Pablo Picasso: Die Skulpturen
Die Skulpturen im Centre Georges Pompidou in Paris. Katalog: Werner Spies (noch bis am 25. September 2000).
-
Die Retrospektive in der Zürcher Galerie Art Focus (im August geschlossen, noch bis am 30. September 2000)
Pablo Picasso gehört zu den
Jahrhundertkünstlern. Das Centre Georges Pompidou in Paris widmet seinen
bisher völlig zu unrecht - trotz einer Publikation von Werner Spies aus
dem Jahr 1970 - vernachlässigten Skulpturen eine umfassende Ausstellung.
Ebenfalls von Werner Spies, heute Direktor des Musée National d'Art
Moderne im Centre Pompidou, stammt der begleitende substantielle Katalog,
der mit seiner Beschreibung von über 800 plastischen Werken seinen Band
aus dem Jahr 1970 als Standardwerk zu Picassos Skulpturen ablöst. In
Ausstellung und Katalog ist zu lesen, das plastische Werk trete hiermit
endgültig gleichberechtigt neben das malerische und grafische des
Künstlers. Auch wenn die Malerei und Grafik von Picasso
kunstgeschichtlich, von der Ausstrahlung auf andere Künstler her,
bedeutender ist, so würde ich doch behaupten, die Skulpturen sind der
eigentliche Höhepunkt von Picassos Schaffen, denn die Erfindungskraft und
der Humor sind in seinem plastischen Werk am ausgeprägtesten und
offensichtlichsten.
Die Rezeption von Picassos Skulpturen
begann spät, weil der Künstler selbst sie bis in die 1960er Jahre hinein
zu einem der bestgehüteten Geheimnisse der Kunst des 20. Jahrhunderts
gemacht hatte. Bis zu seinem Tode behielt er so gut wie alle Originale bei
sich. Von seinen kubistischen Assemblagen und den Eisenplastiken, die ab
1929 entstanden, fanden sich auch später so gut wie keine Beispiele in
Sammlungen und Museen. Bei der ersten Retrospektive in den Galeries Petit
im Jahr 1932 waren lediglich sieben Plastiken zu sehen. Erst für die
Pariser, Londoner und New Yorker Retrospektiven der Jahre 1966 und 1967
entliess er sie in den öffentlichen Raum.
Ausstellung und Katalog decken das ganze
Spektrum seines Schaffens ab, von den frühen Bronzen über das Auftauchen
der kubistischen Konstruktionen aus Metall, Holz und Fundstücken, die
filigranen Skulpturen, die überlebensgrossen Köpfe der Boisgeloup-Zeit,
die Materialassemblagen mit den "enzyklopädischen Skulpturen"
der fünfziger Jahre, die winzigen, aus Papier gerissenen und
gefalteten Figuren bis zu den späten, die Perzeption irritierenden
Klappskulpturen aus Blech und der Verwendung der Leere in den
Flächenskulpturen.
Der analytische Teil des Katalogs von
Werner Spies setzt sich mit Picassos Weg zur Skulptur sowie,
chronologisch, mit den verschiedenen Perioden und Stilen auf weit über
300 Seiten auseinander. Das Standardwerk.
Die Galerie Art Focus in Zürich zeigt noch bis
am 30. September, im August ist die Ausstellung geschlossen, 58 Werke von Pablo Picasso.
Die Retrospektive beginnt mit der Etude pour "La Morte" aus
dem Jahr 1901 (Pastell, Tusche und Fettkreide auf Papier, 43,1 x 50,9 cm) und
endet, chronologisch betrachtet, mit dem Couple aus dem Jahr 1973
(farbige Filzstifte, schwarzer Wachsstift, Pinsel, graue Tusche und Bleistift
auf Papier, 34 x 27 cm). Neben Papierarbeiten sind auch Radierungen und
Drucke, 16 Ölgemälde, eine Bronze, zwei Wellblechplastiken aus dem Jahr 1961
sowie La petite chouette zu sehen, die übrigens an der diesjährigen
Art Basel ausgestellt war, wo sie von der Galerie für zwischen einer und eineinhalb Millionen
Schweizerfranken verkauft werden konnte. La petite chouette gehört in
die Periode der Assemblagen, die in den frühen 1940er Jahren begann, als
Picasso auf einem Schrotthaufen einen alten Fahrradsattel und daneben die
dazugehörige verrostete Lenkstange entdeckte, die er zu einem Stierkopf
zusammen schweisste. Bei den Assemblagen ging es ihm nicht um das
vernunftmässige Ausklügeln grosser Effekte, sondern um den für ihn
typischen spontanen Entschluss und die augenblickliche, vom Gefühl her
bestimmte Ausführung, wofür die bereits fertigen und zusammengesuchten
Objekte ideal waren. Bei La petite chouette ging Picasso noch einen
Schritt weiter. Auf Schrottplätzen und in Mülltonen suchte er nach
geeigneten Materialien für eine Eulenskulptur, die vollständig aus
Fundstücken bestehen sollte. Die gefundenen Nägel, Schrauben, Muttern, eine
Zange und ein Metalltopf verarbeitete er mit Hilfe von Gips zu einer Plastik (Picasso: La petite chouette, 1953.
Gips, Terrakotta,
Nägel und Metallschachtel,
33,5 x 22,5 x 19 cm).
Der zweisprachige Katalog (deutsch, englisch) der Galerie enthält neben den Fotos der ausgestellten Arbeiten einen siebenseitigen Essay
von Werner Spies sowie siebzehn detaillierte Werkbeschreibungen.
Centre Georges Pompidou in Paris: Katalog von Werner Spiess: Picasso. Die Skulpturen.
Hatje Cantz, 2000, 437 S. mit 1220 Abb., davon 192 in Farbe. Buch bestellen
bei Amazon.co.uk,
Amazon.com,
Amazon.fr
(Picasso sculpteur) oder Amazon.de.
In der Schweiz auch beim Verlag Neue Zürcher Zeitung erhältlich. - Galerie Art Focus in
Zürich: Picasso - Retrospektive.
Art Focus, 2000, 221 S. In der Galerie erhältlich. Talstrasse 16, CH-8001
Zürich. Für die Galerie Art Focus siehe: Galleries
worldwide.
|

Die Skulpturen im Centre Georges Pompidou in Paris. Katalog: Werner Spies (noch bis am 25. September 2000).
-
Die Retrospektive in der Zürcher Galerie Art Focus (im August geschlossen, noch bis am 30. September 2000).
Hatje Cantz.
|