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Nr. 17, August 2000
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Keith Jarrett Trio
Keith Jarrett, Gary Peacock, Jack DeJohnette, Konzert am Montreux Jazz Festival 2000
Konzertkritik von Johannes Anders,
Redaktionsmitglied von "JAZZ ‘N‘ MORE", Zürich.
 
Pianostar Keith Jarrett scheint seine von den internationalen Medien seinerzeit schon fast penetrant hervorgehobene Krankheit entgegen eigener Prognosen weitgehend überwunden zu haben. Jedenfalls präsentierte er sich beim Montreux Jazz Festival in hervorragender Kondition und begeisterte mit zwei prägnanten Sets.
 
Wie intensiv und gravierend Keith Jarretts vielzitiertes Erschöpfungssyndrom (CFS, chronic fatigue syndrome) auch immer gewesen sein mag, Freunde seiner Musik und alle diejenigen, die ihn für eine der grossen Musikerpersönlichkeiten unserer Zeit halten, haben sich zumindest darüber Sorgen gemacht, dass er seit Ende 1996 kaum mehr Konzertauftritte hatte und keine Jazzaufnahmen mehr machte. Und als im Herbst 1999 die Solo-CD The Melody At Night, With You erschien, Solo-Aufnahmen, die Jarrett in seinem Heimstudio machte, mit wunderbar stillem, die Essenz der einzelnen Stücke fokussierendem Spiel (siehe meine Besprechung im Schweizer Musikmagazin "JAZZ 'N' MORE“, Nr.1/2000, Seite 32), da war man zwar sehr angetan von der ungewohnten Schlichtheit und Reduktion, die Sorgen aber trotzdem nicht ganz los.
 
Jetzt überraschte der Pianostar mit dem Wagnis von sechs grossen, europäischen Konzerten (in Perugia, Montreux, beim Festival de Jazz d’Antibes Juan-les-Pins, in San Sebastian, und zwei Auftritten in der Royal Albert Hall in London); das allerdings mit seinem eingespielten Standard Trio mit Gary Peacock und Jack DeJohnette und nicht mit Solo-Performances, die ja eine noch grössere Herausforderung bedeutet hätten. Und die Überraschung war (trotzdem) gross! Da hat sich einer, der sich gemäss eigenen Aussagen schon fast völlig im gesundheitsbedingten, künstlerischen Abseits befand, mit beeindruckender, musikalisch-kreativer Präsenz zurückgemeldet, zwar nicht gerade wie ein Phönix aus der Asche, aber doch mit je länger je mehr begeisternd-intuitivem Improvisationsspiel von grosser Dringlichkeit und Dichte.
 
Phantastisches Triospiel
 
Das ganze erste, 45 Minuten lange Set, kreiste um ein im Zentrum stehendes, rhythmisch prägnantes,  Blues-artiges Motiv, mit ruhigen, meditativen Sequenzen, mit konzentriertem, polyphonen Trio-Gesprächen, mit freiem, kollektivem Floaten in melodisch und rhythmisch abstrakte Klanglandschaften, aber auch mit wunderbaren, rhythmisch starken Dialogen, zum Beispiel zwischen Jarrett und Drummer Jack DeJohnette, der sich etwa in einer spannenden Sequenz mit prickelnd sprühender Besenarbeit einbrachte und einen besonders guten Tag hatte. Jarrett-Lieblingsbassist Gary Peacock agierte adäquat wie gewohnt, auch wenn er, besonders am Anfang, kurzzeitig mit Intonationstrübungen zu kämpfen hatte; er ist ja sowieso nicht gerade der grosse Meister reiner Tongebung; seine Qualitäten liegen woanders: im dichten, kommunikativen, rhythmisch akzentuierenden wie inspirierenden Kollektivspiel. Auch bei Jarrett spürte ich in den Anfangssequenzen immer mal wieder ganz kurz kleinste, ungewohnte Bruchstellen im Intensitätsfluss und Aufbau linearer Strukturverläufe. Einer der Gründe dafür mag gewesen sein, dass diese Art freier, dreiviertelstündiger Exposition in Montreux zum ersten Mal in dieser Ausgeprägtheit "inszeniert" wurde. Diese kleinen Haken waren dann aber im weiteren Verlauf des ersten Teils und vor allem in den zweiten 45 Minuten des Abends wie weggeblasen. Hier ging es auch nicht in erster Linie um riskante, freifliessende Expeditionen und Inventionen, sondern um das geniale Spielen, Umspielen, Drehen und Wenden, um das verschiedenartige Beleuchten und immer wieder neue Erkunden von Standard-Themen wie The Song Is You, The Devil And The Deep Blue Sea, Stars Fell On Alabama, When I Fall in Love oder Sonny Rollins‘ Doxy. Und auch das gelang den dreien meisterhaft!
 
Begleiterscheinungen
 
Wer bisher schon wenig Verständnis dafür hatte, oder es (fälschlicherweise) als reines Show-Gehabe abtat, nämlich, dass Jarrett prägnante Sequenzen gern auch mal durch Spiel im Stehen unterstreicht und das Ende einer besonders gelungenen Sequenz oder den Raum zwischen zwei dicht pulsierenden Patterns durch rufähnliche Laute markiert, der empfand das wahrscheinlich auch bei diesem Konzert als störend. Missverständliche Begleiterscheinungen gab es aber auch sonst in Montreux. Wer den Rummel bei diesem Festival kennt, versteht, warum Jarretts Management zur Auflage gemacht hatte, dass während des Konzerts absolute Ruhe zu herrschen hatte, auch keine anderen Musik-Veranstaltungen stattfinden durften und der allgemeine Geräuschpegel um das Gebäude und darinnen auf ein Minimum reduziert werden musste. Ob jedoch zum Beispiel die drastische Reduktion der Pressekarten speziell für diesen Anlass nicht eher auf die überall dominierenden, kommerziellen Interessen des Festivalorganisators zurückzuführen waren, mit Eintrittspreisen von 99 bis 129 Franken für das schon lange vorher ausverkaufte Konzert, das bleibe dahingestellt. Positiv muss vermerkt werden, dass die Verstärkung und der Sound im riesigen "Auditorium Stravinski" einwandfrei und von seltener Qualität waren, auch was die Lautstärke betraf. Und mit Befriedigung kann festgestellt werden, dass auch dieses grossartige Jarrett-Konzert zur Dokumentation und eventuellen späteren Verwendung für das Label ECM in voller Länge aufgezeichnet wurde.
 
Kritikerpreis
 
Im Rahmen des Umbria Jazz Festivals im italienischen Perugia, wo Jarrett seine sechsteilige Europa-Tournee startete, wurde der 1955 in Allentown, Pennsylvania, geborene Pianist übrigens mit dem Heineken-Kritikerpreis ausgezeichnet. Die mit den bekanntesten Jazzkritikern Italiens besetzte Jury zeichnet damit das Lebenswerk des Starpianisten aus. Neben vielen weiteren Preisen erhielt Jarrett 1972 den Guggenheim Award und wurde dreimal für einen Grammy nominiert.






Keith Jarrett Trio. Photo © W. Patrick Hinely/ECM Records.
 


Keith Jarrett. Photo © W. Patrick Hinely/ECM Records.
 

The Melody At Night; With You. ECM, 1999. Album bestellen bei Amazon.de.
 

Whisper Not. ECM, 2000. Album bestellen bei Amazon.de. Die in diesen Tagen erscheinende 2-CD-Edition bringt die Live-Aufzeichnung eines Konzerts des  Keith Jarrett Trios vom 5. Juli 1999 im Pariser Palais des Congrès. Es sind die ersten Aufnahmen des genialen Pianisten nach seiner dreijährigen, krankheitsbedingten Abwesenheit, weshalb dieser Auftritt offensichtlich mit noch grösserer Spannung erwartet wurde, als derjenige beim letzten Montreux Jazz Festival; jedenfalls zeigte sich das Pariser Publikum spürbar begeistert. Während sich das Trio in Montreux im ersten Konzertteil selbstsicher in freiere Gefilde wagte, konzentrierte es sich hier ausschliesslich wieder auf Standards, die allerdings in einer ungewohnt abgeklärt wirkenden, aber nach wie vor prägnanten und spannenden Weise angegangen wurden. Die Balladen spielt Jarrett hier melodiöser als früher, sicherlich eine Nachwirkung seiner wunderbaren Solo-CD „The Medody At Night, With You“. Bei den Up-Tempo-Titeln bezieht er sich direkter als kaum je zuvor aufs Bebop-Pianospiel, was diesen Aufnahmen zusätzlichen Reiz verleiht. (Toningenieur des ausgezeichnet aufgenommenen Konzerts war übrigens der bei uns bestens bekannte Tonmeister von SR DRS, Martin Pearson). Kritik von Johannes Anders 
 


Expectations. Columbia, 1999 (wiederveröffentlicht). Album bestellen bei Amazon.de.

 

Fort Yawuh. Impuls, 2000 (wiederveröffentlicht). Album bestellen bei Amazon.de.
 

Always Let Me Go - Live in Tokyo. ECM, 2002. CD bestellen bei Amazon.co.uk.


Keith Jarrett Trio. Photo © W. Patrick Hinely/ECM Records.
 

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