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Jazz CDs Kritiken
Lynne Arriale Trio: Live At Montreux. Mai
2000, TCB. Bestellen
bei Amazon.de
Lynne Arriale, Klavier, Jay Anderson, Bass, und Steve
Davis, Schlagzeug, sorgten beim Montreux Jazz Festival 1999 für einen der
- viel zu wenig beachteten - Höhepunkte. Sie wussten bei ihrem Auftritt,
dass daraus ein Album einstehen würde - und hielten dem Druck stand. Nun
liegt ihr Konzert auf CD vor. Seit anfangs der 1990er Jahre widmet sich
Lynne Arriale der klassischen Form des Jazz-Trios. Live At Montreux ist
ihre erste eigentliche Live-Platte. Die drei Musiker zeigen sich dabei auf
der Höhe und brauchen den Vergleich mit illustren Trio-Vorbildern der
Jazzgeschichte nicht zu scheuen. In gut 50 Minuten bietet das Lynne
Arriale Trio Emotionen pur. Vor allem die mit grosser Sensibilität
gespielten Balladen Words Unspoken, Estate und An Affair
To Remember sind ein eindringliches Erlebnis. Aber auch ihr
fröhlicher Tribut an Miles Davis mit Seven Steps To Heaven sowie
der von Lynne Arriale komponiertre Calypso sind eine Entdeckung
wert.
Wynton
Marsalis Septet: The Marciac Suite. 2000, Columbia. Bestellen
bei Amazon.de
Wynton Marsalis' The Marciac Suite ist nach dem
französischen Dorf Marciac mit 1300 Einwohnern benannt, das seit den
späten 1970er Jahren Veranstaltungsort eines jährlichen Jazz Festivals
ist. Es verdankt seine Existenz der Initiative des
Bürgermeisters und Rektors des collège von Marciac, Louis
Guillhaumon. Alles begann mit dem Trompeter Bill Coleman und dem Tenorsaxophonist Guy
Laffite, die beide in der Region wohnten und die Guillhaumon deshalb eines
Tages fragte, ob sie nicht in im Ort auftreten möchten. Heute lockt das
Festival jährlich, in nur zehn Tagen im August, über 100,000 Jazzfans
an. Wynton Marsalis tritt seit 1991 jeden Sommer in Marciac auf, wobei er
im collège auch Meisterklassen unterrichtet. 1997 gab Guillhaumon
eine lebensgrosse Bronzestatue von Marsalis bei Bildhauer Daphne du Barry
in Auftrag, um den Musiker und seine Treue zum kleinen französischen Ort
zu ehren. Marsalis erwiderte die Geste, indem er die nun auf CD
vorliegende Marciac Suite komponierte. Die über 76 Minuten lange
Suite ist in dreizehn Kompositionen unterteilt. Die Stücke reichen von
der Ballade Mademoiselle D'Gascony über das karnevaleske und
zirkusähnliche Marciac
Fun bis zu Jean-Louis Is Everywhere und dem finalen Sunflowers
mit seinem einfachen Rhythmus. Die genannten Kompositionsteile bilden die
Höhepunkte der Suite. Wynton Marsalis wird oft vorgeworfen, seine Musik
sei epigonal, zu stark der Vergangenheit verhaftet und deshalb völlig
überhalt. Mit TheMarciac Suite beweist Wynton, dass dem
nicht so ist. Auch wenn die Suite nicht als "Avantgardemusik"
bezeichnet werden kann, was immer das auch sein mag, so kann sie dennoch
eindeutig als zeitgenössische Musik identifiziert werden. Wie immer bei
Marsalis sind nicht nur die Kompositionen von erstklassiger Qualität,
sondern auch die Interpretation erfolgt durch herausragende Musiker, was
ein entsprechend begeisterndes Resultat ergibt.
Anita O'Day: finest hour.
2000, Verve. Bestellen
bei Amazon.de
Die 1919 in Chicago geborene Anita O'Day ist, zumindest in den
deutschsprachigen Ländern, fast vergessen. Völlig zu unrecht, denn sie
gehört in die Liga der ganz grossen Sängerinnen, zusammen mit Ella
Fitzgerald und Billie Holiday. Anita O'Day begann ihre Karriere bereits
als Jugendliche. Sie arbeitete mit der Max Miller Combo ehe sie sich 1941
Gene Krupa anschloss. Sie konnte sich rasch etablieren. Ihre grössten
Hits mit Krupa waren Let Me Off Uptown, in dem sie mit dem
Trompeter Roy Eldrigde im Duett singt, sowie die wortlose Vokalnummer That's
What You Think, die unverständlicherweise nicht auf finest hour
zu finden ist. Ihr Pop-Hit And Her Tears Flowed Like Wine wurde auf
dieser Jazz-CD ebenfalls nicht berücksichtigt. Doch auch so finden sich
genügend herausragende Songs auf dieser CD. Anita O'Day zeichnete sich
durch ihre ausserordentliche stimmliche Individualität aus, die in ihren
originellen Versionen von Klassikern wie Fats Wallers Honeysuckle Rose,
Cole Porters What Is This Thing Called Love?, in Sing, Sing,
Sing sowie in Sweet Georgia Brown am offensichtlichsten wird.
Die Höhepunkte des Albums sind When Sunny Gets Blue, das swingende
Peel Me A Grape, das ebenso wie Little Girl Blue von
klassischer Eleganz ist, sowie Boogie Blues. In den 1950er und
1960er Jahren kämpfte Anita O'Day mit ihrer Heroinabhängigkeit, von der
sie sich erst 1968 lösen konnte. Sie steht seit den 1930er Jahren auf der
Bühne und gibt noch heute, im Jahr 2000, Konzerte.
Carmen McRae: finest hour.
2000, Verve. Bestellen
bei Amazon.de Die 1920 im Californischen Beverly Hills geborene Carmen McRae war vor
allem eine Balladensängerin, die von Billie Holiday beeinflusst war, auch
wenn sie eine eigenständigen Sound entwickelte. Sie war einst mit dem
Schlagzeuger Kenny Clarke verheiratet und wurde später die Frau des
Bassisten Ike Isaacs. Sie sang in Benny Carters, danach in Count Basies
Band. Als Pianistin und Sängerin versuchte sie sich in Minton's Playhouse
zu etablieren. 1954 gewann sie den Down Beat Critics Poll als New
Star (zehn Jahre nach ihrer Zeit bei Benny Carter!). Ihr Weg an die
Sitze war lang. Ich sah sie nur einmal Ende der 1980er Jahre in der Genfer
Victoria Hall. Doch weder damals noch auf dieser CD, die ihre grössten
Hits aus ihrer Glanzzeit, den 1950er Decca-Jahren, beinhaltet, kann sie
mich fesseln. Die Songs sind zu blass, belanglos und oft von einem
kitschigen, mit zuviel Streichern überladenen Big Band-Sound begleitet.
Nur Mad About The Boy, Midnight Sun und Georgia Rose
sind drei von insgesamt 19 Balladen, die mich überzeugen. Für Fans von
Carmen McRae dagegen ist finest hour sicher ein Gewinn.