einführung
in Leben und Werk der wichtigsten Künstlerfamilie der Schweiz.
Nach Von Photographen gesehen: Alberto
Giacometti im Jahr 1986 und La Mama a Stampa. Annetta - gesehen von
Giovanni und Alberto im Jahr 1991 widmet das Bündner Kunstmuseum Chur dem
berühmtesten Künstlersohn des Kantons erneut eine Ausstellung. Diese konzentriert
sich mit 11 Skulpturen, 20 Gemälde, 89 Aquarelle und
Zeichnungen sowie 15 Druckgrafiken voll und ganz auf Alberto Giacometti und sein
Schaffen, was letztmals 1978 der Fall war. Der Gegensatz zwischen dem
ländlichen, beschaulichen Bergell und der Kunstmetropole Paris werden
betont.
Leben und Werk an beiden Orten, in der französischen Hauptstadt und in Stampa,
werden untersucht. Die ausgestellten Werke dokumentieren den Werdegang des
Jungen im Jahr 1915 bis zum reifen Künstler der sechziger Jahre. Ergänzt wird die Retrospektive durch 29
Fotografien, welche die Jahre von 1911 bis zum Begräbnis des Künstlers im Januar 1966
illustrieren.
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