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Verbier Festival & Academy
Geschichte und Konzerte von Evgeny Kissin, Mischa Maisky und Zoltán Kocsis

Artikel vom August 2000


1994 wurde auf Initiative des schwedischen Impresarios Martin T:son Engstroem, in Zusammenarbeit mit lokalen Vertretern aus Politik und Tourismus, das Verbier Festival & Academy ins Leben gerufen. In der Abgeschiedenheit der Bergwelt werden unter Leitung des Generaldirektors des Festivals, Engstroem, einem aufmerksamen Publikum Leckerbissen von herausragenden Künstlern dargeboten. In der Vergangenheit gehörten zu den Dirigenten, Sängern, Musikern, Schauspielern und Tänzern, die in Verbier auftraten, Isaac Stern, Zubin Mehta, Kent Nagano, Barbara Hendricks, Bobby McFerrin, Björk, Ben Kingsley und Marthe Keller.
 
Zur siebten Auflage des Festivals wurden herausragende Künstler wie die Pianisten Jean-Yves Thibaudet, Martha Argerich, Zoltán Kocsis und Evgeny Kissin, die Geiger Nigel Kennedy und Gil Shaham sowie der Cellist Mischa Maisky eingeladen. Bei diesem Programm wundert es niemanden, dass das Festivalzelt um 300 Plätze erweitert werden musste, um dem Ansturm des Publikums gerecht zu werden.
 
Das Zelt als Veranstaltungsort ist allerdings keine Dauerlösung. Die Akustik ist mässig und bei Regen werden die Zustände unhaltbar, ja eine Zumutung für jeden Kunstfreund. Der Bau eines Konzertsaales für rund zehn Millionen Franken ist im Gespräch. Die Gemeinde Verbier mit ihren lediglich 2000 Personen muss jedoch noch von der Notwendigkeit eines solchen Veranstaltungsorts, an dem z.B. auch Kongresse stattfinden könnten, überzeugt werden. Mit Hilfe der Sponsoren des Festivals wie der UBS sollte der Bau kein Traum bleiben. Insbesondere, wenn man bedenkt, dass das Zelt jährliche Kosten von 500,000 Franken verursacht, erscheint der Bau eines Konzertsaales eine lohnende Investition. Im Moment kommen drei Viertel der rund eine Million jährlichen Besucher Verbiers im Winter. Im Sommer dagegen sind noch Kapazitäten frei.
 
Das auf 1500 M.ü.M. gelegene Verbier bietet eine aussergewöhnliche Ambiance. Beim Spaziergang im Dorf begegnet der Festivalbesucher den Künstlern, die nicht nur für einen Konzertabend in den Walliser Kurort kommen, sondern gleich eine Woche oder länger bleiben, was es den Musikern erlaubt, in verschiedenen Kompositionen zusammenzuarbeiten. So trat dieses Jahr z.B. Evgeny Kissin am 24. Juli gemeinsam mit James Levine, beide am Piano, für die Aufführung von Franz Schuberts Fantaisie en fa mineur op. 103 D940 sowie die Lebensstürme auf.. Drei Tage später war Kissin mit Martha Argerich, Mischa Maisky und andern in Robert Schumanns Andante et variations pour deux pianos, violoncelle et cor op. 46a zu hören. Am Abend des 30. Juli schliesslich gab Kissin noch ein Klavierrezital, von dem nachfolgend die Rede sein wird.
 
Die grosse Neuerung des Festivals 2000 bildet die Etablierung eines eigenen Festivalorchesters, des UBS Verbier Festival Youth Orchestras mit rund 100 jungen Musikern aus der ganzen Welt unter der Leitung von James Levine. Neben dem Eröffnungskonzert am Verbier Festival, das in zehn Tagen gemeinsamer Proben erarbeitet wurde, bestritt das Orchester fünf weitere Konzerte und geht nun, unter der Leitung von Paavo Järvi, auf eine Tournee durch Deutschland, Frankreich, Italien und Spanien. Die jungen Musiker werden zudem erneut im Jahr 2001 in Verbier zu hören sein.
 
Das UBS Festival Youth Orchestra ist allerdings nicht die einzige Stätte, an der sich der Nachwuchs in Verbier weiterentwickeln kann. Vielmehr steht "Academy" im Titel des Festivals für sieben Ateliers, in denen Meisterklassen unterrichtet wurden, so von Viktor Tretyakov am Violon, von Ralph Kirshbaum am Cello und von Dmitri Bashkirov am Piano. Das Publikum hat übrigens freien Zugang zu den Meisterklassen. Der Walliser Kurort wird im Sommer zu einer herausragenden Begegnungsstätte für Junge und etablierte Künstler, die nicht nur von der gesunden Bergluft profitieren.
 
Evgeny Kissin, Klavierrezital am Verbier Festival & Academy, 30. Juli 2000
 
Evgeny Kissin gehört zu den grossen Pianisten unserer Zeit. Sein Repertoire wird von der Klassik, Romantik und Spätromantik bestimmt. An die zeitgenössische Musik wagt er sich noch nicht heran. Bevor er eine CD aufnimmt, spielt er die jeweiligen Stücke rund zwei Jahre lang. Zu seiner stupenden Technik gesellt sich ein ungeheurer Arbeitswille.
 
In Ludwig van Beethovens (1770-1827) Sonate Nr. 17 op. 31/2 war zwar der Aufwand von Kissin spürbar, doch war seine Interpretation noch nicht ausgereift. Vielmehr schien er noch auf der Suche nach einer gültigen Aussage zu sein. Die Sonate handelt zwar vom Zweifel, aber auch von Unbeugsamkeit, Trotz, Spannung und aufgebauter Dramatik. Davon war allerdings wenig zu spüren. Erschwerend kam hinzu, dass das Festivalzelt für die Darbietung der Sonate völlig ungeeignet ist und die mangelhafte Akustik alle seine Anstrengungen zum Scheitern verurteilte. Kissin selbst schien über seine Darbietung nicht sonderlich erbaut zu sein. Die atemberaubende Leichtigkeit seines Spiels konnte über die fehlende emotionale Tiefe nicht hinwegtäuschen.
 
In Robert Schumanns (1819-1856) Carnaval op. 9 setzte sich das Drama des Pianisten fort. Er verlor sich in Details, die er zwar zumeist technisch brillant bewältigte, ohne jedoch einen Spannungsbogen aufbauen zu können. Nur in einer oder zwei der zwanzig Figuren konnte er sich stimmig ausdrücken, ging ihm das Herz auf, löste er sich von intellektuellen und technischen Fragen des Stückes. Doch zumeist schien ihm der Instinkt für das richtige Tempo zu fehlen. Schumanns Vorbild war Bach. Nicht das virtuose Element, sondern die poetische Idee soll bei Schumann dominieren. Die Figuren Florestan und Eusebius sollen die verschiedenen Facetten von Schumanns Natur repräsentieren. Doch Gefühle sprach Kissin im ersten Teil seines Rezitals zu selten an, obwohl er erst vor kurzem in Paris dieselben Stücke von Beethoven und Schumann gespielt hatte.
 
Nach der Pause jedoch präsentierte sich ein ganz anderer Kissin. In Johannes Brahms' (1833-1897) Sonate Nr. 3 op. 5 zeigte sich der Pianist auf der Höhe seiner Aufgabe - Kissin hat das erste Klavierkonzert von Brahms bereits unter mindestens fünf verschiedenen Dirigenten wie Barenboim, Levine und Ashkenazy gespielt, was ihm bei der Sonate sichtlich zu gute kam, denn mit dem musikalischen Universum Brahms schien er bestens vertraut. Kissin vermittelte die klassische Konzeption der Komposition ebenso wie Brahms' Nähe zu Beethoven und Schumann. Der zweite Satz, das Andante expressivo, wurde in seiner polyphonen, symphonischen Architektur der Stimmen zum Höhepunkt des Abends.
 
Kissins Zugaben begeisterten ebenfalls: Schumanns Widmung in einer Transkription von Liszt bestach durch Perfektion, Eleganz und Delikatesse und bildete das zweite Highlight. Ein Walzer von Strauss sowie ein ungarischer Tanz von Brahms, in der Kissin Dramatik und Technik, Ausdruck und Virtuosität harmonisch vereinte, folgten. Danach spielte er quasi ein Gutenachtstück von Isaac Albeniz, das beruhigend auf das Publikum wirkte und für jedermann ersichtlich den logischen Abschluss des Klavierrezitals bildete. (CD-Tip zu Kissin: Chopin Preludes Op. 28, Sonate Nr. 2. Op. 35, Polonaise Op. 53, RCA Red Seal. Bestellen bei Amazon.de).
 
Mischa Maisky und Zoltán Kocsis am Verbier Festival & Academy, 31. Juli 2000
 
Der Cellist Mischa Maisky und der Pianist Zoltán Kocsis (zwei Künstler, die Cosmopolis zusammen mit Evgeny Kissin bereits früher näher vorgestellt hat, siehe Musik) spielten am Sonntag, dem 31. Juli 2000, in der Kirche von Verbier Werke von Bach. Sie begannen ihr Konzert mit der Sonate Nr. 1 für Violoncello und Klavier BWV 1027. Kocsis griff leider so stark in die Tasten seines Instrumentes, dass er über weite Strecken den armen Maisky zudeckte. Bach hat das Werk um 1720 für Gambe und Cembalo geschrieben. Mit einem Cembalo wäre Maisky wohl als eigenständige Stimme zu hören gewesen, so jedoch wurde aus der Sonate beinahe eine Soloverstellung von Kocsis. Im ruhigen Andante kam logischerweise das Violoncello noch am besten zur Geltung. Schade um die Subtilität des Spiels von Maisky, der danach, in Abänderung des Programms (er hatte ursprünglich die Suite Nr. 1 vorgesehen), die Suite Nr. 2 in d-moll für Violoncello solo BWV 1008 vortrug. Bei aller Virtuosität, die Bach hier fordert und die nun besser zur Geltung kam, war Maiskys Interpretation doch eine Enttäuschung, insbesondere im Vergleich mit seiner hervorragenden 3-CD-Box, auf der er alle sechs Solosuiten eingespielt hat. Der Cellist vernachlässigte die Verzierungen Bachs, von Kontrapunkt und Polyphonie war nicht viel zu hören. Maiskys Ton war blass und verschwommen. Die CDs sind weit besser als das Live-Erlebnis.
 
Nach der Pause spielte Kocsis zuerst solo. Bachs Kunst der Fuge BWV 1080, für die eine frühe erste Fassung aus dem Jahr 1742 nachweisbar ist, lotet die verschiedenen kontrapunktischen Möglichkeiten aus. Kocsis interpretierte die rhythmisch-melodischen Eigenschaften präzise, klar und direkt. Die Sonate Nr. 3 für Violoncello und Klavier BWV 1029 vereinte erneut die zwei Solisten Maisky und Kocsis, die vielleicht in der Pause zusammen geredet hatten, denn nun überdeckte das Klavierspiel etwas weniger das Violoncello, obwohl das Resultat weiterhin unbefriedigend war. Maiskys Spiel war wärmer und kam vor allem im Adagio und Allegro zur Geltung. Nach der Sonate zeigte sich Kocsis mit seinem Klavierspiel offensichtlich zufrieden und feierte sich selbst. Doch die rechte Hand des Klavier sollte mit dem Cello zusammen einen Kontrapunkt bilden, die Sonate sollte als Trio wirken. Davon war wenig zu hören gewesen. Bemerkungen von Maisky und Kocsis vor ihren Zugaben liessen durchblicken, das die zwei mit dem akustischen Resultat ihres Zusammenspiel unzufrieden waren. Ihre Zugaben erfolgten deshalb getrennt. Kocsis spielte nochmals seinen Klavierpart aus der Sonate, Maisky präsentierte die Sarabande aus der Solosuite Nr. 5 von Bach. Die Musik des Cellisten kam nun von Herzen und aus seinem Bauch: tief, warm, bewegend. Es war eine Demonstration der Subtilität der leisten Töne. Zusammenfassend und retrospektiv muss festgehalten werden, dass Kocsis und Maisky - vor allem, aber nicht allein, auf Grund der Akustik in der Kirche - besser nur getrennte Solos dargeboten hätten.
 
Siehe auch den Artikel zum Kurort Verbier.









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