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Bush oder Gore?
Der Kampf um die amerikanische Präsidentschaft

Artikel vom 18.10.2000
 
Nach der dritten und letzten Fernsehdebatte stellt sich die Frage: Bush oder Gore? Das Resultat ist nicht eindeutig, wie auch die Umfragen belegen. Al Gore hat sich zwar wie erwartet als der substantiellere Politiker erwiesen, der die Dossiers besser beherrscht, doch wider erwarten konnte er Bush nicht als substanzlose Figur entlarven, dem das Zeug zum Präsidenten fehlt. Erstaunlicherweise gelang es dem Republikaner sogar, in der zweiten und dritten Debatte, mit dem Demokraten auf aussenpolitischem Feld mitzuhalten.
 
Beunruhigend an Al Gore ist sein Hang zu Übertreibungen, ja Erfindungen, was vor allem seine politischen Taten und Leistungen angeht. Ein Blick in seine Biographie beweist, dass dieser zwanghafte Hang nicht neu ist, sondern seine gesamte politische Karriere begleitet hat. Handelt es sich dabei lediglich um "Details" im Zusammenhang mit seiner Selbstdarstellung oder ist sein Einschätzungsvermögen auch in Sachfragen und Konflikten hin und wieder getrübt? Nicht auszudenken, was ein Mythomane an der Spitze der einzigen Weltmacht ausrichten könnte. Gefährlich krankhaft scheint es zwar nicht zu sein, doch auf den Gegenbeweis möchten wir gerne verzichten.
 
Eines der besten Argumente von George W. Bushs gegen eine Präsidentschaft von Al Gore bezieht sich auf die Notwendigkeit, dass in Washington eine Überwindung der parteipolitischen Spaltung in Sachfragen von Nöten ist, um Reformen im Gesundheits- und Erziehungswesen durchzusetzen. Da der Name von Al Gore, ob er es will oder nicht, eng mit der Präsidentschaft von Bill Clinton verbunden ist und bleibt, in der richtig gehender Hass zwischen Republikanern und Demokraten ausbrach, u.a. wegen der versuchten "republikanischen Revolution" unter der Führung von Newt Gingrich und der Lewinsky-Affäre von Clinton, ist es nicht aus der Luft gegriffen, wenn der texanische Gouverneur der Meinung ist, dass er, der in seinem Heimatstaat Reformen in Zusammenarbeit mit den Demokraten auf die Wege gebracht hat, auch in Washington der Mann ist, der eher beide politischen Hauptlager an einen Tisch bringen und zu konstruktiver Politik bewegen kann.
 
Aussen- und militärpolitisch steht Bush für eine Konzentration der Kräfte auf "die Interessen der USA". Die Rolle des Weltpolizisten könne Amerika nicht mehr über den ganzen Globus verstreut ausüben. Die regionalen Alliierten sollten mehr Verantwortung übernehmen. Das klingt im ersten Moment gefährlich nach "America first", einem Rückzug der USA aus ihrer internationalen Verantwortung, doch wer den aussen- und sicherheitspolitischen Beraterstab von Bush betrachtet, ist beruhigt. Dick Cheney, Colin Powell, Richard Perle und Condoleezza Rice garantieren Kontinuität und Substanz.
 
Gore ist rhetorisch geschliffener und erscheint staatsmännischer, während dem sich Bush oft verhaspelt. Doch das ist nicht unbedingt ein Nachteil, denn dadurch hebt sich der Gouverneur von den Routinepolitikern in Washington ab und erscheint, obwohl mit dem "Silberlöffel im Mund geboren", wie die Populisten sagen, eher als ein Mann des Volkes. Gore seinerseits hat seine zuvor sprichwörtliche Steifheit zu einem guten Teil abgelegt, erscheint aber zu oft als der Besserwisser, der immer das letzte Wort haben will. Auch seine Versuche, sich als Verteidiger der "arbeitenden Amerikaner" der Mittelklasse und der Armen zu profilieren, ist eher peinlich. Was die Reform der Finanzierung der Wahlkämpfe anbelangt, ist Gore ebenfalls nicht besonders glaubwürdig. Er wurde zwar in der Clinton-Gore-Administration nicht für Fehltritte verurteilt, gleichzeitig ist es jedoch ein offenes Geheimnis, dass er im Zentrum zweifelhafter finanzieller Machenschaften der Demokraten stand.
 
Des weiteren stellt sich die Frage, ob den Demokraten nochmals vier Jahre im Weissen Haus gewährt werden sollen. Nach acht Jahren zeigt jede Regierung Verschleisserscheinungen. Ein Wechsel brächte sicher eine wünschbare Blutauffrischung. Doch wofür stehen die Republikaner? George W. Bush vertritt, abgesehen von seinem Eintreten für die Todesstrafe, wo er allerdings die Mehrheit der Amerikaner hinter sich weiss, den moderaten Flügel der GOP. Doch die vielen Schwarzen, Hispanics und anderen Minderheiten, die am republikanischen Parteitag zu sehen waren, sind noch nicht wirklich repräsentativ für die Partei. Die WASPs sind noch wie vor dominierend. Manchen Republikanern nimmt man selbst ihr Eintreten für die Marktwirtschaft nicht voll ab. Zu oft vertreten sie Sonderinteressen des Big Business, die nicht immer mit liberalen Standpunkten vereinbar sind. Auch in den USA profitieren zu viele Sektoren von unnötigen Subventionen. Viele Republikaner wehren sich zudem gegen eine allgemeine Krankenversicherung, die jeder moderne Staat, der dieses Prädikat verdient, besitzt. Dabei spielen neben berechtigten Bedenken der Wiederholung europäischer Fehler - grosse ineffiziente Bürokratien und schlechte Leistungen bei horrenden Kosten - auch kleinkarierte Abwehrreflexe und Egoismen eine Rolle, die unentschuldbar sind. Vielleicht ist Bush der Mann, der seine Truppen in dieser Frage überzeugen kann. Dass die GOP einen solchen Erfolg einer Administration Gore gönnen würde, bleibt zu bezweifeln.
 
An beiden Kandidaten beunruhigend ist der Fakt, dass sie die aktuell andauernde Prosperität bedenkenlos in die Zukunft projektieren und dabei lediglich über die Verteilung zukünftiger Steuergelder streiten. Die Demokraten vergessen, dass die wirtschaftlichen Erfolge nicht der Clinton-Administration zugesprochen werden können, sondern erst der Druck der GOP und von Ross Perot die Abkehr von den ursprünglichen demokratischen Ausgabeplänen brachte. Vor allem aber waren die Revolution der Informationstechnologie und die steigenden Aktienkurse der Schlüssel zum wirtschaftlichen Boom. Weder Bush noch Gore antizipieren ein Ende der längsten Prosperitätsphase in der Geschichte der USA. Konjunkturelle Schwankungen scheint es für sie nicht mehr zu geben. Natürlich hat sich die Produktivität in den letzten Jahren in den USA substantiell verbessert, doch gleichzeitig leben, konsumieren und spekulieren die Amerikaner seit einiger Zeit auf Kredit. Die Sparrate ist negativ. Viele Leute könnten bei sinkenden Aktienpreisen mit Schulden dastehen, der Konsum würde einbrechen und Auslandkapital abfliessen. Eine Wirtschaftskrise wäre die Folge. Die Börsen- und Boomblase ist bereits am Platzen. Von dieser Möglichkeit war in Cosmopolis bereits im letzten Herbst zu lesen. Wir standen mit dieser Meinung nicht alleine. Der US-Notenbankchef Greenspan versucht seit einiger Zeit erfolglos, die Markteuphorie zu dämpfen. Keiner der zwei Kandidaten scheint sich über ein solches Szenario Gedanken zu machen. Ein wirklicher Leader antizipiert jedoch solche Krisen und denkt über die notwendigen Schritte nach, die eine weiche Landung der Wirtschaft und Gesellschaft ermöglichen. Die zwei sind entweder blind oder wollen ihre Mitbürger nicht mit negativen Gedanken und unangenehmen Fragen konfrontieren.
 
Die Wähler haben das letzte Wort. Beim aktuellen Kopf an Kopf rennen droht nach wie vor eine Schlammschlacht, wenn die Parteien nervös werden sollten. Die Debatten haben keine Entscheidung gebracht. Die Mobilisierung der jeweiligen Stammwähler sowie die Entscheidungen der Wechselwähler in letzter Minute dürften den Kampf um die amerikanische Präsidentschaft entscheiden.

 

 
 

 

 

 

 

 

 

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