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Nr. 18, September 2000
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Valery Gergiev
Biografie, Biographie, Geschichte
Chefdirigent, Generaldirektor und künstlerischer Leiter im Mariinsky Theater St. Petersburg (Kirov Oper, Orchester, Chor & Ballet) CDs von Valery Gergiev bei Amazon.de

 
Valery Gergiev wurde 1953 in Moskau geboren und verbrachte seine Jugend im Kaukasus. Für eine russische Karriere eher spät lernte er das Klavierspiel. Nach dem Studien des Dirigierens bei Ilya Musin am Leningrader Konservatorium errang Valery Gergiev erste Erfolge. 1976 gewann er den gesamtrussischen Dirigentenwettbewerbs in Moskau. Im Jahr darauf siegte er im Herbert-von Karajan-Wettbwerb in Berlin. 1977, mit 24 Jahren, wurde Gergiev zum Assistenz-Dirigenten von Yuri Temirkanov an der Kirov Oper ernannt. Von 1981 bis 1985 leitete er das Armenische Staatsorchester. 1988 wurde Gergiev Chefdirigent und künstlerischer Leiter der im Herzen von St. Petersburg gelegenen Kirov Oper. Seit 1996 amtet er zusätzlich als Generaldirektor des Mariinsky Theaters/Kirov Oper. Er entscheidet zudem über die Besetzung von Sängerinnen und Sängern, wobei er mehr von der italienischen als von der russischen Gesangsschule geprägt ist und ein rundes Timbre und einen weichen Klang der slawischen Schärfe vorzieht.
 
1989 errang Gergiev einen ersten internationalen Erfolg mit seinem Auftritt am Schleswig-Holstein-Musikfestival. Während dem die Moskauer Klassikszene in der postkommunistischen Ära dem Verfall ausgesetzt war, führte Gergiev das Mariinsky Theater, das regelmässig auf Tournee rund um die Welt geht, an die Spitze der Opernhäuser der Welt heran. Gergievs Einspielungen auf Platte ist viel Erfolg beschieden. Sie haben ihn und die St. Petersburger Institution international bekannt gemacht. Auch Fernsehproduktionen gehören dazu. 1989 übernahm Gergiev die Funktion als erster Gastdirigent des Rotterdamer Philharmonischen Orchesters und wurde 1995 dessen Chefdirigent. Seit 1997 ist er erster Gastdirigent der Metropolitan Opera in New York. Gergiev ist Träger vieler nationaler und internationaler Preise. Dazu gehört der in der Londoner Royal Albert Hall 1993 gewonnene Classic Music Award als Dirigent. Gergiev ist Gründer zahlreicher Festivals. 1993 hob er die St. Petersburger Weissen Nächte aus der Taufe, 1994 ein internationales Festival in Finnland. Seit Herbst 1996 leitet er das Rotterdam Festival.
 
Das Mariinsky Theater wurde 1860 gegründet. Seine "goldene Zeit" erlebte es mit der Ernennung des Tschechen Eduard Napravnik, der 1863 als Assistenz-Dirigent die Institution betrat und sie, von 1869 an als Chefdirigent, über ein halbes Jahrhundert lang prägte. Verdis La forza del destino erlebte hier, in Anwesenheit des Komponisten, seine Weltpremiere. Russische Opern wie Boris Godunov (1874) und Prinz Igor (1890) wurden hier ebenso wie das Ballet Schwanensee uraufgeführt. Teile aus Wagners Ring und Tristan wurden im Mariinsky Theater gezeigt, ehe sie in Bayreuth zu hören waren. Tschaikowsky, Rachmaninov, Berlioz, Schönberg und Mahler haben im Mariinsky Theater ihre symphonischen Werke präsentiert. Alexander von Zemlinksy, Bruno Walter, Erich Kleiber und Otto Klemperer, um nur einige zu nennen, haben hier dirigiert.
 
Viel Zeit widmet der Valery Gergiev den Werken von Prokofjew und Schostakowisch, die wie die besser akzeptierten Strawinsky und Tschaikowsky aus St. Petersburg stammten. Prokofjew (1891-1953), der bei Rimsky-Korssakoff studiert hatte, verliess seine Heimat in den Jahren von Krieg und Revolution. Über Japan reiste er in die USA, kehrte aber 1936 in den Jahren von Stalins Terror in die Sowjetunion zurück, nicht zuletzt wohl in der Hoffnung, dass er dort, nicht wie in Paris, wo er zumeist als Pianist arbeiten musste und deshalb unglücklich war, als Komponist arbeiten könnte. Und zwar als der Komponist, und nicht als einer unter vielen wie im Westen. Der unpolitische Prokofjew war sehr naiv oder ignorant und musste in der Folge Kompromisse eingehen und der Sowjetunion durch seine Musik dienen. Dazu gehört eine Geburtstagshymne an Stalin. Trotzdem wurde er 1948 beim Kongress des Komponistenverbandes beschuldigt, er hätte den Kontakt zum sowjetischen Volk verloren. Der darauf unvorbereitete Prokofjew hatte geglaubt, er werde gelobt werden. Allerdings erhielt er noch vor dem Tod des Diktators im Jahr 1953 die Stalin-Medaille verliehen. Prokofjews Leben wurde nach Aussagen von Zeitzeugen dennoch durch diese Anschuldigungen verkürzt, da er gesundheitlich darunter litt. Der Komponist hinterliess ein Erbe von 131 Werken.
 
Gergiev hält Sergei Prokofjew für den am meisten vernachlässigten Komponisten. An dessen 100. Geburtstag im Jahr 1991 setzte er ihm mit einem Prokofjew-Festival ein Denkmal. In den 1990er Jahren hat Gergiev damit begonnen, seine Opern auf CD einzuspielen. Dazu gehört Krieg und Frieden. Die Oper wurde 1993 über Satellit von der BBC für ein westliches Millionenpublikum live übertragen. Zu den fünf der insgesamt acht Opern Prokofjews, die Gergiev bereits eingespielt hat, gehören auch Der feurige Engel, Die Verlobung im Kloster, Der Spiegel und
Semyon Kotko.
 


Valery Gergiev. Foto Copyright Decca.

Hinzugefügt am 25. Mai 2005: Valery Gergiev wird auf Januar 2007 neuer Chefdirigent des London Symphony Orchestra, einem der zehn weltweit führenden Orchester.

Nach einer kurzen Reise in die USA komponierte Prokofjew 1939 die Oper Semyon Kotko. Sie basiert auf Valentin Katajews (1897-1987) Novelle Ich bin ein Sohn des arbeitenden Volkes. Schon allein der Titel weist auf die damit verbundene sozialistische Propaganda hin. Die Oper wurde am 23. Juni 1940 in Moskau uraufgeführt. Sie spielt in der Ukraine des Jahres 1918. Der aus dem Krieg heimkehrende Semyon Kotko erzählt seinen Freunden im Dorf von der Revolution und wirbt um seine Geliebte Sonja, wird aber von deren Vater zurückgewiesen. Als deutsche Truppen das Dorf angreifen, übergibt ihnen Sonjas Vater eine Liste mit den Namen der mit der Sowjetrevolution sympathisierenden. Kotko wird zum Tode verteilt, jedoch in letzter Minute gerettet. Der Heirat mit Sonja stünde nun nichts mehr im Wege, doch der Revolutionsführer überzeugt die zwei Liebenden, zuerst dem Vaterland zu dienen und die Heimat von den Feinden zu befreien. Für Semyon Kotko studierte Prokofjew Volkslieder der ukrainischen Bauern. Er übernahm ihre eigentümlichen Intonationen in seine Melodien. Mit musikalischen Mittel sowie mit Hilfe der Satire kennzeichnet er die verschiedenen Gesellschaftsklassen. Von der sowjetischen Zwangskollektivierung der Ukraine und der darauffolgenden Hungersnot, der über 10 Millionen Menschen zum Opfer fielen, ist in der Oper natürlich nichts zu hören. Vier Jahre später komponierte Prokofjew eine symphonische Suite in acht Sätzen, die den gleichen Namen wie die Oper trägt und für die er Themen aus Semyon Kotko heranzog.

Sheet music by Prokofiev.
 
Die Neuproduktion von Gergiev wurde 1999 im Rahmen der St. Petersburger Weissen Nächte aufgeführt. Später errang sie im grossen Saal des Wiener Konzerthauses einen überzeugenden Erfolg, wiederum unter der Leitung von Gergiev und mit dem Orchester und den Sängern der Mariinsky Oper/Kirov Chor und Orchester. CD bestellen bei Amazon.de.
 
Von Valery Gergiev erschien ebenfalls vor kurzem, in einer russisch-französischen Koproduktion, eine 1999 aufgenommene CD mit dem Klavierkonzert in a-moll op. 16 von Edvard Grieg und dem Klavierkonzert Nr. 2 in f-moll op. 21 von Frédéric Chopin. Am Klavier ist der französische Pianist Jean-Yves Thibaudet. Er wird von den Rotterdamer Philharmoniker begleitet. Lobenswert ist das Spiel von Thibaudet, der sowohl im Finale des Konzertes von Grieg mit seinem feurigen Spiel wie auch in den ruhigen Passagen überzeugt. Das Orchester unter der Leitung von Gergiev dagegen leistet sich, bei aller Expressivität, einige Peinlichkeiten. CD: Decca 467 093-2.
 

Prokofieff: Semyon Kotko. Juli 2000. 2 CDs. Philips/Universal. Bestellen bei Directmedia Schweiz oder Amazon.de
 

Prokofieff: Der Spieler. 1999, 2 CDs. Philips/Universal. Bestellen bei Amazon.de
 

Prokofieff: Krieg und Frieden. 1993, 3 CDs. Philips/Universal. Bestellen bei Amazon.de
 

Tschaikowsky: Sinfonie Nr. 5. April 1999, Philips/Universal. Bestellen bei Amazon.de 
 

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