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Shlomo Mintz, Maxim Vengerov und das Bachorchester des
Gewandhauses zu Leipzig in der Tonhalle Zürich - Biographien und Konzertkritik
Shlomo Mintz wurde 1957 in Moskau geboren. Mit
seinen Eltern emigrierte er nach Israel, wo er im Alter von sechs Jahren bei
Studium bei der ungarischen Geigenpädagogin Ilona Fehér begann. 1968
debütierte mit dem Israel Philharmonic Orchestra unter der Leitung von Zubin
Mehta. Er setzte seine Studien an der Juilliard School of Music bei Dorothy DeLay
sowie Isaac Stern fort. 1973 trat er erstmals in der Carnegie Hall auf (mit
dem Pittsburgh Orchestra unter der Leitung von William Steinberg). Seither
reist Shlomo Mintz als gefragter Violinist und Bratschist durch die Welt. Er
ist mit allen grossen Orchestern und Dirigenten sowie an den wichtigsten
Festivals aufgetreten. Er war zudem Chefdirigent des Israel und des Rotterdam
Philharmonic Orchestra sowie des Israel Chamber Orchestra (1989-93). Nun übt
er diese Funktion beim Limburg Symphony in Maastricht aus. Als Kammermusiker
spielt er in einem Trio mit dem Pianisten Itamar Golan und dem Cellisten Matt
Haimovitz. Shlomo Mintz leitet Meisterklassen an der Manhattan School of
Music, dem Cleveland Institute und dem Pariser Konservatorium. Er spielt eine
Geige von Guarnerius del Gesù (1719) und eine Bratsche von Carlo-Giuseppe
Testore (1696). CDs mit Shlomo Mintz bei Amazon.de
Maxim Vengerov wurde 1974 im russischen
Novosibirsk geboren. Der Generalist, der von Bach bis Schostakowitsch alles
spielen kann, begann mit viereinhalb Jahren Geige zu spielen. Ein halbes Jahr
später gab er sein erstes Rezital mit Werken von Paganini, Tschaikowsky und
Schubert und spielte ein Jahr später sein erstes Konzert mit Orchester. Seine
erste professionelle Lehrerin war Galina Turtschaninova, die bemerkte, ein
Kind wie Vengerov werde nur alle hundert Jahre geboren. Neben viel Talent
brachte der Junge auch den unbedingten Willen zu harter Arbeit mit. Mit sieben
Jahren ging er mit seiner Lehrerin nach Moskau und mit zehn gewann er den
Wieniawski-Junior-Wettbewerb in Polen. Als Prof. Zakhar Bron von Moskau nach
Nowosibirsk kam, schickte ihn seine Mutter zu ihm. Dem russischen Violin-Pädagogen
folgte Vengerov an die Musikhochschule Lübeck. Er gab regelmässig Rezitals
in Moskau und Leningrad und machte sein Debut mit dem Concertgebouw Orchestra
und dem BBC Philharmonic Orchestra. 1990 gewann er den ersten Preis beim
Internationalen Carl Flesch-Violinwettbewerb, der ihm den endgültigen
internationalen Durchbruch brachte. Als Vengerov am Festival in
Schleswig-Holstein mit einem anderen Wunderkind, dem Pianisten Yevgeni Kissin
auftrat, wollte ihn Marianne Käch von Teldec Classics sofort unter Vertrag
nehmen (was er auch gelang), so beeindruckt war sie. Vengerovs Aufnahmen der
Violinkonzerte von Prokofjew und Schostakowitsch mit Mstislaw Rostropowitsch
waren weitere wichtige Etappen seiner Entwicklung, zu der auch die
Zusammenarbeit mit dem Dirigenten und Pianisten Daniel
Barenboim gehört. Maxim Vengerov spielt die Stradivari ex Kiesewetter
aus dem Jahr 1723 (die ihm von Clement Arrison durch die Stradivari Society
Chicago zur Verfügung gestellt wird). CDs mit Maxim Vengerov bei Amazon.de
Christian Funke wurde 1949 in Dresden geboren, wo
er mit zehn Jahren an der Hochschule für Musik Carl Maria von Weber und
später am Moskauer Tschaikowsky-Konservatorium bei Igor Besrodney studierte.
1972 schloss er seine Ausbildung mit besonderer Auszeichnung ab und gewann
danach mehrere nationale und internationale Wettbewerbe, darunter den
Bachwettbewerb Leipzig und den Sibeliuswettbewerb in Helsinki. Seit 1979 ist
er der Erste Konzertmeister und Solist des Gewandhausorchesters, seit 1986
Professor an den Hochschulen für Musik in Weimar und Leipzig. Seit 1987
leitet er das Bachorchester des Gewandhauses zu Leipzig. Christian Funke
spielt eine Violine aus dem 18. Jahrhundert aus der italienischen
Geigenbauerdynastie Gagliano.
Das Bachorchester des Gewandhauses zu Leipzig
wurde 1962 in jener Stadt gegründet, in der Johann Sebastian Bach von 1723
bis 1759 tätig war (siehe zu Bach die Biographien von Boyd
und Wolff). Von Gerhard Bosse, dem
langjährigen Ersten Konzertmeister des Gewandhausorchesters, ins Leben
gerufen, besteht es ausschliesslich aus Musikern des Gewandhauses. Der
Schwerpunkt des Repertoires des Bachorchesters liegt bei Werken aus Barock,
Frühklassik und Klassik.
Das Konzert in der Tonhalle Zürich, 7. Juli 2000
Auf dem Programm des im Rahmen der Zürcher Festspiele in der ausverkauften
Tonhalle stattfindenden Geigenabends standen vier Konzerte für eine, zwei
bzw. drei Violinen und Orchester von Johann Sebastian Bach (1685-1750),
vermutlich alle um 1730 komponiert. Den Anfang machte das Konzert D-Dur BWV
1964 für drei Violinen und Streichorchester, das als solches nicht
überliefert wurde, sondern als Rekonstruktion auf Grund
musikwissenschaftlicher Studien entstand. Die achtzehn auf der Bühne
versammelten Musiker (siebzehn Streicher und ein Cembalonist) liessen die
Nähe Bachs zu Vivaldi spüren und spielten mit barocker Wärme. Wie für alle
Violinkonzerte Bachs, ist ein schwererer, nachdenklicherer Mittelteil in einen
lebhafteren Anfangs- und Schlusssatz eingebettet.
Die drei Solisten könnten unterschiedlicher nicht sein,
wobei der Abend ganz im Zeichen des Vergleichs zwischen Shlomo Mintz und dem
siebzehn Jahre jüngeren Maxim Vengerov stand. Der Orchestermusiker Christian
Funke versuchte tapfer mit den herausragenden Solisten mitzuhalten, konnte
aber nicht verhindern, dass er bei seinen Bemühungen eher blass blieb. Shlomo
Mintz hat den Barock-Ton Bachs perfekt verinnerlicht und passte harmonisch zum
Bachorchester des Gewandhauses zu Leipzig. Der extrovertierte Maxim Vengerov
dagegen fiel nicht nur im Allegro des Schlusssatzes des ersten vorgetragenen
Concertos durch seinen herausragenden Solopart auf, der seinem Temperament
entgegenkam, sondern hob sich stilistisch den ganzen Abend von den anderen
Musikern ab. Es war vielleicht nicht immer Bach, was er vortrug, und wie
gewohnt übertrieb er seine Gestik und wirkte neben dem ruhigen Mintz wie ein
übermütiger Zappelphilipp, doch die Klarheit und Präzision seines Spiels,
die wunderbaren Farben, die er mit seinem Instrument hervorzauberte, liessen
ihn wie einen leuchtenden Stern zwischen nur abstrahlenden Planeten erscheinen.
Im Konzert a-Moll BWV 1041 für Violine und
Streichorchester übernahm Vengerov den Solopart. Auf den frohen und leichten,
expressiv vorgetragenen Einleitungssatz folgte mit dem Andante ein Höhepunkt
des Bachabends. Wie sich Vengerov, zuerst Ton in Ton mit dem Orchester
spielend, sich von diesem absetzte und in höhere Sphären abhob, war magisch.
Danach begeisterte das Wechselspiel zwischen dem dumpferen, fast eintönigen
Orchester und dem farbenfrohen Solisten. Im abschliessenden Allegro war
Vengerovs brillante Technik gefragt, wobei er bei aller Virtuosität weder
Tiefe und noch variierende Klangfarben vernachlässigte.
Shlomo Mintz seinerseits erhielt im Konzert E-Dur BWV
1042 für Violine und Streichorchester die Gelegenheit, sich als Solist zu
profilieren. Sein Ton war geschmeidiger wie der von Vengerov und passte sich
demjenigen des Bachorchesters besser an, wodurch er nicht so funkelte wie
Vengerov, gleichzeitig aber stilistisch näher an der Barockmusik des
Komponisten blieb. Im Adagio zeigte Mintz sein Einfühlungsvermögen. Behutsam
setzte er ein, glich sich dem Orchester an, wurde stärker und emanzipierte
sich, um danach wieder im Gesamtklang aufzugehen. Im Allegro assai zeigte sich
Mintz von seiner lebhafteren Seite, ohne den Barock-Ton zu verlieren.
Den Abschluss des Abends bildete das Konzert d-Moll BWV
1043 für zwei Violinen und Streichorchester. In diesem erneuten direkten
Vergleich der zwei Solisten Mintz und Vengerov bewiesen die zwei Musiker, dass
sie durchaus eine einheitliche Stimme finden konnten. Die Zugabe war
natürlich ebenfalls Bach gewidmet. In sich kanonartig wiederholenden,
dramatischeren Passagen lieferten sich die zwei Violinisten einem freundlichen
Wettstreit. Das Publikum war restlos begeistert und die Zürcher Festspiele
hatten ihren Höhepunkt.
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