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Nr. 18, September 2000
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Jazz CDs Kritiken
Lynne Arriale Trio: Live At Montreux. Mai 2000, TCB. Bestellen bei Amazon.de
Lynne Arriale, Klavier, Jay Anderson, Bass, und Steve Davis, Schlagzeug, sorgten beim Montreux Jazz Festival 1999 für einen der - viel zu wenig beachteten - Höhepunkte. Sie wussten bei ihrem Auftritt, dass daraus ein Album einstehen würde - und hielten dem Druck stand. Nun liegt ihr Konzert auf CD vor. Seit anfangs der 1990er Jahre widmet sich Lynne Arriale der klassischen Form des Jazz-Trios. Live At Montreux ist ihre erste eigentliche Live-Platte. Die drei Musiker zeigen sich dabei auf der Höhe und brauchen den Vergleich mit illustren Trio-Vorbildern der Jazzgeschichte nicht zu scheuen. In gut 50 Minuten bietet das Lynne Arriale Trio Emotionen pur. Vor allem die mit grosser Sensibilität gespielten Balladen Words Unspoken, Estate und An Affair To Remember sind ein eindringliches Erlebnis. Aber auch ihr fröhlicher Tribut an Miles Davis mit Seven Steps To Heaven sowie der von Lynne Arriale komponiertre Calypso sind eine Entdeckung wert.
Wynton Marsalis Septet: The Marciac Suite. 2000, Columbia. Bestellen bei Amazon.de 
Wynton Marsalis' The Marciac Suite ist nach dem französischen Dorf Marciac mit 1300 Einwohnern benannt, das seit den späten 1970er Jahren Veranstaltungsort eines jährlichen Jazz Festivals ist. Es verdankt seine Existenz der Initiative des Bürgermeisters und Rektors des collège von Marciac, Louis Guillhaumon. Alles begann mit dem Trompeter Bill Coleman und dem Tenorsaxophonist Guy Laffite, die beide in der Region wohnten und die Guillhaumon deshalb eines Tages fragte, ob sie nicht in im Ort auftreten möchten. Heute lockt das Festival jährlich, in nur zehn Tagen im August, über 100,000 Jazzfans an. Wynton Marsalis tritt seit 1991 jeden Sommer in Marciac auf, wobei er im collège auch Meisterklassen unterrichtet. 1997 gab Guillhaumon eine lebensgrosse Bronzestatue von Marsalis bei Bildhauer Daphne du Barry in Auftrag, um den Musiker und seine Treue zum kleinen französischen Ort zu ehren. Marsalis erwiderte die Geste, indem er die nun auf CD vorliegende Marciac Suite komponierte. Die über 76 Minuten lange Suite ist in dreizehn Kompositionen unterteilt. Die Stücke reichen von der Ballade Mademoiselle D'Gascony über das karnevaleske und zirkusähnliche Marciac Fun bis zu Jean-Louis Is Everywhere und dem finalen Sunflowers mit seinem einfachen Rhythmus. Die genannten Kompositionsteile bilden die Höhepunkte der Suite. Wynton Marsalis wird oft vorgeworfen, seine Musik sei epigonal, zu stark der Vergangenheit verhaftet und deshalb völlig überhalt. Mit The Marciac Suite beweist Wynton, dass dem nicht so ist. Auch wenn die Suite nicht als "Avantgardemusik" bezeichnet werden kann, was immer das auch sein mag, so kann sie dennoch eindeutig als zeitgenössische Musik identifiziert werden. Wie immer bei Marsalis sind nicht nur die Kompositionen von erstklassiger Qualität, sondern auch die Interpretation erfolgt durch herausragende Musiker, was ein entsprechend begeisterndes Resultat ergibt.

Anita O'Day: finest hour.
2000, Verve. Bestellen bei Amazon.de 
Die 1919 in Chicago geborene Anita O'Day ist, zumindest in den deutschsprachigen Ländern, fast vergessen. Völlig zu unrecht, denn sie gehört in die Liga der ganz grossen Sängerinnen, zusammen mit Ella Fitzgerald und Billie Holiday. Anita O'Day begann ihre Karriere bereits als Jugendliche. Sie arbeitete mit der Max Miller Combo ehe sie sich 1941 Gene Krupa anschloss. Sie konnte sich rasch etablieren. Ihre grössten Hits mit Krupa waren Let Me Off Uptown, in dem sie mit dem Trompeter Roy Eldrigde im Duett singt, sowie die wortlose Vokalnummer That's What You Think, die unverständlicherweise nicht auf finest hour zu finden ist. Ihr Pop-Hit And Her Tears Flowed Like Wine wurde auf dieser Jazz-CD ebenfalls nicht berücksichtigt. Doch auch so finden sich genügend herausragende Songs auf dieser CD. Anita O'Day zeichnete sich durch ihre ausserordentliche stimmliche Individualität aus, die in ihren originellen Versionen von Klassikern wie Fats Wallers Honeysuckle Rose, Cole Porters What Is This Thing Called Love?, in Sing, Sing, Sing sowie in Sweet Georgia Brown am offensichtlichsten wird. Die Höhepunkte des Albums sind When Sunny Gets Blue, das swingende Peel Me A Grape, das ebenso wie Little Girl Blue von klassischer Eleganz ist, sowie Boogie Blues. In den 1950er und 1960er Jahren kämpfte Anita O'Day mit ihrer Heroinabhängigkeit, von der sie sich erst 1968 lösen konnte. Sie steht seit den 1930er Jahren auf der Bühne und gibt noch heute, im Jahr 2000, Konzerte.
 
Carmen McRae: finest hour. 2000, Verve. Bestellen bei Amazon.de 
Die 1920 im Californischen Beverly Hills geborene Carmen McRae war vor allem eine Balladensängerin, die von Billie Holiday beeinflusst war, auch wenn sie eine eigenständigen Sound entwickelte. Sie war einst mit dem Schlagzeuger Kenny Clarke verheiratet und wurde später die Frau des Bassisten Ike Isaacs. Sie sang in Benny Carters, danach in Count Basies Band. Als Pianistin und Sängerin versuchte sie sich in Minton's Playhouse zu etablieren. 1954 gewann sie den Down Beat Critics Poll als New Star (zehn Jahre nach ihrer Zeit bei Benny Carter!). Ihr Weg an die Sitze war lang. Ich sah sie nur einmal Ende der 1980er Jahre in der Genfer Victoria Hall. Doch weder damals noch auf dieser CD, die ihre grössten Hits aus ihrer Glanzzeit, den 1950er Decca-Jahren, beinhaltet, kann sie mich fesseln. Die Songs sind zu blass, belanglos und oft von einem kitschigen, mit zuviel Streichern überladenen Big Band-Sound begleitet. Nur Mad About The Boy, Midnight Sun und Georgia Rose sind drei von insgesamt 19 Balladen, die mich überzeugen. Für Fans von Carmen McRae dagegen ist finest hour sicher ein Gewinn.
 

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