Mikhail Pletnev, Klavier. Russisches Nationalorchester. Rachmaninow: Symphony Nr. 1,
Die Toteninsel. 2000, Deutsche Grammophon. Bestellen
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Musik ist eine Frage des Geschmacks und Rachmaninow trifft den meinen perfekt. Die Symphonie Nr. 1 und Die
Toteninsel gehören zu meinen Lieblingsstücken. Der 1957 in
Archangelsk geborene Pianist und Dirigent Mikhail Pletnev hat die zwei
Kompositionen auf einer CD zusammen mit dem von ihm gegründeten
Russischen Nationalorchester eingespielt.
Pletnevs Eltern waren beide Musiker. Sie
erkannten früh sein musikalisches Talent. Mikhail ging auf die Zentrale
Musikschule ehe er 1974 am Moskauer Konservatorium zugelassen wurde. Er
studierte beim Pianisten Jacob Flier, später auch bei Lev Vlasenko. 1978
gewann Pletnev die Goldmedaille im Internationalen
Tschaikowsky-Klavierwettbewerb in Moskau, was ihm
Konzertreisen auch ausserhalb der Sowjetunion ermöglichte. 1980 gab er sein Debüt als
Dirigent. 1990 trat er, auf Einladung von Mikhail Gorbatschow, am Gipfel
des russischen mit dem amerikanischen Präsidenten, George Bush, in Washington auf.
Im selben Jahr gründete Pletnev das Russische Nationalorchester, dem
ersten völlig vom Staat unabhängigen Klangkörper seit 1917. Als erstes
russisches Orchester konnte es 1991 in einem Privatkonzert für Papst
Johannes Paul II im Vatikan auftreten. Im September 1999 trat Mikhail
Pletnev von seiner Position als musikalischer Direktor und Chefdirigent
des Nationalorchesters zurück. Vladimir Spivakov hat nun die Leitung
übernommen.
Rachmaninows Erste Symphonie in
d-moll op. 13 wurde 1897 uraufgeführt und überforderte den Dirigenten.
Die Reaktion des Publikums fiel so negativ aus, dass der sensible
Rachmaninow drei Jahre lang wie gelähmt war und erst dank einer
Hypnosebehandlung vom Neurologen Nikolai Dahl geheilt werden konnte. Erst
danach wagte sich der Komponist und Pianist wieder an die Öffentlichkeit.
Rachmaninow hatte die Partitur der Ersten Symphonie zerstört, sie
aber in seinem letzten Werk, den Symphonischen Tänzen von 1940,
zitiert. 1945 dirigierte Alexander Gauck in Moskau das auf Grund von im
Leningrader Konservatorium gefundenen Orchesterstimmen rekonstruierte
Werk. Die Symphonie ist Anna Lodyschenskaja gewidmet, die von Roma
abstammte. Orientalisch-zingareske Anklänge finden sich denn auch im
zweiten Satz. Das Bibelmotto "Die Rache ist mein; ich will vergelten,
spricht der Herr", das Rachmaninow der Ersten Symphonie voran
stellte, lässt auf eine Beziehung zu der verheirateten Lodyschenskaja
schliessen. Die Tondichtung Die Toteninsel op. 29 (1909) wurde vom
gleichnamigen Gemälde Arnold Böcklins, dem berühmtesten Werk des 19.
Jahrhunderts, inspiriert, das Rachmaninow in einer
Schwarzweiss-Reproduktion gesehen hatte. Pletnev spielt die dramatische,
farbenfrohe und hochemotionale Musik Rachmaninows gefühlvoll, jedoch ohne
zu übertreiben. Das Russische Nationalorchester steht ihm in nichts nach
- Spivakov konnte einen Klangkörper allererster Güte übernehmen. Nicht
das erste Mal beweist Pletnev seine Affinität zu Rachmaninow, wobei er
sich nie in reiner Virtuosität, in Effekthascherei verliert. Das Resultat
ist ein Meisterwerk. Bestellen
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Leonard Bernstein: A White House
Cantata. Kent Nagano und das London Symphony Orchestra.
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Bernsteins A White House Cantata: Scenes From 1600 Pennsylvania
Avenue, mit den von Alan Jay Lerner verfassten Texten, ist die
Konzertfassung des gleichnamigen Musicals der zwei Amerikaner, das
zwischen 1972 und 1976 entstanden ist. Damals hatte es den
Untertitel Ein Musical über Probleme mit dem Haushalt. Die
Komposition erzählt sowohl die Geschichte der ersten hundert Jahre
des Sitzes der amerikanischen Präsidenten als auch ihrer Bewohner.
Solisten wie Barbara Hendricks, June Anderson, Thomas Hampson und
Kenneth Tarver machen das Werk zu einem amüsanten Beitrag über
Begebenheiten im Weissen Haus. Von der Entscheidung für den
Standort des Präsidentensitzes über einen historisch belegten, von
britischen Söldnern gelegten Brand, der durch sintflutartige
Regenfälle gelöscht wurde, bis zur Erklärung, warum die GOP sich The
Grand Old Party nennt, beleuchtet A White House Cantata
auf unterhaltsame Weise Episoden der amerikanischen Geschichte.
Jacob Heringman: Josquin des Prez.
2000, Discipline Global Mobile.
Der Lautenspieler Josquin des Prez (c. 1450-1521) war der
herausragende Komponist der Renaissance. Er inspirierte Franzosen,
Deutsche, Italiener und Spanier zu Arrangements, die auf seinen Werken
beruhen. Erst seit Helmuth Osthoffs Biographie von Josquin des Prez aus
den Jahren 1962-65 ist man sich seiner Bedeutung und Ausstrahlung richtig
bewusst. Seither wurde zwar viel am Bild des Künstlers korrigiert, The
New Grove Dictionary (1980) schrieb ihm nur noch 176 Werke zu - und
seither ist diese Zahl noch weiter gefallen -, doch seine Karriere, die
ihn, der an der französisch-belgischen Grenze geboren worden war, unter
anderen Städten über Mailand, Aix-en-Provence und Ferrara führte,
bleibt weiterhin von entscheidender Bedeutung für die Geschichte und die
Entwicklung der Musik des Abendlandes. Wer genug hat von der nervösen
Musik des 20. Jahrhunderts, von zappeligen Videoclips und von der Hektik
des Alltags des Jahres 2000, der kann sich zurücklehnen und sich mit den
Interpretationen der Werke von Josquin des Prez durch Jacob Heringman
erholen.
Patricia McCarty. J.S. Bach: Six Cello Suites
performed on viola. 2000, Ashmont Music.
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Patricia McCarty gewann im Alter von 18 Jahren die Silbermedaille und den
Radiopreis für Bratsche an der Geneva International Competition. Sie ist
eine ehemalige stellvertretende erste Bratschistin des Boston Symphonie
Orchesters. Seither hat sie sich als Vorkämpferin für die Musik für
Solo-Bratsche Lorbeeren erworben, u.a. für ihre Aufnahmen der Werke von
Rebecca Clarke. Sie ist weltweit mit Orchestern wie dem Detroit
Symphony, Houston Symphony, l'Orchestre de la Suisse Romande und Kyoto
Symphony aufgetreten. Mit dem Jazzpianisten Keith Jarrett hat sie 1994 die
Platte Bridge
of Light aufgenommen. Seine Werke für Bratsche und Orchester hate
sie in Auftrag gegeben, uraufgeführt und, wie erwähnt, auf Platte
eingespielt. Zur Zeit lehrt sie am Boston
Conservatory und an der Longy School of Music in Cambridge. Für ihre
Aufnahmen mit der Bratsche von Johann Sebastian Bachs Sechs Cellosuiten
hat Patricia McCarty die Faksimiles der frühen Manuskripte sowie andere
Quellen studiert. Dabei musste sie einige einschneidende Entscheidungen
treffen, da Bachs handschriftliche Noten verschunden sie und die
verschiedenen Ausgaben seiner Suiten mehrer interpretatorische
Möglichkeiten offen lassen. So hat sie sich in der fünften Suite für normale
Stimmen anstelle von scordatura entschieden. In der sechsten Suite
spielt sie die originale Tonart anstelle der oft verwendeten Transkription
in D-Dur. 1998, 1999 und anfangs 2000 in der Troy Savings Bank
Music Hall in Troy, New York, mit ihrer natürlichen Akustik aufgenommen,
ist Patricia McCartys Interpretation der Suiten, im Gegensatz zu der
farbenfrohen von Mischa Maisky am Cello,
zurückhaltend. Ihre Einspielung auf Bratsche ist hörenswert, auch wenn
ich die Celloversionen vorziehe.
Verdi: La Traviata. Zubin Mehta, Nationales
Sinfonieorchester der RAI, Eteri Gvazava (Violetta), José Cura (Alfredo),
Rolando Panerei (Germont) u.a. 2000, Teldec/Warner Classics.
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Acht Jahre nach der ebenfalls an historischen Schauplätzen und in Originalzeit
in Rom aufgenommen Tosca folgte im Juni 2000 das Live-Fernsehereignis
aus Paris, das in 125 Länder übertragen wurde. Verdis La Traviata
basiert schliesslich auf Alexandre Dumas' in der französischen Hauptstadt
spielenden Kameliendame. Die zwei nun vorliegenden CDs bieten knapp
zwei Stunden Live-Musik [Korrektur vom 20.1.2001]. Auf der CD wurden Kürzungen der Handlung
vorgenommen. Es werden also, in Abkehr von der Intention des Live-Ereignisses,
nur Höhepunkte präsentiert, wobei man natürlich das jeweilige Geschehen
noch immer zur originalen Tageszeit abspielen könnte, was natürlich niemand
tut. Auf der CD muss sich der Hörer auf die Musik konzentrieren, was in
gewisser Hinsicht ein Gewinn ist, auf der anderen Seite geht natürlich die
visuelle Dimension verloren. Auf der Platte bleiben also notgedrungen die
Absichten des Entwicklers der Fernsehidee und Produzenten Andrea Andermann auf
der Strecke. Trotzdem ist das Doppelalbum hörenswert. Das ist in erster Linie
das Verdienst von der Sibirierin Eteri Gvazava, die als Violetta Valéry die
in sie gesetzten Erwartungen mehr als erfüllt. Auch José Cura als Alfredo
Germont überzeugt.
Christophe Rousset spielt Jean-Henri
d'Anglebert: Sämtliche Werke für Cembalo. 2000, Decca.Bestellen
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Der Franzose Christophe Rousset gewann 1983 den Cembalo-Wettbewerb in
Brügge. Seither ist er vor allem in Frankreich ein gefragter Mann und hat
auch mit der Musica Antiqua Köln bemerkenswerte Aufnahmen eingespielt. Er
interessiert sich für das französische und italienische Repertoire des
17. und 18. Jahrhunderts, insbesondere die opera seria und die opéra
comique. Für seine Einspielungen der gesamten Cembalowerke von Rameau
und Couperin wurde er mehrfach ausgezeichnet. Mit seinem Barockensemble
Les Talens Lyriques interpretierte er übrigens auch die Filmmusik zum
Kastratenporträt Farinelli, was ihm ebenfalls einen Preis eintrug.
Nun also legt er d'Angleberts (1635-1691) sämtliche Werke für Cembalo
vor. Unter Chambonnières errang die französische Cembalomusik die
Spitzenstellung in Europa. D'Anglebert gehört mit Louis Couperin und
anderen zu seinen Erben. Pracht, Glanz und ein gewisser Klassizismus
zeichnen seinen Stil aus, wobei er durchaus auch virtuose Elemente
verlangt. Rousset spielte seine Werke auf zwei CDs und einem Cembalo von
Joannes Ruckers (Antwerpen, 1629) ein. Er berücksichtigte dabei nur
d'Angleberts Originalkompositionen, nicht also die Transkriptionen und
Variationen nach Couperin, Lully, Marais und anderen. Mit dieser Doppel-CD
trägt Rousset entscheidend zur Wiederentdeckung des im Schatten von
Chambonnières, Couperin und Lully stehenden Franzosen bei.