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Wladimir Putin. Biografien des russischen Präsidenten.
Alexander Rahr: Der "Deutsche" im Kreml - Wolfgang Seiffert: Wiedergeburt einer Weltmacht? - Natalija Geworkjan, u.a.: Aus erster Hand.

Artikel vom Oktober 2000

Der neue Mann im Kreml, der erst 48jährige Wladimir Putin, erschien den Beobachtern in aller Welt zuerst als eine Art Sphinx, die es zu enträtseln galt. Unterdessen hat sich der Nebel zu lichten begonnen und erste detaillierte Studien zum russischen Präsidenten liegen vor. Wer allerdings zu Aus erster Hand greift, wird nicht schlauer, denn die Gespräche mit Putin, welche die russischen Journalisten der russischen Tageszeitung Kommersant, Natalija Geworkjan, Andrei Kolesnikow und Natalja Timakowa, geführt haben, loten nicht sehr tief, sondern dienen vor allem der Selbstdarstellung des neuen Präsidenten.
 
Die Putin-Biographie von Alexander Rahr, Der "Deutsche" im Kreml, ist in drei grosse Abschnitte geteilt: Putins Vergangenheit und seine Karriere beim KGB, seine Tätigkeit bei den Reformern in St. Petersburg sowie sein kometenhafter Aufstieg im Kreml. Der 1959 in Taipeh geborene und in München aufgewachsene Rahr ist Programmdirektor für Russland un die GUS der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP) in Berlin. Im Fernsehsender Deutsche Welle moderiert er die Sendung "Europa heute". Bis zu dessen Einstellung arbeitete er für Radio Liberty. Seit 1990 reist Rahr regelmässig nach Russland und bringt wichtige Politiker wie Lebed, Zjuganow, Primakow und Luschkow zu Vorträgen nach Deutschland.
 
Alexander Rahrs Werk ist z.Z. die interessanteste deutschsprachige Studie zu Putin. Gemäss Rahr hat sich Putin zu einem Antikommunisten gewandelt, der aus dieser Haltung keinen Hehl macht. Anfang der 1990er Jahre war er bereits der Meinung, dass die Kommunisten das grosse Russland terrorisiert und später heruntergewirtschaftet hatten. Sein Wunsch war es, Russland wieder in seiner früheren nationalen Grösse zu sehen - am liebsten demokratisch, wenn es aber nicht anders ginge, auch als autoritäre Macht.
 
Als Putin schliesslich zum Kreml-Chef aufstieg, machte er sich daran, seine Biographie im oben erwähnten Buch Aus erster Hand zu glätten. Rahr hinterfragt kritisch das autobiographische Werk und versucht, den Lebenslauf des 1952 geborenen Putin akkurater zu schreiben. Doch auch er stellt fest, dass die Biographie des russischen Präsidenten nach wie vor Lücken aufweist. Leider gilt das gleiche für Rahrs Biographie. Nicht nur ein Index, sondern auch Fussnoten und eine Bibliographie sucht der Leser vergeblich, weshalb seine Quellen nicht überprüft werden können.
 
Das Buch Wladimir W. Putin - Wiedergeburt einer Grossmacht? von Wolfgang Seiffert gehört in die in Deutschland noch immer weitverbreiteten Kategorie der russophilen Literatur. Der 1926 geborene Seiffert war bis 1978 Professor für Internationales Wirtschaftsrecht und Völkerrecht in Ost-Berlin. Dann siedelte er in die BRD über, wo er bis 1994 am Institut für Osteuropäisches Recht der Universität Kiel lehrte. Seit seiner Emeritierung lehrt er in Moskau Russisches und Europäisches Recht.
 
Nachdem Jelzin das Land wie kein anderer seit Lenin und Stalin verändert und den Übergang von der Plan- zur Marktwirtschaft und vom Sowjetsystem zu freien Wahlen vollzogen habe, sollte nach der Zeit des Umbruchs nun eine der Stabilisierung folgen. Bis dahin können wir Seiffert folgen. Doch bezüglich dem westlichen ("der USA und der NATO") Eingreifen in Jugoslawien meint er, dadurch sei die bestehende Weltordnung in Frage gestellt worden, wodurch Russland in einer nie dagewesenen Weise gedemütigt worden sei.
 
Bezüglich Putins Biographie fördert Seiffert keine neuen Erkenntnisse zu Tage, sondern stützt sich auf die Angaben in der internationalen Presse. Die Familie spreche russisch und deutsch, Putins Töchter besuchten in Moskau die noch von der DDR gegründete deutsche Schule in der deutschen Botschaft, bis sie aus Sicherheitsgründen Privatunterricht nehmen mussten.
 
Was Jelzins Auswahl von Putin als Nachfolger angeht, verweist Seiffert auf folgende Voraussetzungen, die ausschlaggebend waren: Putins grossrussische Überzeugung, seine Patriotismus und seine absolute Loyalität gegenüber Jelzin. Zudem hätten seine Professionalität, sein Sinn für Ordnung und Disziplin sowie seine Jugend und Energie überzeugt.
 
Danach kommt Seiffert ins Schwärmen, wenn er schreibt: "Die innere Haltung Putins drückt sich in konsequent verantwortungsbewusstem, sittlichem Handeln aus. [...]. Er hat ein sicheres Urteil, er verfügt über Entschlusskraft und Verantwortungsbereitschaft, ihn kennzeichnet selbständiges Handeln. Dabei zeigt er keinerlei Hysterie, sondern handelt ruhig, überlegt, aber entschlossen. Er besteht auf der Durchführung einmal getroffener Festlegungen und der Einhaltung der Gesetze. Sprunghaftigkeit, Unberechenbarkeit sind ihm fremd, [...]."
 
Da überrascht es nicht, dass Seiffert sowohl Putins Eintreten für einen starken Staat, sein offenes Bekenntnis zur "Russischen Idee" und sein Streben nach einer Weltmachtstellung zu unkritisch begrüsst. Es fehlten zwar scheinbar Beweise dafür, dass die Bombenattacken auf Wohnhäuser in Moskau von Tschetschenen verübt worden seien, doch die Androhung des Terroristen Chattab, in ganz Russland Anschläge auszuüben, sei nicht gerade ein Dementi für solche Mordtaten. Wie dem auch sei, deshalb den Tschetschenienkrieg zu rechtfertigen, liegt voll auf der Propagandalinie des Kremls.
 
Die Zeit des "wilden Kapitalismus" sei nun vorbei. Der Rubel-Crash des Jahres 1998 sei auch eine Folge der Ratschläge des Westens zu ungehemmten Liberalismus. Doch die Konsequenz könne nun nicht einfach ein Umschwenken zum Keynesianismus sein. Russland müsse seinen eigenen Weg finden. Seiffert hat die Tendenz, die Probleme Russlands dem Westen anzulasten, der Kalte Krieg sei mit dem Zerfall der UdSSR, des Warschauer Pakts und des Comecon nicht beendet worden, sondern werde mit "anderen Mitteln" fortgesetzt. Der Antisowjetismus habe zu einem primitiven Anti-Russismus mutiert. Es könne nicht im Interesse des Westens liegen, Russland möglichst klein und schwach zu halten.
 
Seifferts Buch wurde im März fertiggestellt, seither ist einiges geschehen, das vielleicht sogar ihn nachdenklich stimmt. Das Verhalten des Präsidenten im Zusammenhang mit dem Untergang des U-Boots Kursk, seine Position im Tschetschenienkrieg und seine Politik gegenüber dem autokratischen weissrussischen Präsidenten sind Zeichen an der Wand. Putins anfänglicher Ansatz, die Oligarchen in die Schranken weisen zu wollen, ist sicherlich nicht völlig falsch. Die grossen Vermögen konnten gar nicht in so kurzer Zeit legal angehäuft werden. Wagit Alekperow, den Präsidenten der führenden Erdölgesellschaft Lukoil, Rem Wjachirew, den Chef des weltgrößten Erdgaskonzerns Gazprom, Oleg Deripaska, den Generaldirektor der Gesellschaft Russisches Aluminium, Michail Chodorkowski, den Vorstandsvorsitzenden der Alpha-Gruppe, Roman Abramowitsch, der u.a. die Erdölgesellschaft Sibneft kontrolliert, den Medienmogul Wladimir Gussinski und nicht zuletzt Boris Beresowksi auf die Limiten des Rechtsstaats hinzuweisen, ist zwar löblich, doch die allein auf Gussinski konzentrierte Attacke Putins war eindeutig ein Schlag gegen den einzigen Kreml-kritischen Fernsehsender und roch leicht nach dem Wunsch nach "Gleichschaltung". Wohin Putins Reise geht, ist nach wie vor nicht entschieden.

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Aus erster Hand. Gespräche mit Wladimir Putin. Natalija Geworkjan, Andrei Kolesnikow, Natalja Timakowa. Taschenbuch, 239 S., 2000, Heyne, München. Bestellen bei Amazon.de. Weitere Bücher zu Putin
 

Alexander Rahr: Wladimir Putin. Der Deutsche im Kreml. Gebunden, 272 S., 2000, Universitas, München. Bestellen bei Amazon.de.
 
Wolfgang Seiffert: Wladimir Putin. Wiedergeburt einer Weltmacht? Taschenbuch, 190 S., 2000, Langen-Müller, München. Bestellen bei Amazon.de. Weitere Bücher zu Putin.