Artikel
vom 18.10.2000
Sollte der Likud-Chef Ariel Scharon, der
Brandstifter in der aktuellen Nahost-Krise, entgegen der kürzlich erfolgten
Erklärung doch noch mit Ministerpräsident Ehud
Barak von der Arbeitspartei eine Regierung der nationalen Einheit bilden, würde
damit der Bock zum Gärtner gemacht. Der ehemalige General stellt nun Camp David
als Basis für Friedensverhandlungen in Frage. Oft sind es ja gerade Vertreter
einer harte Linie, die zuvor Undenkbares in die Wege leiten. Rabin konzedierte
(zusammen mit Peres) 1993 und
1995 den Palästinensern Autonomie in einigen besetzten Gebieten und gab ihnen
eine Perspektive. Doch Scharon scheint nicht in diese Linie der Friedensstifter
zu gehören. Unter ihm als Verteidigungsminister fand
im Jahr 1982 der israelische Einmarsch
in den Libanon statt. Damals fanden die Massaker christlicher
Milizen in palästinensischen Flüchtlingslagern statt, für die Scharon
indirekt eine gewisse politische Mitverantwortung trifft.
Nach Netanjahus
Konfrontationspolitik knüpfte Barak an Rabins Kurs an. Teile der israelischen
Gesellschaft schienen sich den Palästinensern anzunähern und nicht nur die
Historiker setzten sich kritischer mit der eigenen Geschichte auseinander. Doch
die politische Rechte konnte sich damit nicht anfreunden. Aus kurzsichtigen
Gründen liess sich Scharon, um diesen Kreisen zu gefallen, zur Provokation auf
dem Tempelberg hinreissen. Doch auch in Kreisen der Palästinenser träumen noch
immer einige von einem Palästinenserstaat vom Mittelmeer bis an den Jordan, mit
Jerusalem als Hauptstadt. Jassir Arafat hat den Sprung vom Guerillaführer zum
Staatschef nur bedingt geschafft. In seinem Umfeld grassiert die Korruption.
Transparenz und Rechtstaatlichkeit gehören nicht zu seinen Credos. Nicht nur
Hamas und Hizbullah, sondern auch viele Zionisten sind intolerante Menschen, die
oft nicht nur nationalistische, sondern rassistische Ideen vertreten. Aus der
Geschichte ihres eigenen Volkes haben sie nichts gelernt.
Beide
Seiten, Israeli und Palästinenser, setzten auf Gewalt zur Durchsetzung ihrer
Ziele. Israel liess sich erst nach der Intifada von Dezember 1987 zu
Verhandlungen mit der PLO bewegen. Shamir brachte erst die Erfahrung des
Golfkrieges an die Friedenskonferenz in Madrid. Auf beiden Seiten siegt immer
wieder die Unvernunft. Siedler und religiöse Eiferer, Terroristen und zum
Steinewerfen aufgestachelte Jugendliche dominieren immer wieder die Strasse. Bei
vielen Palästinensern ist das Gefühl, von den Israeli als Menschen zweiter
Klasse behandelt, tief verankert. Siedler ohne jedes Fingerspitzengefühl, die
omnipräsente israelische Besatzungsarmee
und, wie zuletzt auf dem Tempelberg, Provokationen von Politikern wie Ariel
Scharon erinnern die Palästinenser immer wieder an ihre Ohnmacht. Die daraus
resultierenden Gewaltausbrüche schlägt die israelische Armee zu oft mit
unverhältnismässiger Härte nieder.
Bei den Palästinensern spielen auch
enttäuschte Hoffnungen und Illusionen eine Rolle. Mit der Politik von Barak
verbanden sie die Möglichkeit auf eine rasche Einigung mit Israel, auf den
Status eines gleichberechtigten Partners. Doch Baraks Wahlsieg im Jahr 1999
brachte keine Mehrheit für die Friedenspolitik. Der Ministerpräsident war
abhängig von Abgeordneten der israelischen Rechten, die ihm erst zu einer
Mehrheit im Parlament verhalfen. Solange den rechten Parteien Ministerposten
zugestanden wurden, ohne dass sie Land an die Palästinenser und Syrer zur
Friedenssicherung abtreten mussten, ging alles gut. Doch als die Umsetzung des
Osloer Vertrags schmerzhafte Zugeständnisse erforderte, sah sich Barak rasch
alleine und in einer Minderheitsregierung. Nichts ging mehr und die
Palästinenser wurden immer ungeduldiger. Scharons Provokation, wohl um
gegenüber Netanjahu, dessen Rückkehr in die Politik droht, nicht in
"Rückstand" zu geraten, brachte schliesslich das Fass zum
Überlaufen.
Jerusalem
könnte eine Völker und Religionen verbindende Stadt sein. Juden, Christen und
Muslime, Israeli und Palästinenser könnten dort ein Zeichen der Vernunft
und der Toleranz setzen. Statt dessen regieren Gewalt, Intoleranz, Hass und Dogmatismus.
Die Wunden auf beiden Seiten werden immer tiefer. Die Zahl Vernünftigen
Politiker und "einfachen" Bürger schwindet immer mehr. Sollte sich
die Jugend, auf deren Schultern so viele Hoffnungen ruhten, radikalisieren, wird
es Jahre, ja vielleicht Jahrzehnte dauern, bis das für einen dauerhaften
Frieden, für ein vertrauensvolles Zusammenleben und nicht blosse Koexistenz
nötige Kapital wieder angehäuft ist.
Hat Arafat seine Truppen noch unter
Kontrolle? Je länger je mehr scheinen Vertreter seiner Fatah eigene Wege zu
gehen. Hamas und Hizbullah waren ohnehin nie unter seinem direkten Einfluss.
Doch auch Arafat selbst hat seit Camp David wenig Kompromissbereitschaft in den
Verhandlungen mit Israel gezeigt, weshalb er an der heute verfahrenen Situation
mitschuldig ist. Nach den israelischen Vergeltungsschlägen bei den jüngsten
Unruhen sprach Arafat gar vom "Marsch auf Jerusalem" und entliess
Hamas-Terroristen aus palästinensischen Gefängnissen. Israeli und
Palästinenser wissen genau, dass die gegenseitige Politik der Konfrontation
keine Lösung bringen kann. Doch dieses Wissen geht periodisch verloren, so auch
jetzt. Wenn sich selbst die Führer, Arafat und Barak, nicht einmal die Hand
reichen wollen, dann stehen die Zeichen auf Sturm.
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Am
8. August 2002 hinzugefügt:

Helga Baumgarten: Arafat. Zwischen Kampf und Diplomatie. Ullstein,
München, 2002, 272 S. Bestellen bei Amazon.de.

Gerhard Konzelmann: Arafat. Felsendom und Klagemauer. Arafats Kampf um
seinen Staat. Lübbe, Bergisch-Gladbach, 2000, 446 S. Bestellen bei Amazon.de.
Der 1932 geborene Gerhard Konzelmann studierte in Tübingen und Besançon.
1956 begann seine Fernsehkarriere. 1967 wurde er Arabien-Korrespondent der
ARD. Er hat mehrere Werke zu Politik und Religion des Nahen Ostens
verfasst, gewann mehrere Fernsehpreise und wurde mit dem
Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet.
Für die Webseiten der israelischen und palästinensischen Regierung,
Parteien, Medien und Think Tanks: Links.
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