Internationale Musikfestwochen Luzern
[26.3.2002: seit 2001 neuer Name Lucerne
Festival]
Geschichte und Konzertkritiken:
Christoph Eschenbach, Vadim Repin und das HSO - Bernard Haitink und die Berliner Philharmoniker
-
Pierre Boulez, Christian Tetzlaff und das LSO. Hotels
in, Reiseführer über, Geschichte von Luzern.
Die Internationalen Musikfestwochen Luzern
(IMF Luzern) wurden 1938 ins Leben gerufen. In jenem Jahr marschierte
Hitler in Österreich ein. Das politische Umfeld, in dem viele Künstler
in Deutschland oder Österreich nicht mehr auftreten konnten oder wollten,
brachte Musiker in die Schweiz. So dirigierte
Arturo Toscanini 1938 in einem Galakonzert Wagners Siegfried-Idyll,
das der Komponist in seinem Luzerner Haus geschrieben hatte. Die IMF Luzern sind
in ihrer über 60jährigen Geschichte zu einem der führenden Festivals
klassischer Musik geworden. Für die Konzertreihe des Jahres 2000 haben die
Veranstalter umfassende Programme gedruckt, darunter ein 460seitiges Buch mit
Essays zum diesjährigen Festivalmotto, Metamorphose, sowie weiteren Themen wie
dem Bachjahr und den composer's in residence, György Kurtág und Toshio Hosokawa,
denen zudem eine 301seitige Publikation gewidmet ist.
Konzert des London Symphony
Orchestras unter der Leitung von Pierre Boulez mit Christian Tetzlaff, Violine.
IMF Luzern, 20. August 2000
Das London Symphony Orchestra (LSO)
ist Londons ältestes und Britanniens erstes selbstverwaltetes Orchester. Es
wurde 1904 gegründet. Unter seinen früheren Dirigenten finden sich so
klingende Namen wie Hans Richter, Arthur Nikisch und Claudio
Abbado. Seit 1995 ist Sir Colin Davis der Chefdirigent des LSO. An den IMF
Luzern stand es jedoch unter der Leitung von Pierre Boulez, einem der
herausragenden Dirigenten (und Komponisten) der Gegenwart. Auf dem Programm des
20. August stand zeroPoints, eine Komposition des Ungarn Peter Eötvös
(*1944), der auch als Dirigent tätig ist. ZeroPoints wurde von
verschiedenen Orchestern in Auftrag gegeben. In Luzern fand die Schweizer
Premiere des Stückes statt.
Der Klang des LSO war präzise und
die Komposition bot ein grossartiges, wenn auch nicht durchgehend überzeugendes
Spektakel. Eötvös bezeichnete sich als vom Jahr 2000 und seinen vielen Nullen
beeindruckt, die er deshalb in sein Werk integriert habe. Die Komposition mit
ihren multiplen Neubeginnen fügte sich ideal in das Festivalthema,
Metamorphosen, ein. ZeroPoints offerierte Stürme, Blitze und mehr.
Leider überdeckten die Tschinellen hin und wieder das Orchester. Die Streicher
wurden teilweise dem Rest des Orchesters gegenübergestellt. Die polyphone Musik
war unterhaltsam, aber relativ traditionell. Sie hätte leicht zu Beginn des 20.
Jahrhundert komponiert worden sein. Interessant waren der Einsatz von Glocken
als rhythmischer Hintergrund sowie das ironische Ende von zeroPoints.
Insgesamt ist die Komposition wohl zu schwach, um Eingang ins regelmässige
Repertoire der Orchester dieser Welt zu finden.
Der Abend fand seine Fortsetzung mit dem Violinkonzert (1960)
von Györgi Ligeti (*1923). Boulez liess die vom ungarischen Komponisten
neu arrangierte Komposition aus dem Jahr 1992 spielen - mit lediglich der
Hälfte der Musiker des LSOs. Das Konzert beginnt mit etwas anstrengenden,
weil dissonanten Tönen. Die Sologeige, vom überzeugenden Christian Tetzlaff
gespielt, wurde bald von den Streichern des LSO begleitet. Die Komposition
lebt vor allem vom Gegensatz zwischen der Solovioline und dem Orchester
sowie dem Kontrast zwischen dissonanten und harmonischen Passagen. Musiker
wie Zuhörer werden gefordert. Der zweite Teil des Violinkonzerts ist von
Haydn und seinem ökonomischen Einsatz der Noten geprägt - kein
unnötiger Ton stört die Konzeption. Sowohl Tetzlaff als auch das LSO
überzeugten. Der volle, klare und direkte Orchesterklang wurde durch die
akustischen Qualitäten der salle blanche's noch verstärkt. Leise
oder laut, der Konzertsaal reflektiert alle Klänge ohne störende
Verzerrungen. Als Zugabe vor der Pause spielte spielte Tetzlaff
die Fuge aus dem zweiten Satz von Béla Bartók's Jolo
Sonata. In diesem dramatischen Stück von hoher Virtuosität konnte der
Solist die Spannbreite seines Könnens demonstrieren und den Beweis
antreten, dass er zu den Führenden Geigern seiner Generation gehört.
Nach der Pause ging es mit Bartók
(1881-1945) weiter. Seine Ballett-Pantomime Der hölzerne Prinz op. 13 Sz 60
(1914-17) stand auf dem Programm - in Luzern natürlich konzertant
aufgeführt, ohne Pantomime. Die wenigen langfädigen Momente der
Komposition rührten wohl von dieser Tatsache her - es ging visuell nichts
auf der Bühne. Der Gesamteindruck war allerdings erneut beeindruckend.
Das LSO spielte mit rund 70 Streichern in voller personeller Stärke. Das
Orchester hatte keine Probleme, die warme, romantische und dramatische
Geschichte um die Prinzessin, die zuerst die geschnitzte Holzpuppe dem
Prinzen aus Fleisch und Blut vorzieht, der sie gemacht hat, musikalisch zu
untermalen. Die Ballett-Pantomime hatte es Bartók einst erlaubt, seinen
ersten grossen Erfolg in Budapest zu feiern. Die Komposition ist für
Bartók eher untypisch traditionell, was damals wohl den Erfolg in Ungarns
Hauptstadt förderte. Seine "modernere" Musik inspirierte
Generationen von Komponisten und Musikern der Klassik wie auch des Jazz. Der
hölzerne Prinz wurde in Luzern als eine Art Dessert serviert und vom
Publikum begeistert aufgenommen. Nach dem anstrengenden Ligeti war es
allerdings nicht einfach, sich auf die leichtere Kost von Bartók zu
konzentrieren. Von der Logik der Chronologie her hätte Ligeti sicher am
Ende des "ungarischen" Abends stehen sollen, doch zog eine
Mehrheit des Publikums die romantische der zeitgenössischen Komposition
vor, weshalb sie einen harmonischen Abschluss des Abends garantierte. -
Gemessen am Konzert vom 20. August, muss das LSO unter der Leitung von Pierre Boulez
zu den führenden Orchestern der Welt gerechnet werden.
Konzert des Houston Symphony Orchestra unter der Leitung von Christoph
Eschenbach, mit Vadim
Repin, Violine. IMF Luzern, 25. August 2000
Das Houston Symphony Orchestra unter der Leitung von Christoph
Eschenbach begann sein Konzert mit der sehr beliebten Fanfar for the
Common Man (1942) des amerikanischen Komponisten Aaron Copland (1900-1990).
Nach dem gelungenen, von den Bläsern eindrücklich vorgetragenen kurzen
Auftakt folgte, in einer Schweizer Premiere, das Konzert für Violine und
Orchester (1993) von John Adams (*1947). Dabei handelt es sich nicht
um ein Stück repetitiver, minimalistischer Musik, wie man es oft von
Adams erwartet oder befürchtet, sondern um eine von der Spätromantik
eines Liszt oder Schönberg beeinflussten Musik. Das New York City Ballet
war eine der drei Institutionen gewesen, die das Stück in Auftrag gegeben
hatten. Das Wissen darum, dass seine Komposition choreographisch
interpretiert werden würde, hat Adams bezüglich Form und Inhalt
beeinflusst. Das Soloinstrument, die Geige Vadim Repins, spielt eine
herausragende Rolle und hat im ersten Satz nur eine Minute der Ruhe. Das Konzert
für Violine und Orchester ist keine traditionelle Komposition in dem
Sinne als es keinen klassischen Kampf zwischen Solist und Orchester
bietet. Die Geige steht vielmehr durchgängig im Zentrum, zu Beginn mit
elegischen Tönen, erst dissonant, später tonal. Das ruhige Ende des für
den Zuhörer anspruchsvollsten ersten Satzes mit seinen Glockentönen
bildete den Höhepunkt. Im Mittelteil kreieren Glocken, Streicher und
Hörner eine Atmosphäre von Resignation und Kontemplation. Im dritten
Satz schliesslich kehrt das Leben zurück. Die Hörner blasen was das Zeug
hält und alternieren auf spektakuläre Art mit Pauke und
Streichern. Adams' Komposition ist unterhaltend und virtuos, ohne jedoch
tiefe Gefühle (wie z.B. ein Schostakowitsch) auszudrücken. Vor der Pause
fügte
Vadim Repin noch drei Zugaben hinzu. Auf den Tanz der Komödianten
aus Smetanas verkaufter Braut folgte Dvoraks Slawonischer Tanz op. 46
und zuletzt eine Sarabande
von Bach. Repins Spiel war voller Wärme, polyphon und zurückhaltend.
Nichts zu virtuos, keine Demonstration seiner technischen Fähigkeiten.
Nach der Pause spielte das Houston Symphony Orchestra Gustav Mahlers (1860-1911)
Symphonie Nr. 1
(1884-88). Das Orchester sollte Jugend, Unschuld und Kraft ausdrücken.
Doch - wie am ganzen Abend - blieb der Orchesterklang blässlich. Die
besten Momente kamen im dritten Satz, den Mahler mit Feierlich und
gemessen, ohne zu schleppen überschrieben hat. Beim dramatischen Ende
der Symphony Nr. 1 fehlte es den Streichern hingegen an Volumen und
Kraft. Dem Ton fehlte es an Wärme, Charakter und Ausdruck. Doch das
Wichtigste - dem Publikum gefiel es. Das Houston Symphony Orchestra bot
eine achtbare Leistung, konnte sich aber nicht mit dem direkten und vollen
Klang des LSO messen lassen.
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Das KKL vom See her gesehen.

Die Salle blanche im
KKL Lucerne.
Der Hauptkonzertsaal ist die salle blanche,
die für 1840 Gäste konzipiert und im August 1998 eingeweiht wurde. Der
Akustiker Russell Johnson sowie der französische Architekten Jean Nouvel,
der zuerst blaue und rote Konzertwände vorsah, ehe ihn Kritiken von
Dirigenten, die sich gegen zuviel Farbe aussprachen, davon abbrachten,
waren für das Projekt verantwortlich. Die Akustik, vor allem im Parkett,
ist ausgezeichnet. Die traditionelle Schuhboxform, wie sie auch der
Musikverein in Wien besitzt, ist dafür verantwortlich. Das Verhältnis
von Höhe zu Breite von 1:1 in Luzern ist ideal. Die Isolation des Saales
von Aussengeräuschen ist perfekt. Vom danebenstehenden Bahnhof oder von
der Seepromenade her ist kein störendes Geräusch zu hören.
Das Festival genügt höchsten Ansprüchen,
wofür vor allem die eingeladenen herausragenden Musiker verantwortlich
sind. Auch das Publikum der IMF Luzern 2000 verdient ein Lob: kein
Handtelefon trübte die Stimmung während der drei Abende, die der
Rezensent in der salle blanche verbrachte. Was für ein angenehmer
Kontrast zur Tonhalle Zürich, wo es fast bei jedem Konzert klingelt.

Klavier: Krystian
Zimerman. Dirigent:
Pierre Boulez. LSO und
Cleveland Orchestra.
Maurice Ravel: Piano
Concertos. CD 1999.
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Houston Symphony Orchestra; Dirigent: Christoph Eschenbach; Gesang: Renée Fleming. Richard Strauss: Vier letzte Lieder.
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Berliner Philharmoniker;
Dirigent: Simon Rattle.
Mahler: Symphonie Nr.
10. CD 2000.
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Konzert der Berliner Philharmoniker unter
der Leitung von Bernard Haitink. IMF Luzern, 31. August 2000
Die Berlin Philharmoniker sind das Orchester, das bisher am häufigsten in
Luzern aufgetreten ist, regelmässig seit 1968. Daher war es auch keine
grosse Überraschung, dass diesem hervorragenden Klangkörper die Ehre
gebührte, im
August 1998 unter der Leitung von Claudio Abbado den neuen Konzertsaal von Jean Nouvel
mit einem Konzert einzuweihen. Aus gesundheitlichen Gründen musste Abbado
leider darauf verzichten, am 31. August 2000 die Berliner Philharmoniker
zu leiten. Er wurde durch einen andern führenden Orchesterchef, Bernard
Haitink, vertreten. Gleich vorneweg: er leistete hervorragende Arbeit. Der erst
Teil des Konzerts war Richard Strauss' (1864-1949) Don Quixote
op. 35 (1896/97) gewidmet. Der deutsche Komponist war ein Meister der
dramatischen Form. Das farbenfrohe symphonische Gedicht beruht auf Cervantes
gleichnamigen Werk. Es ist voller dramatischer Effekte und sprüht nur so
vor Ironie. Die Berliner Symphoniker verliehen dem Stück Leben. Die
russische Cellistin Natalia Gutman spielte dabei eine Schlüsselrolle. Dem
Publikum fiel es leicht, Don Quixote
durch seine verschiedenen Abenteuer zu folgen. Einen erster Höhepunkt
bildete der Ausritt des seltsamen Paares, des Ritters von der traurigen
Gestalt und seines Knappen Sancho Pansa, und deren Kampf gegen die
Windmühlen. Dissonante Klänge alternierten mit der Beschreibung idyllischer
Szenen. Schlichtweg sensationell war in der siebten Variation der Ritt
durch die Luft. Auf volkstümliche Melodien folgten atemraubende
Windeffekte, wie ich sie noch nie zuvor gehört habe - dabei spielten die
Berliner Symphoniker noch nicht einmal in voller personeller Stärke, und
ich sass diesmal nicht im Parkett, wo die Akustik am besten ist, sondern
hinten auf der ersten Galerie. Das Orchester verstand es nicht nur, die
dramatischen und tragisch-komischen Abenteuer und musikalischen Effekte,
die Ironie und den Wahnsinn zu vermitteln, sondern ebenso, wie Don Quixote
zum Schluss wider zur Besinnung kommt und die letzten Tage vor seinem Tode
in Beschaulichkeit verbringt. Der zweite Teil des Konzerts war Johannes Brahms' (1833-97)
Dritter Symphonie (1883) gewidmet. Dabei handelt es sich nicht um
eine rein heroische Komposition, wie Hans Richter bei der Premiere in Wien
im Jahr 1883 durch seine Umschreibung als Eroica suggerierte. Es
ist eine Komposition von raffinierter Komplexität, dramatisch und
romantisch. Besonders im dritten Satz, Poco allegretto, war die
Interpretation der Symphonie durch die Berliner Symphoniker mitreissend in
ihrer Reinheit und Ausgeglichenheit des Klanges, weder übertrieben
dramatisch noch blass. Die Streicher beeindruckten am meisten. Das Allegro
war überragend mit seinem ruhigen Beginn, der leidenden Querflöte, den
spannungsgeladenen Streichern sowie der explodierenden Energie des
Gesamtorchesters, das später zu einem introspektiven Ende zurückfand.
Die Berliner Philharmoniker unter der Leitung von Bernard
Haitink offerierten eine Reise durch das Spektrum menschlicher Gefühle -
das ist die Essenz der Musik.
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