Der neue Mann im Kreml, der erst 48jährige
Wladimir Putin, erschien den Beobachtern in aller Welt zuerst als eine Art Sphinx,
die es zu enträtseln galt. Unterdessen hat sich der Nebel zu lichten begonnen
und erste detaillierte Studien zum russischen Präsidenten liegen vor. Wer
allerdings zu Aus erster Hand greift, wird nicht schlauer,
denn die Gespräche mit Putin, welche die russischen Journalisten
der russischen Tageszeitung Kommersant, Natalija
Geworkjan,
Andrei Kolesnikow und
Natalja Timakowa, geführt haben, loten nicht sehr tief, sondern dienen vor
allem der Selbstdarstellung des neuen Präsidenten.
Die
Putin-Biographie von Alexander Rahr, Der "Deutsche" im
Kreml, ist in drei grosse Abschnitte geteilt: Putins Vergangenheit und
seine Karriere beim KGB, seine Tätigkeit bei den Reformern in St. Petersburg
sowie sein kometenhafter Aufstieg im Kreml. Der 1959 in Taipeh geborene und in
München aufgewachsene Rahr ist Programmdirektor für Russland un die GUS der
Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP) in Berlin. Im
Fernsehsender Deutsche Welle moderiert er die Sendung "Europa
heute". Bis zu dessen Einstellung arbeitete er für Radio Liberty. Seit
1990 reist Rahr regelmässig nach Russland und bringt wichtige Politiker wie
Lebed, Zjuganow, Primakow und Luschkow zu Vorträgen nach
Deutschland.
Alexander Rahrs
Werk ist z.Z. die interessanteste deutschsprachige Studie zu Putin. Gemäss
Rahr hat sich Putin zu einem Antikommunisten gewandelt, der aus dieser Haltung
keinen Hehl macht. Anfang der 1990er Jahre war er bereits der Meinung, dass
die Kommunisten das grosse Russland terrorisiert und später
heruntergewirtschaftet hatten. Sein Wunsch war es, Russland wieder in seiner
früheren nationalen Grösse zu sehen - am liebsten demokratisch, wenn es aber
nicht anders ginge, auch als autoritäre Macht.
Als
Putin schliesslich zum Kreml-Chef aufstieg, machte er sich daran, seine
Biographie im oben erwähnten Buch Aus erster Hand zu glätten. Rahr
hinterfragt kritisch das autobiographische Werk und versucht, den Lebenslauf
des 1952 geborenen Putin akkurater zu schreiben. Doch auch er stellt fest,
dass die Biogaphie des russischen Präsidenten nach wie vor Lücken aufweist.
Leider gilt das gleiche für Rahrs Biographie. Nicht nur ein Index, sondern
auch Fussnoten und eine Bibliographie sucht der Leser vergeblich, weshalb
seine Quellen nicht überprüft werden können.
Das
Buch Wladimir W. Putin - Wiedergeburt einer Grossmacht?
von Wolfgang Seiffert gehört in die in Deutschland noch immer weitverbreiteten Kategorie der
russophilen Literatur. Der 1926 geborene Seiffert war bis 1978 Professor für
Internationales Wirtschaftsrecht und Völkerrecht in Ost-Berlin. Dann siedelte
er in die BRD über, wo er bis 1994 am Institut für Osteuropäisches Recht der
Universität Kiel lehrte. Seit seiner Emeritierung lehrt er in Moskau
Russisches und Europäisches Recht.
Nachdem
Jelzin das Land wie kein anderer seit Lenin und Stalin verändert und den
Übergang von der Plan- zur Marktwirtschaft und vom Sowjetsystem zu freien
Wahlen vollzogen habe, sollte nach der Zeit des Umbruchs nun eine der
Stabilisierung folgen. Bis dahin können wir Seiffert folgen. Doch bezüglich
dem westlichen ("der USA und der NATO") Eingreifen in Jugoslawien
meint er, dadurch sei die bestehende Weltordnung in Frage gestellt worden,
wodurch Russland in einer nie dagewesenen Weise gedemütigt worden sei.
Bezüglich
Putins Biographie fördert Seiffert keine neuen Erkenntnisse zu Tage, sondern
stützt sich auf die Angaben in der internationalen Presse. Die Familie
spreche russisch und deutsch, Putins Töchter besuchten in Moskau die noch von
der DDR gegründete deutsche Schule in der deutschen Botschaft, bis sie aus
Sicherheitsgründen Privatunterricht nehmen mussten.
Was
Jelzins Auswahl von Putin als Nachfolger angeht, verweist Seiffert auf
folgende Voraussetzungen, die ausschlaggebend waren: Putins grossrussische
Überzeugung, seine Patriotismus und seine absolute Loyalität gegenüber
Jelzin. Zudem hätten seine Professionalität, sein Sinn für Ordnung und
Disziplin sowie seine Jugend und Energie überzeugt.
Danach
kommt Seiffert ins Schwärmen, wenn er schreibt: "Die innere Haltung
Putins drückt sich in konsequent verantwortungsbewusstem, sittlichem Handeln
aus. [...]. Er hat ein sicheres Urteil, er verfügt über Entschlusskraft und
Verantwortungsbereitschaft, ihn kennzeichnet selbständiges Handeln. Dabei
zeigt er keinerlei Hysterie, sondern handelt ruhig, überlegt, aber
entschlossen. Er besteht auf der Durchführung einmal getroffener Festlegungen
und der Einhaltung der Gesetze. Sprunghaftigkeit, Unberechenbarkeit sind ihm
fremd, [...]."
Da überrascht
es nicht, dass Seiffert sowohl Putins Eintreten für einen starken Staat, sein
offenes Bekenntnis zur "Russischen Idee" und sein Streben nach einer
Weltmachtstellung zu unkritisch begrüsst. Es fehlten zwar scheinbar Beweise
dafür, dass die Bombenattacken auf Wohnhäuser in Moskau von Tschetschenen
verübt worden seien, doch die Androhung des Terroristen Chattab, in ganz
Russland Anschläge auszuüben, sei nicht gerade ein Dementi für solche
Mordtaten. Wie dem auch sei, deshalb den Tschetschenienkrieg zu rechtfertigen,
liegt voll auf der Propagandalinie des Kremls.
Die
Zeit des "wilden Kapitalismus" sei nun vorbei. Der Rubel-Crash des
Jahres 1998 sei auch eine Folge der Ratschläge des Westens zu ungehemmten
Liberalismus. Doch die Konsequenz könne nun nicht einfach ein Umschwenken zum
Keynesianismus sein. Russland müsse seinen eigenen Weg finden. Seiffert hat
die Tendenz, die Probleme Russlands dem Westen anzulasten, der Kalte Krieg sei
mit dem Zerfall der UdSSR, des Warschauer Pakts und des Comecon nicht beendet
worden, sondern werde mit "anderen Mitteln" fortgesetzt. Der
Antisowjetismus habe zu einem primitiven Anti-Russismus mutiert. Es könne
nicht im Interesse des Westens liegen, Russland möglichst klein und schwach
zu halten.
Seifferts Buch wurde im März
fertiggestellt, seither ist einiges geschehen, dass vielleicht sogar ihn
nachdenklich stimmt. Das Verhalten des Präsidenten im Zusammenhang mit dem
Untergang des U-Boots Kursk, seine Position im Tschetschenienkrieg und seine
Politik gegenüber dem autokratischen weissrussischen Präsidenten sind
Zeichen an der Wand. Putins anfänglicher
Ansatz, die Oligarchen in die Schranken weisen zu wollen, ist sicherlich nicht
völlig falsch. Die grossen Vermögen konnten gar nicht in so kurzer Zeit
legal angehäuft werden. Wagit Alekperow,
den Präsidenten
der führenden Erdölgesellschaft Lukoil, Rem Wjachirew, den Chef des weltgrößten
Erdgaskonzerns Gazprom, Oleg Deripaska, den Generaldirektor der
Gesellschaft Russisches Aluminium, Michail Chodorkowski, den Vorstandsvorsitzenden der
Alpha-Gruppe, Roman Abramowitsch,
der u.a. die Erdölgesellschaft Sibneft kontrolliert, den Medienmogul Wladimir Gussinski
und nicht zuletzt Boris Beresowksi auf die Limiten des Rechtsstaats
hinzuweisen, ist zwar löblich, doch die allein auf Gussinski konzentrierte
Attacke Putins war eindeutig ein Schlag gegen den einzigen Kreml-kritischen
Fernsehsender und roch leicht nach dem Wunsch nach
"Gleichschaltung". Wohin Putins Reise geht, ist nach wie vor nicht
entschieden.
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Aus erster Hand.
Gespräche mit
Wladimir Putin.
Natalija Geworkjan,
Andrei Kolesnikow,
Natalja Timakowa.
Taschenbuch,
239 S., 2000,
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Alexander Rahr:
Wladimir Putin.
Der Deutsche im Kreml.
Gebunden, 272 S., 2000,
Universitas, München.
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Wolfgang Seiffert:
Wladimir Putin.
Wiedergeburt einer Weltmacht?
Taschenbuch,
190 S., 2000,
Langen-Müller,
München.
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