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Nr. 18, September 2000
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Blickfänge einer Reise nach Wien
Fotografien 1860-1910 aus den Sammlungen
des Historischen Museums der Stadt Wien
 
Hotels aller Kategorien in Wien und Reiseführer Wien
 
 

Leben am Graben vor dem Kohlmarkt um 1900. Fotos: Katalog.
 
 

Die Ferdinandsbrücke mit Blick in die Taborstrasse, kurz vor der Abtragung um 1909. August Strauda. Foto: Katalog.
 
 
 
Noch bis am 24. September 2000 sind im Historischen Museum der Stadt Wien Fotografien aus den Jahren 1860 bis 1910 zu sehen, welche Wien und Umgebung in den Jahren 1860 bis 1910 zeigen. Die fiktive Reise in die Hauptstadt des Alpenlandes, die Susanne Winkler zusammengestellt hat, bildet eine Auswahl aus den rund 250,000 Fotografien, welche das Museum besitzt.
 
Gleich vorneweg eine leichte Kritik: Die Kuratorin konzentriert sich zwar auf "zehn Tage", das heisst rund zehn Sujets im weiteren Sinn, doch hat sie nicht systematisch versucht, die Veränderungen der verschiedenen Orte über die Jahrzehnte hinweg aus dem gleichen Winkel fotografiert darzustellen.
 
Im 19. Jahrhundert muss das aufstrebende Bürgertum erst noch seine Reisegewohnheiten entwickeln. Der Trend liegt in der Nachahmung des Adels und damit dem Besuch mondäner Kurorte. Dem Stadtleben mit seinem Gestank, Lärm und Staub, versucht der Bürger zu entfliehen. Nach Möglichkeit dauern die Aufenthalte zwei bis drei Monate von Ende Juni bis Anfang September. Die ganze Familie geht auf Reisen. Die Ziele des Wiener Bürgertums liegen vorerst in der näheren Umgebung Wiens, in Grinzing, Dornbach, Neuwaldegg, von Mödling hinaus bis Baden, wo auch Kaiser Franz oder Ludwig van Beethoven ihren Urlaub verbringen.
 
In der Gründerzeit erlebt die Sommerreise geographischen und sozialen Aufschwung: neben Adel und Grossbürgertum geht nun auch der gehobene Mittelstand auf reisen. Der Wienerwald und die Südbahngegend, die Ostalpen, vom Semmering bis ins Salzkammergut, von den Kärntner Seen bis nach Südtirol, erweitern die Zahl der Reiseziele.
 
Der Fremdenverkehr wird rasch zu einem ökonomisch bedeutenden Faktor. Die Menschströme bewegen sich entlang einer der wichtigsten Erfindungen des 19. Jahrhunderts: der Eisenbahn. Sie wird zum wichtigsten Transportmittel. Ihr Stellenwert wird 1896 durch die Etablierung eines selbständigen Eisenbahnministeriums unterstrichen. Gutbürgerliche Hotels entstehen in der Nähe der Bahnhöfe. Der städtische Nahverkehr wird in Wien 1865 durch ein neu angelegtes Pferdetramway verbessert. 1883/84 werden die ersten Dampftramways eingesetzt. Gleichzeitig bleiben Lohnkutschen wie "Fiaker" und "Einspänner" im Einsatz.
 
1835 beginnt, nach englischem Vorbild (was Winkler nicht erwähnt), Karl Baedeker mit der Herausgabe seiner Reisehandbücher, die zum unentbehrlichen Begleiter jedes Reisenden werden. Die Reihe der Baedeker deckt bis 1872 alle europäischen und bis 1914 die wichtigsten aussereuropäischen Reiseländer ab. Jetzt kann systematisch geplant werden. Das Bildungserlebnis wird erleichtert.
 
Die Ent-Individualisierung des Reisens beginnt. Der Niedergang der literarischen Gattung der Reisetagebücher zeichnet sich ab. In Wien sind Postkarten ab 1869 ein gängiges Medium. Der Wiener Schrökl eröffnet Anfang der 1850er Jahre, nach dem Vorbild des Engländers Thomas Cook und seiner 1846 gegründeten "Excursion Agency", das erste Wiener Reisebüro. Massenverkehr und Tourismus entstehen.
 
Nach dem Sieg der kaiserlichen Armee in der 1848-Revolution wird Wien unter Kaiser Franz Joseph I. (1848-1916) von der Grosstadt zur glänzenden Weltstadt. Der wirtschaftliche Aufschwung der Stadt erlebt in den "sieben fetten Jahren" von 1867 bis 1873" einen ersten Höhepunkt. Die Bevölkerung nahm von 431,000 im Jahr 1850 auf 817,000 im Jahr 1890 zu. 1910 lag die Bevölkerungszahl bereits weit über der Millionengrenze. Das Wachstum lag in der Eingemeindung der Vororte (die erste Stadterweiterung von 1850, die zweite von 1890) sowie in der Zuwanderung aus den Ländern der Monarchie. Die Zahl der Juden stieg in der zweiten Jahrhunderthälfte von 12,000 auf 120,000. 1910 betrug ihr Anteil an der Wiener Bevölkerung 14,1%. Das Verhältnis zwischen in Wien geborenen und zugewanderten verschob sich von 50 zu 50 im Jahr 1857 auf 35 zu 65 im Jahr 1880.
 
Das 19. Jahrhundert hatte bereits die Entstehung von neuen Zweckbauten erlebt: die Fabrik, das Museum, das Theater, Ausstellungs- und Verwaltungsgebäude. Nun kam der Hotelbau hinzu. 1861 wurde auf dem Fleischmarkt der Europäische Hof eröffnet. 1866 folgte das von Karl Tietz gebaute Grand Hotel am Kärntnerring, das als eines der elegantesten Gebäude am ganzen Ring galt. Es folgten das Hotel Regina neben der damals noch unvollendeten Votivkirche, das Hotel de France am Schottenring, das Hotel Metropol am Franz-Josefs-Kai sowie, 1873, das Hotel Imperial am Kärntnerring, das den gekrönten Häuptern unter den Gästen des Kaisers zur Verfügung stand.
 
Die Wiener Weltausstellung von 1873 im Wiener Prater mit ihrem fast einen Kilometer langen Industriepalast sowie weiteren 200 Gebäuden und Pavillons in den Stilen der ausstellenden Länder und den 53,000 internationalen Aussteller, die ihre Erzeugnisse präsentierten, zog neue Reiseströme nach Wien. 33 regierende Fürsten, 13 Thronfolger und 20 Prinzen kamen im Sommer 1873 nach Wien. Acht Tage nach der Eröffnung kam es zum Börsenkrach. Bereits im Mai sanken auf Grund der prekären wirtschaftliche Situation die Besucherzahlen und stiegen erst im Juli wieder an, als sich auch die öffentliche Meinung wieder zu bessern begann (Hannover lässt grüssen). Ende Juni brach die Cholera aus. Im Weltausstellungshotel Donau an der Nordbahnstrasse starben innert drei Tagen 13 Menschen. Die rund 400 Gäste verliessen fluchtartig das Hotel. Insgesamt starben in Wien 1873 knapp 3000 Menschen an der Cholera.
 
Von der stürmischen Entwicklung des Tourismus profitierten die Fotografen in besonderer Weise. In der zweiten Hälfte der 1860er Jahre gab es in Wien bereits rund 150 Foto-Ateliers. Insbesondere die Porträt-Fotografen fanden im sich emanzipierenden Bürgertum eine gute Kundschaft. Daneben gab es Spezialfotografen für Architektur und städtisches Leben. Die Ausstellung und der 244seitige Katalog zeugen davon. Die über 280 Fotografien sind motivisch gegliedert, z.B. Stephansplatz - Hofburg - Oper - Schönbrunn. Auch der Weltausstellung von 1873 wird Platz eingeräumt. Christian Lunzer präsentiert eine Übersicht über die Wiener Fotografie im 19. Jahrhundert, und die einzelnen Fotografen, ihre Werke und Ateliers werden vorgestellt. - Für den Link zum Historischen Museum der Stadt Wien: Artlinks.
 

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