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Nr. 19, Oktober 2000
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Richard Wagners Rheingold
Geschichte und Neuinszenierung
Robert Wilson am 8. Oktober 2000 im Opernhaus Zürich
 

Das Rheingold. Elizabeth Magnussen (Woglinde) und Irène Friedli (Flosshilde).
Foto: Opernhaus Zürich/Suzanne Schwiertz.
Richard Wagners Der Ring des Nibelungen ist eng mit Zürich verbunden. Nach der 1848 in Dresden entstandenen Prosaskizze Der Nibelungenmythus musste der Komponist im Jahr darauf, da er massgeblich am Dresdner Aufstand beteiligt gewesen war und deshalb steckbrieflich gesucht wurde, aus Deutschland fliehen. Wagner begab sich in die Schweiz, wo er die nächsten neun Jahre im Zürcher Exil verbrachte. 1850 komponierte er dort eine erste Skizze zu Siegfrieds Tod und vertonte die gesamte, die Vorgeschichte erzählende Nornenszene sowie die erste Szene zwischen Siegfried und Brünhilde. Im folgenden Jahr entschied er sich dafür, Siegfrieds Tod einen Jungen Siegfried vorauszuschicken. Die gesamte Ringdichtung schloss er im Dezember 1852 ab. 1854 verfasste Wagner seine Kompositionsskizze zu Das Rheingold, das die motivisch-thematischen Grundlagen für den Rest seiner Tetralogie legte. Das Rheingold wurde am 22. September 1869 im Hoftheater München uraufgeführt. Den Ring jedoch schloss Wagner erst 1874 mit der Vollendung der Partiturreinschrift zu Die Götterdämmerung ab.
 
Für Dirigent Franz Welser-Möst ist auf Grund der Platzverhältnisse eine kammermusikalische und kantable Aufführung von Das Rheingold die einzig mögliche Lösung für die Aufführung in Zürich. Er weiss wovon er spricht, denn es war bereits seine vierte Wagner-Premiere am Opernhaus Zürich. Das Resultat der Neuinszenierung am Premierenabend bestätigte denn auch seine Auffassung auf überzeugende Weise. Nicht nur das Orchester, auch die Sängerinnen und Sänger waren auf der Höhe ihrer Aufgabe. Der Tenor Francisco Araiza als Loge, der ukrainische Bass Pavel Daniluk als Riese Fafner, Cornelia Kallisch als Fricka oder der finnische Heldenbariton Jukka Rasilainen als Wotan überzeugten, ohne zu brillieren. Einzig der Bass Andreas Macco als Riese Fasolt ragte in der Zweiten Szene heraus. Die saubere Diktion aller Beteiligten erlaubte es selbst dem mit Wagner nicht vertrauten Besucher, der Handlung problemlos zu folgen.
 
Mit Robert Wilson verbinden Opern-Puristen Albträume. Zudem hatte er noch nie zuvor den Ring inszeniert. Das Opernhaus Zürich kannte er allerdings bereits von seinen Umsetzungen von Oedipus Rex, Herzog Blaubarts Burg und Lohengrin her. Seine Inszenierung von Rheingold ist in seinem gewohnt abstrakt-minimalistischen Stil. Doch entgegen allen Befürchtungen ist das Resultat nicht abendfüllende Langeweile, sondern die bewusste Reduktion der Bilder, die strengen Formen und das unterkühlte, stilisierte Spiel der handelnden Personen erlaubt die Konzentration auf die Musik. Einzig die für Wilson charakteristischen spartanischen Handbewegungen wirken hier und dort lächerlich. Insgesamt aber überzeugt auch die Gestik durch die Unterstreichung der epischen Handlung und die Betonung des geheimnisvollen Mythos (wie das obenstehende Foto beweist). Der sparsame Einsatz der Farben in Hintergrund und Kostümen ist bestechend. Die Verwandlung Alberichs in eine Kröte mit Hilfe der Tarnkappe ist genial und einfach zugleich: ein blechernes Kinderspielzeug wird aus dem Bühnenboden hervorgezaubert. Herausragend ist nicht zuletzt Wilsons Lichtregie, die den Zuschauer von der ersten, in der Tiefe des Rheins spielenden Szene an gefangen nimmt. Das Resultat ist ein künstlerisches Gesamtwerk, wie es jede Oper sein sollte.
 
Die aus Meran stammende Kostümbildnerin Frida Parmeggiani hat mit Fassbinder, Beckett und Bondy zusammengearbeitet und natürlich auch, seit 1987, mit Robert Wilson. Parmeggiani hat Kostüme und Haarschmuck von archaischer Kraft erarbeitet. Die zwei Riesen bewegen sich auf Kothurnen, flachen Schuhen mit sehr hohen Sohlen, die schon im antiken Theater verwendet wurden. Ihre Körpergrösse wird noch durch brettartige Elemente an ihren Rücken, die über ihre Kopfhöhe herausragen, verstärkt. Lediglich der Nibelungen Alberich wirkt in seinem Kostüm lächerlich, wie eine Figur aus einer Transvestitenshow. Die von Parmeggiani geschaffenen Kostüme sind nicht an antiken oder mythologischen Vorbildern orientiert, sondern frei von jeder historischen Konnotation und unterstreichen dadurch Wilsons Konzept des Unerklärbaren. Ihr Rheingold ist keine historisch fixierte politisch-gesellschaftliche Parabel. Auf die folgenden drei Teile des Rings, die nächstes und übernächstes Jahr in Neuinszenierungen von Robert Wilson zu sehen sein werden, darf man gespannt sein. Die Walküre hat am 27. Mai 2001 Premiere.
 
Zwei ältere CDs:
- Das Rheingold unter der Leitung von Herbert von Karajan aus dem Jahr 1968 (1998), Dt. Grammophon. Bestellen bei Amazon.de.
- Das Rheingold unter der Leitung von Pierre Boulez aus dem Jahr 1981 (1992), Philips. Bestellen bei Amazon.de.
 
Weitere Artikel zu Musik, die Musiclinks, das Wagner Web.
 
Am 17.8.2001 hinzugefügt: 
Cosmopolis verzichtet auf eine Besprechung von Die Walküre, von Robert Wilson Ende Mai 2001erstmals  im Opernhaus Zürich inszeniert. Siehe dazu die Kritiken von Peter Hagmann "Lichtspiele, Schattenseiten" in der Neuen Zürcher Zeitung vom 29. Mai 2001 sowie von Herbert Büttiker "Die Rückkehr der edlen Heldengestalten" in Der Landbote vom 29. Mai 2001.
 

Das Rheingold. Jukka Rasilainen (Wotan), Andreas Macco (Fasolt), Pavel Daniluk
(Fafner), Cornelia Kalisch (Fricka) und Margaret Chalker (Freia).
Foto: Opernhaus Zürich/Suzanne Schwiertz.
 

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