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Nr. 18, September 2000
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Mikhail Pletnev. Foto: DG.
Mikhail Pletnev, Klavier. Russisches Nationalorchester. Rachmaninow: Symphony Nr. 1, Die Toteninsel. 2000, Deutsche Grammophon. Bestellen bei Amazon.de
 
Musik ist eine Frage des Geschmacks und Rachmaninow trifft den meinen perfekt. Die Symphonie Nr. 1 und Die Toteninsel gehören zu meinen Lieblingsstücken. Der 1957 in Archangelsk geborene Pianist und Dirigent Mikhail Pletnev hat die zwei Kompositionen auf einer CD zusammen mit dem von ihm gegründeten Russischen Nationalorchester eingespielt.

Pletnevs Eltern waren beide Musiker. Sie erkannten früh sein musikalisches Talent. Mikhail ging auf die Zentrale Musikschule ehe er 1974 am Moskauer Konservatorium zugelassen wurde. Er studierte beim Pianisten Jacob Flier, später auch bei Lev Vlasenko. 1978 gewann Pletnev die Goldmedaille im Internationalen Tschaikowsky-Klavierwettbewerb in Moskau, was ihm Konzertreisen auch ausserhalb der Sowjetunion ermöglichte. 1980 gab er sein Debüt als Dirigent. 1990 trat er, auf Einladung von Mikhail Gorbatschow, am Gipfel des russischen mit dem amerikanischen Präsidenten, George Bush, in Washington auf. Im selben Jahr gründete Pletnev das Russische Nationalorchester, dem ersten völlig vom Staat unabhängigen Klangkörper seit 1917. Als erstes russisches Orchester konnte es 1991 in einem Privatkonzert für Papst Johannes Paul II im Vatikan auftreten. Im September 1999 trat Mikhail Pletnev von seiner Position als musikalischer Direktor und Chefdirigent des Nationalorchesters zurück. Vladimir Spivakov hat nun die Leitung übernommen.

Rachmaninows Erste Symphonie in d-moll op. 13 wurde 1897 uraufgeführt und überforderte den Dirigenten. Die Reaktion des Publikums fiel so negativ aus, dass der sensible Rachmaninow drei Jahre lang wie gelähmt war und erst dank einer Hypnosebehandlung vom Neurologen Nikolai Dahl geheilt werden konnte. Erst danach wagte sich der Komponist und Pianist wieder an die Öffentlichkeit. Rachmaninow hatte die Partitur der Ersten Symphonie zerstört, sie aber in seinem letzten Werk, den Symphonischen Tänzen von 1940, zitiert. 1945 dirigierte Alexander Gauck in Moskau das auf Grund von im Leningrader Konservatorium gefundenen Orchesterstimmen rekonstruierte Werk. Die Symphonie ist Anna Lodyschenskaja gewidmet, die von Roma abstammte. Orientalisch-zingareske Anklänge finden sich denn auch im zweiten Satz. Das Bibelmotto "Die Rache ist mein; ich will vergelten, spricht der Herr", das Rachmaninow der Ersten Symphonie voran stellte, lässt auf eine Beziehung zu der verheirateten Lodyschenskaja schliessen. Die Tondichtung Die Toteninsel op. 29 (1909) wurde vom gleichnamigen Gemälde Arnold Böcklins, dem berühmtesten Werk des 19. Jahrhunderts, inspiriert, das Rachmaninow in einer Schwarzweiss-Reproduktion gesehen hatte. Pletnev spielt die dramatische, farbenfrohe und hochemotionale Musik Rachmaninows gefühlvoll, jedoch ohne zu übertreiben. Das Russische Nationalorchester steht ihm in nichts nach - Spivakov konnte einen Klangkörper allererster Güte übernehmen. Nicht das erste Mal beweist Pletnev seine Affinität zu Rachmaninow, wobei er sich nie in reiner Virtuosität, in Effekthascherei verliert. Das Resultat ist ein Meisterwerk. Bestellen bei Amazon.de.
 

Leonard Bernstein: A White House Cantata. Kent Nagano und das London Symphony Orchestra. 2000, Deutsche Grammophon. Bestellen bei Amazon.de.

Bernsteins A White House Cantata: Scenes From 1600 Pennsylvania Avenue, mit den von Alan Jay Lerner verfassten Texten, ist die Konzertfassung des gleichnamigen Musicals der zwei Amerikaner, das zwischen 1972 und 1976 entstanden ist. Damals hatte es den Untertitel Ein Musical über Probleme mit dem Haushalt. Die Komposition erzählt sowohl die Geschichte der ersten hundert Jahre des Sitzes der amerikanischen Präsidenten als auch ihrer Bewohner. Solisten wie Barbara Hendricks, June Anderson, Thomas Hampson und Kenneth Tarver machen das Werk zu einem amüsanten Beitrag über Begebenheiten im Weissen Haus. Von der Entscheidung für den Standort des Präsidentensitzes über einen historisch belegten, von britischen Söldnern gelegten Brand, der durch sintflutartige Regenfälle gelöscht wurde, bis zur Erklärung, warum die GOP sich The Grand Old Party nennt, beleuchtet A White House Cantata auf unterhaltsame Weise Episoden der amerikanischen Geschichte.
 
Jacob Heringman: Josquin des Prez. 2000, Discipline Global Mobile.

Der Lautenspieler Josquin des Prez (c. 1450-1521) war der herausragende Komponist der Renaissance. Er inspirierte Franzosen, Deutsche, Italiener und Spanier zu Arrangements, die auf seinen Werken beruhen. Erst seit Helmuth Osthoffs Biographie von Josquin des Prez aus den Jahren 1962-65 ist man sich seiner Bedeutung und Ausstrahlung richtig bewusst. Seither wurde zwar viel am Bild des Künstlers korrigiert, The New Grove Dictionary (1980) schrieb ihm nur noch 176 Werke zu - und seither ist diese Zahl noch weiter gefallen -, doch seine Karriere, die ihn, der an der französisch-belgischen Grenze geboren worden war, unter anderen Städten über Mailand, Aix-en-Provence und Ferrara führte, bleibt weiterhin von entscheidender Bedeutung für die Geschichte und die Entwicklung der Musik des Abendlandes. Wer genug hat von der nervösen Musik des 20. Jahrhunderts, von zappeligen Videoclips und von der Hektik des Alltags des Jahres 2000, der kann sich zurücklehnen und sich mit den Interpretationen der Werke von Josquin des Prez durch Jacob Heringman erholen.
Patricia McCarty. J.S. Bach: Six Cello Suites performed on viola. 2000, Ashmont Music. Im Moment erst bei Amazon.com bestellbar.

Patricia McCarty gewann im Alter von 18 Jahren die Silbermedaille und den Radiopreis für Bratsche an der Geneva International Competition. Sie ist eine ehemalige stellvertretende erste Bratschistin des Boston Symphonie Orchesters. Seither hat sie sich als Vorkämpferin für die Musik für Solo-Bratsche Lorbeeren erworben, u.a. für ihre Aufnahmen der Werke von Rebecca Clarke. Sie ist weltweit mit Orchestern wie dem Detroit Symphony, Houston Symphony, l'Orchestre de la Suisse Romande und Kyoto Symphony aufgetreten. Mit dem Jazzpianisten Keith Jarrett hat sie 1994 die Platte Bridge of Light aufgenommen. Seine Werke für Bratsche und Orchester hate sie in Auftrag gegeben, uraufgeführt und, wie erwähnt, auf Platte eingespielt. Zur Zeit lehrt sie am Boston Conservatory und an der Longy School of Music in Cambridge. Für ihre Aufnahmen mit der Bratsche von Johann Sebastian Bachs Sechs Cellosuiten hat Patricia McCarty die Faksimiles der frühen Manuskripte sowie andere Quellen studiert. Dabei musste sie einige einschneidende Entscheidungen treffen, da Bachs handschriftliche Noten verschunden sie und die verschiedenen Ausgaben seiner Suiten mehrer interpretatorische Möglichkeiten offen lassen. So hat sie sich in der fünften Suite für normale Stimmen anstelle von scordatura entschieden. In der sechsten Suite spielt sie die originale Tonart anstelle der oft verwendeten Transkription in D-Dur. 1998, 1999 und anfangs 2000 in der Troy Savings Bank Music Hall in Troy, New York, mit ihrer natürlichen Akustik aufgenommen, ist Patricia McCartys Interpretation der Suiten, im Gegensatz zu der farbenfrohen von Mischa Maisky am Cello, zurückhaltend. Ihre Einspielung auf Bratsche ist hörenswert, auch wenn ich die Celloversionen vorziehe.
 

Verdi: La Traviata. Zubin Mehta, Nationales Sinfonieorchester der RAI, Eteri Gvazava (Violetta), José Cura (Alfredo), Rolando Panerei (Germont) u.a. 2000, Teldec/Warner Classics. Bestellen bei Amazon.de.
 
Acht Jahre nach der ebenfalls an historischen Schauplätzen und in Originalzeit in Rom aufgenommen Tosca folgte im Juni 2000 das Live-Fernsehereignis aus Paris, das in 125 Länder übertragen wurde. Verdis La Traviata basiert schliesslich auf Alexandre Dumas' in der französischen Hauptstadt spielenden Kameliendame. Die zwei nun vorliegenden CDs bieten knapp zwei Stunden Live-Musik [Korrektur vom 20.1.2001]. Auf der CD wurden Kürzungen der Handlung vorgenommen. Es werden also, in Abkehr von der Intention des Live-Ereignisses, nur Höhepunkte präsentiert, wobei man natürlich das jeweilige Geschehen noch immer zur originalen Tageszeit abspielen könnte, was natürlich niemand tut. Auf der CD muss sich der Hörer auf die Musik konzentrieren, was in gewisser Hinsicht ein Gewinn ist, auf der anderen Seite geht natürlich die visuelle Dimension verloren. Auf der Platte bleiben also notgedrungen die Absichten des Entwicklers der Fernsehidee und Produzenten Andrea Andermann auf der Strecke. Trotzdem ist das Doppelalbum hörenswert. Das ist in erster Linie das Verdienst von der Sibirierin Eteri Gvazava, die als Violetta Valéry die in sie gesetzten Erwartungen mehr als erfüllt. Auch José Cura als Alfredo Germont überzeugt.
 


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Christophe Rousset spielt Jean-Henri d'Anglebert: Sämtliche Werke für Cembalo. 2000, Decca. Bestellen bei Amazon.de.
 
Der Franzose Christophe Rousset gewann 1983 den Cembalo-Wettbewerb in Brügge. Seither ist er vor allem in Frankreich ein gefragter Mann und hat auch mit der Musica Antiqua Köln bemerkenswerte Aufnahmen eingespielt. Er interessiert sich für das französische und italienische Repertoire des 17. und 18. Jahrhunderts, insbesondere die opera seria und die opéra comique. Für seine Einspielungen der gesamten Cembalowerke von Rameau und Couperin wurde er mehrfach ausgezeichnet. Mit seinem Barockensemble Les Talens Lyriques interpretierte er übrigens auch die Filmmusik zum Kastratenporträt Farinelli, was ihm ebenfalls einen Preis eintrug. Nun also legt er d'Angleberts (1635-1691) sämtliche Werke für Cembalo vor. Unter Chambonnières errang die französische Cembalomusik die Spitzenstellung in Europa. D'Anglebert gehört mit Louis Couperin und anderen zu seinen Erben. Pracht, Glanz und ein gewisser Klassizismus zeichnen seinen Stil aus, wobei er durchaus auch virtuose Elemente verlangt. Rousset spielte seine Werke auf zwei CDs und einem Cembalo von Joannes Ruckers (Antwerpen, 1629) ein. Er berücksichtigte dabei nur d'Angleberts Originalkompositionen, nicht also die Transkriptionen und Variationen nach Couperin, Lully, Marais und anderen. Mit dieser Doppel-CD trägt Rousset entscheidend zur Wiederentdeckung des im Schatten von Chambonnières, Couperin und Lully stehenden Franzosen bei.

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