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Nr. 18, September 2000
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Miles Davis
Bitches Brew, Big Fun, On The Corner

 
Bitches Brew.1999 wiederveröffentlicht, Columbia. Bestellen bei Amazon.de. Der 1926 in Alton, Illinois, geborene und 1991 im kalifornischen Santa Monica verstorbene Miles Davis gehört zu den schillerndsten und einflussreichsten Persönlichkeiten des Nachkriegsjazz. Der Sohn eines Zahnarztes begann seine Karriere als Trompeter anfangs der 1940er Jahre, nach Studien bei Elwood Buchanan, in St. Louis, wo er aufgewachsen war. Danach ging er nach New York, wo er mit Charlie Parker, Dizzy Gillespie, Duke Ellington und andern in Kontakt kam. 1948 machte Miles Davis mit seinem Nonett Furore, das als die Birth of The Cool-Band bekannt wurde. Kommerziell zwar nicht erfolgreich, kommt er Bedeutung zu, weil sie die Ära des Cool Jazz einläutete.
 
Die drei von Columbia wiederveröffentlichten Alben Bitches Brew, Big Fun und On the Corner entstanden Ende der 1960er und Anfang der 1970er Jahre und dokumentieren Miles Davis' Hinwendung zum Jazz Rock und zur Fusion. Die Aufnahmen von Bitches Brew entstanden im August 1969, wobei The Complete Bitches Brew Sessions bis Februar 1970 andauerten. In seiner direkten, unverblümten und lesenswerten Autobiographie aus dem Jahr 1989 (2000 als Heyne-Taschenbuch erhältlich) schreibt Miles Davis, dass im Herbst 1969 Wayne Shorter aus seiner Band ausstieg. Er ersetzte ihn durch den weissen Saxophonisten Steve Grossman aus Brooklyn, der bereits im November jenen Jahres auf Big Fun mitspielte. Auch den brasilianischen Percussionisten Airto Moreira hatte Miles aus Brooklyn geholt und für die Aufnahmen eingesetzt. Für den rockähnlichen Sound war, gemäss Davis, vor allem Billy Cobham am Schlagzeug verantwortlich. John McLaughlin, Herbie Hancock, Wayne Shorter (er spielte trotz seinem Weggang mit), Jack DeJohnette, Dave Holland, Chick Corea und andere hervorragende Musiker sind auf der Platte zu hören, die nicht nur im Titel, sondern auch beim Zuhören viel Vergnügen bietet. Dabei handelt es sich bei Great Expectations und Recollections um elegisch-meditative Stücke von knapp 20 bzw. 30 Minuten Dauer. The Little Blue Frog (gut 9 Minuten) ist ebenfalls eine kontemplative Nummer, allerdings mit einem psychedelic touch. Das knapp halbstündige Go Ahead John ist mitreissend, vor allem dank dem rockigen Spiel der elektrischen Gitarre von John McLaughlin. Das geniale Stück verwandelt sich nach 13 Minuten in eine Ballade. Yaphet ist eine anspruchsvolle Komposition mit populären Elementen. Big Fun gehört zu den besten Alben von Miles Davis und stand bisher, völlig zu unrecht, im Schatten von Bitches Brew.
 
Das Album On the Corner aus dem Jahr 1972 sollte gemäss Miles Davis' Autobiographie die schwarzen Jugendlichen erreichen. 1971 hatte ihn Down Beat zum Jazzmusiker des Jahres und zum besten Trompeter gewählt. Airto Moreira, Jack DeJohnette und Keith Jarrett verliessen seine Band, wobei DeJohnette trotzdem auf On The Corner mitspielte, zusammen mit David Liebman, John McLaughlin, Herbie Hancock, Chick Corea und anderen. Miles wollte "weg von diesem freien Kram und hin zum Funk Groove". Im Juni 1972 ging er ins Studio "mit Sly Stone und James Brown im Kopf", um On The Corner aufzunehmen. Gleichzeitig hatte sich Miles mit Karlheinz Stockhausen und Paul Buckmaster, den englischen Komponisten hatte er 1969 in London kennen gelernt, beschäftigt. Er mochte die Art, wie die zwei "Rhythmus und Raum verwendeten". Auch Bach beeinflusste ihn. Ornette Colemann habe wie der deutsche Komponist "drei oder vier Melodielinien unabhängig voneinander komponiert. Wir machten es ähnlich und es klang wirklich funky und knallhart." Der Schlagzeuger Al Foster, der das erste Mal mit Miles spielte, habe das Fundament von On The Corner gelegt, "auf dem jeder aufbauen konnte, und dann hielt er den Groove bis in alle Ewigkeit durch." On The Corner erschien erst 1979. Gemäss Miles tat Columbia "nichts dafür und deshalb lief das Album nicht so, wie wir uns das alle vorgestellt hatten. Die Musik war für ein junges schwarzes Publikum gedacht, aber es wurde wie jedes andere weisse Jazzalbum behandelt, mit der gleichen Art von Werbung, in den üblichen Jazz-Radiosendern." Columbia "vermarktete es als Album für altgediente Jazzfreaks, die nichts mit dem anfangen konnten, was ich macht. Es war reine Zeitverschwendung, ihnen dieses Album vorzuspielen, denn sie wollten meine alte Musik, die ich längst hinter mir hatte." Das ist allerdings nur die halbe Wahrheit. Im Gegensatz zu Big Fun ist On The Corner ein "minimalistisches" oder "trance" Album, das weniger genial als vielmehr "mühsam" ist und auch bei gezielterer Werbung keine jungen Afroamerikaner hätte begeistern können. War es seiner Zeit voraus? Teilweise, vor allem was overdubbing und den Einsatz von multiple tape machines anbetraf. Doch vor allem war es ein musikalischer Irrweg.

 


 
 
 

 
 
 

 
 
 

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