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Milosevic, Kostunica und
Jugoslawien
Artikel vom 16. Oktober 2000
Slobodan Milosevics Vater war ein aus dem Orden
ausgetretener Priester, der nicht mit der Familie lebte und kein Modell für den
jungen Milosevic war. Die Mutter war eine gestrenge Kommunistin, die im
osterbischen Pozarevac die örtliche Primarschule leitete und Slobodan zu einem
Musterschüler machen wollte. Gemäss Kommentatoren soll Milosevics Wunsch,
andere zu dominieren, auf diese gestrengen Jugendjahre zurückgehen, ja eine Art
Rache an "den Menschen" sein, die ihn als Kind gehänselt
hatten. Am Gymnasium traf er seine zukünftige Frau, Mirjana Markovic, die,
obwohl jünger als er, eine dominierende Rolle einnahm und einnehmen soll. Die
zwei leben bis heute in enger Symbiose miteinander, verbunden durch den gleichen
Willen zur Macht.
Während einem Vierteljahrhundert wurde
Milosevics Karriere vom Politiker Ivan Stambolic gefördert, ehe er von Slobodan, wie viele Andersdenkende
zuvor, zur Demission gezwungen und aus dem
Machtzirkel entfernt wurde. Vor rund einem Monat verschwand er übrigens spurlos, wohl von Milosevics Schergen
getötet, vielleicht, weil der Diktator
seine Rückkehr auf die politische Szene fürchtete.
Jahrzehntelang waren im Jugoslawien Titos die
schwelenden ethnischen Konflikte und die gegenseitigen Massaker, zuletzt im
Zweiten Weltkrieg, verdrängt worden, um nach dem Wegfall der kommunistischen
Ideologie als Machtlegitimation in einem primitiven serbischen Nationalismus
instrumentalisiert zu werden. Milosevic stammt übrigens aus Montenegro, ist ein
Mann ohne tieferes Verständnis für Land, Kultur und Tradition Serbiens wie
Montenegros und hatte sich zuvor jahrelang als ausgesprochener Antinationalist
hervorgetan. Heute loben alle das serbische Volk, dessen Mehrheit allerdings
zuerst begeistert Milosevics Politik mitgetragen, viel zu lange die Kriege, die
Säuberungspolitik und die Diktatur Milosevics geduldet und ihn zeitweise und
teilweise wie einen Messias gefeiert hat, der im Ausland nur auf die
Unterstützung Russlands und Chinas, dessen Führern beim Volksaufstand wohl
unangenehme Gedanken an die mögliche eigene Zukunft kamen, zählen konnte.
Der Erfolg des neuen, gewählten Führers, Vojislav Kostunica,
beruht nicht zufällig auf einer gehörigen Dosis an Nationalismus. Ohne diesen
wäre dem alten Regime kaum beizukommen gewesen. Das Niveau der
"vaterländischen" Emotionen ist in Jugoslawien nach wie vor hoch,
genährt durch ein Jahrzehnt einseitiger, grossserbischer Propaganda, aber auch
durch eine jahrhundertealte Geschichte voller Mythen, die sich ins kollektive
Gedächtnis zu vieler Menschen eingegraben haben. Der 1944 geborene Kostunica
gilt als Antikommunist, Nationalist und Demokrat. 1989 gehörte er zu den
Mitbegründern der Demokratischen Partei und zog 1990 erstmals ins serbische
Parlament ein. 1992 gründete er die Demokratische Partei Serbiens als
Abspaltung der 1989 gegründeten politischen Formation. Damals träumte er noch
von einem Grossserbien unter Einschluss von Bosnien und Kroatien. Milosevic warf
er den Ausverkauf der Heimat vor. Kostunica tritt als Kritiker der
amerikanischen Balkanpolitik auf. In den Tagen der serbischen Revolution trat er
als kaltblütiger Politiker hervor.
Vom Gipfeltreffen der Europäischen Union in Biarritz
hat der neue
jugoslawische Präsident Vojislav Kostunica am Samstag die Teilaufhebung der
Sanktionen und die Zusage zu einer
Soforthilfe von einigen wenigen hundert Millionen DM mit nach Belgrad genommen. Angesichts
der Kriegsschäden, der zerstörten Infrastruktur, der heruntergekommenen
Wirtschaft und der, abgesehen von den wenigen Nutzniessern des Regimes,
verelendeten Bevölkerung, ist das nicht mehr als der berühmte Tropfen auf den
heissen Stein. Die symbolische Geste soll Kostunica und den geschundenen
Menschen Jugoslawiens Mut zum Wiederaufbau geben. Es ist ein Zeichen des
Neuanfangs und der Hinwendung zu Europa, die allein dem Land Linderung bringen
kann.
Europa, die USA und die NATO können sich
allerdings nicht wirklich beglückwünschen, denn ihre Politik gegenüber
Milosevic kann nur teilweise als Erfolg gewertet werden. Das Eingreifen im
Konflikt war gewiss nötig gewesen, denn kein Diktator lässt sich durch
diplomatische Appelle und Protestbriefe beeindrucken, sondern nur durch
militärische Gewalt, doch die Bombenangriffe waren ohne das Ziel der Absetzung
des Diktators unternommen worden - Saddam Hussein und der Golfkrieg lassen
grüssen. Wenn schon Tausende sterben müssen, dann sollte am Ende zumindest die
Wurzel des Übels, der Gewaltherrscher, mitentfernt werden. Trotzdem scheint nun
der Machtkampf, dank dem Einsatz der Serben selbst, glücklich ausgegangen zu
sein.
Die Zukunft Jugoslawiens ist noch nicht gesichert. Milosevic, der Jurist, der am 27. Mai 1999 zusammen mit vier seiner
Gefolgsleute vom Internationalen Gerichtshof in Den Haag wegen der in Kosovo
begangenen Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit angeklagt
wurde, will sich nicht aus der Politik zurückziehen, wodurch die Entfernung
seiner Gefolgsleute von den Schaltstellen der politischen und wirtschaftlichen
Macht sich nicht einfach gestalten wird. Auch Kostunicas
Antrittsrede enthielt nicht nur beruhigende Worte. So meinte der neue Präsident, Serbien müsse die volle
Souveränität über die Provinz Kosovo zurückerlangen. Der Nachsatz,
Serben und Albaner könnten danach gemeinsam der Europäischen Union beitreten,
vermochte die nationalistische Forderung nicht abzuschwächen, die er am Gipfel
in Biarritz nochmals indirekt bestätigte.
Natürlich enthalten die schriftlichen Vereinbarungen, die den Kosovo-Krieg
beendeten,
ausdrücklich die Feststellung,
dass Kosovo ein Teil Serbiens und Jugoslawiens bleibt. Doch abgesehen davon,
dass ein Zusammenleben von Serben und Albanern in einem Staat unrealistisch ist,
steht darin ebenfalls, dass Belgrad der Provinz "weit reichende Autonomie" geben
müsse, und ein Referendum der Albaner zur Unabhängigkeit bleibt nicht
ausgeschlossen. Die Einsicht, dass die serbische Dominanz in Kosovo ein
nationalistischer Irrweg war und ist, scheint Kostunica noch nicht erreicht zu
haben. Gleichzeitig denkt er allerdings über einen Namenswechsel von
Jugoslawien zu Serbien-Montenegro nach, was wiederum einer Absage an
grossserbische Pläne gleichkommt. Wieweit der Nationalist und Populist
Kostunica das Land in eine demokratische und liberale Zukunft führen kann und will, ist
unklar, da er mit den Anhängern Milosevics in Serbien zunächst
zusammen arbeiten will, um einen sanften Übergang zu schaffen.
Siehe auch den Artikel in Cosmopolis Nr. 21: Die
Parlamentswahlen in Serbien.
29. November 2001:
Cosmopolis hat erfahren, dass hinter den Leser-e-mails, die auf dieser Seite ab
August 2001 zu lesen waren, eine Person steht, die mutwillig den Namen einer
anderen Person missbraucht hat, um Propaganda zu betreiben. Da Anonymes bzw.
unter falschen Namen Versandtes in den Papierkorb gehört, haben wir die
Leserbriefe sowie unsere Entgegnungen gelöscht. P.S.: Der Artikel auf dieser
Seite ist nicht gegen DIE Serben - kein Volk ist homogen und
uniform - gerichtet, sondern gegen Milosevic und sein Regime.
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22. September 2004: Siehe zum grösseren
Zusammenhang der Geschichte und Politik der Region Edgar Hösch u.a., Hg.: Lexikon
zur Geschichte Südosteuropas. UTB/Böhlau, Wien, 2004, 776 S. Buch
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