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Wolfgang Schäuble
Mitten im Leben
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Wolfgang Schäuble ist - weitgehend selbstverschuldet - zu einer tragischen Figur der deutschen Politik geworden. Vor 1998 wurde er jahrelang als Kronprinz gehandelt und von Helmut Kohl auf immer spätere Termine als sein Nachfolger vertröstet. Schäubles Beziehung zu Kohl erinnert an jene zwischen Ludwig Erhard und Konrad Adenauer.
 
Trotz aller z.T. heftiger Kritik an Kohl ist Mitten im Leben keine reine Abrechnung mit dem Altkanzler, sondern enthält auch selbstkritische Töne und versucht in die Zukunft zu weisen. Oft äussert sich Schäuble zwischen den Zeilen gegen Kohl, sich hinter anderen Figuren versteckend, so im Zusammenhang mit Kohls einsamer Entscheidung im Urlaub, bei den Wahlen 1998 wieder als Spitzenkandidat anzutreten. Schäuble verweist dabei auf Biedenkopfs Kritik, dass Kohl die Führungsgremien der CDU nicht einmal dazu befragte. Ausser der Bemerkung, dass Kohl ihm das zuvor telefonisch mitgeteilt habe, erfährt der Leser nicht, was Schäuble von dieser selbstherrlichen Vorgehensweise hielt. Er merkt nur an, dass es immer seine Überzeugung gewesen sei, dass Kohl aus "seiner" Partei heraus - die ja auch Schäubles ist - "nicht ohne zerstörerische Folgen gestürzt werden konnte - und wegen dieser Folgen auch nicht gestürzt werden durfte". Daraus ergab sich Schäubles Nibelungentreue. Er liess sich stoisch von Kohl noch jede Demütigung gefallen und diskreditierte sich so selbst als Führungsfigur.
 
Als Schäuble nach Kohls Abgang an der Spitze der CDU stand, dachte er über eine Blutauffrischung nach. Zum damaligen Generalsekretär Peter Hintze bemerkt er: "Zwar hatte ich mit [ihm] immer gut zusammengearbeitet, aber ich bezweifelte, ob es klug war, ausgerechnet auf dieser Position, die sowohl für die Partei als auch für die Öffentlichkeit eine zentrale Bedeutung besass, mit Hintze einen Mann zu übernehmen, der ungeachtet seiner Fähigkeiten und meines guten Verhältnisses zu ihm in der allgemeinen Wahrnehmung ein enger und oft - zu Unrecht - angefeindeter Bestandteil des nun 'Ancien régime' gewesen war." Hintzes Fähigkeiten? Der Mann ist einer der unfähigsten Generalsekretäre in der Geschichte der CDU. Schäuble ist noch immer zu sehr Parteimann und eine schonungslose Aufklärung für den Niedergang der CDU konnte von ihm nicht erwartet werden. Der Leser erfährt nicht wirklich, wie es zum CDU-Desaster bei der Wahl 1998 kam. Auf die 16 Jahre Regierungszeit von Helmut Kohl geht Schäuble nicht ein. Seine Analyse setzt erst beim Leipziger Parteitag im Jahr 1997 ein.
 
Immerhin bleibt Schäuble selbstkritisch und merkt bezüglich der Bundestagsdebatte vom 2. Dezember 1999 über die Einsetzung des Untersuchungsausschusses in der CDU-Spendenaffäre an, ihm sei "ein verhängnisvoller Fehler" unterlaufen. Er sprach in der Rede über ein Treffen mit Schreiber bei einem Sponsorenessen im Herbst 1994. Auf Zwischenrufe des Abgeordneten der Grünen, Ströbele, "Mit Koffer?" erwähnte er die Spende von Schreiber nicht, sondern sagte nur: "Das war es." Wie wir wissen, war es das eben nicht. Damit läutete Schäuble sein Ende selbst ein. Wenn er anmerkt, erst hinterher sei ihm die Problematik der Situation bewusst geworden, so wirkt das unglaubwürdig (bzw. zeugt von fehlender politischer Weitsicht). Einige Seiten weiter hinten in Mitten im Leben stellt Schäuble dagegen korrekt fest: "Der entscheidende Punkt, der den Keim meines Scheiterns in sich trug, war, dass ich in einer schweren Krise der Union, die mit der vorübergehenden Selbstzerstörung des Ansehens unserer 16 Jahre Regierungsverantwortung einherging, ungeeignet erschien, die Partei aus der Krise zu führen, weil ich viel zu eng mit diesen 16 Jahren verbunden war."
 
Die härteste Breitseite gegen Helmut Kohl feuert Schäuble im Zusammenhang mit seiner Forderung an den Altkanzler ab, sein Bundestagsmandat wegen der Spendenaffäre niederzulegen. Kohl wies die Forderung mit der Begründung zurück, dass er ohne die parlamentarische Immunität dem Untersuchungsausschuss schutzlos ausgeliefert wäre. Die Geschichte sei eigentlich nicht so schlimm, wie auch diejenige in Hessen, lediglich Schäubles Spende an Schreiber habe diese Affäre zu einer so dramatischen Krise werden lassen. Daraufhin beendete Schäuble das Gespräch mit dem Satz, er habe wohl schon zu viel seiner knapp bemessenen Lebenszeit mit ihm verbracht.
 
Im letzten Teil des Buches äussert sich Schäuble zur Zukunft Deutschlands, wobei er allerdings mehr Fragen aufwirft als er beantwortet. Trotzdem beinhalten die Seiten einige Bedenkenswerte Ansätze und beweisen nochmals, dass die CDU mit ihm einen ihrer Vordenker verloren hat. Im ersten Teil des Buches verteidigt Schäuble allerdings das Abstammungsprinizip (jus sanguinis) gegenüber dem Territorialprinzip (jus solis), was ihn nicht als vorbehaltlos zukunftstauglich erscheinen lässt. Deutschland nahm und nimmt Hunderttausende von Aussiedlern auf, die oft keine Beziehung mehr zu Deutschland haben, verweigert aber den in Deutschland geborenen Ausländern, die oft die Muttersprache ihrer Eltern nur teilweise oder gar nicht beherrschen und in Deutschland voll integriert sind, das automatische Recht auf den deutschen Pass.
 
Schäuble ist ein Mann, der an sich selbst gescheitert ist. Es ist eines, ein hervorragender Mann im zweiten Glied zu sein, aber ein anderes, die Führung in Partei und/oder Regierung zu übernehmen. Ohne den fehlenden Willen zur Macht, der ihn nie gegen Kohl antreten liess, war er fast zwangsläufig zum Scheitern verurteilt: mitgegangen - mitgefangen.
 
Wolfgang Schäuble: Mitten im Leben. Gebundene Ausgabe, Bertelsmann Vlg., 2000, 347 S. Bestellen bei Amazon.de


 
 

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