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Nr. 17, August 2000
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Klassik CDs
 
Lautenmusik/Lute music von Valentin Bakfark und Matthäus Waissel, interpretiert von Jacob Heringman (Discipline, Indigo)
 
Im 16. Jahrhundert war die Laute sowohl das führende Solo-Instrument als auch das wichtigste Begleitinstrument der Sänger. Der amerikanische Lautenspieler Jacob Heringman, der bei Jakob Lindberg am Royal College of Music in London und danch bei Pat O'Brien in New York studiert hat, konzentriert sich bei der vorliegenden CD auf den Instrumentalteil der sakralen und sekulären Musik der Komponisten Valentin Bakfark und Matthäus Waissel. Bafark wurde in eine deutsche Familie von Lautenspielern im damals ungarischen Kronstadt geboren. Er wurde zu einem der geschätztesten Musiker am polnischen Hof des 16. Jahrhunderts. Daneben war er in andern Ländern tätig, so in im italienischen Padua, wo er 1576 an der Pest verstarb. Der in Ostpreussen geborene Matthäus Waissel war ein Schullehrer und Priester, der Lautenmusik veröffentlichte. Dazu gehören die zwölf polnischen Tänze, die Jacob Heringman eingespielt hat. Die ersten zwei sind relativ monoton, langweilig und ohne Magie. Danach folgen ruhige und lebhaftere Tänze, die besser zu gefallen vermögen. Doch der Höhepunkt der CD bildet die ernste Lautenmusik von Valentin Bakfark, die melodiös und abwechslungsreich ist. Die polnischen Tänze von Waissel wurden zuvor wohl noch nie aufgenommen, und um Bakfark hat sich bisher vor allem Dániel Benkö (für Hungaroton) gekümmert. Jacob Heringmans Aufnahmen bilden also die Gelegenheit, eine im 16. Jahrhundert sehr geschätzte Musik wiederzuentdecken. Bestellen bei Amazon.de
Werke von Canteloube und Ravel (Virgin classics; re-release)
 
Die amerikanische Sopranistin Arleen Auger singt auf einer neuaufgelegten CD eine Auswahl von Canteloubes Liedern aus der Auvergne, die sie zusammen mit dem English Chamber Orchestra unter der Leitung von Yan Pascal Tortelier 1987 aufgenommen hat. Auf der zweiten CD sind Boléro, Shéhérazade, La Valse und weitere Kompositionen von Ravel zu hören, die mit dem Dirigenten Libor Pesek und der Philharmonia London 1990/91 aufgenommen wurden. In Vocalise en forme de habanera von Ravel, in einer Orchestration von Arthur Hoérée, übernimmt erneut Arleen Auger den gesanglichen Part und bildet so - die doch sehr weithergeholte Klammer - zur ersten CD. Doch wenn stört's? Die aufgenommenen Werke von Ravel gehören zu den populärsten im Bereich der klassischen Musik, und die von der Folklore der Auvergne inspirierten Lieder des wenig bekannten französischen Komponisten Joseph Canteloube (1879-1957), die er in den 1920er Jahren komponiert hat, sind eine Entdeckung wert. Bestellen bei Amazon.de 
Die Wiener Philharmoniker unter der Leitung von Myung-Whun Chun: Dvorák. Symphonien Nr. 6 & 8 (Deutsche Grammophon)
 
Die im Jahr 1880 geschriebene Symphonie Nr. 6 von Antonín Dvorák (1841-1904) ist stark von Brahms' Nr. 2 beeinflusst. Auch in der 8. Symphonie ist der Einfluss des deutschen auf den böhmischen Komponisten spürbar, der jedoch zu einer eigenständigen romantischen Form fand. Die zwei erwähnten Werke für Orchester von Dvorák zeichnen sich durch ihre Polyphonie, ihren klanglichen Reichtum aus. Der Einfluss der slawischen Volksmusik ist ebenfalls spürbar. Es war die Zeit des Nationalismus, der auch Böhmen erfasst hatte. Melodie und Rhythmus sind von der Folklore beeinflusst. Die 8. Symphonie unterscheidet sich von der 6. dadurch, dass sie kein eigentliches Hauptthema hat, sondern sich durch ihren motivischen und thematischen Reichtum auszeichnet. Dvorák brachte die 8. übrigens anstelle einer Rede bei der Verleihung des Dr. h.c. an ihn durch die Universität Cambridge im Jahr 1891 zur Aufführung, weshalb sie auch die "Englische" genannt wird. Die unter der Leitung von Myung-Whun Chun stehenden Wiener Philharmoniker, insbesondere die hier entscheidenden Streicher, interpretieren die farbenfrohe Musik mit der nötigen klanglichen Wärme und dem nötigen emotionalen Engagement. Bestellen bei Amazon.de
Fabio Biondi, Europa Galante: Vivaldi: La Tempesta di mare. Concerti con titoli (Virgin veritas)

Fabio Biondi arbeitet sowohl als Solist (darunter Aufnahmen von Bach und Schubert sowie der halb "vergessenen" italienischen Komponisten Tartini und Veracini) als auch als Direktor von Europa Galante. Mit dem Ensemble gehörte er zu den Pionieren der Wiederbelebung der italienischen Barockmusik Die Aufnahmen haben zu Preisen wie dem prestigereichen Diapson d'or de l'année geführt. In diese Kategorie - Barock - gehört auch die vorliegende neue Aufnahme von mehreren Concerti von Vivaldi. Die CD kommt nicht als Überraschung, schliesslich hat die Einspielung der Vier Jahreszeiten von Vivaldi dem Ensemble viel Lob und Preise eingebracht. Die direkte Spielweise und Transparenz überraschen. Hin und wieder geht jedoch der spezifisch "barocke" Ton verloren. Bei der Tempesta di mare ist nicht viel von Unwetter, von tosenden Winden und brandenden Wogen zu spüren. Das Werk wirkt eher fröhlich denn dramatisch. Doch insgesamt überzeugen die Concerti durch ihre Frische und Virtuosität. Ein neuer Bestseller? Bestellen bei Amazon.de
Werke von Schostakowitsch und Schönberg (Virgin classics; re-release)

Das Nash Ensemble wurde 1964 gegründet und gilt heute als eines der reputiertesten für Kammermusik in Grossbritannien, nicht zuletzt dank der künstlerischen Direktorin, Amelia Freedman. Die Gruppe ist übrigens nach den John-Nash-Terrassen in London benannt. Bei den vom Ensemble 1993 aufgenommen Werken von Schostakowitsch, insbesondere den vier Walzern für Flöte, Klarinette und Klavier, stellt sich die Frage nach einer möglichen zweiten Bedeutungsebene und versteckter Ironie. Der Interpretation des Nash Ensembles nach zu urteilen, scheinen die Kompositionen ohne Hintergedanken geschrieben worden zu sein. Die Walzer waren als Filmmusik - das einzige musikalische Genre, das Stalin schätzte - für vier verschiedene Streifen komponiert worden. Sie sind leider zu konventionell und deshalb eine Enttäuschung. Für das ebenfalls auf der CD eingespielte Quintett für Klavier und Streicher erhielt Schostakowitsch 1940 den Stalin-Preis. Auf der zweiten CD befinden sich Aufnahmen aus dem Jahr 1991: Schönbergs Kammersymphonie, seine Ode an Napoleon sowie seine Verklärte Nacht. Auch hier handelt es sich um zum Teil im Krieg entstandene Werke. Er komponierte die Ode an Napoleon op. 41 im Jahr 1942 zu einem napoleonfeindlichen Gedicht von Lord Byron. Schönberg klagte damit im Krieg die Tyrannei von Hitler an, wofür er die Form des Sprechgesangs wählte, der auf der CD von Thomas Allen rezitiert wird. Ein eindrückliches Werk. Die zwei andern Kompositionen entstanden 1899 und 1906. Bestellen bei Amazon.de
André Previn, Wiener Philharmoniker: Beethoven & Verdi: Streichquartette (Deutsche Grammophon)
 
1999 hat André Previn zusammen mit den Wiener Philharmonikern im Grossen Saal des Wiener Musikvereins, einem der akustisch besten Konzertorte der Welt, das Streichquartett cis-mol von Ludwig van Beethoven (1770-1827) op. 131 sowie das Streichquartett e-moll von Giuseppe Verdi (1813-1901) aufgenommen, in Versionen für Streichorchester. Bei der Interpretation von Beethovens Werk stützten sich die Musiker auf eine Bearbeitung von Dimitri Mitropoulos. Das Quartett op. 131 entstand 1825/26, wurde jedoch erst im Juni 1827, drei Monate nach seinem Tod veröffentlicht. Der langsame Kopfsatz ist für Beethoven ungewöhnlich, zudem eine Fuge. Die polyphonen Sätze kommen in der Bearbeitung für Streichorchester natürlich erst recht zur Geltung, wie die vorliegende Aufnahme beweist. Das Kernstück des Quartetts bildet eine Variationenfolge von schlichter Thematik. Die letzten Takte sind erneut in cis-moll, doch es ist kein Triumph, sondern op. 131 ist eine Musiktragödie. Während für Beethoven Streichquartette eine zentrale Rolle spielten, waren sie für Verdi die Ausnahme. 1872 hielt sich der 59jährige Komponist in Neapel auf, um eine Einstudierung von Aida zu überwachen. Als die Sängerinnen, die für die Rollen von Aida und Amneris vorgesehen waren, erkrankten, vertrieb sich Verdi die Zeit mit der Komposition des vorliegenden Streichquartetts, das 1873 in seiner Hotelsuite von vier Mitgliedern des Opernorchesters uraufgeführt wurde. Bei der Einspielung des eleganten Meisterwerks, das den Bezug zu Aida nicht verleugnen kann, stützte sich André Previn auf eine Fassung von Toscanini, der das Stück gerne und häufig dirigierte. Gleichzeitig weist das Quartett, auf Grund der hohen Virtuosität, der raschen Tempi und der transparenten Polyphonie auf sein Spätwerk und insbesondere den kommenden Falstaff hin. Bestellen bei Amazon.de

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