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Nr. 17, August 2000
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Shlomo Mintz, Maxim Vengerov und das Bachorchester des Gewandhauses zu Leipzig in der Tonhalle Zürich - Biographien und Konzertkritik
 
Shlomo Mintz wurde 1957 in Moskau geboren. Mit seinen Eltern emigrierte er nach Israel, wo er im Alter von sechs Jahren bei Studium bei der ungarischen Geigenpädagogin Ilona Fehér begann. 1968 debütierte mit dem Israel Philharmonic Orchestra unter der Leitung von Zubin Mehta. Er setzte seine Studien an der Juilliard School of Music bei Dorothy DeLay sowie Isaac Stern fort. 1973 trat er erstmals in der Carnegie Hall auf (mit dem Pittsburgh Orchestra unter der Leitung von William Steinberg). Seither reist Shlomo Mintz als gefragter Violinist und Bratschist durch die Welt. Er ist mit allen grossen Orchestern und Dirigenten sowie an den wichtigsten Festivals aufgetreten. Er war zudem Chefdirigent des Israel und des Rotterdam Philharmonic Orchestra sowie des Israel Chamber Orchestra (1989-93). Nun übt er diese Funktion beim Limburg Symphony in Maastricht aus. Als Kammermusiker spielt er in einem Trio mit dem Pianisten Itamar Golan und dem Cellisten Matt Haimovitz. Shlomo Mintz leitet Meisterklassen an der Manhattan School of Music, dem Cleveland Institute und dem Pariser Konservatorium. Er spielt eine Geige von Guarnerius del Gesù (1719) und eine Bratsche von Carlo-Giuseppe Testore (1696). CDs mit Shlomo Mintz bei Amazon.de
 
Maxim Vengerov wurde 1974 im russischen Novosibirsk geboren. Der Generalist, der von Bach bis Schostakowitsch alles spielen kann, begann mit viereinhalb Jahren Geige zu spielen. Ein halbes Jahr später gab er sein erstes Rezital mit Werken von Paganini, Tschaikowsky und Schubert und spielte ein Jahr später sein erstes Konzert mit Orchester. Seine erste professionelle Lehrerin war Galina Turtschaninova, die bemerkte, ein Kind wie Vengerov werde nur alle hundert Jahre geboren. Neben viel Talent brachte der Junge auch den unbedingten Willen zu harter Arbeit mit. Mit sieben Jahren ging er mit seiner Lehrerin nach Moskau und mit zehn gewann er den Wieniawski-Junior-Wettbewerb in Polen. Als Prof. Zakhar Bron von Moskau nach Nowosibirsk kam, schickte ihn seine Mutter zu ihm. Dem russischen Violin-Pädagogen folgte Vengerov an die Musikhochschule Lübeck. Er gab regelmässig Rezitals in Moskau und Leningrad und machte sein Debut mit dem Concertgebouw Orchestra und dem BBC Philharmonic Orchestra. 1990 gewann er den ersten Preis beim Internationalen Carl Flesch-Violinwettbewerb, der ihm den endgültigen internationalen Durchbruch brachte. Als Vengerov am Festival in Schleswig-Holstein mit einem anderen Wunderkind, dem Pianisten Yevgeni Kissin auftrat, wollte ihn Marianne Käch von Teldec Classics sofort unter Vertrag nehmen (was er auch gelang), so beeindruckt war sie. Vengerovs Aufnahmen der Violinkonzerte von Prokofjew und Schostakowitsch mit Mstislaw Rostropowitsch waren weitere wichtige Etappen seiner Entwicklung, zu der auch die Zusammenarbeit mit dem Dirigenten und Pianisten Daniel Barenboim gehört. Maxim Vengerov spielt die Stradivari ex Kiesewetter aus dem Jahr 1723 (die ihm von Clement Arrison durch die Stradivari Society Chicago zur Verfügung gestellt wird). CDs mit Maxim Vengerov bei Amazon.de
 
Christian Funke wurde 1949 in Dresden geboren, wo er mit zehn Jahren an der Hochschule für Musik Carl Maria von Weber und später am Moskauer Tschaikowsky-Konservatorium bei Igor Besrodney studierte. 1972 schloss er seine Ausbildung mit besonderer Auszeichnung ab und gewann danach mehrere nationale und internationale Wettbewerbe, darunter den Bachwettbewerb Leipzig und den Sibeliuswettbewerb in Helsinki. Seit 1979 ist er der Erste Konzertmeister und Solist des Gewandhausorchesters, seit 1986 Professor an den Hochschulen für Musik in Weimar und Leipzig. Seit 1987 leitet er das Bachorchester des Gewandhauses zu Leipzig. Christian Funke spielt eine Violine aus dem 18. Jahrhundert aus der italienischen Geigenbauerdynastie Gagliano.
 
Das Bachorchester des Gewandhauses zu Leipzig wurde 1962 in jener Stadt gegründet, in der Johann Sebastian Bach von 1723 bis 1759 tätig war (siehe zu Bach die Biographien von Boyd und Wolff). Von Gerhard Bosse, dem langjährigen Ersten Konzertmeister des Gewandhausorchesters, ins Leben gerufen, besteht es ausschliesslich aus Musikern des Gewandhauses. Der Schwerpunkt des Repertoires des Bachorchesters liegt bei Werken aus Barock, Frühklassik und Klassik.
 
Das Konzert in der Tonhalle Zürich, 7. Juli 2000
 
Auf dem Programm des im Rahmen der Zürcher Festspiele in der ausverkauften Tonhalle stattfindenden Geigenabends standen vier Konzerte für eine, zwei bzw. drei Violinen und Orchester von Johann Sebastian Bach (1685-1750), vermutlich alle um 1730 komponiert. Den Anfang machte das Konzert D-Dur BWV 1964 für drei Violinen und Streichorchester, das als solches nicht überliefert wurde, sondern als Rekonstruktion auf Grund musikwissenschaftlicher Studien entstand. Die achtzehn auf der Bühne versammelten Musiker (siebzehn Streicher und ein Cembalonist) liessen die Nähe Bachs zu Vivaldi spüren und spielten mit barocker Wärme. Wie für alle Violinkonzerte Bachs, ist ein schwererer, nachdenklicherer Mittelteil in einen lebhafteren Anfangs- und Schlusssatz eingebettet.
 
Die drei Solisten könnten unterschiedlicher nicht sein, wobei der Abend ganz im Zeichen des Vergleichs zwischen Shlomo Mintz und dem siebzehn Jahre jüngeren Maxim Vengerov stand. Der Orchestermusiker Christian Funke versuchte tapfer mit den herausragenden Solisten mitzuhalten, konnte aber nicht verhindern, dass er bei seinen Bemühungen eher blass blieb. Shlomo Mintz hat den Barock-Ton Bachs perfekt verinnerlicht und passte harmonisch zum Bachorchester des Gewandhauses zu Leipzig. Der extrovertierte Maxim Vengerov dagegen fiel nicht nur im Allegro des Schlusssatzes des ersten vorgetragenen Concertos durch seinen herausragenden Solopart auf, der seinem Temperament entgegenkam, sondern hob sich stilistisch den ganzen Abend von den anderen Musikern ab. Es war vielleicht nicht immer Bach, was er vortrug, und wie gewohnt übertrieb er seine Gestik und wirkte neben dem ruhigen Mintz wie ein übermütiger Zappelphilipp, doch die Klarheit und Präzision seines Spiels, die wunderbaren Farben, die er mit seinem Instrument hervorzauberte, liessen ihn wie einen leuchtenden Stern zwischen nur abstrahlenden Planeten erscheinen.
 
Im Konzert a-Moll BWV 1041 für Violine und Streichorchester übernahm Vengerov den Solopart. Auf den frohen und leichten, expressiv vorgetragenen Einleitungssatz folgte mit dem Andante ein Höhepunkt des Bachabends. Wie sich Vengerov, zuerst Ton in Ton mit dem Orchester spielend, sich von diesem absetzte und in höhere Sphären abhob, war magisch. Danach begeisterte das Wechselspiel zwischen dem dumpferen, fast eintönigen Orchester und dem farbenfrohen Solisten. Im abschliessenden Allegro war Vengerovs brillante Technik gefragt, wobei er bei aller Virtuosität weder Tiefe und noch variierende Klangfarben vernachlässigte.
 
Shlomo Mintz seinerseits erhielt im Konzert E-Dur BWV 1042 für Violine und Streichorchester die Gelegenheit, sich als Solist zu profilieren. Sein Ton war geschmeidiger wie der von Vengerov und passte sich demjenigen des Bachorchesters besser an, wodurch er nicht so funkelte wie Vengerov, gleichzeitig aber stilistisch näher an der Barockmusik des Komponisten blieb. Im Adagio zeigte Mintz sein Einfühlungsvermögen. Behutsam setzte er ein, glich sich dem Orchester an, wurde stärker und emanzipierte sich, um danach wieder im Gesamtklang aufzugehen. Im Allegro assai zeigte sich Mintz von seiner lebhafteren Seite, ohne den Barock-Ton zu verlieren.
 
Den Abschluss des Abends bildete das Konzert d-Moll BWV 1043 für zwei Violinen und Streichorchester. In diesem erneuten direkten Vergleich der zwei Solisten Mintz und Vengerov bewiesen die zwei Musiker, dass sie durchaus eine einheitliche Stimme finden konnten. Die Zugabe war natürlich ebenfalls Bach gewidmet. In sich kanonartig wiederholenden, dramatischeren Passagen lieferten sich die zwei Violinisten einem freundlichen Wettstreit. Das Publikum war restlos begeistert und die Zürcher Festspiele hatten ihren Höhepunkt.
 
Für den Website der Zürcher Festspiele und anderer Festivals: Links.
 

 

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