1963 in Knoxville, Tennessee, geboren, wurde Quentin
Tarantino von seiner 16jährigen Mutter nach der Figur Quint, gespielt von
Burt Reynolds, aus der Fernsehserie Gunsmoke (Rauchende Colts)
benannt. Gemäss anderen Quellen stand das Mädchen Quentin aus William
Faulkners Roman The Sound and the Fury Pate. Wie dem auch sei, Tarantino
wuchs in der South Bay am Südrand von Los Angeles mit Fernsehen, Kino und
Comics auf. Er war ein hyperaktives und hochintelligentes Kind mit verschiedenen
Vätern bzw. Erziehungsberechtigen. Nach der frühen Scheidung seiner Eltern
hatte Quentin keinen Kontakt mehr zu seinem leiblichen Vater Tony, nahm aber
trotzdem später dessen Familiennamen Tarantino an. Quentin war Legastheniker
und hasste die Schule, von der er in der zehnten Klasse abging, um als
Kartenabreisser im Pornokino Pussycat Theatre in Torrance zu arbeiten.
Gleichzeitig nahm er Schauspielunterricht. Fünf Jahre seines Lebens verbrachte
er als video clerk in einem Laden namens Video Archives im
kalifornischen Manhattan Beach, ehe er zum Drehbuchautor und gefeierten
Regisseur mit Kultstatus aufstieg. Einen kurzen Gefängnisaufenthalt musste er
einschalten, weil er ein Ticket fürs Falschparken nicht bezahlen konnte.
Peter Körte weist darauf hin, dass Quentin seine eigene
Biographie ein wenig fiktionalisierte und sich Auftritte in George Romeros
Knightriders (1980) und in Jean-Luc Godards King Lear (1987)
zuschrieb. Seinen realen Auftritt als Elvis-Impersonator in der Serie Golden
Girls dagegen unterschlug er. Wenn die Legende zur Tatsache wird...
In den Jahren 1984 bis 1986 arbeitete Tarantino am Film My
Best Friend's Birthday, der unvollendet blieb. Bereits mit seinem
Erstlingswerk, Reservoir Dogs (1992), in dem er zugleich Drehbuchautor,
Regisseur und Darsteller war, wurde er zum Kultregisseur. Kurz zuvor hatte er
sich bei einem einmonatigen Studienaufenthalt am Sundance Institute von Robert
Redford in Utah mit den Grundlagen des Regie- und Kamerahandwerks vertraut
gemacht. Ohne eine Filmschule absolviert zu haben, drehte er Reservoir Dogs,
sogleich ein Kultfilm, der ihm alle Türen öffnete. Mit einem Budget von
eineinhalb Millionen produziert, spielte er in den amerikanischen Kinos zwar nur
drei Millionen ein, doch war er dennoch profitabel. Erst mit Pulp Fiction
und dem dadurch angeheizten Kassettenverkauf spielte der Film weltweit
aussergewöhnlich viel Geld ein. In England war das Video übrigens wegen der
Gewaltszenen während fast zweieinhalb Jahren indiziert.
Quentin Tarantino schrieb auch einige Drehbücher, so
zwischen 1987 und 1989 für True
Romance (1993) von Tony Scott, wobei er Scotts nachträglich hinzugefügtes
Happy End kritisierte, und für Natural Born Killers (1994) von Oliver
Stone, von dessen Film er sich allerdings ausdrücklich in der Öffentlichkeit
distanzierte. Das Drehbuch für Natural Born Killers basierte auf dem
Werk The Open Road von Roger Avary, Tarantinos Arbeitskollege bei Video
Archives.
Zusammen mit Lawrence Bender (*1958) gründete Tarantino
anfangs der 1990er Jahre die Produktionsfirma A Band Apart. 1997 folgte
die Etablierung der Plattenfirma A Band Apart Records, auf der sie die -
zumeist genialen - Soundtracks zu Tarantinos Filmen veröffentlichen. Der
Vertrieb erfolgt über Madonnas Maverick Records.
994 drehte Tarantino seinen zweiten Film, Pulp Fiction,
der die Goldene Palme beim
Filmfestival in Cannes gewann. Der mit einem Budget von
acht Millionen Dollar gedrehte Film brachte Miramax einen Gewinn von 100
Millionen Dollar ein. Der Film lebt vor allem von der Unberechenbarkeit
der genialen Geschichte, vom Überraschungseffekt dank der Umsetzung der
Maxime "answers first, questions later". Das Zuschauerinteresse
wird mittels Überrumpelung geweckt und wachgehalten. Erst beim zweiten Hinsehen fallen einem
die
Imperfektionen von Pulp Fiction auf. Daneben trägt die geschickt ausgewählte und
ebenfalls aus
dem Rahmen des Üblichen fallende, erfrischend wirkende Musik den Film,
die für sich allein genommen schon Kultstatus hat. Selbst das Buch zum Film
schaffte es in England unter die Top Ten der Bestsellerliste und
verkaufte sich über 165,000 mal.
Pulp Fiction besteht aus einer Reihe
von Filmzitaten, die aus der Welt der Killer, Dealer, Gauner und Boxer
stammen. Tarantino meinte dazu selbstbewusst: "Grosse Künstler
stehlen, sich machen keine Hommage." Doch handelt es sich dabei nicht
um einfache Kopien von Szenen aus früheren Filmen, sondern um ironische
Zitate, die Komik und Spannung entstehen lassen. Kritiker
schrieben, Pulp Fiction gehöre in die
Kategorie der geek movies. Der geek war in den Zeiten des
Vaudeville die unterste Charge im Showbusiness, der Mann, der den Hühnern
für ein Nachtlager und eine Flasche Schnaps den Kopf abbiss (Körte).
John Travolta bemerkte treffend dazu, sein Discofilm Saturday Night
Fever sei Popkultur, während dem Pulp Fiction eine Reflexion
der Popkultur sei. Darin liege ein gewaltiger Unterschied. Tarantino wurde
bei Pulp Fiction von den Hollywood-B-Pictures, von der
französischen Nouvelle-Vague sowie vom Action-Kino aus Hongkong, speziell
demjenigen von John Woo und seinem Star Chow Yun-Fat, beeinflusst. Er hat
alle diese Stile zugleich und gleich stark im Film verarbeitet. Viele
Charakter in Pulp Fiction stammen aus der amerikanischen hard-boiled
Literatur eines Dashiell Hammett, Raymond Chandler, Jim Thompson, etc.:
die Killer, der Gangsterboss, die Femme Fatale, der Boxer, der Mann für
besondere Fälle (Körte). Dabei setzt Tarantino auf viele Stars, die aus
den erwähnten Genres bekannt sind, wodurch sich eine Komik ergibt, bei
der er sich allerdings nicht auf Kosten eines Travolta, Willis oder Keitel
lustig macht.
Die Geschichte dreht sich um die Killer
Jules Winnfield (Samuel L. Jackson) und Vincent Vega (John Travolta),
deren Boss Masellus Wallace (Ving Rhames) und dessen Frau Mia (Uma Thurman).
Daneben gibt es den Boxer Butch (Bruce
Willis) mit seiner französischen Freundin Fabienne (Maria de Madeiros).
Weitere Geschichten werden eingebaut. So diejenige um eine goldene Uhr,
die Captain-Koons (Christopher Walken) einem kleinen Jungen erzählt, oder
jene um einen Spezialisten für schwierige Aufträge, Winston Wolf (Harvey
Keitel), der den zwei Killern Anleitungen zur Reinigung des von ihnen
unnötigerweise blutverspritzten Wagens gibt. Dabei ist in einer kleinen
Rolle Dick Miller als Monster Joe zu sehen. Miller hat in über 130
billigen Horror-, Western-, Motorrad-, Highschool- und Beachparty-Filmen
des Produzenten Samuel Z. Arkoff mitgewirkt. Eine Referenz an die B-Movies.
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Schweiz.
Tarantino hatte
nach Pulp Fiction keinesfalls nur Erfolge vorzuweisen. Er versuchte
etwas gar stark seine Popularität auszunützen und erlebte mit Four
Rooms und Destiny Turns On The Radio einen career backlash.
Für From Dusk Till Dawnhat sich der junge Regisseur Robert Rodriguez (El Mariachi, Desperado)
mit Quentin Tarantino zusammengetan, der nicht nur das Drehbuch geschrieben hat, sondern auch
eine der
Hauptrollen spielt. Entstanden ist ein origineller Mix aus
Gangster- und Horrorfilm, der allerdings nur unterhält und an der
Oberfläche bleibt. Doch der Film ist nicht (nur) für "Coole
Kindsköpfe" (FAZ). Wie sich der Action-Movie von einem Moment auf
den anderen in einen Vampirfilm verwandelt, wie Tarantino den Zuschauer
immer wieder bestimmte Dinge erwarten lässt, um dann die geweckten
Vorstellungen zu enttäuschen, die Ironisierung von Hollywood-Genres wie den Action-, Familien-, Polizei- und Vampirfilmen,
das ist frech, überraschend und neu.
Quentin Tarantino ist Richard Gecko, ein psychopathischer
Gangster, der zusammen mit seinem Bruder Seth (George Clooney) eine blutige Spur durch
Texas hinterlässt. Richard befreit Seth aus dem Gefängnis. Sie rauben eine Bank aus
und hinterlassen auf ihrer Flucht eine Spur der Zerstörung, wobei
Richard rasch ausrastet und zu Beginn, als die zwei eigentlich nur eine
Strassenkarte in einem Laden holen wollen, gleich zwei Menschen umlegt.
Danach entführen die Brüder den ehemaligen Baptisten-Prediger Jacob (Harvey Keitel). Dieser hat nach dem
Tod seiner Frau sein Amt aufgegeben, scheinbar den
Glauben verloren und zieht von Ort zu Ort, zusammen mit seinen zwei
Kindern (Juliette Lewis und Ernest
Lui). Richard
verspricht ihm, ihn und seine Kinder freizulassen, wenn er sie nach Mexiko schmuggelt.
Dort landen die Gangster zusammen mit ihren Geiseln im Titty
Twister, einer Strip-Bar für geile Saufbrüder, zumeist Trucker.
Eigentlich will Richard nur mexikanische Gangster für einen Deal
treffen, doch das Titty Twister erweist sich, nach einem erotischen
Schlangentanz von Salma Hayek, als ein Ort des Schreckens
und des Todes, der von blutrünstigen Vampiren mit der unangenehmen
Gewohnheit, sich am Blut der Gäste zu laben, geleitet wird. Doch die
Geckos und ihre Geiseln wollen sich nicht kampflos verspeisen lassen.
Seths Argumentation für den Gottesbeweis ist rational und bestechend:
Da es die Hölle gebe, müsse es auch Gott geben. Das überzeugt auch
Jacob - und nur mit einem gläubigen Priester können die Gefangenen die
Vampire im Titty Twister bekämpfen. Das Lokal ist von der
Abenddämmerung bis zum Morgengrauen geöffnet, daher der Titel, From
Dusk Till Dawn. Das Schlussbild des Films zeigt die Rückseite des
Ortes des Grauens: Das Nachtlokal steht an einem Abhang auf der Spitze
eines aztekischen Tempels. Der Abgrund ist gefüllt mit verrottenden
Lastwagen und Motorrädern. DVD bestellen bei Amazon.de
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Schweiz.
Jackie Brown basiert auf Elmore Leonards Rum Punch.
Pam Grier, 1949 in North Carolina geboren und ein Star der
Blaxploitation-Filme der 1970er (dazu gehört Foxy Brown, 1974), spielt die Hauptrolle.
In Rum Punch
eine Weisse, bei Tarantino eine Schwarze, was allerdings keinen grossen
Einfluss auf den Film hat, ist Jackie Brown eine Frau, die bisher keine
Kontrolle über ihr eigenes Leben hatte und ein eher schäbiges Dasein
als Stewardess für eine zweitklassige Fluggesellschaft fristet. Nun
möchte sie daraus ausbrechen. Samuel L. Jackson (*1948 in Washington
D.C.) ist der schwarze Waffenhändler Ordell, der nur noch ein Ziel in
seiner Karriere hat: eine halbe Million Dollar aus Waffengeschäften illegal in die USA
bringen und sich danach zur Ruhe setzen (wozu allerdings die halbe
Million nicht reichen würde...).
Sein soeben auf Bewährung entlassener
ehemaliger Zellennachbar Louis Gara (Robert De Niro, *1943 in NYC) soll
ihm dabei helfen. Beaumont (Chris Tucker), der Ordell zuvor hätte
helfen sollen, baute Mist und wäre in den Bau gewandert, wo er mit
Sicherheit gesungen hätte, weshalb in Ordell abservieren musste, was er
Louis auch erzählt, damit diesem klar ist, wer hier der Boss ist.
Ordell wählt Louis als "Partner", weil er "as serious as
a heart attack" sei.
Jackie Brown enthält zwei
"Liebesgeschichten". Zwischen Louis und Ordells kleiner
weisser Freundin Melanie (Bridget Fonda, *1964 in Los Angeles) entspinnt
sich eine Romanze - sofern das beim Charakter von Melanie überhaupt
möglich ist. Louis hat Melanie zuletzt vor sechs bis sieben Jahren
gesehen, als sie noch ein Teenager war. Melanie weiss, was Louis nach
Jahren im Gefängnis braucht, und dieser steigt sofort auf ihr Angebot
auf einen Quicky ein.
Der Polizist Ray Nicolette (Michael Keaton) will Ordell überführen,
doch dazu benötigt er die Hilfe der Stewardess Jackie Brown, einer
schwarzen Frau in den Vierzigern (Pam Grier), die ihrerseits versucht,
das Geld zu kriegen, indem sie zum Schein mit der Polizei kollaboriert
und gleichzeitig den Gangstern
weismacht, sie arbeite für sie. Nicolette ist ein
Durchschnittscop, der sich für einen Polizisten hält, der die Sache
völlig im Griff hat, sich dabei aber überschätzt.
Die Perle des Films, wie Tarantino zu
recht bemerkt, ist die zweite Liebesgeschichte, jene zwischen Jackie
Brown und Max Cherry (Robert Forster). Die Stewardess und der Kautionsvermittler,
der sie auf Auftrag von Ordell gegen Kaution aus dem Gefängnis holt,
sind die zwei lebensechtesten Rollen, zwei Menschen aus Fleisch und Blut
und keine stereotypen Charaktere, wie sie sonst die Filme von Tarantino
ausfüllen. Robert Forster, der seine Karriere an einem Theater in
Rochester, N.Y., begonnen hat, wurde völlig zurecht für seine Leistung
für einen Oscar nominiert.
Tarantino wählte Robert De Niro für die
wichtige Nebenrolle von Louis, weil er einen Schauspieler wollte, der
allein durch seine Körpersprache viel ausdrücken kann, da Louis hat
nicht viel spricht. De Niro füllt die Rolle des unterbelichteten
Verlierertypen perfekt aus und zeigt darin eine seiner überzeugendsten
Darstellungen des letzten Jahrzehnts.
Wie auch in seinen früheren Filmen
enthält auch Jackie Brown Referenzen an die Filmgeschichte, wenn auch
nicht mehr ganze Szenen. Tarantino spielt auch mit eigenen Zitaten. Den
Anzug, den sich Jackie Brown im Kaufhaus bei der Geldübergabe kauft,
ist derselbe, den Mia Wallace (Uma Thurman) in Pulp Fiction
trägt. Als Jackie Brown ins Gefängnis kommt, ertönt der Song Long
Time Woman, den Pam Grier einst im Film The Big Doll House
sang. Im Gegensatz zu früheren Filmen Tarantinos ist die Musik in Jackie
Brown jedoch nicht herausragend, abgesehen von der Soulmusik von
Bobby Womack, dessen Across 110th Street in der langen Anfangs-
sowie der Schlussszene gespielt wird. Die Musik der Delfonics,
die Jackie Brown so liebt und für die sich deshalb auch Max Cherry
interessiert, ist dagegen Trash.
Tarantino hat auch in Jackie Brown
wieder einige "Goofs" (logische Fehler) verbrochen, die auf
dem Menu abrufbar sind. So spielt der Film im Jahr 1995, doch der
Kalender in Jackies Küche ist aus dem Jahr 1997. Trotzdem ist dies
natürlich Tarantinos bisher reifstes Werk. Erstmals kommen Personen mit
wirklichen Gefühlen vor. Zudem werden viele Filme durch ein zu simples
oder sonst unbefriedigendes Ende zum Schluss noch ruiniert, nicht so Jackie
Brown. Ein Meisterwerk, das bereits bis Ende Februar 1998 knapp 40
Millionen Dollar eingespielt hatte. DVD bestellen bei Amazon.de
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Schweiz.
Viele der Angaben auf dieser Seite stammen aus der besten
deutschsprachigen Analyse der Filme von Quentin Tarantino: Robert Fischer, Peter
Körte und Georg Seeßlen: Quentin Tarantino. [Hinzugefügt im
Mai 2004: Neuauflage des Buches aus dem Jahr 2004 mit 360 S. aus dem
Bertz-Verlag bestellen bei Amazon.de]. Die Filmographie von Quentin Tarantino:
- My Best Friend's Wedding (unvollendet, 1984-86)
- Reservoir Dogs (1992)
- True Romance (Drehbuch, 1993)
- Natural Born Killers (Drehbuch, 1994)
- Pulp Fiction (1994)
- Four Rooms (Episode: The Thrill of the Bet, 1995)
- From Dusk Till Dawn (Drehbuch, Darsteller, 1995)
- Jackie Brown (1997)